Mehr Mut zur Krise

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Mehr Mut zur Krise

Von Ruth Enzler, 11.02.2018

Die Schweiz funktioniert, und die Menschen hier erwarten das auch von sich selbst. Entsprechend hilflos reagieren viele, wenn sie in eine persönliche Krise geraten.

Als Norm formuliert, würde das gängige Selbstbild etwa lauten: „Ich bin privilegiert, habe gegen aussen hin Erfolg und ergo spreche ich mir das Recht auf eine Krise ab.“ Ernsthafte Erkrankungen oder Todesfälle bleiben dabei ausgenommen. Jene, die in einen psychischen Strudel geraten, haben vielleicht etwas zu viel Zeit, um über sich nachzudenken oder etwas zu viel gearbeitet – und darum sind sie halt erschöpft. Häufig wird ein Burnout als Schwächezeichen gesehen und darum verheimlicht. Wir erlauben es uns nicht mehr, dass es uns aus unerfindlichen Gründen schlechtgeht, dass wir mit unseren komplexen Gedanken, ja mit unserem Heideggerschen „ungefragt in die Welt geworfen sein“ hadern.

Nicht auffallen, keine Fehler machen

Wir sichern uns ab, schauen, dass uns finanziell oder körperlich nichts passiert. Wir schliessen Versicherungen ab, schaffen Regelwerke, die uns klare Verhaltensanweisungen geben, halten uns an vielleicht veraltete, aber gängige gesellschaftliche Konventionen, ziehen bei Vertragsabschlüssen Rechtsanwälte bei, regeln unser Ess- und Suchtverhalten, nur um nichts Falsches zu machen, nur um nicht aufzufallen und von niemandem für „selber schuld“ erklärt zu werden.

Wir wollen Fehler wenn immer möglich vermeiden. Wir behüten unsere Kinder, damit sie keine unangenehmen Erlebnisse aushalten müssen, nicht in schwierige Situationen geraten. Wir meinen, dass wir das Leben im Griff haben, wenn alles reglementiert und strukturiert ist. Wer jammert, verlässt diese Ordnung. Er hat es scheinbar nicht im Griff.

Kontrollverlust

Eine Krise zeichnet sich gerade dadurch aus, dass der Betroffene das Gefühl hat, ihm sei das Heft aus der Hand genommen und er sitze nicht mehr im „drivers' seat“. Er hat also gerade keine Kontrolle mehr, eine schwierige Situation zu bewältigen. Das heisst, er muss etwas Neues lernen, neue Perspektiven sehen können oder Einsichten gewinnen. Doch dies geschieht nicht über Nacht.

Zunächst muss er aushalten und erkennen, dass er sich in einer Ohnmachtssituation befindet. Die Medien schreiben über ihn unangenehme Dinge, die vielleicht stimmen oder auch nicht, oder er muss den Tod eines nahestehenden Menschen verkraften. Der Betroffene erkennt, dass er nichts beeinflussen kann. Manchmal werden Krisen nicht durch äussere Ereignisse, sondern im Innern ausgelöst. Hormonveränderungen können der Grund sein oder die Einsicht, dass das Leben endlich ist und es bisher vielleicht nicht nützlich oder sinnvoll gelebt worden ist.

Ausweichmöglichkeiten

Wir schlittern in Krisen hinein und müssen sie als schicksalshafte Gegebenheit zur Kenntnis nehmen. Natürlich besteht der Drang, sie zu unterdrücken oder zu umschiffen. Dies geht einfacher, wenn genügend Geld vorhanden ist. Es ermöglicht, dass wir uns herrlich ablenken. Wir können uns etwas Schönes kaufen, ins Kino gehen, in die Ferien verreisen, ferne Länder besuchen. Selbst Kinderwünsche sind mit materiellem Aufwand erfüllbar geworden. Im übrigen haben wir genügend Arbeit, um darin aufgehen zu können.

Wir achten akribisch darauf, dass wir keine psychischen Schmerzen empfinden müssen. Bei Entlassungswellen schicken die Manager die Personalverantwortlichen vor, die dann die Kündigungen aussprechen. Wir leisten uns Anwälte, die mit missliebigen Nachbarn oder Miterben den Streit ausfechten. Wir selber gehen meist nicht mehr direkt in die Konfliktsituation. Nachts nehmen wir beruhigende Medikamente oder lassen uns von Schlaflabors beraten. Wir schauen einfach nicht hin.

Mangel an Charisma

Wir sind krisenavers geworden. Wir wagen kaum mehr etwas – aus Angst, wir könnten etwas verlieren. Wir sind ein Volk von Bewahrern. Dies quer durch alle politischen Parteien. Wir wollen unseren Status und unsere Position wahren und möglichst nirgends anecken. So fühlen wir uns vermeintlich sicher und in einer recht oberflächlichen Gesellschaft aufgehoben.

Ist es möglich, dass es uns deshalb an charismatischen Persönlichkeiten fehlt? Es fehlen jene, die etwas „Ver-rücktes“ versuchen, über den Tellerrand hinausschauen, etwas wagen und uns vorwärts oder seitwärts oder irgendwohin bringen. Es könnte ja schief gehen. Eine Krise zu durchleben, eigene Ängste anzuschauen, auszuhalten und die eigene Ohnmacht zu erkennen: das wirft einen auf sich selbst zurück. Das ist sehr schwer und das wünscht sich niemand. Damit ist viel Schmerzhaftes verbunden.

Weg zu fundierter Selbstsicherheit

Wir stellen unsere Existenz in Frage: Wer bin ich, wenn ich in dieser Leistungsgesellschaft keine Leistung erbringen kann? Wer bin ich, wenn mein soziales Umfeld mich in meiner Schwäche und Fehlerhaftigkeit sieht und dies missbilligend zur Kenntnis nimmt? Wer bin ich noch, wenn ich meinen sozialen Status verloren habe?

Nur wer sich diesen tiefgreifenden Fragen gestellt hat, weiss, wer er selber ist. Er wird sich seines Selbst bewusst. Nach einer Monate oder auch Jahre andauernden schmerzenden Phase spürt der Betroffene meist wieder einen Boden. Er merkt, dass er auf diese Fragen eine Antwort hat und er weiss, dass er trotz allem Widrigen am Leben bleibt. Er wird neue Erkenntnisse und Einsichten gewinnen, eine neue Haltung zu sich selber einnehmen und innerlich sicherer als vorher sein.

Das nennen wir fundierte Selbstsicherheit. Er wird sagen können, dass er sich selber freundlicher als vorher gegenübersteht und er weiss, was er sich selber wert ist. Eine solche Person hat einen persönlichen Entwicklungsschritt getan und ein bisher noch ungenutztes Potential, bisher nicht gelebte Möglichkeiten, Werte oder Fähigkeiten erkannt. Solche Personen hören oftmals auf, sich um irgendwelche Konventionen zu kümmern. Sie grenzen sich ab und stehen für sich selber ein. Wir nennen sie authentisch.

Demut und Unabhängigkeit

Solche Personen werden zu Stützen für andere Menschen in der Krise, weil sie Demut gelernt haben. Sie urteilen und verurteilen weniger. Von ihnen hört man differenzierte Aussagen, weil sie das Schwarz-Weiss-Denken überwunden haben. Sie können ihr Selbst unabhängig von gesellschaftlichem Status, beruflicher Position und beruflichem Erfolg sehen. Sie werden meist mutiger im Auftreten und nehmen Konflikte als Herausforderung an, um eine Gesellschaft oder ein System weiterzubringen.

Wir in unserer verwöhnten Gesellschaft sollten unbedingt mehr Mut zu Krisen und weniger Angst vor dem damit verbundenen Schmerz haben. Oder ausgedrückt mit einem Satz von Max Frisch: „Die Krise ist ein produktiver Zustand, man muss ihr nur den Beigeschmack einer Katastrophe nehmen.“

Kommentare

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Seit wir den Begriff "Burn out" kennen, scheint es schon zum guten Ton zu gehören einmal daran erkrankt zu sein. (?) Ich staune wie viele Menschen scheinbar schon davon betroffen waren oder sind und dies ohne jegliche Scham erzählen. Würde man den Begriff "Burn out" mit "Depression" ersetzen sähe es anders aus. Burn out suggeriert, dass der/die Betroffene Opfer ihres Umfeldes bzw. der Leistungsgesellschaft ist, während man bei einer depressiven Erkrankung selber schuld ist. Genau hier liegt der Knackpunkt - wer willden schon selber Schuld sein? Dann doch lieber eine politisch korrekte Bezeichnung der Erkrankung und ich erhalte das erwünscht Mitleid.

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