António Lobo Antunes zählte auch international zu den bekanntesten portugiesischen Schriftstellern. Sein Werk befasst sich mit persönlichen Traumata und mit den portugiesischen Kolonialkriegen in Afrika. Am Donnerstag ist Lobo Antunes gestorben.
Im frühen Herbst eines jeden Jahres blühen die Spekulationen darüber, wer wohl den Nobelpreis für Literatur bekommen könnte. Im Laufe der Jahre tippten Leute aus der Branche immer wieder auf den portugiesischen Romancier António Lobo Antunes als möglichen Gewinner. Als erster Autor der portugiesischen Sprache erhielt stattdessen sein Landsmann José Saramago (1922–2010) den begehrten Preis, das war 1998. Lobo Antunes, der auch im Ausland zu Portugals bekanntesten Literaturschaffenden zählt, ging leer aus – und wird eine solche Auszeichnung auch nicht mehr feiern können. Er ist am Donnerstag in Lissabon 83-jährig gestorben.
Schriftsteller und Psychiater
Nicht nur als Autor von 32 Romanen und fünf Bänden von eher kurzen Chroniken machte sich António Lobo Antunes (kurz auch ALA genannt), 1942 in Lissabon als Sohn eines Neurologen geboren und ältester von sechs Brüdern, einen Namen. Schon als Kind spürte er den Drang zum Schreiben, studierte nicht etwa Literatur, sondern Medizin, um sich auf die Psychiatrie zu konzentrieren. Zwischenmenschliche Probleme und Traumata wie auch familiäre Konflikte sind ein zentrales Thema seines Werkes. Wie ein roter Faden prägt vor allem aber auch seine Erfahrung als Arzt in Angola in den Jahren 1971–1973 sein Schaffen.
Seit 1961 tobte der Kolonialkrieg in Afrika, wo sich der faschistische Diktator Salazar an die dortigen Besitzungen klammerte. Immer mehr junge Männer fühlten sich wie Kanonenfutter für eine Sache, die nicht zu gewinnen war. Und viele von ihnen waren bei ihrer Rückkehr nicht mehr dieselben Menschen, die in den Krieg gezogen waren, sehr oft ohne zu ahnen, welche Gräuel und Schrecken sie in Angola, Guinea-Bissau der Moçambique erwarteten. Infolge des als Nelkenrevolution bekannten Militärcoups vom 25. April 1974, mit der eine 48-jährige faschistische Diktatur stürzte, endeten die Kriege in den Kolonien. Sie lebten in vielen Köpfen aber fort – auch in dem von Lobo Antunes.
Die Schwierigkeit, über den Krieg zu sprechen
Über den Krieg zu sprechen sei nicht einfach, sagte er einmal. Leichter als zu sprechen war für ihn das Schreiben. Um den Kolonialkrieg dreht sich einer seiner ersten Romane, «Os Cus de Judas» (die deutsche Übersetzung heisst «Der Judaskuss»). Immer wieder griff ALA dieses Thema auf und verarbeitete meist auch persönliche Erinnerungen, womit er letztlich auch an einem Tabu rüttelte.
Mit seinem Stil machte ALA dem Publikum die Lektüre aber alles andere als einfach. Eine portugiesische Bekannte des Schreibenden gestand nach der Lektüre etlicher Romane von Lobo Antunes, dass sie sich jedes Mal über den Stil ärgere, am Ende eines jeden Romans das Leseerlebnis aber als Gewinn empfinde. Sie schwärmte von eher poetischen Einlagen und konnte sich ALA einfach nicht abgewöhnen.
Schweigen und doch viel erzählen
Auch persönlich war Lobo Antunes nicht einfach. Er wirkte schüchtern und introvertiert, konnte aber auch ruppig sein. Vor rund dreissig Jahren führte der Schreibende mit ihm zwei lange Gespräche in einer Wohnung in Lissabon, wo er schrieb. Er schrieb stets auf Papier. Nach seinem Tod war zu lesen, dass er nie einen Computer benutzt habe, seine eigenen Werke vor der Veröffentlichung aber ständig umschreibe. Und da sass er, an einem kleinen Tisch mit einer gebrochenen Marmorplatte. An einer Wand klebten kleine Bilder von Spielern des Fussballclubs Benfica.
Im Gespräch hatte der Schreibende die Aufgabe, ALA für ein Interview mit einem deutschen TV-Sender über sein neuestes Buch zu gewinnen. «Wer sich für das Buch interessiert, kann es kaufen und lesen», sagte der Autor plump. Irgendwie kamen sich der Schreibende und der Schriftsteller aber näher. ALA erzählte ein wenig aus dem Krieg und von einer Freundschaft mit einem der Vordenker der Nelkenrevolution, dem als «Staatsbürger in Uniform» bekannten Major Ernesto Melo Antunes (1933–1999). In Angola hatten die beiden ihre schon bestehende Freundschaft vertieft. Nach dem Krieg kamen sie immer noch öfter zusammen. Er und sein langjähriger Freund sprächen bei ihren Treffen nur wenig, sagte ALA. «Aber danach habe ich immer das Gefühl, dass wir einander viel erzählt haben.» Lobo Antunes, eine Stimme der Stille.
Für Lobo Antunes war es schmerzhaft, dass 1998 sein Landsmann Saramago und nicht etwa er den Nobelpreis für Literatur bekam. An Auszeichnungen im Laufe seines Lebens fehlte es ihm aber nicht. Im Jahr 2022 erschien sein letzter Roman, «O tamanho do mundo» («Die Grösse der Welt»). Eine Zeitung rühmte den Autor, der laut Medienberichten zuletzt an Demenz litt und zurückgezogen lebte, nun als «Revolutionär» der portugiesischen Literatur. An diesem Samstag kommt er mit einer eintägigen Staatstrauer zu Ehren.