Die vielfältigen Gruppierungen der iranischen Opposition bestehen zum einen aus Monarchisten, die sich hinter den Schah-Sohn Reza Pahlavi scharen, zum anderen aus republikanischen Strömungen, die sich an den Werten der westlichen Moderne orientieren.
Die Katastrophe ist wie immer vielschichtig, hat mehrere Gesichter. Am sechsten Kriegstag wiederholt sich offenbar das gleiche Szenario, das wir im Gazakrieg sahen. Netanjahu will weiter bombardieren, Trump sucht, nicht zuletzt wegen innerem Druck, nach einer schnellen politischen Lösung. Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz verkündet am Donnerstag, die Angriffe würden bis zum Erreichen des Zieles verstärkt fortgesetzt, es gebe diesbezüglich keine Differenzen zwischen Washington und Jerusalem.
Israel greift hauptsächlich militärische Stützpunkte und politische Institutionen des Regimes an, doch bei den Angriffen in der Provinz Kurdistan folgt man offenbar einer politischen Strategie. Schon am zweiten Kriegstag wurden fast alle Grenzposten zwischen Irak und Iran massiv bombardiert. Parallel dazu häufen sich seit drei Tagen Meldungen über Bewaffnung der Kurden durch die CIA. Trump führte Telefongespräche mit den irakischen Kurdenführern und liess zugleich seine Sprecherin die Gerüchte über einen «Kurdenplan» dementierten. Doch «lauwarm» wäre eine Untertreibung für diese Art der Dementis.
Welche Rolle die verschiedenen Kurdenorganisationen am Tag danach spielen sollen, ist ein grosses Kapitel für sich. Sie sind genauso vielfältig und zerstritten wie die gesamte iranische Opposition im Rest des Landes. Das Wort Opposition ist manchmal irreführend. Die überwiegende Mehrheit, manche sagen bis zu achtzig Prozent der Iraner, lehnt zwar jene Islamische Republik, die Khamenei repräsentierte, ab. Doch es ist ein sehr mühsamer, hindernisreicher Weg, aus dieser Gegnerschaft eine ersthafte Opposition und gar eine Schattenregierung zu gestalten.
Reza Pahlavi als Retter?
Man muss in der iranischen Geschichte sehr weit zurückgehen, um eine solch dramatische, turbulente Zeit zu finden, in der die Existenz, die Integrität und, ja, die Identität einer ganzen Nation ernsthaft gefährdet war.
Reza Pahlavi ist der häufigste Name, den man dieser Tage hört. Unter den Exiliranern geniesst er die grösste Unterstützung. Er steht für die verlorene Identität, ist für viele die Verkörperung der verlorenen Hoffnung, der Vater der schwierigen Übergangszeit, denn sein Name ist mit einer «glorreichen» Ära verbunden. Früher war es besser und viele sehnen sich danach, die Vergangenheit möge nicht vergehen. Am Rand der Münchner Sicherheitskonferenz sprach er für die 350’000 Menschen, die aus allen Teilen Europas angereist waren. Ähnliche Grossdemonstrationen gab es für ihn an diesem Tag in mehreren Grossstädten Australiens, Kanadas und in den USA.
Auch im Iran wird Pahlavis Name sehr wahrnehmbar gerufen. In Khameneis letzten Ansprachen war seine Angst unüberhörbar, der Name Reza Pahlavi könnte tatsächlich die tief schlummernde Nostalgie nach guter alter Zeit aufwecken zu einer ernsthaften Opposition, einer echten Alternative, die sogar Teile seines Systems mitreissen würde.
Viele Beobachter meinen, die Brutalität, die Khamenei am 8. und 9. Januar zeigte, habe auch mit dieser Angst zu tun gehabt. An den Abenden jener beiden Tage ermordeten seine Schergen innerhalb weniger Stunden Zigtausende. Denn in den Massendemonstrationen in den Tagen zuvor hatte die Menschenmenge unüberhörbar die reimende Parole gerufen:
این اخرین نبرده/ پهلوی میگرده . Das ist die letzte Schlacht, Pahlavi kehrt heim.
Wie diese Demonstranten, deren überwiegende Zahl die Schahzeit nur aus Erzählungen und den Fernsehbildern der iranischen Exilsender kennt, wieder zur Monarchie gelangen wollen, wissen sie wahrscheinlich selbst nicht.
Fraktionen im monarchistischen Lager
Die Auslandmonarchisten bestehen, soweit man das übersehen kann, aus mehreren Gruppen und Fraktionen, die man grob gesagt in Extremisten, Moderate und Konservative einteilen könnte. Und jede von ihnen sieht in Reza Pahlavi das Symbol ihrer Vorstellung, wie die persische Monarchie von morgen auszusehen hat. Manche wollen eine radikale Abrechnung mit allen, die für die Katastrophe der Revolution von 1979 verantwortlich sind. Und das sind viele, zu viele. Nicht nur die Mullahs. Auch Linke, Liberale und Nationalgesinnte sind, wenn sie mit sich ehrlich sind, mitverantwortlich für diese «dümmste Revolution der Menschheitsgeschichte». Das ist wiederum eine sehr lange Geschichte für sich.
Die 57er müssten ausnahmslos zur Rechenschaft gezogen werden, sagen kurz und bündig die harten Monarchisten. Nach iranischem Kalender war es das Jahr 1357, als die Islamische Republik das Licht der Welt erblickte.
Und wenn man die Defizite des Schahregimes anspricht, erwidern sie, von einer orientalischen Monarchie dürfe man nicht schwedische Verhältnisse erwarten. Es gibt auch sehr rationale Monarchisten, die vieles kritisieren, was unter der Herrschaft des Schahs geschah. Doch die Revolution halten sie trotzdem für einen historischen Fehler. Sie halten sich für Reformisten und fordern die Zusammenarbeit mit den jetzigen Reformern, die einst Revolutionäre waren und nun Gefangene der islamischen Republik sind, auch unter den jetzigen Bombenhageln.
Viele Anhänger der Monarchie, vielleicht die Mehrheit von ihnen, will nicht ganz zurück zur Schah-Zeit. Sie hoffen, in einer Atmosphäre des Respekts und in einem international akzeptierten Land leben zu können, sich nicht schämen zu müssen, Iraner zu sein. Viele von ihnen nennen sofort europäische Monarchien als Beispiele dafür, dass Monarchie nicht unbedingt zur Despotie führen müsse. Es gäbe auch orientalische Monarchien wie die marokkanische oder jordanische, die halbwegs zivilisiert mit ihrer Bevölkerung umgehen, jedenfalls besser als manche «Erbrepubliken». Das Schah-Regime sei nicht schlechter gewesen als die beiden genannten.
Doch jenseits der Diskussion über die Menschrechtssituation in Vergangenheit und Gegenwart müssen die Monarchisten, muss Reza Pahlavi halbwegs kompatible Perspektiven für dieses multiethnische Land anbieten. Das fehlt, und das sorgt für Misstrauen nicht nur unter den Kurden, sondern auch bei anderen Ethnien wie Arabern, Aseris und Belutschen.
Formierung der republikanischen Opposition
Den Monarchisten steht eine bunte Front der «Republikaner» gegenüber. Sie halten die Monarchie zwar für eine längst und in jeder Hinsicht vergangene Geschichte, aber sie halten Dialog und Zusammenarbeit mit Pahlavi-Anhängern für unabdingbar notwendig.
Vor zwei Wochen trafen sich Vertreter von zwanzig Oppositionsgruppen hinter verschlossenen Türen in London, um über Wege hin zu einem demokratischen System zu beraten. Bunt war die Versammlung. Ende März soll es einen öffentlichen Wahlkongress geben. Dann wissen wir mehr.
Das Treffen, das am 23. und 24. Februar unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, betonte laut den Organisatoren gemeinsame Prinzipien wie «pluralistische Demokratie, Menschenrechte, Trennung von Religion und Staat und die Durchführung eines freien Referendums zur Bestimmung des künftigen Systems».
Und vor drei Tagen erschien eine Erklärung von 416 politischen Aktivisten unter dem Titel «Iranische Rettungsfront». Die Unterzeichner sind anerkannte Persönlichkeit mit beeindruckenden Biographien des politischen Engagements. Einige von ihnen wie Narges Mohammadi oder Mostapha Tajzadeh hatten sich sogar aus dem Gefängnis gemeldet. Viele der Unterzeichner haben jahrelang im Glauben gekämpft, Khameneis Republik sei reformierbar. Bis die Geschichte sie eines Besseren belehrte.
Referendum, freie Wahl, Trennung von Staat Religion, Meinungs- und Pressefreiheit wollen alle. Selbst die Volksmojahedin, die nach innen wie eine sehr verschlossene, geschlossene Sekte organisiert sind, nach aussen aber eine sehr wirksame Lobbyarbeit betreiben. In den USA sind es Mike Pompeo, John Bolton und Rudi Giuliani, die für sie trommeln, und in der Bundesrepublik hatten sie sogar die kürzlich verstorbene Rita Süssmuth an ihrer Seite.