Licht und Schatten im Spätherbst

Daniel Funk's picture

Licht und Schatten im Spätherbst

Von Daniel Funk, 01.11.2020

In der Pandemiebekämpfung agieren die Griechen vorbildlich. Entschlossenheit zeigen sie auch im Vorgehen gegen ihre Faschistenpartei sowie beim Aufdecken von Missständen in der Flüchtlingshilfe.

Die Quarantäneregeln schiessen ins Kraut. Die Schweiz wird von vielen Ländern mittlerweile als Risikogebiet gesehen. Wer aus unserem Land kommt, muss erst mal einige Tage in Quarantäne verbringen. Auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) führt eine Liste mit Risikoländern. Reiserückkehrer aus diesen Staaten mussten ebenfalls einige Tage in Quarantäne verbringen. Nur dumm, dass bei uns die Fallzahlen in die Höhe schossen und einige dieser angeblichen Risikogebiete bald deutlich tiefere Fallzahlen hatten als wir.

Dieses Regime mag im Sommer seine Berechtigung gehabt haben, aber die Grenzziehung ist völlig willkürlich und die Wirkung umstritten. Deshalb hat der Bundesrat eine neue Regelung beschlossen. Diese funktioniert so, dass je höher die Fallzahlen in der Schweiz sind, desto höhere Fallzahlen werden im Land akzeptiert, von dem der Reisende kommt. Das ist zwar logischer, aber ebenfalls willkürlich. Und gerade die Landgrenze wird nicht systematisch kontrolliert. Das lädt praktisch zum Quarantänebrechen ein. Ausserdem gibt es zahlreiche Ausnahmen. Wie könnte man es besser machen? Und wohin können wir im Moment überhaupt reisen?

Eine Alternative zur Quarantäne

Es bietet sich – wie im Sommer – eine Reise ins herbstliche Griechenland an. Einreise und Rückkehr – Stand heute – ohne Quarantäne, Die Fallzahlen steigen steil an, sind aber weit von den schweizerischen entfernt. Es gelten temporäre Mini-Lockdowns in den grossen Städten und in einigen Teilen Nordgriechenlands, aber nicht auf den grossen Inseln. Dabei wurde die Gastronomie geschlossen, aber nicht die Geschäfte. Und die Bewegungsfreiheit wurde ebenfalls nicht eingeschränkt.

Wer einen Flug bucht, muss 48 Stunden vorher per Internet in englischer Sprache ein „Passenger Locator Form“ (PLF) ausfüllen. Aufgrund dieser Angaben wird ein Risikoprofil erstellt und entschieden, ob der Passagier bei der Ankunft getestet wird. Es enthält nebst Aufenthaltsdaten der letzten 14 Tagen auch alle Angaben betreffend Adresse und Telefonnummern, falls die Person positiv getestet ist und in Quarantäne geschickt werden muss. Das Ganze wird über ein zentrales System gesteuert und verwaltet, mit dem auch das Contact Tracing arbeitet.

Um Mitternacht vor der Abreise erhält man per Mail einen QR-Code, den man bei der Ankunft vorweist. Dann werden schnell diejenigen getrennt, die getestet werden, und diejenigen, die ohne weiteres passieren können. Ein Test ist in einigen Minuten abgeschlossen und da alle Angaben auf dem QR-Code vorhanden sind, entfallen Formulare und Rückfragen. Wer in einigen Stunden nichts hört vom Contact Tracing, ist negativ und kann den Aufenthalt geniessen. Die griechische Regierung löscht dann die Angaben nach 14 Tagen.

Könnte man etwas Ähnliches auch in der Schweiz realisieren? Skeptiker werden sagen: viel zu kompliziert, weil es pro Tag viel zu viele Grenzübertritte auf dem Landweg gibt. Aber es geht ja gerade darum, die Mobilität zu reduzieren, Risiken zu identifizieren, positive Fälle herauszupicken und so Ansteckungsketten zu unterbrechen.

Ein solcher Algorithmus – und damit arbeitet das griechische System – lässt sich flexibel an die Risikosituation in den Herkunftsländern anpassen. In der Schweiz würde das an den Flughäfen analog laufen wie in Griechenland. An der Landgrenze müsste man jedes Auto stoppen, die QR-Codes scannen und dann die Wagen, die getestet werden, auf eine separate Spur leiten. Auch bei grenzüberschreitenden Zügen wäre das Problem mit Kontrollen im fahrenden Zug lösbar.

Sicher ist es mit Personalaufwand verbunden. Es müsste wohl zusätzliches Personal von Sicherheitsfirmen für nicht-hoheitliche Aufgaben wie das Scanning von QR-Codes und das Testen angestellt werden. Dafür hätte man dann ein System, das anpassungsfähig ist und auch mittelfristig funktioniert. Auch Reisende aus Staaten, die sehr stark von Corona betroffen sind wie Belgien, Tschechien und die Niederlande, werden über dieses System abgewickelt und dürfen nach wie vor die griechische Gastfreundschaft geniessen.

Ich denke, dass ich eine gute Chance habe, im Dezember ohne Quarantäne über das PLF-System nach Griechenland einzureisen und habe deshalb meine Ferien gebucht – Weihnachten und Neujahr in Hellas! Man dürfte auch von den Griechen einmal etwas lernen.

Man soll zwar den Tag nicht vor dem Abend loben, aber generell betragen die Fallzahlen in Hellas nur einen Bruchteil derjenigen der Schweiz. Das ist nicht nur der besseren Kontrollierbarkeit der Grenzen geschuldet. Die Griechen reagieren schnell, wenn irgendwo ein Ausbruch zu verzeichnen ist. Sie ergreifen lokal angepasste Massnahmen und haben auch im Sommer die Einschränkungen nicht komplett aufgehoben, wie wir es taten. Deshalb bestand immer ein gewisses Problembewusstsein. Maskenpflicht in Geschäften und Lokalen (wer nicht isst oder trinkt) und Sitzpflicht – darüber wurde nicht mehr diskutiert und die Sommerferien waren trotzdem entspannt und erholsam. Es gibt klare Regeln und eine deutliche Ansage.

Erdogans Zickzackkurs

Die türkischen Provokationen im östlichen Mittelmeer dominieren aber nebst der Pandemie weiterhin die Schlagzeilen. Der Zickzackkurs Ankaras ist schwer interpretierbar und noch schwerer zu ertragen. Einmal gab das Land für die östliche Ägäis erneut eine Navtex – „Navigational Text Messages“ mit Sicherheitsinformationen für die Seefahrt – heraus, gemäss derer das Forschungsschiff „Oruc Reis“ südlich von Rhodos und Karpathos weiter nach fossilen Brennstoffen sucht.

Ausserdem plante Präsident Erdogan ausgerechnet am 28. Oktober, dem griechischen Nationalfeiertag, im östlichen Mittelmeer Militärmanöver, sagte diese dann aber ab. Auch reagierte der türkische Präsident mit beleidigenden Äusserungen gegenüber seinem französischen Amtskollegen („Macron gehört in psychiatrische Behandlung“) auf den ersten Terroranschlag in Frankreich. Den zweiten Anschlag in einer Kirche in Südfrankreich verurteilte hingegen das türkische Aussenministerium. Beim Erdbeben am 30. Oktober kondolierten sich Griechen und Türken gegenseitig.

Warum dieser Zickzackkurs? Seit dem Genozid an den Armeniern 1915 und der Auslöschung der jahrtausendealten griechischen Präsenz in Smyrna 1922 war es die unausgesprochene Politik der Grossmächte, dass die Türkei aus geostrategischen und wirtschaftlichen Gründen Narrenfreiheit genoss. Nun stösst sie erstmals auf Widerstand, der nicht nur aus Griechenland kommt. Insbesondere Frankreich stört Erdogans Kreise, was diesen zu verwirren scheint. Hier heisst es: affaire à suivre.

Neonazis im Gefängnis

Kürzlich wurde die Spitze der nationalsozialistischen Chryssi Avgi („Goldene Morgenröte“) zu hohen Haftstrafen wegen Gründung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation verurteilt. 37 der Verurteilten wurden sofort verhaftet, darunter der Parteichef und der Mörder des Musikers Pavlos Fyssas. Ein Kadermann entzog sich dem Haftantritt durch Flucht. Einen weiteren Verurteilten konnte die Polizei nicht verhaften, weil er Europaparlamentarier ist und Immunität geniesst. Nur bei 12 der Verurteilten wurde die Strafe zur Bewährung ausgesetzt.

Diese Partei wird oft als rechtsextrem oder faschistisch bezeichnet. Das ist euphemistisch. Ich habe verschiedentlich, zum Beispiel hier, von diesem hässlichen braunen Original gewarnt, über das ich nicht „sine ira et studio“ schreiben kann und will. Die Zerschlagung von Chryssi Avgi ist für jeden Demokraten eine gute Nachricht.

Mit den Schleppern unter einer Decke

Bei Reisen nach Griechenland ist mir oft der schlechte Ruf einiger Nichtregierungsorganisationen (NGO) aufgefallen. Umweltorganisationen wurde bei einer Diskussion einmal vorgeworfen, sie würden illegal Wildtiere aussetzen. Ein anderes Mal sollen Flüchtlingsorganisationen mit Schlepperbanden unter einer Decke stecken. Ich habe das immer als dummes Zeugs abgetan und diese Geschichten Verschwörungstheoretikern zugeschrieben.

Nun hat sich aber leider gezeigt, dass das Letztere durchaus zutraf. Anfangs Oktober enthüllte der griechische Minister für Einwanderung und Asyl, Notis Mitarakis, was der griechische Geheimdienst im Rahmen der Operation „Alkmini“ herausgefunden hatte. Er berichtete, wie Mitglieder von vier NGOs (davon zwei aus Deutschland) entweder gegen Bezahlung oder ohne Bezahlung an einem Migrantenhandelsring teilgenommen haben. Es sollen Bürger aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Österreich, Norwegen und Bulgarien in den Fall verwickelt sein; mehrheitlich sind es deutsche Staatsbürger.

Die Sache wurde entdeckt, indem zwei Migranten sich durch die Schlapphüte einspannen und heimlich an die Küste des Nachbarlandes zurückschicken liessen. Die beiden kamen dann durch einen Flüchtlingshandelsring wieder nach Lesbos zurück. Sie fanden dabei heraus, dass die inkriminierten NGOs eine spezielle Telefon-Software nutzten, um die Arbeit der griechischen Küstenwache zu erschweren und Flüchtlingsbooten aus der Türkei einen Vorsprung bei der Einreise nach Griechenland zu verschaffen. Die Betreffenden sollen zum Beispiel Informationen über die Positionen der griechischen Küstenwache und Koordinaten möglicher Landungsabschnitte vor der Insel Lesbos an Schleuser in der Türkei geleitet haben. Offenbar haben diese vier NGOs auch die Kommunikation der griechischen Küstenwache abgehört.

Das Skandalöse an diesem Fall ist: Griechenland wird einerseits von Teilen der westeuropäischen Öffentlichkeit für seine angeblich unmenschliche Herangehensweise in der Flüchtlingskrise kritisiert, aber gleichzeitig alleingelassen. Andererseits gibt es europäische Staatsbürger, die als Mitarbeitende von NGOs sowohl im Rahmen dieser Flüchtlingspolitik tätig sind als auch diese aktiv unterlaufen. – Auch wohlmeinende NGOs können lange warten, bis sie wieder Zutritt in die ostägäischen Flüchtlingslager erhalten!

Ähnliche Artikel

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren