Kontrollverlust

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Kontrollverlust

Von Stephan Wehowsky, 14.12.2016

Das Jahr 2016 hat den absoluten politischen Kontrollverlust des Westens offenbart.

Der Kern der Horrornachrichten der letzten 12 Monate liegt darin, dass die völkerrechtlichen Spielregeln der Nachkriegszeit nicht mehr gelten und der politische Code des Westens zerbrochen ist.

Kein Zusammenhalt

In der Ukraine tobt ein Krieg, der nicht so genannt und beschrieben werden darf. In Syrien wird dem Westen demonstriert, was es heisst, „vor den Augen der Weltöffentlichkeit“ Waffengewalt und Terror auszuüben, ohne die geringste Rücksicht auf Kriegsrecht und Humanität zu nehmen.

Und Europa hat sich selbst paralysiert: Die südlichen Ränder taumeln von einer Krise in die nächste, während mit England einer der wichtigsten Pfeiler der Europäischen Union weggebrochen ist. Es gibt keinen politischen Zusammenhalt mehr, und die Finanzkrise löst wie ein stark wirkendes Gift jedes politische Ethos der Selbstverpflichtung auf.

Putin und Trump

Der zunehmenden Labilität in Europa entspricht in den USA der Kontrollverlust auf der obersten Führung: Der voraussichtlich neue Präsident bietet das Ordinärste an amerikanischer Subkultur und entpuppt sich als Marionette östlicher Geheimdienste. Er ist so inkompetent, dass es schon keine Rolle mehr spielt, ob Putin oder andere die Fäden ziehen. Trump verkörpert den Kontrollverlust, den jeder Verzicht auf Anstand und Vernunft in der Politik bedeutet.

Gegenüber Trump erscheint Putin als der rationalere und somit verlässlichere Machthaber. Aber warum sollte er im Interesse der Westeuropäer handeln? Seine geistlichen Führer der „Russisch-Orthodoxen Kirche“ werden ihm ganz sicher nicht dazu raten. Sie hassen die „westliche Dekadenz“. Seine eigenen Erfahrungen mit der westlichen Arroganz und Selbstgefälligkeit bestätigen sie. Hat Europa ein starkes Argument, ihn zurückzugewinnnen?

Der Strohhalm

Ist es ausgerechnet Trump, der mit seinem designierten Aussenminister Rex Tillerson für gut Wetter sorgen könnte? Man kann sich selbst dabei ertappen, hierin einen letzten Strohhalm zu sehen. Barack Obama hat ganz sicher einen grossen Fehler gemacht, indem er Putin seine ganze Verachtung hat spüren lassen. Aber wir leben doch in Zeiten, in denen die Schicksale ganzer Erdteile nicht allein von den Emotionen der gerade Mächtigen abhängen sollten. Wir sind schliesslich aufgeklärt. Und unsere Staatsform nennt sich „parlamentarische Demokratie“.

Die Rechnungen der Vernunft aber haben inzwischen wackelige Fundamente. Es ist eben nicht so, dass sich weltweit die westliche Demokratie mit ihren Prinzipien der Freiheit und Selbstbestimmung durchgesetzt hätte. Schaut man auf den Globus, so ist sie eher provinziell. Grossmachtpolitik und die meisten regionalen Konflikte versteht man am besten, wenn man die Ideale der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ samt parlamentarischer Demokratie ebenso ablegt wie ein altes Kirchengesangbuch.

Stadium zunehmender Schwächung

Auch in Europa sind die Haltbarkeitsdaten demokratischer Prinzipien in vielen Regionen schon längst abgelaufen. Geschichte wiederholt sich. Wir wissen aus dem letzten Jahrhundert, dass Demokratie nur dort stabil ist, wo die Menschen ein wirtschaftliches Auskommen haben, so dass Klientelismus, Korruption und Schattenwirtschaft sich schlicht und einfach nicht mehr rechnen. Jetzt müssen wir feststellen, dass sie immer noch funktionieren. Das ist aber nicht einmal der entscheidende Punkt.

Der entscheidende Punkt besteht darin, dass Europa sich fassungslos im Stadium zunehmender Schwächung in einem zunehmend feindlicheren Umfeld wiederfindet. Europa ist krank und daher um so angreifbarer. Es hat keine Ahnung, wie es sich wappnen kann.

Kraftlose Vernunft

Vom Militär kann Europa kein Heil erwarten. Es ist schwach und fehleranfällig und vor allem: Wie sollte es neuen Herausforderungen begegnen? Gegen Putins „grüne Männchen“ mögen schnelle Eingreiftruppen der Nato helfen, aber was geschieht, wenn der Krieg im Nahen und Mittleren Osten seinen Weg nach Europa nimmt? Politiker und Militärs werden dann sagen: „Damit haben wir nicht gerechnet.“ Wie soll man auch mit Entwicklungen „rechnen“, denen mit herkömmlichen militärischen Mitteln nicht beizukommen ist?

Das ist ja das momentan Unausdenkbare: Dass der Hass, die Gewalt und die überwältigende Wucht entwurzelter Völkerscharen nicht höflich an Europas Südgrenzen Halt machen. Schon jetzt gibt es den Terror in Europa, aber der ist nur ein Vorbote.

Vor unseren Augen entfaltet sich eine Gewalt, die wir für längst überwunden gehalten haben. Diese Gewalt ist schon in die rechtsradikalen Parolen in Europa eingesickert. Politische Appelle zur „Vernunft“ wirken dagegen kraftlos. Und sie sind es auch. Wie will sich Europa verteidigen, wenn die Waffen, die die europäischen Rüstungsbetriebe über Jahrzehnte mit schönen Gewinnen „ins Ausland“ geliefert haben, samt ihren hasserfüllten Bedienern in ihre Herkunftsländer, also auch nach Europa, zurückkehren?

Ratten im Labyrinth

Wir haben uns angewöhnt, den Krieg als eine eher historische Grösse zu sehen. Wir haben geglaubt, wir hätten ihn mit den beiden „Weltkriegen“ schon hinter uns, während andere Kulturen daran noch laborieren müssen. Die Waffen aber sind wie der Besen des „Zauberlehrlings“, zu dem man nicht sagen kann: „In die Ecke, Besen, Besen! Seid‘s gewesen.“

Auf diese Fragen haben wir keine Antworten. Wir haben diese Fragen noch nicht einmal gestellt, denn sie markieren ein ethisch-politisches Dilemma, dessen Konsequenzen unabsehbar sind. Gewisse populistische Bewegungen samt ihren Führerinnen und Führern tun so, als wüssten sie den Ausweg. Aber sie kennen ihn ebenso wenig wie die Ratten in einem Versuchslabyrinth, die einmal der Soziologe Niklas Luhmann beschrieben hat: Keine Ratte kennt den Ausweg, aber jede Ratte folgt der anderen in der Hoffnung, dass diese den Ausweg findet.

Die Frage, vor denen denkende Europäer jetzt klipp und klar stehen, lautet: Haben wir mehr zur Verfügung als unmittelbare Überlebensreflexe?

Kommentare

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Ein Tip : YOUTUBE: "Noam Chomsky & Harry Belafonte in Conversation on Trump, Sanders, the KKK, Rebellious Hearts & More"

Summary NEGATIV: Trump und eine Republikanische Kongressmehrheit hat uns schon den entscheiden Schlag versetzt: Es gibt keine bindenden Klimaziele für die USA und was soll man denn noch tun, wenn der erste Lemming schon gesprungen ist? Gott ist fest auf Seiten der USA, dem wirklichen auserwählten Volk und wirds schon richten, wenns da überhaupt etwas zu richten gibt. Happy tea party !

Summary POSITIV: Chomsky & Belafonte ( Copain von MLK), haben noch nie eine so starke Gegen - Öffentlichtlichkeit erlebt. Die Veranstaltung von Democracy Now zeigt auch, was eine alternative Presse noch mitten im Imperium ausmacht.

MfG
Werner T. Meyer

Was die künftige Legislatur in den USA anbetrifft, sei auch dem Autor dieser abschätzigen Visionen zur neuen US-Präsidentschaft in Erinnerung gerufen: Bitte mal zwei Jahre zuwarten, die kommenden Fakten bewerten und nie vergessen, dass auch die USA ein Zwei-Kammersystem haben und der Präsident über keine absolute Macht verfügt. Das ewige Gejammer auf Vorrat in unserem Land geht mir langsam aber sicher wider der Strich!

Ich bin völlig einverstanden damit, dass die Waffen wie der Besen des Zauberlehrlings sind. Aber ich muss zu dem Schluss kommen, dass der Westen den Kontrollverlust erfährt, weil er versucht hat, mit Waffengewalt Kontrolle auszuüben statt mit Geduld und Diplomatie. Nämlich in Afghanistan, im Irak, in Lybien, in Syrien, im Jemen. Die Dschihadisten, die der Westen zusammen mit Katar, Saudiarabien und der Türkei unterstützt hat, um Regime Change in Damaskus zu erreichen, sind ihm ausser Kontrolle geraten wie der Besen dem Zauberlehrling. Und mehr noch: Wer sagt eigentlich, dass der Westen berufen ist, irgendwo auf der Welt Kontrolle auszuüben? Schon das Wort Ordnungsmacht ist völkerrechtlich suspekt, es hat einen Geruch nach Kolonialmacht.

herr wehowsky, sie haben das formuliert, was wir schon eine weile wissen, aber verdrängen. wie unverschämt darf der mensch sein, bis die überlebensmenschliche vernunft wieder platz greift, oder anders gesagt, wann steht endlich jemand auf und erklärt die schmerzgrenze als überschritten. handeln ist angesagt, um diesem mittelalterlichen treiben ein ende zu setzen. der erste schritt von vielen dringend notwendigen ist die uno zu reformieren: kein vetorecht sondern demokratische gleichbehandlung - mehr macht und sanktionskompetenz an die blauhelme - sanktionierbares vorgehen gegen resolutionssünder - recht der uno, einen staat zu bevormunden - durchsetzen der menschenrechte... was nützt eine verwässerte diplomatische erklärung gegen das menschenunwürdige verhalten ganzer völker- und religionsgruppen. die schmerzgrenze ist längst überschritten. drei felder zurück ins mittelalter: was macht mangegen ein verzogenes kind, wenn es sich nicht mehr an die regeln halten will und sämtliche drohungen und sanktionen in den wind schlägt? gewalt ist keine lösung. entzug des lieblings spielzeugs (geld) bringt auf die dauer auch keinen fortschritt. warten, bis das kind erwachseb wird und versuchen, den schaden in grenzen zu halten?
der vergleich steht und ist m.E. nicht so weit hergeholt.

ein subjektiver lösungsansatz meinerseits, den ich whrlicherweise in ihrem artikel etwa vermisste.

hugo waibel

Brutal und schonungslos dieser Bericht. Viele die das lesen fühlen sich sicher mächtig vor den Kopf gestossen. Denn genau in dieser Situation befinden wir uns jezt. Aber die Menschen wollen es nicht sehen, bis sie es am eigenen Leib spüren, dann ist es aber meist zu spät. "Mal doch nicht den Teufel an die Wand" heisst es dann von den Leuten oder " uns geht es ja noch gut hier...." Wenn es uns gut geht und wir alles und mehr haben zum Leben- sind wir unglücklich. Wenn wir jeden Tag wieder ums Essen, Wasser, Wärme, Dach über dem Kopf, kämpfen müssen, sind wir glücklich.
So scheints, ticken die meisten Menschen. Sonst hätten wir doch längst Frieden geschaffen auf unserer Welt. Niemand müsste mehr verhungern während andere sich das überflüssige Fett absaugen lassen.

Ja, nach wie vor dem 9.11. reklamiert die 68-er Spätlese die Deutungshoheit. Eine post68er Journalistenzunft ist noch nicht willens oder mutig, mal aus der 68-er Schallplattenrille weiterzumeinen. Denn mehr als meinen kann keiner.

Für mich verkörpert Obama den totalen Kontrollverlust. Er hat den Weltpolizist zum Bettvorleger gemacht mit seinen "roten Linien", die nichts wert waren. Gleichzeitig hat er diese arrogante Position gegen Putin aufgebaut, die sich jetzt rächt.

Mal schauen, wie sich die arrogante Position der Europäer gegenüber Trump - "so inkompetent, dass es schon keine Rolle mehr spielt" - bewährt.

Ihre Analyse spiegelt das untergehende Weltbild der europäischen Elite aus Politik, Medien und Kultur. Die Verzweiflung ist echt und berechtigt. Die Schlüssel sind falsch. "Wir sind schliesslich aufgeklärt." Was bringt das Gejammer, angesichts der Realitäten in der Welt?

Die ersten Schritte zur Auflösung des "ethisch-politischen Dilemmas" haben wir schon gemacht. Es kommen härtere Zeiten. Das muss nicht gleich das zivilisatorische Ende bedeuten. Aber etwas ändert sich gerade.

Wir haben mehr zur Verfügung als unmittelbare Überlebensreflexe, nämlich;
- demütige Hingabe an Kali; Dein Reich komme, Dein Wille geschehe.
- Globale Massendemonstrationen und Spontanaktionen; "Stoppen wir jede Gewalt und machen Totalabrüstung jetzt!" organisieren und teilnehmen,
- alle entsprechenden Likes auf faecesbook anklicken.

Wer sind "Wir"? Die Arroganz?

Mit "Wir" sind wahrscheinlich die Menschen gemeint.... (Also die die noch wie Menschen denken können natürlich...)

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