Mitreissende Schweizer Erstaufführung

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Mitreissende Schweizer Erstaufführung

Von Laura Weidacher, 12.03.2018

Ganze 89 Jahre nach der Uraufführung erfährt Sergej S. Prokofjews frühe Oper „Der Spieler“ in Basel ihre erste Schweizer Inszenierung.

Die Gründe dafür, dass diese mitreissende Oper derart lange nicht in die Schweizer Spielpläne gelangte, müssen einerseits sicherlich im historischen Kontext des Zweiten Weltkrieges und später des Kalten Krieges gesucht werden. Andererseits sind aber auch Berichte vom Widerstand des Ensembles der Uraufführung von 1929 im Brüsseler Théâtre Royal de la Monnaie überliefert: Die Partitur sei zu schwierig, kaum aufführbar, hiess es damals. Davor mögen sich auch später noch Schweizer Theaterdirektoren gedrückt haben. Aber auch in Deutschland dauerte es sehr lange, bis das Werk zum ersten Mal aufgeführt wurde.

Aber wie auch immer: In der Zwischenzeit wurden derartig viele Werke des 20. Jahrhunderts mit noch höheren Schwierigkeitsgraden einstudiert und erfolgreich aufgeführt, dass man heute auch dieses, zugegebenermassen nicht einfach umzusetzende Werk in hoher Qualität aufführen kann. So geschehen am Theater Basel am 10. März 2018, an der Schweizer Erstaufführung.

Schlechter Zeitpunkt für Uraufführungen

Der erst 26jährige Prokofjew vollendete das Werk „Der Spieler“ nach F. Dostojewskijs gleichnamigem Roman mittten im Ersten Weltkrieg und dazu noch im russischen Revolutionsjahr 1917 – also keine Chance für eine Uraufführung. Aber auch nachdem der durch seine Symphonie classique bereits international bekannt gewordene Komponist 1918 in den Westen gegangen war, dauerte es nochmals elf Jahre bis zur Uraufführung in französischer Sprache in Brüssel – mit den oben beschriebenen Schwierigkeiten.

In Basel wird im russischen Original gesungen, mit Unterstützung vieler Beteiligter aus dem russischen oder baltischen Sprachraum. Da ist zuallererst die stringente, den grossen Klangapparat überlegen zusammenhaltende Stabführung des litauischen Dirigenten Modestas Pitrènas zu nennen. Er weiss das Sinfonieorchester Basel und alle Sänger in einer einzigen grossen Steigerung der vieraktigen Oper leidenschaftlich voranzutreiben und trotzdem deren Mittel ökonomisch einzuteilen.

Geglückte Besetzung

Das Theater Basel, das unter der nun leider schon zu Ende gehenden Ära von Andreas Beck viel Gespür für vielversprechende junge Stimmen bewiesen hatte, hat auch hier grossteils Solisten aus Russland und dem Baltikum geholt, deren stimmliche und schauspielerische Qualitäten zu begeistern vermögen.

Pavlo Hunka, Rolf Romei, Asmik Grigorian, Dmitry Golovnin; ©Priska Ketterer
Pavlo Hunka, Rolf Romei, Asmik Grigorian, Dmitry Golovnin; ©Priska Ketterer

Allen voran sind da die Besetzungen der beiden Hauptrollen zu nennen, der Tenor Dmitry Golovnin, als sowohl von Liebe als auch Spielleidenschaft getriebener Alexej, und Asmik Grigorian als Polina, ein grosser Sopran mit einem scheinbar unerschöpflichen Potential, ihre Stimme lyrisch aufblühen zu lassen. Aber auch alle anderen der vielen Beteiligten überzeugten, ja, begeisterten mitunter; so die einzige Amerikanerin auf der Bühne, Jane Henschel als Deus ex machina in der Rolle der plötzlich auftauchenden Erbtante Babulenka – eine köstliche Farce inmitten all des nach (ihrem) Geld gierenden Lebens um sie her.

Die Hoffnung im Internet

Der in Basel schon seit seiner Inszenierung von „Chowantschina“ bestens eingeführte junge Regisseur Vasily Barhatov (siehe Journal21 vom 24.10.2015) entfernt sich von der Vorstellung der Szenerie, in der Dostojewskij selber Roulette gespielt und nach der dieser seinen Roman „Der Spieler“ verfasst hatte. Also keine eleganten, rotsamtenen und goldverzierten Spielsalons à la Casino Monte Carlo oder Baden-Baden, sondern die heutige Wirklichkeit (fast) aller Spieler: Das Internet. Heute ruiniert man sich „am Küchentisch“, wie Barhatov in einem Interview sagte. „Da gibt es keine Schönheit, keinen Charme – nichts duftet dort nach dem süssen Leben. Stattdessen stinkt es nach Krankheit und Tragödie. Dieser Welt wollte ich mich nähern.“ (Programmheft).

Seelenloser Unterschlupf für Exilanten

Dabei kommt ihm der weissrussische Bühnenbildner Zinovy Margolin kongenial entgegen mit dem Querschnitt eines nüchternen Hostels von heute. Dieses wird von allerlei Exilanten – russischen wie auch französischen, bewohnt – eine heutige Variante des Unterschlupfs von Exilrussen, wie sie Prokofjew selbst 1918 in Paris angetroffen haben dürfte. Der gesamte Bühnenaufbau erbebt geradezu in der grossen Spielerszene mit Solisten und dem Theaterchor Basel: Gekrönt von drei Roulettetischen mit ihren Croupiers im Obergeschoss (hier im weit entfernten Aufnahmestudio also), brechen sich Hoffnung, Entsetzen, Verzweiflung ihre Bahn, quellen sozusagen aus den Fenstern in einer Apotheose, einer Steigerung, die „Prokofjew in der Oper wie eine Art goldenen Schnitt gesetzt hat“ (Pitrènas).

Das Basler Publikum folgte mit atemloser Spannung, die sich in  geradezu frenetischem Beifall entlud.  

„Der Spieler“, Oper von S. Prokofjew nach F. Dostojewskij, Theater Basel. Nächste Vorstellungen: 16., 19., 22., 25. März

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