Mirakel um Merkel

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Mirakel um Merkel

Von Gisbert Kuhn, Bonn - 08.06.2020

Wer sich aktuell im Netz umtut, könnte leicht den Eindruck gewinnen, innerhalb der bundesdeutschen Gesellschaft baue sich eine starke Gegnerschaft zu Angela Merkel auf. Losung: „Merkel muss weg!“ Doch der Schein trügt.

Es mag ja nicht allen so gehen. Aber ich merke fast jedes Mal, wenn ich durch die so genannten Sozialen Medien spaziert bin, dass ich mich dort ganz offensichtlich in einer anderen Welt bewegt habe. Und zwar geistig, gedanklich, kommunikativ, verhaltenskulturell im Sinne von Höflichkeit, Anstand, Toleranz und so manchem mehr. Es dauert meistens gar nicht lang, bis sich bei einem der – in der Regel unangenehme – Eindruck verfestigt, dass man mit seiner eigenen Denk-, Handlungs- und Umgangsweise anscheinend nicht mehr Teil unserer Mehrheitsgesellschaft ist, sondern nur noch ein Minderheitendasein fristet.

Dieser Eindruck, freilich, verfliegt rasch, sobald man aus der digitalen Scheinwelt auftaucht. Das Koordinatensystem der Wahrnehmungen stimmt sich schnell wieder ein. Nein, signalisiert es, die Mehrheit im Lande tickt, denkt und bewertet das tägliche Geschehen zum Glück meistens doch anders, als es so viele Netz-Aktivisten mit ihren Jüngern im Gefolge so lautstark glauben machen möchten. Wobei – manches ist dabei ja auch richtig lustig, weil es an Vorgänge erinnert, die zwar längst schon Geschichte sind, aber dennoch gar nicht so lange zurück liegen.

„Merkel muss weg.“ Und dann?

Zum Beispiel: Als der „Spiegel“ (bis in die 90er Jahre) tatsächlich noch  das tonangebende Nachrichtenmagazin der Republik war, machte seine Redaktion überhaupt kein Hehl aus ihrem „Anspruch“, selbstverständlich die letzte Entscheidung über die Besetzung der Bonner Kabinettsposten bis hinauf zum Bundeskanzler zu treffen. Geflügelter Satz: „Kanzler werden in Hamburg gemacht und entlassen“. Umso ärgerlicher (ja geradezu unbotmässig) empfanden es „die Hamburger“, dass ausgerechnet der (aus hanseatischer Sicht) „pfälzische Provinzler“ Helmut Kohl den Abschuss-Vorgaben von der Elbe überhaupt nicht zu folgen gedachte. Mit der Zeit nahmen es wenigstens die Mitglieder des Bonner „Spiegel“-Büros sportlich und feierten den 5., 10., 15. usw. Fehlversuch des Cäsarensturzes mit fröhlichen Festen. Dass es letztlich die Wähler waren (also das Volk), die den scheinbar ewigen Kanzler vom Podest holten, sprach und spricht für das Funktionieren des politischen Systems im Lande.

Warum diese Reminiszenz? Ganz einfach. Wer im „Netz“ verfolgt, auf welche Weise, mit welchen Methoden und nicht selten auch mit welchen Sprachformen und Ausdrücken sich wütende Gruppen zum Teil schon seit Jahren sowohl an der Politik als auch – und das oft genug alles andere als „zivilisiert“ – der Person der Bundeskanzlerin abarbeiten, kommt an den Parallelen zu damals gar nicht vorbei. „Merkel muss weg!“ – lautet die zentrale Forderung. Geradezu bestechend in ihrer logisch-kritischen Rationalität. Ja, und dann? Dann kommt in aller Regel nichts. Warum auch: „Merkel muss weg“, das reicht doch. Oder etwa nicht? Gut, man kann ja noch etwas verballhornend an ihrem Namen herumspielen – Merkel, Murksel. Das ist zwar nicht sonderlich originell, mag aber dem Einen oder der Anderen lustig erscheinen.

„1933 steht wieder vor der Tür“

Nun hat jedoch die Dame schon seit Längerem wissen lassen, dass sie sowieso nur noch bis zum Ende dieser Wahlperiode amtieren, also nicht noch einmal antreten werde. Eigentlich sollte sich das doch mittlerweile im Land herumgesprochen haben. Also auch bis zur den „Merkel-muss-weg“-Aktivisten. Dort aber hat das von der Regierungschefin aus der Uckermark angekündigte politische Karriereende erstaunlicherweise nicht den doch eigentlich zu erwartenden Jubel ausgelöst. Auch von (siehe oben „Spiegel“) Sieges- oder wenigstens Erfolgsfeiern war bislang nichts im Netz zu lesen. Im Gegenteil machen dort inzwischen neue „Theorien“ in Verbindung mit Angela Merkel die Runde. Und dies ausgerechnet im Zusammenhang mit den Bemühungen zur Eindämmung der Corona-Krise. Genauer: Mit den von der Berliner Koalition und den Bundesländern beschlossenen Einschränkungen des wirtschaftlichen, kulturellen und (nicht zuletzt) privaten Lebens.

Tatsächlich war jemandem aufgefallen, dass die Kanzlerin dazu am 20. April eine mahnende Rede gehalten hatte. Ausgerechnet am 20. April! an Hitlers Geburtstag! Zufall? Ein Schelm, dem da nicht sofort bewusst wird, dass hier – sozusagen über Nacht – dem Land, der Nation, mithin uns allen ein undemokratisches Ermächtigungsregime übergestülpt werden soll! Aufgepasst, schallt die Schar der „Follower“ zurück, „1933 steht wieder vor der Tür!“

Unglaubliche Beliebtheitswerte

Lassen wir jetzt mal beiseite, bei wie vielen unserer bekanntlich historisch im Übermass kundigen Mitbürger die Jahreszahl 1933 die Alarmglocken auslöst – wirklich interessant sind stattdessen die Reaktionen und das Verhalten der wirklichen Mehrheitsgesellschaft mit Bezug auf Merkel und die gesamte Regierungspolitik während dieser in der Tat allumfassenden Krisenzeit. Vor noch knapp einem halben Jahr hätte doch kaum mehr jemand einen Pfifferling für den Fortbestand der Koalition an der Spree gegeben. Auch Merkels persönliche Popularitätswerte krauchten damals nur noch irgendwo bei 30 Prozent herum, die SPD war praktisch ins Nichts gestürzt, die Grünen sassen der CDU/CSU bei etwas über 20 Prozent im Nacken, dicht gefolgt von den Rechtsaussen der AfD. Und jetzt?

Offensichtlich haben die Menschen im Land eine völlig andere Wahrnehmung als die Schwarzseher, Büchsenspanner und Spökenkieker im „Merkel-muss-weg“-Lager. Merkels persönliche Zustimmungswerte schiessen beinahe durch die Decke, die Unionsparteien stehen bei schier unglaublichen 40 Prozent, die SPD profitiert leider nur minimal, dafür sacken wenigstens die AfD-Zahlen signifikant ab. Ein Mirakel um Merkel? Ein Wunder? Oder handelt es sich vielleicht ganz einfach nur um den Ausdruck des Gefühls bei den Bürgern, dass „die Politik“ im Grossen und Ganzen recht ordentlich gehandelt hat?

Das Image der Verlässlichkeit

Nun sind, man weiss das, Stimmungen noch lange keine Stimmen in den Wahlurnen. Und Stimmungen, auch das kennt man, können leicht kippen. Ein kluger Kommentator hat vor wenigen Tagen die momentane „öffentliche“ Gefühlslage gegenüber Angela Merkel so zusammengefasst: Sie (die Kanzlerin) habe das „Image der Verlässlichkeit -– wie Schwarzbrot und Mercedes. Irgendwie zwar ein bisschen langweilig, dafür aber beruhigend und zuverlässig. So eine Mischung aus Gouvernante und Krankenschwester“.

Wirklich, keine schlechte Beschreibung. Vielleicht hat zu dieser positiven Einordnung auch beigetragen, dass in den vergangenen, schwierigen Wochen (nicht zuletzt in ihren ersten beiden mahnenden TV-Ansprachen an die Bevölkerung) bei dieser normalerweise doch so extrem kontrollierten, distanziert auftretenden Politikerin mit einem Mal eine bis dahin unbekannte Seite erkennbar wurde – die einer Sorgenden. Einer Person also, die mit aller Macht vermeiden will, dass durch Leichtsinn und mangelnder Standhaftigkeit die mühsam gemeinsam errungenen Gesundheitserfolge wieder zunichte gemacht werden.

Je ehrlicher, desto besser

Freilich, noch stehen drückende Aufgaben bevor. Selbst wenn davon auch nur ein kleiner Teil davon bewältigt werden soll, müssen sie jetzt angepackt werden. Also, solange Merkel und diese Regierung noch auf dieser öffentlichen Zustimmungswelle schwimmen. Es gilt, die Bevölkerung auf die tatsächlichen Kosten und Langzeit-Folgen der Krise sowie der bereits getroffenen und noch folgenden staatlichen Hilfen einzustimmen. Und zwar absolut ungeschminkt sowie mit Eingeständnis, dass bei solchen gewaltigen Massnahmen viele Fehler begangen wurden und (angesichts der – ohne Frage im Einzelnen zumeist berechtigten – Erwartungen, Forderungen und Wünsche) solche auch künftig nicht vermieden werden. Je ehrlicher und offener, desto besser.

Im Übrigen – dann „muss“ Merkel auch nicht weg. Sondern dann geht sie von allein. Wer immer danach folgen mag.

P.S.: Der Autor hat Zeit eines über vier Jahrzehnte dauernden Journalistenlebens sechs Bundeskanzler und eine Bundeskanzlerin ziemlich nahe erlebt und immer grossen Wert darauf gelegt, professionelle Distanz zu wahren. Nur so …

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