Leben in Jack-Wolfskin-Welten

Helmut Scheben's picture

Leben in Jack-Wolfskin-Welten

Von Helmut Scheben, 08.05.2013

Die Outdoor-Industrie boomt wie keine andere Sportartikel-Branche. Altgedienten Alpinisten wird es unheimlich: die Grenzen zwischen Warenkonsum und Bergsport verschwinden zusehends.

Barbara Zangerl findet, das Terrex Fast Jacket sei die genau die richtige Jacke für steile Platten. Immerhin ist sie (die Jacke) aus Windstopper-Material und hat eine verstaubare Leichtkapuze aus winddichtem Climaproof-Material für den Extremfall. Die Spitzenalpinistin Barbara Zangerl hat schwierigste alpine Kletterrouten bewältigt, und sie wirbt jetzt für die neue Terrex-Outdoor-Kollektion der Adidas-Gruppe, die sich entschlossen hat, im Outdoor-Business auf breiter Front mitzumischen.

Wer heutzutage eine Bergtour unternehmen will, der sollte sich genau überlegen, was er da tut. Vor allem, wie er sich ausrüstet. Denn die Ausrüstung ist das eigentliche Problem. Allein die Auswahl unter Hunderten von Jackets- und Pants-Modellen ist eine Herausforderung. Man könnte fast sagen: der Kauf des Materials ist das grössere Erlebnis. Der Berg selbst ist dann – wenn man den Sportartikel-Herstellern glauben darf - kein Problem mehr. Man kann den Berg vernachlässigen.

Wer das nicht glauben will, der stelle sich einmal folgendes Szenario vor: Da hängt einer an einer glatten Platte und trägt dabei Climbing-Stretch-Pants, welche weder hinreichend Wasserdampf-durchlässig noch genügend atmungsaktiv sind. Und zu allem Übel müht er sich ab in einem Performance-Hardshell-Jacket, das kaum windabweisend ist und auch nicht die vorgeformten Ellbogenpartien besitzt. Da ist dann guter Rat teuer. Um ein Scheiten am Berg zu vermeiden, sollte man und frau eben stets die neuesten Sommer- und Winterkollektionen der Outdoor-Industrie beachten. Das muss man der Werbung jetzt einfach glauben. In einer solchen Extremsituation bleibt vielleicht nur noch eines: die Alpine Cap mit faltbarem Visier und antibakteriellem Schweissband abziehen und mit derselben das alpine Notsignal andeuten.

Wie sich die Zeiten ändern (seufz)

Meine erste Kletterhose – Ende der sechziger Jahre - war eine Kniebundhose aus Kord, Manchester-Hose hiess es damals noch. Meine Freundin hatte eine Nähmaschine und nähte mir einen doppelten Hosenboden drauf. Damit beim Abseilen im Dülfersitz nichts anbrennen konnte. Denn die Seilreibung erzeugte eine teuflische Hitze. Der Klettergurt wurde aus einem Stück Reepschnur gebunden. Wenn es unschwieriges Gelände war, brauchte es keinen Klettergurt. Man band einfach das Seil mit einem doppelten Spierenstich um den Bauch. Kaum zu glauben, aber so einfach war damals der Alpinismus für Normalverbraucher.

Gipfelrast in den dreissiger Jahren: Outdoor-Kleidung der älteren Art.
Gipfelrast in den dreissiger Jahren: Outdoor-Kleidung der älteren Art.

Es geht mir nicht darum, ein romantisches Bild der guten alten Zeit zu malen. Natürlich war jede gute alte Zeit einmal eine schlechte neue Zeit, und im Vergleich zum heutigen Alpinismus waren die Sechzigerjahre eine Plackerei am Berg. Zum Glück sind die Zeiten vorbei, da man 20-Kilo-Rucksäcke schleppen musste. Heute ist alles easy: bequeme, wasserdichte Kleidung, leichte und hocheffiziente Kletterschuhe, Sicherungsgerät aus phantastisch leichten Legierungen, der Gang zum Berg ist komfortabel geworden.

Und dennoch befällt mich in letzter Zeit immer häufiger Unwohlsein im boomenden Outdoor-Markt. Wenn ich die Monats-Hefte des Schweizer Alpenclubs anschaue, stelle ich fest, dass nicht selten knapp die Hälfte der Seiten Werbung ist. Das ist verständlich, denn die gepflegte Hochglanzbroschüre mit ihren phantastischen Bergfotos und ihrer professionellen Redaktion muss finanziert werden. Mein Unwohlsein rührt daher, dass die Verflechtung von Outdoor-Industrie und Bergsport so eng geworden ist, dass viele die Grenze nicht mehr erkennen können. Spitzen-Alpinisten verdienen ihr Geld als Werbeträger für Bergsportartikel, und die Branche bemüht sich nach Kräften, einem Massenpublikum zu suggerieren, die Ausrüstung sei das Wichtigste: das Material sei „the real thing“, denn ohne Ausrüstung kein Erlebnis.

Verwechslung von Sein und Haben

Kauf den neusten Rocker-Tourenski, dann bist du endlich der perfekte Tiefschnee-Fahrer. So lautet die Botschaft. Kauf die atmungsaktive Funktions-Unterhose aus leichter Merinoqualität mit Lycra-Beimischung, dann hast du gute Chancen auf einen Spitzenplatz beim Engadiner Skimarathon. Und kauf den Alpin-Rucksack mit dem klimaregulierenden Aircomfort-Rückensystem, dann bist du der perfekte Kletterer im steilen Fels. Da liegen Woche für Woche Werbebroschüren in meinem Briefkasten, die mir Extrem-Alpinisten über dem Abgrund zeigen, und ein derartiger Spiderman kann ich mühelos werden, wenn ich bloss den Bergschuh Tibet XY oder Nepal Extreme YX kaufe. Es ist ein wahrer Tsunami von Werbung, der die Leute in Massen in die Outdoor Shops spült. Wir sollen kaufen, was wir sein wollen. Aber Vorsicht: Da wird uns eine Ideologie gepredigt, die auf fatale Weise Sein und Haben vewechseln.

Abgesehen von den skurrilen Auswüchsen des Geschäfts. Zum Beispiel dort, wo smarte Designer am Werk sind, die den grössten Blödsinn produzieren: „Der Ultraleichte Titanlöffel, der mit 21,5 cm genügend lang ist, um direkt aus den Tüten gefriergetrockneter Nahrung zu essen.“ Kein Mensch hat mir bislang erklären können, warum seit ein paar Jahren die Tourenski an den Spitzen so wenig hochgebogen sind, dass sie sowohl beim Aufstieg als auch bei der Abfahrt leicht im Schnee stecken bleiben, was manchmal Stürze zur Folge hat. Kein Mensch weiss, warum den Touren-Skifahrern ein Jahrzehnt lang Teleskop-Stöcke verkauft wurden, bei denen der Drehverschluss oft nicht packte, sodass Mann oder Frau im dümmsten Moment plötzlich mit einem 30 cm langen Zwergenstock am Hang stand. Es gab unbrauchbare Steigeisen, nicht funktionierende Seilbremsen… die Liste der Flops ist lang.

Outdoor-Geschäft oder Glaubwürdigkeit des Alpinismus

Das touristische Wachstum in den Alpen stagniert. Unter den Bergbahnen und Liften findet ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb statt. Grosse börsenkotierte Tourismus-Konzerne übernehmen das Ruder, kleinere Tourismus-Zentren und Bergbahnen werden verschwinden. Das scheint aber den Sektor Bergsportausrüstung und Outdoor-Bekleidung kaum zu beeinträchtigen. Die Umsätze der Outdoor-Branche sind in den letzten Jahren unaufhörlich gewachsen. Keine Sportart verzeichnet ähnliche Steigerungen. Wandern, Bergsteigen und Skifahren sind nach wie vor die beliebtesten Freizeitaktivitäten der Schweizer Bevölkerung.

Ich bin überzeugt, dass Outdoor-Kleidung viel mit Verkleidung zu tun hat. Mit der Lust am Kostümwechsel. Man beobachte den Aufmarsch der Skianzüge am Lift. Ein bunter Karnevalszug, eine Lifestyle-Demonstration. Ein Défilé der Masken und Kostüme, oder besser: der Helme und Kostüme. Ähnliches führen zum Beispiel die Touristen vor, die ihren Rucksack so packen, dass das Bergseil auf beiden Seiten pittoresk in langen Schlaufen heraushängt. Sie signalisieren eine Lifestyle-Form: Ich bin ein Kletterer, ich liebe das Abenteuer (Das Erste, was ich als Alpinist lernte, war, dass Seilschlaufen, die zum Rucksack heraushängen, gefährlich sind. Wenn sie sich an einem Stein oder einem Ast verfangen, kann ein böser Sturz die Folge sein). Zur unschönen Kehrheite des Outdoor-Booms gehören unter anderem die Chemikalien, die verarbeitet werden, um die Ware herzustellen. Sie belasten die Umwelt, weil sie nur über extrem lange Zeiträume abgebaut werden. Aber das ist eine andere Story.

Erlebnisse kann man nicht kaufen

Was mich vor allem beunruhigt, ist die Tatsache, dass der traditionelle Alpinismus als Breitensport und als Naturerlebnis immer mehr überschwemmt und verschüttet wird von einer schönen neue Shoppingwelt. Eine schwindelerregende Entwicklung, die sich seit langem abzeichnet. Der Bergsport, die selbstbestimmte Suche nach einer Begegnung mit der Natur, droht unterzugehen im Tsunami der Verkäufer, die die Alpen für den schnellen und bequemen Konsum vermarkten. Der Konsument kauft nicht den Bergschuh, sondern die Erlebnis-Welt von Freiheit und Wildnis, die den Schuh als Aura umgibt. Er kauft nicht den Schuh, sondern das von der Werbung versprochene Abenteuer. Die Konsumgesellschaft will Erlebnisse kaufen können. Aber käufliche Erlebnisse sind keine Erlebnisse mehr.

Outdoor, damals.
Outdoor, damals.

Bisweilen befällt mich im Traum eine teuflische Versuchung. Ich ziehe mir noch einmal Wollpullover, Kordhose und Gamaschen an und begebe mich mit uralten Tourenskiern in den Schnee. Dann fahre ich vom Gipfel leidliche Bögen in den Bruchharsch - vorbei an traurigen Gestalten, die nicht skifahren können und mit ihren atmungsaktiven Himalaya-Functional-Pants kopfüber im Schnee stecken. Mit ihren stufenlos verstellbaren hochmodularen Carbon-Skistöcken winken sie um Hilfe. Ich fahre aber ungerührt weiter - mit dem satanischen Grinsen eines bösen, alten, konsumfeindlichen Spielverderbers.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Ich bin dankbar, dass ich zur Generation der Nachgeborenen zähle, die nie mit Holzlatten ohne Kanten einen Bruchharst-Hang runterfahren mussten.

Ich kombiniere meine Ausrüstung, die aus teuren Tourenskiern der neuesten Generation besteht (die breiter und biegsamer sind als früher und deswegen auch ohne grotesk gebogene Schaufeln auf dem Schnee schwimmen), sowie einem Hightech-Rucksack, mit Wollhandschuhen, die die Armee als Ausschuss verscherbelt.

Den Outlet der Schweizer Armee möchte ich ebensowenig missen, wie das breite Angebot der Outdoor-Industrie. Gäbe es mit Bergsportartikeln kein gutes Geschäft zu machen, könnte sich die Gilde der Spitzenbergsteiger nicht als Profis durchschlagen und die breite Masse profitierte nicht vom technischen Fortschritt, den es mangels Entwicklungsanreiz kaum gäbe.

Alles mögliche lässt sich natürlich auch als Statussymbol vermarkten - nicht nur Autos oder Uhren. Gerade auf dem Gebiet des Sports gibt es mit Segeln, Tennis und Golf schon lange einschlägige Beispiele.

Die Vorstellung, das Bergerlebnis müsse ausschliesslich mühsam und unter grossen Leiden errungen werden, Komfort sowie jedwelche lustvollen Komponenten aber müssten so gering wie möglich gehalten werden, hält sich besonders ausdauernd in Kreisen der Silberrücken, die dem Schweizerischen Alpenclub angehören.

Ich nehme an, dies ist mit ein Grund dafür, dass viele Hütten bei uns so primitiv sind und der Frass so schlecht ist, denn andere Beispiele gäbe es in Österreich und Italien ja durchaus zu finden. Denen kann man freilich nur nacheifern, wenn man die geistige Kapazität und Flexibilität dafür besitzt.

Falsch! Erlebnisse kann man sehr wohl kaufen. Der Beweis sind die omnipräsenten gadgets mit dem i vorne dran und die Offroader damit die Kinder auch sicher in die Schule kommen. Alles nur eine Frage des Marketings

Sie haben noch die Bergluft aus der Sprühdose vergessen. Ein Must have! Zudem werden in ca. 60 Millionen Jahren die Alpen abgetragen sein….nützen wir also die Zeit. Wenns sein muss mit Carbon statt Kondition (Quelle: Tschatschen) Als ich eines Tages aufs Torrenthorn embrüff kletterte dachte ich oben, vo jez geits embrii…..Gruss aus dem Wallis.

Und bei denen, die "kopfüber im Schnee stecken" haben Sie noch diejenigen "Dum..." aus der großen Schar der anderen "Idio..." beschrieben, die noch versuchen eigene Erfahrungen und Erlebnisse zu machen. Das sind noch die Besten all dieser Konsumenten der Industrie von Jack im Wolfskin.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren