Liebe Kinder - eine aktuelle Geschichte

Max Winiger's picture

Liebe Kinder - eine aktuelle Geschichte

Von Max Winiger, 01.07.2015

Lügen und schwindeln sollt ihr nicht. Lügen haben kurze Beine. Und wer schwindelt, dem vertraut später keiner mehr. So habt ihr das sicher alle mal gelernt. Aber vielleicht stimmt das jetzt auch nicht mehr.

Es war einmal ein Land, das in die EU wollte. Die EU, das ist ein Club von Ländern, eine Art Gruppe. Und da wollte dieses Land auch rein. Aber diese Gruppe hatte Aufnahmeregeln. Und sie wusste, dass dieses Land schummelt. Das war bekannt. Dennoch wurde es von der Gruppe aufgenommen, gehörte nun auch dazu.

Fakelaki und Misa

Dabei hatte es die Aufnahmeregeln klar gebrochen. Es hatte die anderen angelogen, geschwindelt, denn es hatte viel mehr Schulden, als es vor dem Eintritt gesagt hatte. Dazu frisierte es seine Buchhaltung, fälschte Zahlen. In diesem Land war das aber ganz normal. Die meisten Menschen in diesem Land schummeln. Ein Abgastest fürs Auto kostet zum Beispiel 300 Euro extra. Soviel Geld muss man in einen Umschlag stecken und heimlich übergeben. In diesem Land hat dieses Schmieren sogar einen Namen: «Fakelaki».

Das braucht man auch, wenn man zum Arzt muss. Alles muss geschmiert werden. Alles natürlich hinter dem Rücken der Steuerbehörden. Bei grossen Geschäften heisst das Schmiergeld dann „Misa“. Das können dann schon mal ein paar Millionen Euro sein, die da für einen Deal geschmiert werden.

Aber in dieser Gruppe ist das nicht so schlimm

Seit nun dieses Land Mitglied der Gruppe EU ist, wird munter weiter betrogen. Denn die Gruppe will immer grösser und damit stärker werden. Also nimmt sie auch schwache neue Mitglieder auf und unterstützt diese mit viel Geld. Mit dem Geld sollen Projekte gefördert werden die helfen, dass das Land stärker wird. Aber stattdessen lügt und betrügt das Land weiter. Gleichzeitig wird im Land selber nichts getan, um diese Zustände zu ändern. Von 450 Korruptionsfällen in letzter Zeit wurde kein einziger vor Gericht abgeschlossen.

Dem Land und seinen Menschen geht es immer schlechter. Kein Wunder, werdet Ihr sagen. Aber in dieser Gruppe ist das an sich nicht schlimm. Es werden einfach immer neue Kredite bewilligt. Das Land selber kann seine Schulden schon lange nicht mehr bezahlen. Wenn mal wieder ein Kredit zurückbezahlt werden muss, erhält es einfach einen neuen Kredit, um den alten damit zu bezahlen.

Jetzt ist offenbar genau das passiert

Stellt Euch vor, Ihr würdet so mit Eurem Taschengeld umgehen. Mitte Monat wärt Ihr blank, müsstet zuhause einen Kredit aufnehmen. Den müsstet Ihr am Ende des Monats zurückzahlen und dann eben sparen. Stattdessen würdet Ihr das Geld ausgeben, für Blödsinn, einfach auf den Putz hauen. Und dann würdet Ihr einen neuen Kredit aufnehmen und dann wieder einen. Immer mehr. Das kann nicht gehen, oder?

«Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht», lautet ein Sprichwort. Jetzt ist offenbar genau das passiert. Denn das Land hat inzwischen eine neue Regierung. Ganz ehrlich und unter uns: die hatte eigentlich von Beginn weg absolut keine Chance. Denn wie wollt Ihr etwas retten, wenn alle sich Umschläge mit Schwarzgeld zustecken, keiner mehr Steuern bezahlt und jeder den anderen über den Tisch zieht. Inzwischen sollen die Menschen in diesem Land 45 Mrd. Euro bei sich zuhause unter der Matratze horten oder ins Ausland geschafft haben weil sie Angst haben, dass es auf den Banken nicht mehr sicher ist. Kann auch nicht gehen, oder?

Das Volk soll also entscheiden

Aber diese neue Regierung überraschte bisher alle. Sie stellte sich nämlich mitten in der Gruppe auf und erklärt allen anderen frech und selbstbewusst, wie das nun zu laufen habe. Denn weder könne man sparen, noch sonst wie Geld beschaffen. Stattdessen müsse die Gruppe noch mehr Geld geben und gleichzeitig darauf verzichten, alte Kredite zurückzufordern. Die Gruppe sollte also dem Land das geliehene Geld einfach schenken. Nicht alles, aber das meiste. In den letzten Monaten und Wochen wurde dann hin und her diskutiert. Zuletzt kündigte die Regierung eine Abstimmung an.

Das Volk soll also entscheiden. Gleichzeitig empfiehlt sie aber, dass das Volk den Vorschlag der Gruppe ablehnt, wie das Land sich nun verhalten soll. Jetzt hat die Gruppe die Schnauze voll. Sie hat dem Land gesagt, es sei jetzt Schluss. Fertig. Eigentlich. Also, vielleicht.

Liebe Kinder, die Geschichte geht weiter

Ihr versteht das nicht? Ihr versteht nicht, dass jemand schon nur mit Lügen und Geschwindel in eine Gruppe aufgenommen werden kann, dass man ihn nicht wieder rausschmeisst? Ihr versteht nicht, dass jemand auch dann noch weiter lügt, betrügt und alle anderen beschwindelt, wenn alle in der Gruppe ganz nett sind und ihm helfen. Und Ihr versteht auch nicht, dass die Gruppe unheimlich viel Geld in das Land steckt und eigentlich damit bestenfalls nur altes Geld wieder zurück erhält, wobei das neue Geld zu einem Grossteil irgendwo verschwindet, in grossen Unternehmen, in Banken, in der Verwaltung?

Tja, liebe Kinder, die Geschichte geht weiter: denn dieses Land und vor allem seine neue Regierung ist auch schlau. Sie hat begriffen, dass die Gruppe eigentlich gar nicht so stark ist. Die tut nur so. Und sie hat im Keller eine Maschine und kann einfach Geld drucken. Unheimlich, wahnsinnig viel Geld. Und das verteilt sie. Das ist auf lange Sicht ganz schlecht, der Gruppe aber egal.

Es würde mich nicht erstaunen

Es ist vor allem ein paar grossen Kerlen in der Gruppe egal. Denn die verkaufen nun allen anderen in der Gruppe ihre Waren und verdienen so richtiges Geld. Andere wiederum sind selber noch klein und froh, dass sie Geld erhalten. Wieder andere sind zwar noch gross, aber geschwächt. Sie tragen noch elegante italienische und französische Anzüge, sind aber ziemlich am Ende. Und sie denken insgeheim schon daran, wie sie selber dann irgendwie von der Gruppe noch mehr Geld erhalten können um selber über die Runden zu kommen.

Eigentlich ist dieses Land ein Spiegelbild der ganzen Gruppe und zeigt, wie schlecht diese funktioniert. Es würde mich nicht erstaunen – und Euch vielleicht auch nicht mehr – wenn am Schluss doch noch irgendwie eine Lösung gefunden würde, damit das Schwindelland nun doch nicht aus der Gruppe rausgeschmissen wird. Das kann sich nämlich die Gruppe gar nicht leisten. Die muss auf Teufel komm raus weiterwachsen. Eigentlich muss sie solange wachsen, bis alle Länder auf dem Kontinent – mit wenigen Ausnahmen – zu ihr gehören. Dann können die starken Gruppenmitglieder den anderen diktieren, wo’s nun langgeht. Und die Menschen in den Ländern haben nichts mehr zu sagen.

Ein kleines Land  will nicht in die Gruppe

Weil die Gruppe unbedingt den starken Macker markieren muss, sucht sie sich andere Opfer, die sie bedrohen kann. Und es gibt da ein Land, das sich als Opfer bestens eignet. Es ist klein, will nicht in die Gruppe, sondern nur mit ihr zusammen spielen, hat aber sehr viel Geld. Die Gruppe schart sich immer wieder um das kleine Land und droht ihm mit allerlei bösen Dingen solange, bis das Land sich hinsetzt und Geld aus dem Portemonnaie zieht oder sonst etwas tut, was es eigentlich nicht tun will. Gleichzeitig versucht dieses Land alles, um möglichst nicht zu schummeln, lügt nicht, ist ehrlich und sorgt inzwischen dafür, dass Firmen sich auch anständig verhalten. Es hält sich inzwischen mehr an die Regeln der Gruppe als die selber. Übrigens: die sind willkürlich, denn die Gruppe ändert die immer wieder, natürlich zum Nachteil anderer. Oder aber sie behauptet plötzlich, es gebe Ausnahmen, die aber nur für sie gelten.

Dennoch muss das kleine Land eigentlich mehr Angst vor dieser Gruppe haben, als das andere Land, das andauernd betrügt und lügt. Denn das andere Land hat inzwischen enorm hohe Schulden. Wie aber soll es die auch nur ansatzweise zurückzahlen, wenn es nicht mehr von der Gruppe durchgefüttert wird?

Liebe Kinder, wir leben in einer verrückten Zeit

Es wäre traurig, wenn am Schluss das Land gewinnt, das andere belügt, betrügt, wo Schmieren und Schwindeln normal sind, wo die einfachen und noch ehrlichen Menschen dafür bestraft werden, dass Regierungen, Banken, Beamte und Unternehmer korrupt sind, wo die wirtschaftliche Leistung vor allem darin besteht, Schulden anzuhäufen und keine Steuern zu zahlen.

Und es wäre frustrierend, wenn das kleine Land auf der Strecke bleibt, das nicht zuletzt so viel Geld hat, weil man sich auf seine Versprechen verlassen konnte, es sich um seine Bürger kümmert, viel in die Bildung und in die soziale Sicherheit, in die Gesundheit investiert, mit Geld vorsichtig umgeht, wo die Menschen fleissig arbeiten und immer wieder neue Ideen verwirklichen.

Aber, liebe Kinder, es ist möglich, dass die Geschicht so endet. Denn wir leben in einer verrückten Zeit.

 

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Dank Griechenland wissen wir nun definitiv, dass die Schaffung der EU und des Euro ein grosser Irrtum war. Nun sollten die Mächtigen in Brüssel auch den Mut haben, diesen Irrtum rückgängig zu machen

Es sind wohl die Geschichte und die Umstände, welche dieses arme Land erlebt hat, was es zu dem bösen Land gemacht hat, wo alle alles schmieren und korrumpieren müssen.
Nicht nur das genannte (als Anti-These belassene) kleine, gute und reiche Land, in dem vorgeblich nicht so viel korrumpiert werden muss, sondern auch die grosse Gruppe, die das Böse vom armen Land von Anfang an wusste und wo mit all den anderen in und um der Thesen-Gruppe auch alle mehr oder weniger schmieren, lügen, betrügen und korrumpieren lassen und müssen, funktionieren nach dem selben Prinzip, welches in dem armen, bösen Land vor vielen, vielen Jahren erfunden wurde. Es ist das schlechteste Prinzip, ausser alle anderen und mehr Geld und Feuerkraft, die Synthese.

Man kann es auch so einfach sehen. Vielleicht hatten zu Beginn die Kredit gebenden Banken schlechte Berater oder waren sich sicher, dass die Regierungen ihnen dann das eingegangene hohe Risiko schon decken würden - oder, sie sind auf einen guten Kommunikationsberater der Griechen reingefallen.

Eine bahnbrechend neue Erkenntnis haben wir den Griechen allerdings zu verdanken, nämlich, dass es viel lustiger ist, Geld auszugeben, als es zu verdienen! ...

Wenn das EU-Projekt scheitert, dann kann uns
Brüssel nicht mit TTIP an die USA verkaufen und
anketten. Dann kann uns Brüssel keine Flüchtling-
Quoten aufs Auge drücken und die Afrikaner
bleiben in der Nähe ihrer Heimat in Afrika. Die
Missgeburt EUR wird unsere Altersvorsorge
nicht bedrohen. Warum sollte sich noch jemand
für die EU und für den EUR einsetzen?

Niedlich, das kleine saubere Land. Bei uns spielt man halt in einer anderen Liga als diese kleinen Sünder und Versager im Süden die sich gegenseitig nur ein paar Euros rüeberschieben und sich dabei auch noch die Hände schmutzig machen...

Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein!

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren