Masada: Der hängende Palast des Herodes

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Masada: Der hängende Palast des Herodes

Von Georg Gerster, 05.10.2014

(Copyright: Georg Gerster/Keystone) Der Festungspalast des Herodes ist das Herzstück des Masada Nationalparks. Masada war lange das von keinem Zweifel angekränkelte Wahrzeichen für Israels Selbstbehauptungswille. Sonderbar: Der Felsklotz unweit des Toten Meers, ein natürlicher Burgberg, wenn es je einen gab, geriet erst spät, sehr spät in den Lichtkegel gesicherter Geschichte. Ein hasmonäischer Priesterfürst nützte erstmals nach 104 v. Chr. den Fels als Festung. Seinen grossen Auftritt hatte Masada aber erst unter König Herodes (73-4 v. Chr.). Dieser errichtete auf der Gipfelfläche des Felsens Kasernen, Wohn-und Verwaltungbauten, Bäder und Lagerräume; absteigend über drei Stufen, die eine überdachte Treppe untereinander verband, entstand an der Nordspitze ein „hängender“ Palast, Winterresidenz des Königs. Vor allem aber befestigte er Masada mit Kasemattenmauern sowie 38 Wachttürmen und legte in deren Schutz Waffenarsenale, Vorräte an Getreide, Datteln, Hülsenfrüchten, Wein, Öl und Wasser an. Der König, praktizierender Jude, aber arabischer Abstammung, misstraute seinen jüdischen Untertanen ebenso wie seinen römischen Oberherren (mit Grund: so blickte etwa Kleopatra, die Mätresse des Antonius, begehrlich auf das Königreich Juda); ein wehrhaftes Refugium, eine Fluchtburg kam ihm und seiner Familie zustatten. Nach Herodes’ Tod erhielt Masada eine römische Garnison. Als Auftakt zu dem ersten jüdischen Aufstand gegen Rom bemächtigten sich im Jahr 66 die Zeloten, eine ultranationalistische jüdische Partei mit einem terroristischen Flügel, den Sikariern („Dolchmännern“), der Festung. Sie hielten sich dort auch nach der Eroberung Jerusalems und der Zerstörung des zweiten Tempels verschanzt. Als die Römer im Jahr 72 zur Belagerung Masadas schritten, lebten angeblich 967 Menschen auf dem Berg, lauter Sikarier und ihre Familien (so jedenfalls die einzige Quelle, der zeitgenössische jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus). Die Belagerer schlossen den Burgberg mit einem Wall ein und bauten eine Rampe, über die sie Sturmböcke und andere Belagerungsmaschinen vor die Festungsmauer brachten. Im Mai 73 schlugen sie eine Bresche und setzten die Holzverschanzung dahinter in Brand. Römischer Gefangenschaft und Sklaverei zog die Besatzung den Tod vor. Ihre Habe verbrannten sie – nicht aber die Lebensmittevorräte. Die Römer sollten erkennen, dass nicht Hunger sie zu der Verzweiflungstat getrieben hatte. Die Männer töteten ihre Lieben, Frauen und Kinder, und zuletzt gegenseitig sich selber. Nur der letzte nahm es auf sich, die schwere Sünde des Selbstmords zu begehen und sich ins Schwert zu stürzen. Zwei Frauen und fünf Kinder, die sich in einer Wasserleitung verkrochen hatten, überlebten. Yigael Yadin, General und Archäologe, erforschte Masada, grabend und restaurierend, von 1963 bis 1965. Dem jungen jüdischen Staat wurde es ein Wahrzeichen für Behauptungswillen selbst um den Preis der Selbstaufopferung. Allerdings gab es auch von den zionistischen Erzrvätern Israels immer wieder Widerspruch: war denn Masada nicht ein abschreckendes Beispiel von Defaitismus? Solchen Einwänden und Bedenken zum Trotz vereidigte die israelische Armee jahrelang ihre Rekruten bei Fackelschein auf Masada. „Nie wieder darf Masada fallen“, schloss die Eidesformel. An patriotischem Numinosum hat Masada seither eingebüsst. Schon seine touristische Erschliessung als Nationalpark mit jährlich 722 000 Besuchern (2013) hat den Mythos Masada angekratzt: Fast Food und Snacks, Son et Lumière und eine Luftseilbahn, mit der Besucher von der Talstation 257 Meter unter dem Meeresspiegl in 3 Minuten knapp unter das Gipfelplateau 33 m ü.M. schweben, schaffen ein „Masada ohne Tränen“, mit dem sich die Pioniere von einst schwer abfinden. Auch sonst muss der Mythos Masada mit Retuschen leben. Wie zuverlässig ist der Geschichtsschreiber Flavius Josephus, „Roms Lakei“ (Professor Nachman Ben-Yehuda)? Yadin fand jedenfalls auf Masada Skelettreste von nicht mehr als 25 Menschen. Viele Israeli mögen ja ohnedies von Herzen wünschen, dass Flavius Josephus total unzuverlässig ist. Die „Patrioten“ auf Masada waren laut Josephus Sikarier – eine Bande Fanatiker, Terroristen, Desperados und Mörder (vergleichbar den heutigen ISIS-Milizen). Und erst noch dumm genug – so Ben-Yehuda –, sich in eine Festung einzuschliessen und sich so den Römern, genialen Belagerern, auszuliefern, statt eine Guerilla zu bilden. Der landschaftliche Rahmen, der bautechnisch kühne Palast des Herodes, eine beispielhaft ausgetüftelte Wasserversorgung, das römische Belagerungswerk, die geschichtliche Bedeutung und Strahlkraft verbürgen Masadas Einzigartigkeit, die Voraussetzung zu einer Würdigung als Welterbe. Aus der Identitätsfindung des Staates Israel ist Masada nicht wegzudenken. Trotzdem kam die Ehrung erst 2001 zustande. Erzürnt über die jordanische Nomination von Jerusalem 1981 und deren Begleitumstände, hatte Israel bis 1999 dem Welterbeprogramm die kalte Schulter gezeigt. – Jahr des Flugbilds: 1972. (Copyright Georg Gerster/Keystone)
Der Festungspalast des Herodes ist das Herzstück des Masada Nationalparks. Masada war lange das von keinem Zweifel angekränkelte Wahrzeichen für Israels Selbstbehauptungswille.

Sonderbar: Der Felsklotz unweit des Toten Meers, ein natürlicher Burgberg, wenn es je einen gab, geriet erst spät, sehr spät in den Lichtkegel gesicherter Geschichte. Ein hasmonäischer Priesterfürst nützte erstmals nach 104 v. Chr. den Fels als Festung. Seinen grossen Auftritt hatte Masada aber erst unter König Herodes (73-4 v. Chr.). Dieser errichtete auf der Gipfelfläche des Felsens Kasernen, Wohn-und Verwaltungbauten, Bäder und Lagerräume; absteigend über drei Stufen, die eine überdachte Treppe untereinander verband, entstand an der Nordspitze ein „hängender“ Palast, Winterresidenz des Königs. Vor allem aber befestigte er Masada mit Kasemattenmauern sowie 38 Wachttürmen und legte in deren Schutz Waffenarsenale, Vorräte an Getreide, Datteln, Hülsenfrüchten, Wein, Öl und Wasser an.

Der König, praktizierender Jude, aber arabischer Abstammung, misstraute seinen jüdischen Untertanen ebenso wie seinen römischen Oberherren (mit Grund: so blickte etwa Kleopatra, die Mätresse des Antonius, begehrlich auf das Königreich Juda); ein wehrhaftes Refugium, eine Fluchtburg kam ihm und seiner Familie zustatten. Nach Herodes’ Tod erhielt Masada eine römische Garnison. Als Auftakt zu dem ersten jüdischen Aufstand gegen Rom bemächtigten sich im Jahr 66 die Zeloten, eine ultranationalistische jüdische Partei mit einem terroristischen Flügel, den Sikariern („Dolchmännern“), der Festung. Sie hielten sich dort auch nach der Eroberung Jerusalems und der Zerstörung des zweiten Tempels verschanzt. Als die Römer im Jahr 72 zur Belagerung Masadas schritten, lebten angeblich 967 Menschen auf dem Berg, lauter Sikarier und ihre Familien (so jedenfalls die einzige Quelle, der zeitgenössische jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus).

Die Belagerer schlossen den Burgberg mit einem Wall ein und bauten eine Rampe, über die sie Sturmböcke und andere Belagerungsmaschinen vor die Festungsmauer brachten. Im Mai 73 schlugen sie eine Bresche und setzten die Holzverschanzung dahinter in Brand. Römischer Gefangenschaft und Sklaverei zog die Besatzung den Tod vor. Ihre Habe verbrannten sie – nicht aber die Lebensmittevorräte. Die Römer sollten erkennen, dass nicht Hunger sie zu der Verzweiflungstat getrieben hatte. Die Männer töteten ihre Lieben, Frauen und Kinder, und zuletzt gegenseitig sich selber. Nur der letzte nahm es auf sich, die schwere Sünde des Selbstmords zu begehen und sich ins Schwert zu stürzen. Zwei Frauen und fünf Kinder, die sich in einer Wasserleitung verkrochen hatten, überlebten.

Yigael Yadin, General und Archäologe, erforschte Masada, grabend und restaurierend, von 1963 bis 1965. Dem jungen jüdischen Staat wurde es ein Wahrzeichen für Behauptungswillen selbst um den Preis der Selbstaufopferung. Allerdings gab es auch von den zionistischen Erzrvätern Israels immer wieder Widerspruch: war denn Masada nicht ein abschreckendes Beispiel von Defaitismus? Solchen Einwänden und Bedenken zum Trotz vereidigte die israelische Armee jahrelang ihre Rekruten bei Fackelschein auf Masada. „Nie wieder darf  Masada fallen“, schloss die Eidesformel.

An patriotischem Numinosum hat Masada seither eingebüsst. Schon seine touristische Erschliessung als Nationalpark mit jährlich 722 000 Besuchern (2013) hat den Mythos Masada angekratzt: Fast Food und Snacks, Son et Lumière und eine Luftseilbahn, mit der Besucher von der Talstation 257 Meter unter dem Meeresspiegl in 3 Minuten knapp unter das Gipfelplateau 33 m ü.M. schweben, schaffen ein „Masada ohne Tränen“, mit dem sich die Pioniere von einst schwer abfinden. Auch sonst muss der Mythos Masada mit Retuschen leben. Wie zuverlässig ist der Geschichtsschreiber Flavius Josephus, „Roms Lakei“ (Professor Nachman Ben-Yehuda)? Yadin fand jedenfalls auf Masada Skelettreste von nicht mehr als 25 Menschen. Viele Israeli mögen ja ohnedies von Herzen wünschen, dass Flavius Josephus total unzuverlässig ist. Die „Patrioten“ auf Masada waren laut Josephus Sikarier – eine Bande Fanatiker, Terroristen, Desperados und Mörder (vergleichbar den heutigen ISIS-Milizen). Und erst noch dumm genug – so Ben-Yehuda  –, sich in eine Festung einzuschliessen und sich so den Römern, genialen Belagerern, auszuliefern, statt eine Guerilla zu bilden.

Der landschaftliche Rahmen, der bautechnisch kühne Palast des Herodes, eine beispielhaft ausgetüftelte Wasserversorgung, das römische Belagerungswerk, die geschichtliche Bedeutung und Strahlkraft verbürgen Masadas Einzigartigkeit, die Voraussetzung zu einer Würdigung als Welterbe. Aus der Identitätsfindung des Staates Israel ist Masada nicht wegzudenken. Trotzdem kam die Ehrung erst 2001 zustande. Erzürnt über die jordanische Nomination von Jerusalem 1981 und deren Begleitumstände, hatte Israel bis 1999 dem Welterbeprogramm die kalte Schulter gezeigt. – Jahr des Flugbilds: 1972. (Copyright Georg Gerster/Keystone)

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