„Le Loi ist der König“

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„Le Loi ist der König“

Von Armin Wertz, 31.03.2019

Vor 600 Jahren begann Vietnams Befreiungskampf gegen die chinesische Kolonialmacht.

Schon seit Generationen kämpfte Nguyen Trais Familie gegen die chinesische Fremdherrschaft über sein Vaterland. Sein Grossvater Tran Quang Khai war hundert Jahre zuvor einer jener Generäle gewesen, die den Angriffen der mongolischen Heere unter dem Kommando Thoghans, des Sohnes des Kaisers auf dem Drachenthron Kublai Khan, nicht nur widerstanden, sondern sie sogar in die Flucht und zurück nach Peking gejagt hatten.

Sein Vater Nguyen Phi Khanh, ein hoch verehrter Gelehrter, hatte ihn später ebenfalls auf den Weg des Widerstands gewiesen. Bei einem erneuten Einfall der Chinesen in seiner Heimat deportierten sie ihn nach China. Niedergeschlagen folgte Nguyen Trai seinem Vater. Doch an der Grenze ermahnte ihn dieser, anstatt zu weinen solle er zurückgehen und alles dafür tun, seinen Vater und sein Land zu rächen. 

Nguyen Trai hatte zwar einen Plan ausgearbeitet, wie die verhassten Besatzer zu vertreiben seien, aber er war nur ein Gelehrter, kein Soldat. Doch dann, im Jahr 1418, rebellierte Le Loi, ein reicher Bauer, in Thanh Hoa (damals die südlichste Provinz Vietnams) gegen die chinesische Fremdherrschaft. Mit ihm verbündete sich Nguyen Trai. Er wurde zu seinem engsten Berater. Zuerst musste er den Rebellenführer als Binh Dinh Vuong, als Friedenskönig, legitimieren. Dazu schrieb er mit einem Griffel und Tierfett auf Blätter im Wald: „Le Loi ist der König. Nguyen Trai ist sein Diener.“ Nachdem die Ameisen sich an dem Fett gütlich getan hatten, enthüllten die Blätter die perforierte Parole. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich unter den Bauern des Landes die Kunde von der „Prophezeiung“, und Tausende schlossen sich Le Loi an.

Erster Befreiungsversuch

Ein Jahr später, 1419, begann der Krieg, in dem Vietnam das koloniale Joch des Reichs der Mitte abschüttelte. Von seinem Hauptquartier in Chi Linh in den Ha-Tinh-Bergen aus griff Le Loi an. Doch nach ersten Erfolgen wurden seine Guerillatruppen zurückgetrieben, seine Frau und Kinder fielen den Feinden in die Hände. Daraufhin griff er mit noch grösserer Wut an. Aber wieder gelang es den überlegenen Truppen der Ming, seine Verbände einzukesseln. Le Loi entkam der Gefangennahme und Hinrichtung nur, weil sich einer seiner Offiziere mit dem ähnlichen Namen Le Lai als Anführer der Aufständischen ausgab und opferte.

In den folgenden Monaten brachen Aufstände auch in anderen Provinzen Vietnams aus, in Nghe An, in Ha Hong, Khoai Chau, Hoam Giam und Thuy Duong. Die Streitkräfte der Ming mussten in immer weiteren Teilen des Landes eingesetzt werden. Mit der Unterstützung der verbündeten Lao gelang es den bedrängten Ming-Armeen wieder, Le Loi zum Rückzug zu zwingen. Er verschanzte sich in den Lu Son-Bergen, wo seine demoralisierten Soldaten aus Mangel an Nachschub und Verpflegung Gras, ja sogar Pferde und Elefanten assen.

Zweiter Befreiungsversuch

Erst vier Jahre später unternahm Le Loi mit seinen Anhängern einen weiteren Versuch, sein Land von der Besatzungsmacht zu befreien. Zunächst griff er nur kleine, schwach besetzte Militärposten an. Dann aber gelang ihm ein erster grosser Sieg. In der Nähe von Tra Long lockte er den Ming-General Tran Trung in einen Hinterhalt und vernichtete dessen Armee von 2000 Mann vollständig. Die sofort eingeleitete Strafexpedition fiel erneut in einen Hinterhalt Le Lois. In Nghe An strömten nun alle wehrfähigen Männer in Le Lois Armeen. Nur wenig später vernichtete einer seiner Generäle eine Flotte von 300 chinesischen Versorgungsdschunken. Und schliesslich ritt er mit 2000 Elitesoldaten in Thanh Hoa, der westlichen Hauptstadt des Landes, ein. Damit war der Feldzug im Süden beendet.

Nun führten die Vietnamesen ihren Krieg in den Norden. Um der drohenden Gefahr zu begegnen, schickte der Ming-Kaiser Yung Lo 50’000 Mann unter dem Kommando seines berühmten Generals Wang Tong. Nur 3000 Vietnamesen und zwei Elefanten stellten sich ihnen entgegen, ausreichend, um den Ming eine schwere Niederlage beizubringen. Die Ming-Armee hatte ihre gesamte Artillerie verloren und musste sogar Glocken und Urnen einschmelzen, um neue Kanonen zu giessen.

1427 schickte der Kaiser in Peking gleich zwei Armeen, um Dong Quan (Hanoi) zu retten. Unter Marschall Lieu Thang marschierten 100’000 Mann und 20’000 Pferde durch Yunnan an den Roten Fluss, während sich eine zweite Armee unter dem erfahrenen General Moc Thanh von Kwangsi her näherte. Zunächst konnten die beiden Armeen einige Erfolge verzeichnen. Bei My Dong (zwischen Hanoi und Haiphong) kesselten sie die vietnamesischen Verbände ein. Doch dann führte Le Loi 10’000 seiner Männer und fünf Elefanten in die Sümpfe bei Chi Lang gegen Marschall Lieu Thang. In dem feucht-tropischen Klima und auf dem ungewohnten Gelände unterlagen die Chinesen erneut.

Chinesisches Friedensangebot

Nach dieser Niederlage unterbreitete der Oberkommandierende Wang Tong den Vietnamesen ein Friedensangebot. Wenn Vietnam wieder einem König der Tran-Dynastie, die seit 1225 zumeist von Chinas Gnaden regierte, auf den Thron verhelfe, würde er die Kämpfe einstellen. Also schickte Le Loi einen Boten an den Hof des Kaisers in Peking, um die formelle Anerkennung Tran Caos als König einzuholen. Kaiser Yung Lo schickte seinen Minister und Zeremonienmeister nach Annam, um die Krönung vorzunehmen, und zog seinen Gouverneur ab. General Wang Tong jedoch bat Peking heimlich um Verstärkung. Als Le Lois Agenten seinen Kurier abfingen, nahm der Rebell den Befreiungskampf wieder auf, in dem er die Ming-Truppen endgültig besiegte. Der chinesische Marionettenkönig Tran Cao wurde bei einem Fluchtversuch gefangen genommen und gezwungen, Gift zu trinken.

Nach sieben Jahren blutiger Kämpfe waren damit dreizehn Jahre chinesischer Herrschaft, die „vierte Ära chinesischer Dominanz“ über Vietnam beendet. Le Loi wurde unter dem Namen Le Thai To König, leitete die sogenannte „Ära der Erneuerung“ ein und begründete die am längsten herrschende Dynastie (1428–1527 und 1533–1789) in Vietnam, wobei sie nach 1533 tatsächlich nur noch Bauern in den Machtkämpfen aufstrebender Dynastien waren. Nguyen Trai wurde Le Lois Erster Minister, dessen „Bericht über die Pazifizierung Chinas“ (Binh Ngo Dai Cao) bis heute als Beschreibung einer der heroischsten Perioden in der Geschichte Vietnams gilt.

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