Mit diesem Artikel begrüssen wir Renate Flottau als neue Autorin von Journal 21. Die mit vielen Preisen ausgezeichnete Journalistin gehört zu den besten Kennerinnen des Balkans. Von 1985 bis 2009 war sie Kriegsreporterin und Balkan-Korrespondentin für den «Spiegel». Zuvor war sie Fernsehredaktorin für das Hessische Fernsehen und Korrespondentin für das ZDF.
Er ist allgegenwärtig – auf Anstecknadeln, Magnetknöpfen, T-Shirts und Schals, oder auf Postern mit blossem Oberkörper und hoch zu Ross. Wer durch die Belgrader Fussgängerzone Knez Mihailova entlang der mobilen Verkaufsstände und Kioske spaziert, der kann sich Vladimir Putin nicht entziehen und wird zumindest für einige Minuten in eine virtuelle Realität gebeamt, weit entfernt von jener Welt der Krisen, Existenzängste und politischen Querelen.
Putin ist mehr als nur der slawisch-orthodoxe Bruder. Er symbolisiert die Schutzmacht und den mächtigen Gegenspieler zum fordernden Westen, die Garantie für Souveränität und die traditionelle Verteidigung serbischer Werte. Für 70 Prozent der Serben ist er der beliebteste ausländische Politiker, «der beste und ehrlichste Verbündete» – im Gegensatz zur EU, die von einem Grossteil der Bevölkerung nur als heuchlerisch und arrogant wahrgenommen wird.
Die Kundschaft der Putin-Souvenirs ist breit gestreut. Es sind Jugendliche ebenso wie Frauen mittleren Alters, die mit glänzenden Augen ihr Idol anschmachten oder Männer mit der Šajkača, einer traditionellen Kappe, die Nationalstolz symbolisiert. Selbst die freizügige Muskelshow des mächtigen Herrschers aus dem Kreml wird dabei keineswegs als kitschig, sondern als Demonstration stolzer Männlichkeit wahrgenommen, vielleicht mit einem Hauch Schadenfreude darüber, dass die Mehrzahl westlicher Politiker in ähnlicher Pose kaum vermittelbar wäre.
Auch visuell wird dem serbischen Volk die slawische Seelenverwandtschaft präsentiert: Serbiens Herrscher Aleksandar Vučić in Moskau als Ehrengast neben Putin, bei russischen Militärparaden auf der VIP-Tribüne, bei der Dekorierung Putins mit Orden oder als Ehrenbürger einer Vielzahl von Gemeinden und Städten. Nicht umsonst ist schliesslich jeder Serbe mit dem Bonmot vertraut: «Wir und die Russen – 150 Millionen».
Wer allerdings hinter die Kulissen der innigen Liaison zwischen Belgrad und Moskau blickt, stösst auf recht turbulente Beziehungskrisen und vor allem auf eine Erkenntnis: Während im Volk meist Emotionalität dominierte, ging es Moskau stets um Geopolitik und Einfluss.
Zwischen Harmonie und Rosenkrieg
Bei der Unterstützung Serbiens gegen die Osmanen im 19. Jahrhundert ging es Russland vor allem darum, seinen Einfluss auf dem Balkan und den Zugang zum Mittelmeer zu sichern sowie eine Einigung der slawischen Völker unter russischer Dominanz herbeizuführen. Diesen Plan durchschaute Serbien schnell, als im Frieden von San Stefano zwar die Unabhängigkeit Serbiens bestätigt wurde, jedoch mit der Ausweitung Bulgariens bis zum Mittelmeer Russlands Vorherrschaft auf dem Balkan sich enorm steigerte.
Ähnliche Ziele verfolgte Zar Nikolaus II. im Ersten Weltkrieg beim Schutz Serbiens gegen die militärischen Grossmächte der Habsburger Monarchie und des Deutschen Kaiserreichs: Die geopolitische Orientierung des russischen Kaiserreichs überwog auch hier das orthodoxe Narrativ.
Nach der russischen Revolution 1917 lagen die Beziehungen ohnehin auf Eis – das Königreich Jugoslawien agierte streng antikommunistisch. Und auch der Honeymoon im Zweiten Weltkrieg, als Titos Partisanen mit Hilfe der Roten Armee Belgrad von der Umklammerung der Nazis befreiten, währte nur bis 1948.
Der Zickzackkurs in den russisch-serbischen Beziehungen setzte sich 1948 fort, als Tito überraschend und für den Westen sensationell mit Stalin brach. Die Bevölkerung musste sich buchstäblich über Nacht von «Väterchen Stalin» verabschieden und diesen zum Massenmörder und Staatsfeind Nummer eins dämonisieren. Wer trotzdem weiter mit dem Sowjetherrscher sympathisierte, riskierte in diesen Jahren die Verbannung auf Titos Strafgefangeneninsel Goli Otok.
Für das Risiko, nach seinem Bruch mit Moskau von Stalins Mördern liquidiert zu werden oder Jugoslawien einem Angriff der Sowjetarmee auszuliefern, wurde Tito allerdings mit einem wahren Goldregen belohnt. Er wurde zum Lieblingskommunisten der westlichen Welt und von westlichen Politikern mit ausgerolltem rotem Teppich empfangen. Die USA liessen sich Titos Abspaltung vom Komintern-Bündnis Milliarden Dollar kosten, politische Subventionen, die der jugoslawischen Bevölkerung ein Wirtschaftswunder vorgaukelten – verglichen mit den im Zwangskorsett der Sowjetmacht verbliebenen Satellitenstaaten.
Die Goldtaler wurden auch weiter ausgeschüttet, als der neue sowjetische Kommunistenchef Nikita Chruschtschow am 26. Mai 1955 im Büssergewand nach Belgrad reiste und sich für die voreilige Kritik Stalins entschuldigte. Tito verzieh grossmütig, gelobte fürderhin grössere Distanz zum Westen und kassierte anschliessend doppelt: Neben Dollar trafen jetzt auch Rubel und Waffen aus Moskau ein, um eine mögliche Nato-Mitgliedschaft Jugoslawiens zu verhindern.
Der ab den 90er Jahren beginnende Zerfall Jugoslawiens hatte zwar in Washington Widerstand ausgelöst, im Kreml aber aufgrund der eigenen Probleme um die Auflösung des Sowjetimperiums nur geringe Aufmerksamkeit hervorgerufen. Die Pläne des 1989 in Serbien zum Präsidenten gewählten Diktators Slobodan Milošević, mit Hilfe Moskaus seine grossserbischen Ambitionen zu realisieren, zählten jedenfalls nicht zur Priorität der damaligen Sowjetführung. Deren rhetorische Unterstützungsappelle wirkten zwar in der Wortwahl bombastisch, blieben jedoch stets weit hinter den von Belgrad erhofften Taten zurück.
Milošević: Armselige Russen. Jelzin: Der zynischste Mensch, den ich getroffen habe …
Ein kleiner Rückblick auf diese Jahre: Als im März 1991 Jugoslawiens russophiler Verteidigungsminister Veljko Kadijević in einer Nacht- und Nebelaktion inkognito nach Moskau gejettet war, um seinen sowjetischen Kollegen Dmitri Jasow um Unterstützung bei einem Putsch gegen die abtrennungswilligen Republiken Kroatien und Slowenien zu bitten bzw. ihn im Falle einer Intervention des Westens zum militärischen Eingreifen zu überreden, stiess er auf taube Ohren und ein kategorisches «net». Desillusioniert hatte Kadijević anschliessend auf einen Putsch verzichtet. Heute gilt als sicher, dass dessen Ziel damals die Konfrontation der Sowjetunion mit der Nato mit einer anschliessenden Neuaufteilung der Einflusssphären gewesen war – mit Jugoslawien innerhalb eines russisch/sowjetischen Imperiums.
Am 7. Oktober 1991 hatte Sowjetpräsident Gorbatschow laut Aufzeichnungen des ehemaligen Tudjman-Beraters Nobilo Kroatiens Führung vor einem geplanten Angriff der jugoslawischen Armee gewarnt. Kadijević hatte in seiner Unterwürfigkeit gegenüber Moskau Gorbatschow vorab informiert, dass er mit der Bombardierung von Tudjmans Präsidentenpalast auch den kroatischen Präsidenten selbst eliminieren wolle. Gorbatschows mangelnde Sympathie für Serbien mag nachvollziehbar sein, da zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal zwei Monate vergangen waren, seit die jugoslawische Armeeführung am 19. August 1991 bereits den sowjetischen Putschisten, welche Gorbatschow stürzen wollten, voreilig telegrafische Glückwünsche zu ihrem Erfolg übermittelt und mit Champagner das Ende der Gorbatschow-Ära angestossen hatten. Die alte Kommunisten-Riege innerhalb der jugoslawischen Armee hatte sich 1990 nur schwer mit der von Milošević veranlassten Umwandlung der Kommunistischen Partei in eine Sozialistische Partei abgefunden.
Mit dem Zerfall der Sowjetunion Ende 1991 und der Machtübernahme Jelzins in Russland entwickelte sich die serbisch-russische Freundschaft weiter in diametralen Parametern: Hardliner in der russischen Armee und die Kommunisten der Duma unterstützten Miloševićs Kriegspolitik und dessen Forderung nach einem Kriegseintritt Russlands an serbischer Seite – Jelzin und sein langjähriger Aussenminister Andrei Kosyrew bevorzugten dagegen gute Kontakte zum Westen.
Seit 1993, schreibt Jelzin in seinen Memoiren (Mitternachtstagebuch – «Meine Jahre im Kreml») habe Milošević darauf gedrängt, das technisch hochentwickelte Antiflugabwehrsystems S 300 von Russland zu erhalten – dies sogar noch kurz vor Ende der Nato-Bombardierung 1999 – er habe jedoch auf seinem «net» beharrt. In einem Telefon mit US-Präsident Clinton weist Jelzin darauf hin, ... «er habe Milošević auch während der 78-tägigen Nato-Bombardierung eindringlich gewarnt, dass er von Russland keinerlei militärische Hilfen erwarten könne» – was aus Sicht zahlreicher Beobachter auch dessen damalige Kapitualtion entschieden habe. Und wieder lag Belgrads Hoffnung auf einem Putsch – diesmal zur Entmachtung Jelzins.
Die Hardliner innerhalb der russischen Armee hatten sich bereits in der Vergangenheit wesentlich kooperativer bei illegalen Waffenlieferungen an die Serben bewiesen. Und Serbiens Bevölkerung? Wer während dieser Epoche Bruder Russland erwähnte, erntete kaum mehr als verächtliches Schulterzucken. Selbst die Medien zögerten nicht, den Slawenbruder mit Attributen wie «Verräter» oder «Pudel des Westens» zu betiteln. Milošević sah es ähnlich und wütete über die «nutzlosen Brüder» aus Moskau während der Verhandlungen zum Friedensabkommen über den Kosovo: «Schande über die Russen. Sie demütigen sich selbst, Tag für Tag. Wenn sie nicht wenigstens 10’000 Mann in den Kosovo schicken, sind sie erbärmlich. Sie haben weniger für uns getan als das Haar in der Suppe.» (Original-Aufzeichnung, veröffentlicht von Vladan Vlajkovic-Viraga «Vojna tajna»). Was allerdings Miloševićs erzkommunistische Ehefrau, die Professorin Mirjana Marković, nicht davon abhielt, 2003 in Russland politisches Asyl zu suchen und Sohn Marko zwei Tage nach dem Sturz seines Vaters im Oktober 2000 laut dem damaligen Innenminister Dusan Mihajlović mit 2 Millionen DM Taschengeld im Gepäck im Flieger nach Moskau brauste.
Und wie dachte Russlands Präsident Boris Jelzin über Milosević? «Er war absolut prinzipienlos und setzte bei seiner Beziehung zu Russland vor allem auf die Eskalation der Unzufriedenheit der Russen mit meiner Aussenpolitik, auf die Spaltung unserer Gesellschaft und darauf, Russland in eine politische und militärische Konfrontation mit den westlichen Ländern zu treiben», schreibt Jelzin in seinem «Mitternachtstagebuch». Er habe jedenfalls noch keinen Politiker kennengelernt, der so zynisch wie Milosević agiert habe. Jelzins öffentliche Drohungen an den Westen hatte dieser gegenüber dem damaligen US-Präsidenten Clinton mit dem Druck der Duma-Nationalisten, der Gefahr seines eigenen Sturzes und der Solidarität der russischen Bevölkerung mit den «armen Serben» begründet. Was Jelzin damals zusätzlich zur Zurückhaltung mahnte, waren sicher auch Kreditversprechungen des Westens für die marode russische Wirtschaft.
Endlich wieder Bruderliebe: Putins Schutzschirm – mit Auflagen
Die zerstörte Romantik aufrichtiger Bruderliebe änderte sich erst wieder mit Putins Machtübernahme. Der grosse Bruder war wieder zum Leben erwacht, die Brandmauer zum fordernden Westen erneut hochgezogen, der orthodoxe Seelenverwandte hatte wieder die Rolle des Schutzpatrons übernommen und das Selbstbewusstsein der Nation gestärkt. Mit Fingerzeig auf Moskau konnte auch Serbiens Präsident Vučić wieder den «Tito-Joker» aus dem Ärmel ziehen und der EU signalisieren, man besitze bei hartnäckigem Beharren Brüssels auf inakzeptable Reformen schliesslich auch eine lukrative Alternative.
Allerdings hatte auch Putin – wie seine historischen Vorgänger – nie Zweifel an seiner Auslegung der Freundschaftsbande zu Belgrad gelassen. Diese müssten zum gegenseitigen Vorteil sein – im Trumpschen Jargon ein «Deal», in der Praxis Erpressung. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow nannte es «eine für beide Seiten vorteilhafte bilaterale Zusammenarbeit unter Verbündeten».
Russland deckte bis Ende 2025 Serbiens Gasbedarf zu 90 Prozent, und dies mit günstigen Konditionen, während der Anteil der Ölimporte aus Russland von 50 Prozent im Jahr 2021 wegen der Sanktionen bis Ende 2022 auf nahezu Null fiel und durch Importe aus dem Irak, Kasachstan und Aserbaidschan ersetzt wurde. Allerdings besass Moskau bisher auch weiter dank seiner 56-prozentigen Beteiligung an der serbischen Raffinerie in Pančevo die Kontrolle über den serbischen Ölsektor.
Insgesamt ist Russlands Anteil am serbischen Aussenhandel allerdings mit kaum mehr als vier Prozent unbedeutend und überwiegend auf Rüstungsgüter und den Energiesektor beschränkt. An Lebensmittellieferungen aus Serbien, früher ein lukrativer Faktor serbischer Exporte auf den russischen Markt, ist man im Kreml ausser geringen Kontingenten von Äpfeln kaum noch interessiert – die Qualität sei zu schlecht.
Nicht minder wichtig war und ist für Belgrad allerdings Putins Zusage eines russischen Vetos im UN-Sicherheitsrat, falls dort mit einer neuen Resolution die Legalisierung der 2008 vom Kosovo ausgerufenen Unabhängigkeit zur Debatte stehen würde. Die immer noch gültige Resolution 1244 aus dem Jahr 1999 hatte die ehemalige serbische Provinz Kosovo noch als Teil Jugoslawiens aufgeführt – was Serbien als Nachfolgestaat Jugoslawiens bis heute veranlasst, auf den Kosovo als Teil seines Territoriums zu pochen. Eine freiwillige Aufgabe der einstigen Provinz, die von vielen Serben als ihr Mutterland mystifiziert wird, würde vermutlich auch Vučić vom Thron der Herrschaft stossen.
Die in Serbien überaus mächtige und einflussreiche orthodoxe Kirche hatte bereits angekündigt, einen solchen Schritt als Hochverrat zu geisseln und Serbiens Radikale und Nationalisten würden notfalls mit dem Teufel koalieren, um Vučić in diesem Fall zu stürzen. Auch Putin weiss genau: Solange die Kosovo-Frage nicht gelöst ist, wird Serbien kein EU-Mitglied und muss sich Moskaus Wünschen anpassen.
Wie teuer Moskau sein Veto verkauft, hatte sich bereits angedeutet, als vor einigen Monaten bekannt wurde, dass eine serbische Rüstungsfirma die Ukraine mit Waffen beliefert hatte. Selbst die Beteuerung des serbischen Präsidenten, er könne schliesslich nicht alle Geschäfts- und Handelsbeziehungen im Land kontrollieren, hatte die Wogen russischen Unmuts nicht wieder glätten können. Putins postwendende Drohung, man könne auch bisherige Zusagen «überdenken», hatte dem Regime in Belgrad schnell vor Augen geführt, dass aussenpolitische Eskapaden und autonome Entscheidungen in Moskau nicht akzeptiert werden.
Serbiens Neutralität sei der Grundstein der Beziehungen zu Moskau; damit hatte Putin wiederholt die Grenzen slawischer Bruderschaft abgesteckt. Russlands Botschafter in Belgrad, Aleksandar Botsan-Kharchenko, hatte in diesen Tagen die Botschaft noch klarer formuliert: «Sollte Serbien sich jemals Sanktionen gegen Russland anschliessen, sei die gegenseitige Zusammenarbeit beendet.» Bislang hatte Serbien eine entsprechende Forderung Brüssels kategorisch abgelehnt: Man werde weder jetzt noch in Zukunft Sanktionen gegen Russland zustimmen, selbst wenn daran eine künftige EU-Mitgliedschaft scheitern sollte. Ein Kurs, den 80 Prozent der Serben unterstützen.
Für Moskau zahlt sich die Rolle als serbischer Schutzpatron zweifellos aus. Der russische Bär steht mit einer seiner Pfoten im Zentrum des Balkans und kann dort auf einen willigen Advokaten seiner Interessen bauen Die polarisierten serbischen Medien spiegeln unzensiert antiwestliche Rhetorik des Kremls wieder, was auch einige Nachbarstaaten für russische Propaganda anfällig macht. Die Zahl der dortigen «Putin-Versteher» ist jedenfalls am Wachsen. Serbien ist auch das einzige Land in der Region, in welchem russische Staatsmedien wie etwa der Propagandasender «Sputnik» (übersetzt ins Serbische) oder «RT Balkan» völlig unbehindert verbreitet werden können.
Die Bandbreite serbischer Dankbarkeit im Sinne slawischer Bruderliebe ist damit aber bei weitem nicht erschöpft. Glaubt man westlichen Geheimdiensten, dann wird vom Flughafen Niš in Südserbien auch der gesamte Balkan vom russischen Geheimdienst überwacht. Die 2012 vom damaligen serbischen Präsidenten Boris Tadić genehmigte Gründung eines «russisch-serbischen humanitären Zentrums» (RSHC) am Rande von Niš, die sich angeblich auf Katastrophenvorbeugung und Naturkatastrophen konzentriert, sei nichts anderes als eine russische Spionagebasis, behaupten westliche Sicherheitsexperten.
Russland hatte sogar gefordert, den Angestellten des Zentrums Diplomatenstatus einzuräumen, was Washington zu der Vermutung veranlasste, dass dort womöglich ausser einem Spionagezentrum auch eine künftige Militärbasis geplant sei. Zu den erhofften Diplomatenpässen war es dann jedoch aufgrund westlichen Drucks nicht gekommen. Hinter dem RSHC steckt eine Organisation, in der sich im Kalten Krieg zahlreiche kommunistisch orientierte Staaten zusammenfanden: Die ICDO (Internationale Organisation für Zivilschutz) mit Sitz in der Schweiz. Zu ihren Mitgliedern zählen kaum westliche Staaten, dafür aber Russland, China und einige afrikanische Länder.
Der ewige EU-Kandidat
Unsere Zukunft liegt in der EU, wiederholt Vučić seit Jahren gebetsmühlenartig und meint damit zweifellos nicht die emotionale, sondern die wirtschaftliche Notwendigkeit einer Anbindung Serbiens an den europäischen Markt. Das Land wickelt derzeit mehr als 60 Prozent seines Aussenhandels mit Ländern der EU ab, weitere 10 bis 11 Prozent mit China und nur einen einstelligen, vornehmlich auf Energie und Waffen beschränkten Prozentsatz mit Russland.
Doch die 2013 von allen übrigen EU-Mitgliedern bestätigte Ratifizierung des serbischen EU-Aufnahmeantrags liegt seither auf Eis. Von 35 erforderlichen Kapiteln sind gerade mal zwei vorläufig abgeschlossen, 22 eröffnet (das letzte 2021) und 13 noch unangetastet. In Belgrad will man sich von Brüssel weder ein Diktat über die eigene Innenpolitik noch Solidarität bei der Aussenpolitik aufdrücken lassen. Da ein Grossteil der serbischen Bevölkerung ohnehin überzeugt ist, Brüssel wolle in Wirklichkeit Serbien gar nicht in der EU sehen, sank auch die Zustimmung gegenüber der EU von ehemals über 50 auf mittlerweile etwas mehr als 35 Prozent, die niedrigste Zustimmungsrate aller Beitrittskandidaten.
Allerdings hatte auch der in Belgrads Führung wie beim Volk populäre «Russland-Joker» im Falle europäischen Liebesentzugs für fatale Nebeneffekte bei den Entscheidungsträgern in Brüssel gesorgt.
Aus Angst, das Ziel einer Integration des gesamten Westbalkans zu gefährden und Belgrad in die Arme von Putins Imperium zu treiben, waren Vertreter Brüssels jahrelang nach Serbien gepilgert und hatten dort Reformen gepriesen, die es in Wirklichkeit nie gab und wider besseres Wissen auf das Wunder eines Bewusstseinswandels der Reformgegner gehofft.
Das Gegenteil war der Fall: Serbiens Justiz ist nach wie vor nicht unabhängig. Hunderte Richter demonstrieren seit Wochen gegen die Einmischung der Politik. Die Medien werden mit regimekonformen Direktoren besetzt, welche russische Propaganda bevorzugen. Sanktionen gegen Russland werden – trotz Serbiens Verurteilung der russischen Intervention in der Ukraine – nicht nur abgelehnt, sondern auch für alle Zukunft ausgeschlossen; ein Affront, den Brüssel abwechselnd ignoriert oder schweigend toleriert. Im Korruptionsindex von Transparency International steht Serbien auf Platz 116 von insgesamt 180 untersuchten Ländern – eine konstante Verschlechterung über Jahre hinweg und negativer als alle Nachbarstaaten.
Zukunftsinvestitionen oder ein Fass ohne Boden?
Trotzdem fliessen auch weiter Milliardenzuschüsse aus der EU in Belgrader Kassen zur Unterstützung vermeintlicher Reformen: Seit 2000 hat Serbien etwa vier bis fünf Milliarden Euro nicht rückzahlbarer Hilfen erhalten, überwiegend aus den IPA-Heranführungshilfe-Programmen. Dazu kamen 72 Millionen Euro aus einem Solidaritätsfond und 165 Millionen Euro als Soforthilfe aufgrund der Energiekrise 2023. Ein aktueller Wachstumsplan sieht für den Zeitraum 2024–2027 weitere sechs Milliarden Euro für den Westbalkan vor, davon zwei Milliarden als direkte Zuschüsse und vier Milliarden als zinsgünstige Darlehen. Für den IPA-III-Plan von 2021 bis 2027 sind insgesamt 14 Milliarden Euro für den Westbalkan geplant, wovon Serbien erneut den grössten Einzelanteil erhalten soll.
Die meisten Hilfsprogramme sind für Reformen von Justiz, Verwaltung, Umwelt, Digitalisierung und Grenzpolitik vorgesehen. Dazu kommen weitere vergünstigte Kredite der Europäischen Investitionsbank EIB, welche 2025 achthundert Millionen Euro für den Westbalkan bereitstellte. Ein erheblicher Teil davon wird ebenfalls an Serbien ausgeschüttet. Da die jeweiligen Unterstützungsprogramme teils parallel laufen und auf unterschiedliche Balkanstaaten aufgeteilt werden, ist eine exakte Erfassung der genauen Zuschüsse kaum möglich.
Was weitere Direktinvestitionen der EU in Serbien betrifft, so werden diese mit etwa 13 Milliarden Euro für den Zeitraum 2013–2023 veranschlagt. Russlands finanzielle Unterstützung für Serbien ist dagegen nahezu inexistent. China gewährt der serbischen Wirtschaft zwar hohe Kredite – allerdings hochverzinst und im wesentlichen für Projekte mit chinesischer Beteiligung.
Mittlerweile regt sich in Brüssel Unmut über das vermeintliche Fass ohne Boden, mit welchem ein EU-Anwärter subventioniert wird, der sich zwar wirtschaftliche Privilegien erhofft, jedoch keine Bereitschaft erkennen lässt, die für einen Beitritt nötigen EU-Richtlinien zu akzeptieren. Immer mehr aufgebrachte EU-Parlamentarier wollen dem Buhlen Brüssels um die Gunst eines unwilligen Kandidaten ein Ende setzen und fordern, Serbien aus der Liste der EU-Kandidaten völlig zu streichen. Das EU-Parlament hatte schon zweimal versucht, mit einer Resolution die Beitrittsverhandlungen Serbiens zur Europäischen Union auszusetzen.
Wer indes erwartet hatte, dass Serbiens Präsident Vučić auf diese Drohung mit Einsicht oder gelobter Besserung reagierten würde, der irrt: Was folgte, waren wüsteste Beschimpfungen und Beleidigungen über die Inquisitoren und Erpresser der westlichen Politik. Der Beifall Moskaus war ihm daraufhin zumindest sicher.
Ein Balkan ohne Grenzen – aber mit einer abgeschotteten Serbeninsel?
Lässt sich bei der Integration des Westbalkans die Tür zu Serbien tatsächlich zuknallen? Zweifellos könnte sich Serbien bei einer tatsächlichen Isolation innerhalb einer Balkan-EU revanchieren, etwa mit verzögerter Grenzabfertigung zur Sommerzeit und kilometerlangen Warteschlangen oder hohen Gebühren und administrativen Schikanen bei Transiten durch Serbien. Den auch für Brüssel schmerzhaften Erpressungsmöglichkeiten wären letztlich keine Grenzen gesetzt.
Wie paradox Serbiens Beziehungen zur europäischen Gemeinschaft tatsächlich sind, zeigt sich in einer Umfrage. 60 Prozent der Bevölkerung räumten ein, sie würden ihre Kinder lieber in der EU als in Russland ausbilden. 80 Prozent würden im Fall einer Auswanderung Deutschland, Österreich oder die Schweiz bevorzugen – eine neue Heimat in Russland zu suchen, hatte dagegen niemand im Plan. Die Menschen lebten, wie ein Beobachter kommentierte, wirtschaftlich in der europäischen Realität, ihre Seelen fänden sie dagegen in Russland wieder. Putins Konterfei wird auch weiter in emotionaler Verherrlichung den Belgradern von Verkaufsständen und Schaufensterauslagen die Illusion des grossen Bruders vermitteln, oder um es mit Johann Wolfgang von Goethe auszudrücken: Die Geister, die man rief, wird man nun nicht mehr los.
Nur nicht Washington verärgern
Die EU ist der Hund, der bellt – aber nicht beisst. Mit Washington legt man sich dagegen besser nicht an, da ist Kooperation alternativlos. Das weiss auch die Belgrader Führung. Als die USA im Oktober 2025 Sanktionen gegen russische Beteiligungen in Serbien verhängten, allem voran gegen die serbische Ölraffinerie NIS in Pančevo (Vojvodina) mit 56-prozentiger Beteiligung des russischen Konzerns Gazprom und Gazprom Neft, hatte Serbiens Präsident nicht gezögert, sondern auf die gegenüber Brüssel obligatorischen Wuttiraden verzichtet und sofort seinen engen Freund Viktor Orbán aus Ungarn kontaktiert. Der ungarische MOL-Konzern soll nun bis zum Ablauf des US-Ultimatums Ende März 2026 für rund eine Million Euro die 56 Prozent russischer Anteile an der Raffinerie NIS übernehmen. Damit wäre den US-Forderungen nach Entrussifizierung des Mineralölunternehmens Genüge geleistet und angedrohte Sanktionen verhindert worden.
Allerdings hatte Trump auch nicht versäumt, im Rahmen der «Neuorganisation künftiger Energiequellen» zahlreiche Balkanstaaten auch gleich an die Abnahme amerikanischen LNG-Flüssiggases zu binden. Serbien soll künftig vor allem LNG-Flüssiggas via den Interkonnektor in Bulgarien beziehen. Über diesen erfolgt dann der Zugang zum LNG-Terminal im griechischen Alexandroupolis, wo bereits eine Kapazität von 300 Millionen Kubikmeter pro Jahr für Serbien reserviert ist.
Weitere Lieferungen sollen über das Terminal auf der kroatischen Insel Krk mit einer jährlichen Kapazität von 6,1 Milliarden Kubikmeter abgewickelt werden. Auch Bosnien, welches derzeit 100 Prozent seines Gasverbrauchs aus Russland bezieht (jedoch aus politischen Gründen mit keinen Sanktionen belegt wurde), wird künftig in die Versorgung via Krk einbezogen.
Hauptlieferant für beide Terminals werden vermutlich die USA sein, für den Rest waren bisher Aserbaidschan und Länder des Nahen Ostens eingeplant – doch mit dem Irankrieg könnten die USA ihr Monopol jetzt noch erheblich ausweiten. Serbien hat zwar bisher nur einem «strategischen Energieabkommen» mit den USA zugestimmt – erneut mit Rücksicht auf Russlands Befindlichkeiten. Ein Exklusivvertrag über die Abnahme amerikanischen Flüssiggases hätte aus Belgrader Sicht das Freundschaftsverhältnis mit Moskau zu sehr belastet.
Die energiepolitische Pendelsituation könnte sich allerdings schneller als erwartet ändern. Der Irankrieg und Putins Ankündigung, man werde Gas- und Öllieferungen an Europa möglicherweise in Zukunft in Eigeninitiative stoppen, könnte auch Serbiens energiepolitischem Schwenk Richtung USA den Turbo verleihen.
Wie lange sich der Balanceakt für Serbien auf dem Drahtseil zwischen Moskau, Brüssel und Washington noch aufrechterhalten lässt, ist fraglich. Der Manövrierraum wird jedenfalls enger. Moskau wird die slawische Bruderschaft über kurz oder lang einer neuen Bilanzierung von Gewinn und Verlust unterziehen und in der Drohkulisse gegenüber Brüssel seine Zündkraft einbüssen. Serbiens «Blockfreiheit» wird sich dann immer schwieriger gestalten und eine Entscheidung erfordern. Trump könnte auf der Suche nach einer neuen Nobelpreis-verdächtigen Friedensmission womöglich den Kosovo entdecken und nach «Ukrainekonzept» dessen Teilung vorschlagen. Aber auch Brüssel wird, will es nicht in Bürokratismus versinken, irgendwann eine politische Frischzellenkur nicht mehr vermeiden können.
Serbien hat mittlerweile einen letzten Versuch unternommen, die Ost-West-Balance auch in Zukunft unbeschadet zu erhalten. Es werde auf sein Vetorecht bei EU-Entscheidungen verzichten, lautet der Vorschlag an Brüssel, wenn im Gegenzug eine schnelle Aufnahme in die Gemeinschaft gewährleistet werde. Unterstützt wird es dabei von Albanien, das sich der serbischen Offerte anschliesst und ebenfalls auf diese Weise seinen eigenen EU-Anschluss beschleunigen will. Als Brüssler Gegenleistung erwartet Belgrad Toleranz hinsichtlich seiner engen Beziehungen zu Moskau. Dass das Arrangement auch militärische Neutralität im Falle eines möglichen, bewaffneten Konflikts mit Russland einschliessen würde, ergibt sich von selbst – sozusagen eine EU-Mitgliedschaft mit Schweizer Privilegien.
Die Reaktionen aus Brüssel sind bisher verhalten bis negativ. Man fürchtet dort vor allem, dass ein Aufweichen der EU-Konditionen nicht allein das Europa-Management infrage stellen sondern vor allem eine Stärkung der Rebellenfraktion in der EU nach sich ziehen würde. Schon jetzt zählt EU-Schreck Orbán zu den engsten Verbündeten Vučićs. Der slowakische Premier Robert Fico gilt als pro-russisch und falls der ebenfalls EU-kritische ehemalige bulgarische Präsident Rumen Radev mit seiner neu gegründeten Partei bei den April-Wahlen als Sieger hervorgeht, könnte dies weitere EU-Mitglieder ermutigen, die Brüssler Bürokratie und ihre Entscheidungen nicht mehr allein um des Konsenses willen durchzuwinken. Damit wäre Putins Ziel, die EU zu spalten, nahezu erreicht.