Vor dem Hintergrund des Ukrainekriegs und einer sich verstärkenden Autokratie Wladimir Putins fragt man sich: Warum hat Russland nach den Jahren der Öffnung unter Michail Gorbatschow eigentlich diese Entwicklung genommen? Und: Was heisst das für die Zukunft? Der Osteuropa-Historiker Carsten Goehrke gibt eine Antwort, indem er einen weiten Blick in die Vergangenheit wirft.
Seit er 2002 von der Universität Zürich in den Ruhestand verabschiedet wurde, hat der heute 89-jährige Osteuropa-Historiker Carsten Goehrke eine sehr reiche wissenschaftliche Ernte eingebracht. In seinem dreibändigen Werk «Russischer Alltag. Eine Geschichte in neun Zeitbildern vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart», und in «Russland: eine Strukturgeschichte» ist Goehrke, wie Ulrich M. Schmid in der NZZ festgestellt hat, «aus den Niederungen des Kampfes mit den einzelnen Fakten auf den historiographischen Feldherrenhügel» gestiegen und hat sich in einer Gesamtschau der russischen Geschichte versucht. Ein mutiges Unterfangen, wichtig nicht nur für das Verständnis der Vergangenheit, sondern vor allem auch der Gegenwart. Denn wir sehen ja: Russland hat nicht nur diesen verheerenden Krieg gegen die Ukraine angefangen, Russland entwickelt sich auch in zunehmendem Mass zurück zu dieser Autokratie, die es von der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts an bis zu Michail Gorbatschow gewesen ist – im Unterschied zu West- und Osteuropa, deren Länder sich Schritt für Schritt demokratisiert haben.
Die Hinwendung zum orthodoxen Christentum
Warum ist das so gekommen? Hätte das Ganze nicht auch anders verlaufen können? Gibt es da Momente in der Geschichte, in denen Russland falsch abgebogen ist? Das sind Fragen, die Carsten Goehrke in einem längeren Aufsatz in der neuesten Ausgabe der «Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte» erörtert und zu deren Beantwortung er zunächst einmal weit zurückgreifen muss. Da ist, erstens, eine grundlegende Entscheidung bei der Wahl der Religion, nach Goehrkes Einschätzung «eine der wichtigsten – aber erstaunlicherweise wenig beachteten – Weichenstellungen in der Geschichte Russlands»: Vermutlich im Jahr 987 lässt sich Grossfürst Wladimir I. von Kiew nach byzantinischem Ritus taufen. Es ist ein rein politischer Akt, denn im Gegenzug bieten die oströmischen Kaiser Konstantin und Basileios II. ihm die Ehe mit ihrer Schwester Anna an. Mit dem Christentum in seiner orthodoxen Gestalt übernimmt Wladimir das Modell einer «Staatskirche», die letztlich zwischen «Staats-« und Kirchenvolk nicht unterscheidet. Und die», so Carsten Goehrke, «in einem Ausmass zu einer Verkörperung <nationaler> Identität wurde, wie dies in den westlichen Kirchen nicht der Fall gewesen ist».
So wird die russische Kirche zu einer der drei Säulen der russischen Autokratie und bleibt es bis zum Ende des Zarenreichs 1917. Das bedeutet: Russland schottet sich im 14. und 15.Jahrhundert vom lateinischen Europa ab, wo sich in dieser Zeit ein autonomes Städtewesen und mit ihnen autonome Universitäten etablieren. Wäre auch eine andere Entwicklung denkbar gewesen? Auf den ersten Blick schon. Denn Wladimirs Grossmutter Olga, die von 945 bis 960/61 die Regentschaft führt, lässt sich zwar nach byzantinischem Ritus taufen, erbittet aber vom ostfränkischen König einen Missionsbischof und Priester, um in der eigenen Bevölkerung das Christentum zu verbreiten. Der aber kehrt unverrichteter Dinge um, nachdem in Kiew ein Machtwechsel stattgefunden hat. Trotz dieser überraschenden Wendung glaubt Goehrke nicht, dass Russland der Weg nach Westen offen gestanden wäre, unter anderem deshalb nicht, weil die Handelsbeziehungen der Kiewer Rus stark auf den Schwarzmeerraum und damit auf das oströmische Reich mit seinem Zentrum Konstantinopel – das heutige Istanbul – ausgerichtet war.
Moskau und die Krise der Autokratie
Eine weitere Schaltstelle der historischen Entwicklung macht Carsten Goehrke in seinem Aufsatz in der «Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte» im 14./15.Jahrhundert aus, nachdem das Kiewer Reich unter dem Ansturm der Mongolen zusammengebrochen ist. Es kommt zu Kämpfen, aus denen ein mächtig gewordenes Moskau als Sieger hervorgeht. Als 1598 der junge Zar Fedor Iwanowitsch kinderlos stirbt, kommt es zu einer Krise der Autokratie samt Interventionen von aussen. Für eine kurze Zeit gewinnt der Adel an Macht gegenüber dem Zaren. Bis 1613 von einer Landesversammlung der erst sechzehnjährige Michail Fedorowitsch Romanow zum neuen Zaren gewählt und damit jene Dynastie installiert wird, die Russland bis 1917 regieren wird.
Die Unerfahrenheit dieses ersten Romanow wäre eine Chance gewesen, «das noch junge autokratische System auf ein neues – auch auf Adel, Verwaltung und Städter gestütztes – Gleis zu schieben», meint Goehrke unter Berufung auf Forschungen des russischen Historikers Andrei Danilow. Dass sie nicht genutzt wurde, hat nach Danilows Ansicht zwei Gründe: Zum einen haben die chaotischen Zustände während der Übergangszeit abschreckend gewirkt, und zum andern hat Polen mit seinem Griff nach der Zarenkrone Russlands Volk und Kirche zusammengeschweisst.
Die vergeblichen Reformen Peter des Grossen …
Im frühen 18. Jahrhundert tut sich mit Peter dem Grossen eine weitere Chance auf. Er nimmt sich den Westen zum Vorbild und versucht Russland im Schnellgang zu «europäisieren». Doch werden seine Reformen «einer Gesellschaft aufgepfropft, die dafür noch nicht reif war», schreibt Carsten Goehrke in seinem Aufsatz. «Peter blieb die alleinige treibende Kraft, brach alle Widerstände mit Gewalt und bewies damit, dass die Moderne, die sein Regime äusserlich zu signalisieren schien, letztlich nichts anderes verkörperte als die alte Autokratie in absolutistischem Gewande.»
Dieser Autokratie vermag nach einem unruhigen, zwischen Reform und Repression hin und her pendelnden 19. Jahrhundert erst die Niederlage des Ersten Weltkriegs den Todesstoss zu versetzen. Weil sich aber im innenpolitischen Chaos die straff organisierte Kaderpartei der Bolschewiki durchzusetzen vermag, formiert sich in der Sowjetunion das autoritäre Machtsystem neu. Seither, so Goehrke, «ist die Angst der Herrschenden vor Kontrollverlust das zentrale Agens geblieben».
… und Boris Jelzins
Noch einmal scheint sich 1991 mit dem Zusammenbruch der Sowjetuinion der Weg in eine demokratische Zukunft zu öffnen. Und noch einmal endet das Experiment nach Jahren einer hektischen Reformpolitik unter Boris Jelzin im Chaos, aus dem eine neue, von Wladimir Putin seit seinem Amtsantritt im Jahr 2000 umsichtig gefestigte und im Ukrainekrieg noch verstärkte Autokratie hervorgegangen ist. So endet Carsten Goehrkes Blick in die russische Geschichte und Gegenwart mit dem Verweis auf den Soziologen Lew Gudkow, der die Mentalität des russischen Volkes so gut kenne wie niemand sonst und der «die Rückkehr zu einem autoritären Staatssystem für unausweichlich hält». Zwar habe die grosse Mehrheit der Bevölkerung gegen Ende der Achtzigerjahre einen echten politischen Wandel gewollt, aber keine Vorstellung davon gehabt, wie dieser aussehen sollte. «Die einzige handelnde Institution blieb der Staat, und ihm stand lediglich das Volk als amorphe, politisch apathische Masse gegenüber. Für eine Ära nach Putin sind das keine Auspizien, die Hoffnung machen», so Carsten Goehrke.
Carsten Goehrke: Alternativen in der Geschichte Russlands. In: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte Nr. 76/1, Schwabe-Verlag, Basel 2026