Mit Bibliotheken die Welt verändern

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Mit Bibliotheken die Welt verändern

Von Stephan Wehowsky, 10.04.2013

Der Amerikaner John Wood errichtet weltweit Bibliotheken für Kinder. Diese Art der Entwicklungshilfe ist äusserst wirksam. Wie überhaupt der ehemalige Microsoft-Manager an Effizienz seine helle Freude hat.

Vielleicht kann nur ein Manager wie John Wood einer einfachen Idee durchschlagende Wirkung verschaffen: „World Change starts with educated Children“ ist das Motto von "Room to Read". In Anbetracht des Elends in weiten Teilen der Welt wird diese schlichte Tatsache leicht übersehen. Auch John Wood ist mehr oder weniger durch Zufall darauf gestossen. Er nennt es Serendipity.

Der leidenschaftliche Marathonläufer befand sich 1999 auf einer Trekking-Tour in Nepal. Dabei wurde ihm in einem Dorf am Rande der Route eine Bücherei gezeigt, die nur wenige verschlissene Bände hatte. Sofort versprach John Wood Abhilfe.

Jenseits der Karriere

Er mailte Freunden weltweit das Problem, und schon in kurzer Zeit trafen die ersten Bände ein. Diese Erfahrung markiert den Wendepunkt in seinem Leben. Seine Karriere hatte John Wood weit nach oben geführt. Zuletzt war er mit 35 Jahren bei Microsoft als „senior executive“ für China zuständig. Aber schon vor seinem Erlebnis in Nepal hatte er Überlegungen angestellt, ob es nicht jenseits des Business noch andere Aufgaben geben könnte.

2001 wurde die Non-Profit-Organisation gegründet. Zum zehnjährigen Bestehen gab das Unternehmen die Gründung der 10.000sten Bibliothek bekannt – natürlich in Nepal. Inzwischen aber engagieren sich die Mitarbeiter auch in Bangladesch, Kambodscha, Indien, Laos, Südafrika, Sri Lanka und Sambia. Zur Unterstützung gibt es weltweit Chapter. Das Schweizer Chapter hatte vor kurzem eine öffentlichen Veranstaltung mit John Wood.

John Wood, Foto: Herald Sun, Australien
John Wood, Foto: Herald Sun, Australien

Dabei erzählte er, dass es für "Room to Read" ein Vorbild gibt: Zwischen 1883 und 1929 hat der Stahlmagnat Andrew Carnegie 2.509 Bibliotheken gegründet. Auch wenn man diesen Hinweis nicht überbewerten sollte, legt er doch den Gedanken nahe, dass diese Tradition aus dem Geist des amerikanischen Pragmatismus eine zusätzliche Stütze des ganzen Unternehmens ist.

Und man merkt John Wood an, wieviel Spass es ihm macht, das Unternehmen zu „managen“. Um erfolgreich zu sein, müsse es wachsen. Er habe es ja nur deswegen gegründet, weil er 1999 keine andere Organisation gefunden habe, die gross genug für seine Idee sei. Was er damit meint, zeigen die aktuellen Zahlen: Inzwischen gibt es neben den 12.522 Bibliotheken 1.450 Schulen, 10 Millionen Bücher sind verteilt worden, fast 600 Titel sind von „"Room to Read"“ in den lokalen Sprachen neu herausgebracht worden, und weit über 13.000 längerfristige Stipendien wurden an Mädchen vergeben.

Zahlen auf der Website von "Room to Read"
Zahlen auf der Website von "Room to Read"

Wood liebt es, Geschichten und bisweilen Anekdoten zu erzählen, die er in seinem Buch, „Creating "Room to Read"“, 2013, zusammengestellt hat. Es macht Spass zu helfen, weil die Erfolge greifbar sind. Und ganz nebenbei wird seine Arbeit mit Preisen und hochrangigen Mitgliedschaften belohnt: Viermal erhielt Wood den „Social Capitalist“ Preis, unter anderem berät er die „Clinton Global Initative“, und im Jahr 2011 erhielt seine Organisation den „Unesco Konfuzius Preis“

Worin der Schlüsselfaktor für seinen Erfolg liege, wurde Wood in Zürich gefragt. Er antwortete, dieser liege in den fantastischen Menschen, die sich um das Projekt versammelt hätten und es förderten. Das ist ganz sicher ein entscheidender Punkt, der natürlich damit zusammenhängt, dass Wood über die Gabe verfügt, die besten Köpfe für seine Idee zu begeistern.

Die Lust am Fundraising

Dabei spielen eben auch die scheinbar einfachen Wahrheiten eine grosse Rolle. So sagt er, dass die Gehirne aller Erdenbewohner in materieller Hinsicht gleich seien. Aber die Chancen, diese Gehirne zu nutzen, seien eben extrem ungleich verteilt. Hier Abhilfe zu schaffen, ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit. Vielmehr erschliesst man damit auch die wertvollste und wichtigste Ressource für politische und kulturelle Entwicklung.

Fundraising ist für die meisten Hilfsorganisationen eine mühselige Angelegenheit. Wenn John Wood davon erzählt, spürt man den immensen Spass, den er dabei hat. So erzählt er, wie er Bekannte dazu motiviert hat, ihre bisweilen zahllosen Bonusmeilen der Organisation zur Verfügung zu stellen. Und darüber hinaus hat er grösste Unternehmen in seinem Portfolio der Spender. Im Jahr 2011 betrug der Umsatz von "Room to Read" 44, 22 Millionen USD und das Vermögen 25,73 Millionen USD.

Fahrkarten statt Landrover

„Wir wachsen schneller als Starbucks“, soll Wood schon vor Jahren gesagt haben. Tatsächlich eröffnet "Room to Read" alle sechs Stunden eine neue Bücherei.

Grösse aber ist für Wood das Gegenteil von Protz. Mit besonderer Lust macht er sich über die zahllosen Hilfsorganisationen lustig, die ihre Mitarbeiter vor Ort mit Landrovern und ähnlichen Prestigekarossen versorgen. Wer für "Room to Read" arbeitet, bekommt Fahrkarten für Busse und Bahnen.

Bildung ist das eine, materielle Bedingungen sind das andere. Hier liegen auch Grenzen von "Room to Read". Die Organisation geht nur in Regionen, die über das notwendige Minimum an Nahrungsmitteln und Infrastruktur verfügen. Das mag ernüchternd wirken, aber es zeugt von Realismus und Pragmatismus – und vom Geschäftssinn des Managers: Er geht dorthin, wo der „Markt“ ist.

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