Lernen ist ein Bergaufprozess

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Lernen ist ein Bergaufprozess

Von Carl Bossard, 31.05.2020

Lernen sei etwas Leichtes, suggerieren IT-Konzerne. Lernen sei anstrengend, betonen Bildungsforscher. Wir folgen einem erprobten Lehrer und Kinderbuchautor auf dem stotzigen Weg zum „Bärenberg“.

Lernen kennt keine Autobahnen, keine asphaltierten Schnellstrassen und keine abgekürzten Routen oder gar Überholspuren. Da gelten Feldwege und da gehören Bergpfade dazu. Steile und oft steinige! Manchmal auch Unterholz und Dickicht. Und natürlich Irrwege und Umwege. Da gilt das Gelb der Wanderwege – und nicht das giftige Grün der Autobahnen.

Lernen ist harte Arbeit – das ist sein simples Geheimnis

Lernen erfordert Einsatz und Eifer, Energie und Ausdauer. Lernen ohne Disziplin und Durchhaltewillen geht nicht. Das wissen wir aus zahlreichen Studien in ganz unterschiedlichen Disziplinen. Man sehe sich beispielsweise ein Kleinkind an, wenn es laufen lernt. Immer und immer wieder fällt es hin. Das Baby versucht’s erneut. Unermüdlich. Bis es eines Tages stehen und gehen kann. Lernen ist harte Arbeit und anstrengend. Ohne dieses simple Geheimnis führt Lernen nicht zum Ziel. Es gilt fürs Physisch-Technische, es gilt fürs Geistig-Kreative.

Heute muss alles leicht gehen – und spielerisch. So propagieren es viele; so verkündet es auch die Digitalindustrie. Der Glaube ans Einfache und Leichte von Lernprozessen hält sich wie ein hartnäckiger Mythos. Die Suggestivkraft des Leichten wirkt verführerisch. Gerade junge Lehrerinnen und Lehrer erliegen nicht selten diesen ideologischen Sirenenklängen. Lernen so zu gestalten, dass es möglichst einfach geht und von den Kindern wenig fordert, so folgern sie fälschlicherweise. Das ist verhängnisvoll. Jedes kindliche Cerebrum will gefordert sein. Nur so entwickelt es sich.

„Kinder in Anspruch nehmen“ und sie herausfordern

Lernen hat mit dem Ausloten des eigenen Potenzials zu tun und mit der Frage, wo die eigenen (Leistungs-)Grenzen sind. Erfahrene Lehrerinnen und Lehrer wissen um diese Zusammenhänge. Sie wollen die „Kinder in Anspruch nehmen“, wollen sie herausfordern und so fördern, genau wie es der Philosoph und Pädagoge Eduard Spranger der Schule und den Lehrern ans Herz legte.

Zu diesen Pädagogen zählte auch der bekannte Schweizer Kinderbuchautor Max Bolliger (1929–2013). Geradezu sinnbildlich kommt dies in seiner Geschichte „Der Bärenberg“ zum Ausdruck. [1] Das Bilderbuch erzählt vom Aufbrechen und Weiterkommen, beleuchtet Zweifel und Zwiespalt, zeigt Zögern und Zaudern, widerspiegelt Wille und Widerstand – und das Glücksgefühl nach dem Durchhalten und der Ankunft auf dem Gipfel des Bärenbergs.

Bärenkräfte mobilisieren – gegen innere und äussere Widerstände

Die Geschichte geht so: Am Fuss eines hohen Berges stehen drei kleine Bären. Der Gipfel strahlt im Sonnenlicht. Die Sehnsucht packt sie. „Da hinauf wollen wir klettern!“, sagen sie zueinander und ziehen zügig los. Unterwegs trennen sie sich.

Der erste Bär geht voraus. Er kommt über lichte Wiesen und durchquert dunkle Waldpassagen. Der Weg wird steiler und steiler. Der Schweiss rinnt ihm von der Stirn. Doch er hält durch. Der Gipfel rückt näher; die Sicht aufs Ziel macht Kräfte frei. Da versperrt ihm ein Wolf den Weg.

Bild aus dem besprochenen Buch
Bild aus dem besprochenen Buch

Er fletscht mit den Zähnen und faucht: „Was willst du hier?“ „Ich will auf den Gipfel“, antwortet der kleine Bär. „Auf den Gipfel?“, höhnt der Wolf. „Nur wenn du stärker bist als ich!“ Der Bär fürchtet sich vor dem Wolf. Doch Umkehren kommt für ihn nicht in Frage; das Ziel liegt so nahe. Er stellt sich dem wilden Wolf. Je länger er mit ihm kämpft, desto mehr spürt er seine Bärenkräfte wachsen. Der kleine Bär gibt nicht nach, bis er das grosse Tier besiegt und der Wolf auf dem Rücken liegt. Nun ist der Weg zum Gipfel frei.

Durchhalten lohnt sich

Der zweite Bär kommt ebenfalls behände voran. Da versperrt ihm ein Tiger den Weg. Auch er ringt mit dem robusten Tier, mobilisiert seine Bärenkräfte und kämpft sich so den Pfad zur Bergspitze frei. Der dritte Bär aber sieht den Tiger von Weitem. Angst überkommt ihn; er kehrt um und rennt zurück.

Bild aus dem besprochenen Buch
Bild aus dem besprochenen Buch

Der erste und zweite Bär treffen sich auf dem Gipfel. Beide haben durchgehalten, ihr Ziel nie aus den Augen verloren und die Strapazen ausgehalten. Es hat sich gelohnt. Sie umarmen sich und staunen über das Panorama. Die Aussicht ist weiter und schöner, als sie es sich erträumt haben.

Eine Haltung des Durchhaltens vermitteln

Durchhalten im Ungewohnten, Durchstehen im ganz gewöhnlichen Schul- und Lebensalltag, Überwinden von Widerständen – dazu braucht es Kraft und Ausdauer. Lernen ist anstrengend; gerade darum macht es zufrieden.

Konsequenterweise besteht eine der wichtigsten Aufgaben der Lehrerinnen und Lehrer darin, eine positive Haltung gegenüber der Anstrengung vorzuleben, dies mit bewusstem Blick auf den Lernprozess ihrer Schülerinnen und Schüler. Gleichzeitig müssen sie diese Haltung den Lernenden auch vermitteln – nicht zuletzt als Kontrapunkt zur ständigen Botschaft der Technikkonzerne, dass die Digitalisierung das Lernen leichter mache.

Lernen möglichst herausfordernd gestalten

Diese Leichtigkeitsthese klingt schön, doch sie erweist sich als Illusion. Lern- und Verstehensprozesse lassen sich nicht wie eine Produktion lenken oder übers GPS steuern. Lernen ist kein linearer Ablauf; es verläuft divergent. Bildung im Allgemeinen und Lernen im Besonderen schreiten über Umwege und Irrwege voran. Lernen ist ein Bergaufprozess, teilweise auf verschlungenen Pfaden. Das aber will die vermeintliche Modernität des Digitalen nicht wahrhaben.

Darum kann es im Bildungsbereich nicht darum gehen, Lernen möglichst leichtzumachen. [2] Es muss darum gehen, Lernen möglichst herausfordernd zu gestalten. Die beiden Bären wissen, was das heisst.

[1] Der Bärenberg: Eine Geschichte von Max Bolliger und illustriert von Józef Wilkon. Zürich: Bohem Press, 1987.

[2] Klaus Zierer: Die Grammatik des Lernens, in: FAZ, 04.10.2018, S. 7.

Kommentare

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Ja, sehe ich ähnlich. Allerdings will mir diese Bärengeschicht nicht so recht gefallen. Das Element Kampf scheint da zu dominieren. Und wir brauchen heute andere Muster.

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