Meinrad Inglin sollte Uhrmacher lernen und wurde gegen alle Widerstände und Selbstzweifel Schriftsteller. Mit dem Roman «Schweizerspiegel» zeichnete er 1938 am Vorabend des Zweiten Weltkriegs das Bild der Schweiz im Ersten Weltkrieg. Jetzt erklärt Inglins ausführlich kommentiertes Tagebuch aus den Jahren 1913 bis 1920, wie er zu einem der bedeutendsten Schweizer Erzähler der Zwischenkriegszeit wurde.
Der wichtigste Anstoss kommt in einem Brief von einem seiner ehemaligen Lehrer aus dem Kollegium Maria Hilf in Schwyz, wo Meinrad Inglin mit seinen Leistungen nicht gerade geglänzt hat. «Du hast bisher, dem Rate Deiner sel. Eltern und des Vormundes folgend, mehr instinktiv als reflexiv, verschiedene Lebensrichtungen eingeschlagen, Deine wachsende Sehnsucht und Deinen inneren Drang fast gewaltsam niedergehalten, wider alle Hoffnung gehofft – aber Dein Glück nicht gefunden», schreibt ihm am 22. August 1911 der Deutsch- und Philosophielehrer Dominik Abury. Denn weder das aus familiären Gründen erlernte Uhrmacher-Handwerk, noch die mit der Aussicht aufs Hotelgewerbe geleistete Arbeit als Kellner geben dem jungen Mann mit Jahrgang 1893, was er eigentlich im Leben sucht. Den Lehrer von einst erstaunt das nicht. «Meine feste Überzeugung war’s und ist’s, dass Du zu Höherem geboren bist», schreibt Abury.
Der junge Mann empfindet es auch so. Er spürt, dass er bisher die falschen Berufe ins Auge gefasst hat. Und so wendet sich Meinrad Inglin, dessen Eltern früh verstorben sind, wenige Tage später an die Familienangehörigen in Schwyz, und parallel dazu auch an seinen Vormund. «Ihr wisst, ich hatte von frühester Jugend auf immer eine Liebe zur Musik, später zu Poesie, Literatur und Kunst», erklärt er. Dort, so sei es seine «innerste heiligste Überzeugung», liege seine Zukunft, und deshalb werde er schon bald ein Studium an der Universität Zürich beginnen.
Inglins tiefe Liebe zur Natur
Was nun geschieht, zeigt jenes Tagebuch aus den Jahren 1913 bis 1920, das Daniel Annen jetzt im Chronos-Verlag herausgegeben und mit einem informativen Nachwort versehen hat, das den Lebensweg eines der bedeutendsten Schweizer Schriftsteller der Zwischenkriegszeit nachzeichnet. Dessen Werk vermag noch heute zu faszinieren. Zum Beispiel den heute in Zürich lebenden Schriftsteller und Übersetzer Usama Al Shamani, der es an der Universität Bagdad kennengelernt hat. «Auf der sprachlichen Ebene fasziniert mich seine Poesie», sagt er aus Anlass von Inglins 50. Todestag im Jahr 2021 gegenüber dem Schweizer Radio und Fernsehen. Und «auf der thematischen Ebene sind dies die Liebe seiner Protagonisten zur Natur sowie der leise Humor und die feinen, märchenhaften Elemente, die er raffiniert ins Gewebe seiner Texte flicht.»
Inglins Themen – Krieg, Liebe, Heimat und Natur – seien weiterhin aktuell, sagt Al Shamani, und empfiehlt als Einstieg in die Inglin-Lektüre den Erzählband «Schneesturm im Hochsommer». «Schweizerspiegel», Inglins wichtigstes, 1938 erschienenes Hauptwerk, schildere mit den Jahren der Grenzbesetzung im Ersten Weltkrieg und dem Landesstreik 1918 einen Epochenwandel, der Roman gleiche einem grossen Gemälde, das sämtliche Schichten der Gesellschaft umfasse. «Inglin schildert eine Gemeinschaft, die von aussen bedroht wird, zwischen Spaltung und Solidarität», erklärt Al Shamani. «Wir leben im Paradies, mein Lieber!», erklärt einer der Protagonisten dort. «Aber dieses Paradies stinkt zum Himmel, und wer eine etwas feinere Nase hat, der hält es nicht mehr aus.»
Die Geschichte seiner Jugend als Idee
Obwohl 1922 schon sein erster Roman, «Die Welt in Ingoldau», in der er eine freiere, offenere Gesellschaft propagiert, in der engeren Heimat einen Skandal auslöst und ihn zeitweise von dort vertreibt, hat Meinrad Inglin den Grossteil seines Lebens in Schwyz verbracht, wo in der Kantonsbibliothek auch sein Nachlass liegt. Dort finden sich auch jene Tagebuchnotizen, die er sich zwischen 1913 und 1920 macht, und die er dann durchstreicht, wenn er sie später irgendwo verwendet – vor allem im stark autobiografisch geprägten, erst 1949 erschienen Roman «Werner Amberg». «Es drängt mich ausserordentlich, meine reiche Jugend künstlerisch zu gestalten», notiert er schon am 7. März 1914, «nur bin ich mir noch nicht klar, ob ich einfach naiv gestalten und erzählen oder ob ich die Geschichte meiner Jugend einer bestimmten Grundidee dienstbar machen soll.»
Mit einer Art Selbstermutigung eröffnet Meinrad Inglin sein Tagebuch: «Es kommt nicht nur auf das Talent an, sondern auch auf den Willen, der dahinter wirkt.» Er zitiert aus den Briefen des zwanzigjährigen Emile Zola, und stellt fest, dass sich dessen Wesen mit seiner eigenen Natur decke: «Dieselbe unsichere brotlose Lebenseinstellung, dieselbe Verachtung des Herdenmenschen und Positionsjägers, dasselbe Einsamkeitsgefühl inmitten einer Menge seelenloser Maschinen, dieselben inneren Konflikte».
Inglin skizziert Stoffe, in denen es um die Befreiung vom Katholizismus geht, liest philosophische Werke, vor allem Nietzsche beschäftigt ihn sehr, und schreibt mit grosser Hingabe erste Texte. Der Journalismus, mit dem er sein Geld verdient, ist nur der Brotberuf. Zwischendurch ermahnt er sich: «Ich darf nur das Grösste wollen!» Auch wenn er selbstkritisch seine Grenzen erkennt: «Ich habe meinen Dichtungen gegenüber ein ähnliches Gefühl wie der Träumer der Erzählung seines Traumes gegenüber: Wie unvollständig, armselig, wie nüchtern und farblos sind die Worte gegen das, was man gefühlt und gesehen hat!»
Meinrad Inglin: Tagebuch 1913–1920, herausgegeben und mit einem Nachwort von Daniel Annen, Chronos-Verlag, Zürich 2025, 105 Seiten