Lockdown – das Wort des Jahres?

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Lockdown – das Wort des Jahres?

Von Reinhard Meier, 03.04.2020

In der Corona-Krise zählt das Wort Lockdown weltweit zu den am häufigsten gebrauchten Begriffen. Dabei ist der englische Ausdruck nicht präziser als die deutsche «Ausgangssperre».

Die Coronavirus-Epidemie ist, wie mittlerweile alle wissen, eine weltweit verbreitete (wenn auch ungleich verteilte) Seuche. Um sie zu bekämpfen, geht eine ebenfalls weitherum verhängte Einschränkung der Bewegungsfreiheit für die Menschen einher. Wenn davon die Rede ist, kommt in vielen Sprachen (und besonders häufig im deutschen Sprachbereich) der englische Begriff «Lockdown» zum Einsatz. «Leser schlagen Wege aus dem Lockdown vor», lautet am Donnerstag ein fetter Titel im NZZ-Wirtschaftsteil.

Ganz einleuchtend ist diese Wortwahl nicht. Laut dem Internet-Wörterbuch Leo heisst Lockdown so viel wie Ausgangssperre oder auch Abriegelung. Lockdown ist inhaltlich also kaum präziser als die deutsche Ausgangssperre. Und weder die englische noch die deutsche Variante bringen den Tatbestand der coronabedingten Halbquarantäne für uns Normalbürger in Europa oder Amerika exakt auf den Punkt. Der vorläufig geltende amtliche Lockdown ist ja nicht mit einer strikten Ausgangssperre zu verwechseln. Der Einkauf von Lebensmitteln oder Jogging und Spaziergänge im Wald sind (sofern man die nötigen Vorsichtsmassnahmen beachtet) immer noch erlaubt.

Gäbe es bessere, präzisere Begriffe für diese eingeschränkte Bewegungsfreiheit als Lockdown oder Ausgangssperre? Zu lesen oder zu hören sind gelegentlich Wörter wie «Wohnungsknast», «Home Knast» oder «Heimisolierung» und «Zwangsisolierung». Auch diese Varianten sind für die Beschreibung unseres Ist-Zustandes nicht voll befriedigend.

Warum aber hat das englische Lockdown im gängigen Sprachgebrauch gegenüber der deutschen «Ausgangssperre» die Nase vorn? Einfach deshalb, weil das im Englischen knapper, weltläufiger und zudem weniger martialisch klingt. Und weil das Englische trotz des sich anbahnenden Aufstiegs Chinas zur neuen Globalmacht in sprachlicher Hinsicht weiterhin über die stärkste Strahlkraft (oder Softpower) verfügt.

Man kann das auch an den virusbedingt expansiv sich ausbreitenden Begriffen home office und homeschooling ablesen.

 

In Italien ist zurzeit nicht das home office angesagt, sondern smart working. Weil jedermann smart sein moechte, schmeichelt dieser Ausdruck und versoehnt uns mit unserer Situation. Solche Lehnwoerter vernebeln den Blick auf die Wirklichkeit, sind reine Augenwischerei.

Ach, das ist doch einfach nur ein weiterer Anglizismus- einer von Dutzenden. Was solls...

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