König Fussball auf Besuch in Indien

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König Fussball auf Besuch in Indien

Von Bernard Imhasly, Bombay - 10.04.2017

Im Oktober findet in Indien die U-17 Weltmeisterschaft statt. Indien ist kein fussballverrücktes Land. Das Kalkül der FIFA: einen potentiellen Fussball-Giganten aus dem Dornröschenschlaf zu wecken.

Ende März überreichte Indiens Sportminister an einer feierlichen Zeremonie vor dem Parlament jedem Abgeordneten ein seltsames Geschenk – einen Fussball. An der Unbeholfenheit, mit der viele von ihnen das runde Leder in der Hand hielten, liess sich erraten, dass sie nicht wussten, was sie damit – und mit dem Fussball-Sport – anfangen sollten.

Bei manchen hatte es vielleicht damit zu tun, dass sie nicht sicher waren, ob es eine Kuhhaut war. Die TV-Bilder von der Zeremonie würden sie, in der aktuellen Hatz auf potentielle Kuhmörder, im Nu zum Volksfeind machen. Wer will schon eine vollgepumpte Blase anrühren, für die ein Exemplar der heiligen Kuhmutter sein Leben lassen musste?

Berührungsängste

Der eigentliche Grund für das linkische Hands-Spiel war natürlich viel prosaischer. Fussball ist für die meisten Politiker – und den Grossteil der Bevölkerung – ein Sport der Europäer und Lateinamerikaner. Anders als Cricket ist es ein Kontaktsport, was bei vielen Hindus sogleich kastenbestimmte Tabureflexe und Berührungsängste auslösen kann.

Am lockeren Umgang mit dem Ball liess sich beinahe erraten, in welchen Bundesländern der Sport populär ist – Kerala, Goa, Bengalen, den Stammesstaaten des Nordostens. Auch ethnisch hätte man an der Art, wie diese Politiker den Ball handhabten, eine Klassifikation vornehmen können: Es waren in ihrer Mehrzahl Christen, Muslime oder Leute aus Stammesregionen.

Schlafender Gigant

Der Geschenkgeber allerdings war ein Hindu, der BJP-Sportminister Vijay Goel. Und sein Ziel war nicht etwa, die Hindus endlich zum populärsten Massensport der Welt zu bekehren. In erster Linie ging es ihm darum, die künftige Weltmacht Indien auch als eine Sport-Grossmacht zu etablieren, genauso wie es der grosse Nachbar nördlich des Himalayas gegenwärtig vorführt.

Noch nie war die Gelegenheit so günstig, dem chinesischen Rivalen ein Schnippchen zu schlagen. Indien verdankt es dem Walliser Schlitzohr Sepp Blatter. Dieser hatte vor fünf Jahren Indien den „schlafenden Giganten des Weltfussballs“ genannt und sich sogleich aufgemacht, das unförmige Dornröschen zu wecken. Der Kuss der Fifa: Sie vergab die Durchführung der Junioren-Weltmeisterschaft 2017 an den indischen Fussballverband.

Gewohnt, barfuss zu spielen

Dies bedeutete, dass viel Fifa-Geld in die Infrastruktur des Sports fliessen würde, in die Talentsuche und Ausbildung von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern, von Fussball-Administratoren, Marketing-Fachleuten, Sportjournalisten. Zugleich begann der Weltverband, Turniere zu sponsern und stiftete Trophäen.

Bedrückende Erinnerungen an Indiens Fifa-Geschichte sollten damit ausgelöscht werden. Dazu gehörte etwa die Episode aus der ersten Nachkriegs-WM in London, als das indische Team ausgeschlossen wurde. Es hatte sich – gewohnt, barfuss zu spielen – geweigert, in regelkonforme Fussballschuhe zu schlüpfen. Andere Reminiszenzen sollten nun an deren Stelle treten; jene etwa, dass der älteste FC Asiens in Kolkata zu Hause ist und Mohun Bagan heisst. Es war dieser Klub, der 1911 als erste nicht-britische Mannschaft den IFA Shield gewann, die viertälteste Meisterschaft der Welt; barfuss.

Vor dem Anpfiff erwacht

Das Verteilen der Fussbälle am 29. März sollte der Beitrag der Regierung zum Erfolg des U17-Turniers sein. Das Datum war symptomatisch für den geringen Stellenwert des Fussballs in Indien. Während der Welt-Fussballverband seit fünf Jahren plant und investiert, erwacht der indische Staat ein paar Monate vor dem Anpfiff.

Der Premierminister meldete sich auch noch zu Wort. Die sei eine einmalige Gelegenheit, sagte er bei seinem monatlichen Radioauftritt, um Indien der Welt als Sportnation zu präsentieren. Mit dem Ballgeschenk in den Händen sollen die Abgeordneten nun im Schnellverfahren in ihren Wahlkreisen elf Millionen Kinder in 15‘000 Schulen zu Fussballspielern trimmen lassen, Spielplätze bauen, Mini-Turniere organisieren.

Auf Rang 173

Die Inder waren immer schon Meister in symbolischen Gesten. Und es ist eine alte Tradition hier, auf einen fahrenden Zug aufzuspringen. Es ist die Kehrseite des Satzes, dass Inder gute Krisenmanager sind. Zuvor lassen sie erst alles in eine Krise schlittern, bevor sie es dann im letzten Augenblick doch noch packen.

Dabei ist es höchste Zeit, dass Indien rasch handelt, wenn es je zur Weltspitze aufrücken will. Vor zwei Jahren lag das Land im weltweiten Fifa Ranking noch auf Platz 173. Es war damals just der Augenblick, als das Land bei den Gruppenspielen für die Teilnahme an der WM in Russland auf dem letzten Platz landete. Es hatte soeben sein letztes Spiel verloren, gegen ... Guam.

Erster Sieg seit vierzig Jahren

Allerdings war dieser Tiefpunkt die Talsohle, die das Nationalteam dann hinter sich liess. Kurz vor dem Ausscheiden hatte der Verband Stephen Constantine (bereits zum zweiten Mal) zum Nationaltrainer berufen. Der Anglo-Zypriot hat in den letzten zwei Jahren nicht weniger als 29 Kader-Spieler durch junge Talente ersetzt und war auch fähig, diese zu motivieren. Das Team gewann seitdem elf seiner dreizehn Spiele – das letzte vor einigen Wochen gegen Myanmar, mit dem ersten Sieg in vierzig Jahren.

Die Aufbauarbeit Constantines zeigte Resultate, nicht nur auf dem Rasen. Als die Fifa letzte Woche in Zürich ihr jüngstes weltweites Ranking bekanntgab, hatte Indien von allen 211 Nationen den zweitgrössten Sprung nach vorn gemacht (hinter Mazedonien) – um 31 Ränge gegenüber dem letzten Jahr, die beste Platzierung seit 1997.

Schwer nachvollziehbare Messmethoden

Rang 101 ist zweifellos ein wichtiger psychologischer Antrieb für Team und Trainer, auch wenn die Fifa-Rangliste höchst umstritten ist. Verband und Trainer wirkten fast erschrocken ob der Meldung, wussten sie doch, dass das Fifa-Ranking Messmethoden anwendet, die schwer nachvollziehbar sind.

Indische Zeitungen berichteten etwa, dass Indien zwischen letztem September und Januar bewusst kein einziges Spiel absolviert hatte, um die erwartete Rangverbesserung nicht zu gefährden. (Ich nahm beim Googeln stolz zur Kenntnis, dass die Schweiz sage-und-schreibe die neuntbeste Fussballnation ist, noch vor Schwergewichten wie Italien und Spanien. Deutschland muss sich mit Rang 3 zufrieden geben).

Verblassende Kastentabus

Das gute Abschneiden des indischen Teams hat aber auch Gründe, die schwerer ins Gewicht fallen. Neben der Arbeit des Trainers ist der wichtigste wohl die Professionalisierung des Sports. Seit drei Jahren gibt es eine Indian Super League, die zahlreiche Zuschauer in die Stadien lockt und eine gute mediale Ausstrahlung geniesst. Organisatorin des Turniers ist die Sportvermarkterin IMG-Reliance, die inzwischen auch die Hauptsponsorin der Nationalmannschaft ist.

Mit der raschen Urbanisierung der indischen Gesellschaft ändern sich auch die Vorlieben für bestimmte Sportarten. Cricket bleibt zwar unangefochten der Lieblingssport der Inder; aber Fussball erfreut sich immer grösserer Beliebtheit, nicht zuletzt, weil Kastentabus unter städtischen Jugendlichen allmählich verblassen.

Junge Fussballerinnen

Im Nachthimmel von Bombay erstrahlen inzwischen die Sportplätze der Schulen und Sportvereine im Scheinwerferlicht. Studenten und Berufsleute, Kinder und Alte, manchmal sogar junge Frauen gehen bis spätabends dort Fussball spielen. Die Temperaturen sind erträglich, und der Arbeitsstress des Tages ist abgelegt.

Kürzlich fragte ich meine Schwägerin, ob sie sich nicht Sorgen mache über ihren Zwanzigjährigen. Fast jeden Abend verschwindet Aarish irgendwo im Nachtleben der Stadt. Sie konnte mich beruhigen: Aarish geht fast täglich auf einen Sportplatz für ein paar Runden Kicking. Es sei lustig, erzählte er mir. Die Resultate seien unbedeutend, Teams bildeten sich oft spontan, man spiele immer wieder mit neuen Leuten, auf wechselnden Positionen. Ob er die indische Nationalmannschaft kenne, fragte ich ihn. „Was? Gibt es das überhaupt?“, fragte er ungläubig zurück.

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