Kurzzug zum Ruhm

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Kurzzug zum Ruhm

Von Ignaz Staub, 21.08.2019

Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest in Zug ist ein Event der Superlative. Doch wird der Anlass dem Sport noch gerecht?

58 Jahre sind es her, seit in Zug zum letzten Mal ein Eidgenössisches Schwing- und Älplerfest (Esaf) ausgetragen wurde. Es war am 12. und 13. August 1961. Unvergessen, dass es damals aus Kübeln goss, denn der Schreibende, Primarschüler noch, stand auf schlammigem Grund der Zuger Allmend im Einsatz als Parkplatzanweiser. Vom Fest bekam er, ausser dreckigen Schuhen und nassen Hosen, nichts mit. 

Vor 15’000 Zuschauern siegte der Winterthurer Stadtpolizist Karl Meli nach zweieinhalb Minuten mit «Kurz» gegen Karl Oberholzer. Was den über 80-jährigen Verlierer heute noch ärgert: «Gopfridstutz. Lief ja alles gegen mich damals.» König Karl starb 2012, «ein super Typ, keine Frage», räumt Oberholzer heute ein. Im Buch «Schwere Kerle rollen besser» (Nagel & Kimche) notiert Linus Schöpfer zudem, dass nach Melis Sieg in Zug dem Festprotokoll zufolge ein paar Dinge liegen blieben, unter anderem «4 Motorradmäntel, 1 Jeep-Verdeckblache, 3 Paar Herrensocken». 

100 Unfälle pro Saison

Chronist Schöpfer berichtet über das Fest in Zug ferner, dass sich Unfälle und Blessuren im Sägemehl addiert und zwei Ärzte sowie 20 Sanitäter auf Trab gehalten hätten. «7 Rippenquetschungen, 3 grosse Risswunden, 2 Dutzend fragliche Quetschungen, 2 leichte Gehirnerschütterungen …» listete der Abschlussbericht des medizinischen Personals auf. Schwingen, darf gefolgert werden, ist nicht ganz ungefährlich, was bei der Kraft, Masse und Schnelligkeit der Athleten wenig überrascht. Zwischen 2000 und 2017 registriert die Hilfskasse der Schwinger im Schnitt 100 Unfälle pro Saison.

Zehn Tonnen wiegt die Skulptur, die der Bildhauer Stephan Schmidlin aus dem Holz des Chamer Mammutbaums geschnitzt hat. (Foto J21)
Zehn Tonnen wiegt die Skulptur, die der Bildhauer Stephan Schmidlin aus dem Holz des Chamer Mammutbaums geschnitzt hat. (Foto J21)

Erstmals ist in Zug das Esaf 1943 ausgetragen worden. Zum König krönten sie Willy Lardon aus Court bei Moutier, der auch Freistilringer war. Die Jubiläumsschrift «100 Jahre Eidgenössischer Schwingerverband» (ESV) beschreibt den Schlussgang wie folgt: «Aus der Ausgangsstellung werden gegenseitig drei Mal die Griffe zum Übergriff gewechselt. Dann behält Willy Lardon seinen Übergriff links, fasst zudem den Oberarm rechts und hüftert Werner Bürki in haushohem Bogen direkt in die Brücke, wo er in eiserner Umklammerung festhält und zudrückt bis zum Sieg.»  

Wiege des «Crypto Valley»

Zug, im Schatten Zürichs, war 1961 noch eine andere Stadt: ärmer, kleiner, beschaulicher, politisch im Griff der Katholisch-Christlichsozialen Volkspartei (KCV), mit zwei Zeitungen, den konservativen «Nachrichten» und dem liberalen «Tagblatt». Es war noch nicht Sitz Tausender von Briefkastenfirmen oder Hub des «Crypto Valley», das Kritiker «Clepto Valley» schimpfen. 

Noch war der Eissportverein Zug (EVZ) mit der modernen Arena (inklusive «Dine & View») nicht Aushängeschild der Stadt, und die Zuger Fussballclubs, der FC und der SC, später zu Zug ’94 fusioniert, dümpelten, ambitioniert zwar, in unteren Ligen. Und noch waren auf den Strassen der Altstadt keine chinesischen Touristen anzutreffen, die ein bestimmtes Uhrengeschäft frequentieren und für die beim Casino extra mobile Toiletten aufgestellt werden. «Im Herzen ein Dorf, im Kopf die Welt» charakterisiert die «Fibel» der Zuger Kantonalbank (ZKB) zum Esaf die Kleinstadt. 

Ein Stadion für 56’500 Besucher

Inzwischen strotzt Zug vor Selbstbewusstsein: Es ist weltläufig (mit einem Ausländeranteil von über 34 Prozent), hat hohe Einkommen, tiefe Steuern, unerschwingliche Immobilienpreise, den niedrigsten Leerwohnungsbestand und auffällig viele Luxuskarossen. Und jetzt noch das Esaf! Noch ein Superlativ! Das Stadion der Thurgauer Firma Nüssli, aus 300’000 Standardelementen gebaut, die nicht verschraubt, sondern mit Keilen zusammengesetzt werden, ist die grösste temporäre Sportstätte der Welt. 

Die sechseckige Arena in der Ebene zwischen Zug und Baar, innert drei Monaten auf- und innert drei Wochen abgebaut, bietet Platz für 56’500 Zuschauer. Die 18 Meter hohen Tribünen sind laut Nüssli-CEO Peter Tanner eigentlich sturmsicher, müssten aber ab einer Windgeschwindigkeit von rund 70 km/h evakuiert werden. Was aufgrund der Wetterprognose («sonnig, teils bewölkt, mit Temperaturen bis zu 27 Grad») eher unwahrscheinlich ist.

Modernes Merchandising

Kleidervorschriften für das Volk auf den Tribünen gibt es keine. Wer als Schwingfan etwas auf sich hält, zieht zumindest ein schickes Edelweisshemd an, wie es schon in Baby-Grösse erhältlich ist. Wobei das Merchandising für das Esaf, früher unbekannt, beachtliche Dimensionen angenommen hat. Für 995 Franken etwa ist ein mit Edelweiss-Design verzierter Zeitmesser des offiziellen Uhrenpartners zu kaufen. Billiger gibt’s am Kiosk für 3.90 Franken, wie bei Fussballweltmeisterschaften, die populären «Panini»-Bilder, ein offizielles «Schwinger-Sammelalbum 2019», in das 350 Schwinger-Porträts und Schwing-Sujets einzukleben sind. 

In Zug selbst treten 276 Schwinger an. Unter ihnen dürfen rund 15 Prozent auf einen der begehrten eidgenössischen Kränze hoffen, die einen Athleten für immer zum «Bösen» salben. Acht Teilnehmer des Esaf kommen aus Kanada und den USA. Nur ein Prozent der Schwinger hat der «SonntagsZeitung» zufolge Migrationshintergrund, so etwa der 28-jährige Portugiese Tiago Marques Vieira, «das Schergewicht unter den Schwergewichten», der 193 Zentimeter gross und 160 Kilogramm schwer sowie beruflich für eine Sicherheitsfirma an der «Front» tätig ist. 

Ein realer König als VIP

Im Einsatz sind am Esaf auch die 72 besten Steinstösser des Landes, die sich in drei Kategorien mit Anlauf oder «aus Stand» mit dem 20 Kilo schweren «Turnerstein», dem 40 Kilo schweren «Mythenstein» und dem 83,5 Kilo schweren «Unspunnenstein» abmühen. Der Rekord mit dem schwersten Wurfobjekt liegt bei 4,11 Meter. «Das Steinstossen hat eine lange Tradition», verrät die Fibel des Hauptsponsors ZKB: «Schon vor mehr als 700 Jahren trainierten die Eidgenossen ihre Kräfte für Söldnereinsätze mit Steinen.» 

Wer als Besucher des Esaf keines der begehrten Tickets für die Arena hat ergattern können, kann sich trotzdem auf dem 75 Hektaren grossen Festgelände vergnügen. Public Viewing gibt es vor dem Zuger Eisstadion in der Herti und im Kino «Seehof» im Stadtzentrum. Für die 4’000 Tickets, die in den freien Verkauf gelangten (das Gros ging an die fünf Teilverbände des ESV und an die Sponsoren), sind 183’000 Anfragen eingegangen. Ein Platz für zwei Tage in der 22. Reihe der Tribüne F zum Beispiel kostet 245 Franken.   

In Zug werden am Wochenende bis zu 350’000 Festbesucher erwartet. Unter den VIPs sind Fürst Albert von Monaco, eher als Bobfahrer bekannt, und König Tupou VI. von Tonga, dessen Vater Tupou IV. als ehemaliger Rugby-Spieler mit einer Grösse von 1,90 Meter und einem zeitweiligen Gewicht von 209,5 Kilo wohl etliche «Böse» hätte herausfordern können. 

Zwischen Tongas Hauptstadt Nuku’alofa und Zug gibt es laut «Blick» fast so etwas wie verwandtschaftliche Bande. Der Urgrossvater eines Zuger Anwalts soll vor rund 150 Jahren auf einer Weltreise in Tonga Zwischenstation gemacht, sich dort in eine Einheimische verliebt haben und auf der Südsee-Insel geblieben sein. Nachfolgende Generationen pendelten zwischen Tonga und der Schweiz hin und her. 

Ein prächtiger Gabentempel

Offiziell wird Tupou VI. in Zug nicht in Erscheinung treten. Geplant ist aber ein Treffen des Königs mit Bundespräsident Ueli Maurer, der als hartgesottener Schwing-Fan gilt. VBS-Chefin Viola Amherd dagegen wird am Esaf nicht präsent sein. Sie zieht es laut ihrem Kommunikationschef vor, «ein Zeichen für Sportler (zu) setzen, die grosse Leistungen ausserhalb des medialen Rampenlichts erbringen». Die Bundesrätin besucht den Final der Badminton-WM in Basel.

Bereits zu besichtigen ist in Halle C auf dem Areal des Braunviehzucht-Verbandes, wo jedes Jahr der Zuger Stierenmarkt stattfindet, der Gabentempel des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests. Für die 276 Schwinger und 70 Steinstösser liegen 400 Preise im Wert von rund einer Million Franken bereit, von Fahrrädern, Holztruhen und einem Hühnerstall über Haushalts- und Allzweckgegenstände bis hin zu Treicheln und Geldgaben. 

Der „Gabentempel“ des Eidg. Schwing- und Älplerfests ist mit rund 400 Prämien bestückt. (Foto: J21)
Der „Gabentempel“ des Eidg. Schwing- und Älplerfests ist mit rund 400 Prämien bestückt. (Foto: J21)

Zu bewundern sind auch die «Lebendpreise», neben fünf Rindern und vier Pferden in erster Linie der 1’200 Kilogramm schwere Siegermuni «Kolin», der 30’000 Franken wert ist, will ihn der Schwingerkönig nicht behalten. In den jüngsten Tagen sollen täglich Hunderte von Besuchern aus der ganzen Schweiz den Gabentempel und die nahe Gabenbeiz besucht haben. Auf dem Areal des Verbands steht zudem, häufig fotografiert, eine zehn Tonnen schwere Skulptur, die der Bildhauer Stephan Schmidlin aus dem Holz des Chamer Mammutbaums geschnitzt hat. Das Werk zeigt, wie zwei vier Meter grosse Kämpfer vor einem Schweizer Kreuz schwingen.   

Die eine Million für Gaben verblasst neben dem Gesamtbudget von rund 37 Millionen Franken, über welches das 120-köpfige OK des Esaf unter der Leitung von Regierungsrat Heinz Tännler verfügt. 17 Millionen stammen von Sponsoren, zwischen 230 und 240 Festpartnern, allen voran Grossunternehmen wie Mobiliar, Migros oder V-Zug, ohne die ein Anlass solcher Grössenordnung nicht zu stemmen wäre.

«Wandelnde Werbesäulen»

Doch das Zuger Fest der Superlative, das ursprünglich verglichen mit früheren Anlässen hätte redimensioniert werden sollen, behagt nicht allen. Eugen Hasler zum Beispiel, der 1989 und 1995 zweimal im Schlussgang eines Esaf stand, ist wenig begeistert von der Entwicklung, die der Schwingsport jüngst erfahren hat. Zwar habe sich das Schwingen selbst nicht gross verändert, lässt er sich im «Bote der Urschweiz» zitieren, es gehe aber einfach um viel mehr Geld: «Und für meinen Geschmack hat es zu viele Zuschauer.» 

Früher, so der 54-jährige Hasler, hätten 90 Prozent der Festbesucher eine Ahnung vom Schwingen gehabt, heute gebe es viele, welche die Schwinger kaum kennen würden. Auch das ganze Drumherum, die Chilbi und die Konzerte auf dem Festgelände, machten ihm Mühe: «Viele kommen gar nicht des Schwingens wegen.». Weiter stört den Prokuristen einer Zürcher Privatbank, dass heute einige Schwinger «wandelnde Werbesäulen» sind: «Ich gönne es jedem, aber leider gibt es Schwinger, die sich mehr auf die Vermarktung als auf den Sport konzentrieren.» 

Eugen Hasler glaubt, dass der Aufwärtstrend des Schwingsports irgendwann abflachen wird. Der Sport boome heute so, weil er bodenständig ist. «Der Schweizer will wieder etwas Ursprüngliches», sagt der frühere Spitzenschwinger, der in Zug auch unter den Zuschauern sein wird: «Heute ist alles in, was nach Kuhdreck stinkt.»

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Kommentare

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Schön und kompetent zusammengefasst. Kein anderes schweizerisches Medium kann dies besser. Allein, es handelt sich um ein traditionelles Fest, nicht einen beliebigen event (uindeutscher, modischer Ausdruck)-. Auch nicht "der Superlative" , denn die beiden zürcherischen Anlässe dieses Jahres haben ein mehrfaches Publikum verzeichnen können. Was Eugen Hasler glaubt findet seit ein paar Jahren stetig statt: Das Gewehr- und und Armbrustschiessen hat immer weniger Begeisterte. siehe auch die Turnvereine, Kegelklubs, Kirchenchöre, Naturfreunde.

Das Schwingen als Sport einer ländlichen, bäuerlichen, traditionalistischen Schweiz macht mittlerweile auch vor einer urbanen Schweiz nicht mehr Halt. So ist es nicht verwunderlich, dass das Esaf in Zug stattfindet, dem Sitz von global tätigen Rohstoffmultis und Cryptowährungskapitalisten. Zug ist der Inbegriff einer Schweiz, die sich dem Geldadel verdingt hat. Mit allen Auswirkungen wie unbezahlbare Mieten für den unteren Mittelstand. In dieser Schweiz kämpfen die "Bösen" am nächsten Wochenende um Ruhm und Geld. Es scheint, wie wenn Zug den Versuch unternähme, verschiedene Schweizen noch einmal vereinen zu wollen. Der Schwingsport hat eine unglaubliche Wandlung in Sachen Publikumswirksamkeit und Popularität vollzogen - nicht zuletzt des Fernsehens wegen. SRF hat dieses Jahr Sonntag für Sonntag alle kleineren und grösseren Schwingfeste live übertragen, wenn auch mehrheitlich im Netz. Schwingen, könnte man meinen, hat den Fussball abgelöst, seit SRF die sündhaft teuren Champions League-Spiele nicht mehr zu berappen vermag. Dies ist wohl der Hauptgrund, weshalb das Schwingen immer populärer und demzufolge verkaufsträchtiger geworden ist. Schwingen hat Mäzene, Sponsoren, Werbevermarkter etc. hellhörig gemacht. Mittlerweile wird richtig viel Geld umgesetzt. Es ist wie mit allem, was telegen vermarktet und in alle Stuben gesendet wird: Ein Eldorado für Businessmenschen und alle, die eigentlich vom Schwingsport nicht allzu viel verstehen. Das ist der Preis, dass alle dabei sein wollen, koste es, was es wolle. Dabei sind auch Trauffer und Pfeuti, alias Gölä, die einen eigenen Song für das Esaf komponiert haben. Die Beiden, die sich selbst vermarkten und hierzu keine Peinlichkeit auslassen, wie Göla, der Penner vor dem Denner singt und gegen Mittellose herzieht, als müsste er sie durchfuttern, sind - und das ist eine andere Peinlichkeit - bei SRF längst keine Randerscheinung mehr. Es soll ein Fest der Superlative werden, nicht zuletzt für die Schweiz, die allen zeigt, wie sie leibt und lebt.

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