Ljudmila Ulitzkajas „Jakobsleiter“

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Ljudmila Ulitzkajas „Jakobsleiter“

Von Urs Meier, 06.11.2017

In ihrem jüngsten Werk hat die Autorin die eigene Familiengeschichte verarbeitet. Der Roman spiegelt die ganze Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert.

Der Titel „Jakobsleiter“ spielt auf eine der grossen Erzählungen der hebräischen Bibel an: Jakob hat seinen Zwillingsbruder Esau um sein Erstgeborenenrecht betrogen und fürchtet dessen Zorn. Auf der Flucht träumt er von einer Leiter (oder Treppe), die bis in den Himmel reicht. Engel steigen auf und nieder, und an der Spitze steht Gott. Das Bild ist vermutlich von der Zikkurat, dem mesopotamischen Tempelturm, inspiriert, bei dem mächtige Treppenaufgänge zum Allerheiligsten emporführten.

Eine geträumte Verbindung von Himmel und Erde ist in Ljudmila Ulitzkajas neuem Roman erst einmal nicht zu finden. Den direkten Bezug zum Titel bilden lediglich der Name und die jüdische Abstammung des aus dem figurenreichen Plot herausgehobenen Hauptexponenten: Jakow Ossitzky, er ist der Grossvater Noras, der zweiten zentralen Gestalt der russischen Jahrhundert-Saga.

Amalgam von Dokumentation und Fiktion

Beim Impressum findet sich folgender Hinweis: „Dieses Buch enthält Zitate aus Briefen und einem Tagebuch aus dem Familienarchiv sowie aus der Akte von Jakow Ulitzky, KGB-Archiv Nr. 2160.“ – Damit ist geklärt, dass es sich bei der Romanfigur Ossitzky um den Grossvater der Autorin handelt und dass diese in der Figur der Nora ihr „alter Ego“ zeichnet. Nicht offengelegt ist hingegen, wieweit die Verfasserin sich auf Dokumente und Erinnerungen stützt und in welchem Mass sie als Romancière frei gestaltet.

Das Buch oszilliert denn auch zwischen literarischer Fiktion und familiengeschichtlicher Dokumentation. Das ist grundsätzlich nicht ganz unproblematisch, da der Leser, einmal auf die realen Grundlagen der Geschichte aufmerksam gemacht, ja gern wissen möchte, wo er sich auf historischem Terrain befindet und wo im Reich der literarischen Erfindung. Auch hat die Verfasserin sich die Schwierigkeit eingehandelt, als Romanautorin stets mehr zu wissen denn als Autobiographin und Dokumentaristin. Literarisch schreibend sieht sie nämlich in die Figuren hinein, weiss über deren Unbewusstes und Verdrängtes Bescheid. Als Familienchronistin jedoch darf sie sich solche Einblicke nicht anmassen.

Dieser Konflikt prägt das Buch, er durchdringt jeden Satz. Das Erstaunliche dabei: Er schadet der Geschichte nicht. Ljudmila Ulitzkaja löst den Zwiespalt des literarischen Settings, indem sie ihre Figuren gewissermassen auf eine Bühne stellt. – Nora ist nicht umsonst eine Theatermacherin! Und so lässt man sich als Leser leiten von den Lichtkegeln der narrativen Scheinwerfer, beobachtet das Agieren der Figuren, sieht aber nicht in ihr Inneres hinein. Aus dem dramaturgischen Kniff resultiert ein lakonischer, mitunter gar sarkastischer Erzählton, der die Dramen und Katastrophen wie auch die seltenen Glücksmomente dieser Biographien mit gleichbleibender Distanz schildert.

Intimität und Distanz

Und so geht denn der Grossvater Jakow durch die Hölle der Straflager und Verbannungen, ohne zu zerbrechen. Seine Frau Marjussa, die als gescheiterte Künstlerin zur linientreuen Parteigenossin wird und sich im Abwesenheitsverfahren von Jakow scheiden lässt, scheint stets in lebloser Kühle zu verharren. Noras Mann, ein exzentrisches Mathematik-Genie, bekommt von der realen Welt ohnehin kaum etwas mit, und beider Sohn, Exzentriker mit Hang zur Genialität auch er, verheizt seine Begabungen in einer schrillen New Yorker Musik- und Drogenszene, bis er – man weiss nicht recht weshalb – die Kurve kriegt zu einer persönlichen Reifung. Erst recht rätselhaft ist Nora, die als Avatar der Autorin in der weit verzweigten Geschichte die treibende Kraft ist, entschlussfreudig und tatkräftig auf der einen, vom Schicksal getrieben wie ein loses Blatt im Herbststurm auf der anderen Seite.

Der eigentümlichen Mischung von Intimität und Distanz verdankt sich der Effekt, dass wir die Familiensaga ganz selbstverständlich als historischen Roman lesen. Ljudmila Ulitzkaja hat zu ihrem jüngsten Buch gesagt: „Die Menschheitsgeschichte setzt sich aus einer Ansammlung kleiner privater Familiengeschichten zusammen, die viel wahrhaftiger sind, als unsere Geschichtsbücher sein können.“

Wahrhaftiger als die Geschichtsbücher? Gemeint ist wohl eine Sicht, die historische Tatsachen in ihrer Bedeutung für betroffene Menschen zumindest erahnbar werden lässt. Ljudmila Ulitzkaja erzählt, wie Menschen im Sowjetstaat zwar Parteigängerin, Oppositioneller, Künstlerin, Wissenschafter oder Normalverbraucher waren – aber eben niemals nur dies allein, sondern darüber hinaus Personen mit ihren unvorhersehbaren Schicksalen und einzigartigen Charakteren. Der erzählende Blick auf die Menschen ist deshalb weit mehr als blosse Illustration der Historie. Er verändert deren Wahrnehmung, indem er vermeintliche Gesetzmässigkeiten auflöst und die Aufmerksamkeit auf Verschiedenheiten lenkt.

Keine moralische Abrechnung

Das Jahrhundert-Tableau mit den beiden Fixpunkten Jakow und Nora ist keine moralische Abrechnung mit der Sowjetzeit. Die Lebenswirklichkeiten der geschilderten Figuren sind zu vielschichtig und widersprüchlich, um als Soll und Haben verrechnet und bilanziert zu werden. Auch das bei der Promotion literarischer Erzeugnisse beliebte Prädikat „schonungslos“ ist dem Duktus des Romans nicht angemessen. Zwar blendet er nicht aus, was manche Mitglieder der Familie an Schrecklichem durchlitten; aber er stilisiert es nicht zur Passion, sondern setzt es auf gleiche Stufe neben alle die permanenten Entbehrungen und punktuellen Erniedrigungen. Die beiläufige Denunziation ist mit gleicher Distanz erzählt wie die Aufhebung eines Freispruchs, welche die mehrjährige Verlängerung einer Lagerhaft bewirkt.

Ein trauriges Buch ist „Jakobsleiter“ deswegen nicht. Es ist ein generöses und zugängliches Sprachkunstwerk, das man mit Genuss liest. Ach ja, der Titel. Was hat der Familienroman mit Jakobs Traum in Genesis 28 zu tun? Das bleibt, obschon das Titelwort in der Geschichte einmal kurz auftaucht, geheimnisvoll. Die folgende Lesart ist deshalb schätzungsweise nicht die einzig mögliche: So wie der Traum von der Himmelstreppe mitten in Jakobs dramatischem Bruderzwist die Enge von Bedrohung und Flucht überwindet und eine andere Dimension aufreisst, so stellt das Titelwort die Romanfiguren und ihre Lebensumstände vor den Hintergrund einer Verbindung zwischen Erde und Himmel. Anders gesagt: Jakow, Nora und all die anderen suchen in ihren Lebenskämpfen etwas Unausgesprochenes, das in religiöser Sprache einst mit der Chiffre „Himmel“ belegt war.

Ljudmila Ulitzkaja: Jakobsleiter. Roman. Hanser, 2017, 603 S.

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