Mehr als schöne Bilder

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Mehr als schöne Bilder

Von Stephan Wehowsky, 22.10.2014

Das ist keine Fotoausstellung, sondern eine Ausstellung über Fotografie. Was hat es mit der Fotografie auf sich?

Das Fotomuseum Winterthur bietet Einblicke in die vielen Werkstätten der Fotografie, vom Beginn bis in die Gegenwart. Es werden nicht nur Fotos gezeigt, sondern auch Texte präsentiert, und immer geht es um die gleichen Fragen: Was ist die Fotografie? Was will sie? Was kann sie? Wem dient sie?

Gehörige Anstrengung

Das sind nur auf den ersten Blick einfache Fragen. Künstler sind Grübler. Wenn sie das Medium der Fotografie nutzen, dann denken sie über dieses Medium nach. Das geschieht im Kontext der philosophischen, ästhetischen, kulturellen und politischen Debatten ihrer Zeit. Daher erschliessen sich ihre Texte nicht schon beim ersten Lesen.

Ausstellungsansicht 
Manifeste! Eine andere Geschichte der Fotografie. Ausstellung im Fotomuseum Winterthur, 13.9. – 23.11. 2014
© Christian Schwager
Ausstellungsansicht
Manifeste! Eine andere Geschichte der Fotografie. Ausstellung im Fotomuseum Winterthur, 13.9. – 23.11. 2014
© Christian Schwager

Das Fotomuseum Winterthur mutet den Besuchern in Zusammenarbeit mit dem Museum Folkwang in Essen eine gehörige Anstrengung zu. Denn nun sieht man nicht einfach nur Bilder, zu denen man sich dieses und jenes nach Belieben denken kann, sondern die Bilder stehen im Kontext mit Stellungnahmen, die nicht nur gelesen, sondern auch verstanden werden wollen.

Ironisch überspitzt liesse sich sagen: Diese „Manifeste“ sind zu einem Teil wie die sperrigen Manuale von Maschinen oder Computerprogrammen. Ob man will oder nicht, blickt man durch die Benutzeroberfläche hindurch. Und dabei geschieht etwas ganz Merkwürdiges: Die Fotografie, die einem doch so vertraut und selbstverständlich ist, wird geradezu verrätselt.

Waffe gegen die Herrschenden

Was treibt die Künstler um? Sie denken zum Beispiel darüber nach, ob die Fotografie eine eigenständige Kunstform ist. Nicht wenige Fotografen kommen aus der Malerei. Für sie ist das Medium der Fotografie eine Art neue Maltechnik. Künstler wie Man Ray gehen damit so souverän um, dass sie nicht immer eine Kamera nutzen, sondern mit den Wirkungen des Lichts auf dem Fotopapier experimentieren.

Man Ray
Jean Gallotti, La photographie est-elle un art? – Man Ray
L’Art Vivant, Vol. 5, Nr. 103, April 1929, S. 282–283
© Man Ray Trust, Paris
Man Ray
Jean Gallotti, La photographie est-elle un art? – Man Ray
L’Art Vivant, Vol. 5, Nr. 103, April 1929, S. 282–283
© Man Ray Trust, Paris

Und manche Künstler sehen in der Fotografie auch ein gesellschaftliches Experiment. Sie fragen danach, ob das neue Medium die Wahrnehmung der Menschen verändert. Und was bedeutet es, dass ein Foto wie eine Art Beweis für die Realität von behaupteten Sachverhalten ist? Damit kann die Fotografie zu einer Waffe gegen die Propaganda der Herrschenden werden.

Funkelnde Polemiker

Überhaupt die Propaganda: Avantgardistische Kunst und Fotografie verschmolzen zu einem Mittel der Agitation. In ihr artikulierte sich das neue Selbstbewusstsein der Arbeiterklasse in Zeiten der Revolutionen. Und in Deutschland, wo die von manchen ersehnte Revolution nach dem Ersten Weltkrieg ausgeblieben war, gab es funkelnde Polemiker wie John Heartfield (eigentlich Helmut Herzfeld), die mit ihren Collagen provozierten und anklagten.

Edwin Hoernle
Das Auge des Arbeiters, 1930
In: Der Arbeiter-Fotograf, 4. Jg., Nr. 7,
Juli 1930, S. 151 [Zeitschrift, 20.6 x 26.5 cm]
© Die Reproduktionsvorlage wurde freundlichst zur Verfügung
gestellt von der SLUB Dresden / Deutsche Fotothek
Edwin Hoernle
Das Auge des Arbeiters, 1930
In: Der Arbeiter-Fotograf, 4. Jg., Nr. 7,
Juli 1930, S. 151 [Zeitschrift, 20.6 x 26.5 cm]
© Die Reproduktionsvorlage wurde freundlichst zur Verfügung
gestellt von der SLUB Dresden / Deutsche Fotothek

Umgekehrt zeigen sich auch Tendenzen zur Romantisierung der Natur, überhaupt zum Völkischen. Diese Fotografie sollte zum Mittel der Massen werden, damit sie den Wert des Vaterlandes immer mehr zu schätzen lernten. Und dann wieder die Futuristen: Sie beschworen den Aufbruch in das Maschinenzeitalter, die ganz neue und herrliche Zeit – und waren dem Duce Benito Mussolini schon ganz nah.

Blick in Werkstätten

Da gibt es viel zu erzählen und zu sehen. Ohne den opulenten und fantasievoll gestaltet Katalog wird man nicht auskommen. Beim ersten Durchblättern stellt sich der Eindruck ein, dass wir es hier  mit einem geradezu anarchistischen Werk zu tun haben. Da springen uns Buchseiten an, schwer deutbare Fotos, Texte in abenteuerlicher Gestalt. Es ist eben der Blick in Werkstätten. Da ist nur das wenigste fertig und poliert.

Aber die Ausstellungsmacher und ihre zahlreichen Mitarbeiter haben in diese Vielfalt neben diversen Ordnungsprinzipien einen Roten Faden gelegt, für den man ihnen ganz besonders dankbar sein muss: Gegen Ende des Katalogs, fast ein wenig versteckt, findet man eine Liste mit allen Werken und Manifesten, die für die Ausstellung massgeblich sind. Wenn man also wissen will, welche Zeitschriften, Bücher oder vereinzelt abgedruckte Stellungnahmen wirklich wichtig waren und sind, wird man sich hier gut orientieren können. Man kann das auch eine Quellengeschichte der Fotografie nennen.

Böhm/Kobayashi
The Ant!foto Manifesto, 2013
Hg. von Böhm/Kobayashi Publishing Project und Künstlerverein Malkasten,
Düsseldorf 2013
© Katja Stuke und Oliver Seiber
Böhm/Kobayashi
The Ant!foto Manifesto, 2013
Hg. von Böhm/Kobayashi Publishing Project und Künstlerverein Malkasten,
Düsseldorf 2013
© Katja Stuke und Oliver Seiber

Das ganze Unternehmen ist in Zusammenarbeit mit dem Museum Folkwang entstanden. Auch dort gab es eine Ausstellung, aber fast noch interessanter ist die Publikation in der „Edition Folkwang/Steidl“. Sie trägt den schönen Titel „(Mis)Understanding Photographie“ und greift thematisch noch weiter aus. Man wird diesen Band nicht in die Hand nehmen, ohne von den widersprüchlichsten Gefühlen heimgesucht zu werden. Denn er spielt mit der Werbung und den Anmutungen der Fotoapparate und der Fotografie, wie sie uns früher begegneten, und stellt diesen Erinnerungen harte „Manifeste“ gegenüber. Wir träumen also von Urlaubsfotos und Idyllen und werden gleichzeitig mit der harten Frage konfrontiert, was unsere durch die Werbung und das Marketing formatierten Träume wert sind, wenn sie härter auf ihren Realitätsgehalt hin untersucht werden.

Und so bewegen wir uns in einem Raum von Verweisen, Zitaten und geradezu kryptischen Anspielungen, Rivalitäten und Bündnissen, die eindringlich vor Augen führen, dass das Augenfällige oft wesentlich weniger einleuchtend ist, als es im ersten Moment erscheint. Das Medium der Fotografie ist wesentlich komplexer, als der einfache Druck auf den Auslöser vermuten lässt.

Fotomuseum Winterthur bis 23. November 2014

Museum Folkwang und Fotomuseum Winterthur, Manifeste! Eine andere Geschichte der Fotografie, Steidl, 2014, 256 Seiten

(Mis)Understanding Photopraphy, Werke und Manifeste, Edition Folkwang/Steidl 2014, 288 Seiten

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