Mehr als ein „drôle de guerre“

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Mehr als ein „drôle de guerre“

Von Ignaz Staub, 31.07.2018

Donald Trumps Verhältnis zu den Medien bleibt angespannt. Daran ändert auch das Treffen mit dem Verleger der „New York Times“ nichts.

„Bleibt bei uns. Glaubt den Dreck nicht, den ihr von diesen Leuten seht, den Fake News“, polterte Donald Trump vergangene Woche vor Kriegsveteranen in Kansas City (Missouri): „Was ihr seht und was ihr liest, ist nicht, was geschieht.“ Einzelne Leute in der Menge buhten in Richtung der anwesenden Journalisten.

Trumps Twittersucht

Dass der US-Präsident noch nicht alle Brücken zu den Medien abgebrochen hat, zeigt der Umstand, dass er am 20. Juli A. G. Sulzberger, den Verleger der „New York Times“, zu einer Unterhaltung ins Oval Office einlud. Das Gespräch der beiden blieb auf Wunsch des Präsidenten „off the record“, d. h. sein Inhalt war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Schon frühere Verleger der „Times“ hatten jeweils amerikanische Präsidenten getroffen.

Doch Donald Trump konnte, wie so häufig, die Finger nicht vom Handy lassen und twitterte am Sonntag über sein Treffen mit der „New York Times“: Er und deren Verleger hätten die grosse Menge Fake News diskutiert, welche die Medien ausstossen würden und auch darüber, wie Fake News zum Begriff „Volksfeinde“ mutiert seien: „Traurig“. Wobei der Präsident unerwähnt liess, dass er selbst den Begriff in seinem ersten Amtsjahr wiederholt benutzt hat.

Die „New York Times“ korrigiert Trumps Version

Den Tweet wiederum liess A. G. Sulzberger nicht auf sich sitzen. Zwei Stunden nach dessen Absenden veröffentlichte der 37-Jährige eine Stellungnahme, in der er den Hauptgrund für sein 75-minütiges Treffen mit Donald Trump darlegte. Es sei ihm darum gegangen, im Weissen Haus seine Besorgnis über die „höchst beunruhigende Anti-Presse-Rhetorik“ auszudrücken: „Ich habe dem Präsidenten offen gesagt, dass seine Sprache nicht nur polarisiere, sondern zunehmend gefährlich sei.“

Er habe, so der Verleger der „New York Times“, Donald Trump auch wissen lassen, dass der Ausdruck „Fake News“ falsch und schädlich sei. Stärker aber beunruhige ihn, dass der Präsident Journalisten ganz generell als „Volksfeinde“ bezeichne: „Ich habe gewarnt, dass diese Sprache zu einem Anstieg der Zahl der Drohungen gegen Journalisten beiträgt und zu Gewalt führen wird.“  

Das gelte vor allem in Übersee, wo Regierungen die Aussagen Donald Trumps als Vorwand benutzen würden, um mit harter Hand gegen Journalisten vorzugehen. Die Attacken des Präsidenten würden „Leben gefährden“ und „die demokratischen Ideale unserer Nation untergraben“.

Trump schiesst zurück

A. G. Sulzbergers Stellungnahme erregte anscheinend wiederum den Zorn des Amtsinhabers im Weissen Haus. „Wenn die Medien – durch ihr Trump Derangement Syndrome zum Wahnsinn getrieben – interne Überlegungen der Regierung enthüllen, dann bringen sie die Leben vieler, nicht nur von Journalisten, in Gefahr“, twitterte der Präsident. „Ich werde nicht zulassen, dass unser grosses Land von den Anti-Trump-Hassern in der sterbenden Medienindustrie verraten wird.“

Die „Versagerin New York Times“ und die „Amazon Washington Post“ würden „über sehr positive Errungenschaften schlechte Geschichten schreiben“ und  sich nie ändern, liess Donald Trump seine Anhänger wissen. 90 Prozent der Berichterstattung über seine Regierung seien negativ, stellte er fest – unter Umständen unter Bezug auf eine Studie des konservativen Media Research Centers, die im vergangenen Jahr folgerte, 91 Prozent der Berichterstattung der Mainstream-Medien über den Präsidenten sei negativ. Zu einem ähnlichen Schluss gelangte das Shorenstein Center der Universität Harvard, was die ersten 100 Tage Donald Trumps im Amt betraf.

In seiner Stellungnahme zum Treffen mit Donald Trump verdeutlichte der Verleger der „Times“ am Ende, es stehe  dem Präsidenten frei, seine Zeitung zu kritisieren, falls er zum Schluss komme, deren Berichterstattung sei unfair: „Statt dessen habe ich ihn eindringlich gebeten, seine Attacken auf den Journalismus zu überdenken. Sie sind meines Erachtens gefährlich und schaden unserem Land.“

Fünf erschossene Journalisten in Maryland

In Annapolis (Maryland) derweil sprach Marty Baron, Chefredaktor der „Washington Post“, an einem Anlass zum Gedenken jener fünf Zeitungsjournalisten, die am 28. Juni auf der Redaktion der „Capital Gazette“ erschossen worden waren. Ohne den Präsidenten beim Namen zu nennen, sprach  Baron über die Opfer der Schiesserei: „Nicht eines von ihnen hat es verdient, als Feind betrachtet zu werden, nur weil sie Journalisten wurden oder auf einer Redaktion arbeiteten.“ Wer Menschen wie diese herabwürdige, dämonisiere und entmenschliche, erniedrige sich selbst. Wen der Vertreter der „Post“ damit meinte, war allen klar.

Auch A. G. Sulzberger bezog sich im Gespräch indirekt auf die ermordeten Journalisten der „Capital Gazette“. Er habe Donald Trump gesagt, dass Zeitungen ab einem gewissen Zeitpunkt damit begonnen hätten, bewaffnete Sicherheitsleute vor ihren Redaktionen zu postieren. Der Präsident habe sich überrascht gezeigt, dass sie dies nicht schon früher getan hätten.  

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