Laufbahn via Laufsteg

Alex Bänninger's picture

Laufbahn via Laufsteg

Von Alex Bänninger, 16.08.2017

Bei Politikerinnen interessiert vor der Leistung die äussere Erscheinung. Auch mit Blick auf die Bundesratswahl. Es ist höchste Zeit für die Gleichbehandlung der Politiker.

Die Privilegierung der Politikerinnen mit einfühlsamen Porträts kennen wir; ungefähr so: Die sich für die Landesregierung bewerbende Isabelle Moret, FDP Waadt, wirkt als klassisch frisierte Blondine und aus blauen Augen lachend zugleich attraktiv und sittsam. Gewinnend jungmädchenhaft trotz der 47 Jahre. Die schlanke Figur kommt in der dezent modischen und farblich stilsicher assortierten Garderobe anmutig zur Geltung. Eng geschnittene Hosen schmeicheln elegant den Beinen.

Perfekte Rollenverteilung

Betrachten wir die männlichen Konkurrenten gerechtigkeitshalber aus der gleichen Misswahl-Perspektive, ergeben sich nicht minder aussagekräftige Fähigheitszeugnisse:

Mit den kurzgeschorenen schwarzen Haaren präsentiert sich Ignazio Cassis, FDP Tessin, enorm vital. Er wirkt jünger als es seine 56 Jahre ahnen lassen. Den leichten Bauchansatz verdeckt er im konventionellen Anzug besser als im saloppen Poloshirt. Es strahlt zwar Lockerheit aus, kontrastiert aber mit der Lesebrille, die kaum aus der neuesten Kollektion eines coolen Labels stammt.

Der grossgewachsene Pierre Maudet, FDP Genf, tauscht die braven Krawatten gelegentlich gegen freche Fliegen und ein passendes Einstecktuch. Er gestattet sich modebewusst die Befreiung aus gedeckten Anzügen, die allerdings seinen schmalen Körperbau vorteilhaft betonen. Seine 39 Jahre könnte er mit einem trendigeren Haarschnitt optisch senken.

Die drei für die Wahl Antretenden wären auch, was sich mühelos abschätzen lässt, in textilarmer Badebekleidung ein bestechender Look: feminin sanft, männlich markant. Die Rollen sind in gewohnter Manier perfekt verteilt.

Die Qual der Wahl

Wir sind also mit den Kandidierenden summa summarum glänzend bedient. Die Wahl, für die sich die FDP in ihrer Sportabteilung umsah, wird zur echten Qual. Wer es sich molliger, faltiger oder wuscheliger erträumt, muss bis zur nächsten Vakanz warten. In einer Regierung mit bloss sieben Mitgliedern können die Schönheitsideale nicht vollständig vertreten sein, obwohl es staatspolitisch wünschenswert wäre.

Gleichbehandlung – aber anders herum

Bis dahin sind Geduld und Toleranz verlangt. Und im Ernst vielleicht noch etwas: Schluss mit dem Macho-Gehabe, Politikerinnen – und Frauen überhaupt – zur Beurteilung der Laufbahnkompetenz auf den Laufsteg zu schicken und mit den Stielaugen zu begrapschen.  

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren