Keine Vorschusslorbeeren

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Keine Vorschusslorbeeren

Von Heiner Hug, 11.05.2017

Dem neuen französischen Präsidenten traut man wenig zu.

Der Tenor ist klar: Ein schwacher Mann steht da an der Tür zum Élysée. Er wird es nicht können, heisst es. Er wurde gewählt, weil man die andern nicht wollte. Er hat keine Visionen, keine Erfahrung – er, der Elitesprössling aus reichem Haus, der Investmentbanker bei Rothschild, der die Ängste und Probleme der Franzosen nicht kennt.

Es stimmt, Macron geht mit vielen Handicaps an den Start. Seine Gegnerschaft ist riesig, eine starke Partei im Rücken hat er nicht. Und gewaltige Probleme, die Hollande nicht lösen konnte, warten auf ihn.

Und doch ist es seltsam: Da kritisiert die halbe Welt die verkrustete Politkaste. Und da kommt endlich ein Junger – und was tut man? Man wirft ihm vor, jung zu sein und keine Erfahrung zu haben. Und: Auch wenn er eine Elite-Universität besucht hat und Investment-Banker war: Muss das zwangsläufig heissen, dass er nur für die Elite politisiert, wie ihm viele schon vorwerfen?

Stöbert man in Macrons Biografie, findet man Überraschendes. Ein jetzt am französischen Fernsehen gezeigter Dokumentarfilm *) zeigt einen ziemlich resoluten Mann, der weiss, was er will, der äusserst selbstkritisch ist und der zuhören kann. Hollande konnte das nicht, Sarkozy schon gar nicht. Der französische Journalist Stéphane Bern erzählt: „Wenn ich Hollande, Sarkozy, Juppé, Valls oder Le Pen die Hand schüttle, schauen sie mich nicht an, der Blick ist schon weitergewandert. Wenn mir Macron die Hand gibt, blickt er mir in die Augen.“

Wichtig wird nun sein, wen er als Premierminister ernennt und wen er von den untergehenden Bürgerlichen und Sozialisten ins Boot ziehen kann. Entscheidend ist aber auch: Geht er auf die Sorgen und die Nöte der nicht privilegierten Massen ein, nimmt er diese Leute konkret ernst?

Schon oft sind Präsidenten angetreten, denen man nichts zutraute. Ronald Reagan wurde als läppischer Schauspieler bezeichnet – und wurde ein wichtiger Präsident. Und umgekehrt: François Hollande erhielt viele Vorschusslorbeeren – und versagte.

Die Gefahr, dass Macron scheitert, ist gross. Aber sollte man ihm nicht zuerst einmal eine Chance geben, bevor man ihn zerlegt?

*) „Emmanuel Macron, les coulisses d’une victoire“ von Yann L’Hénoret

Kommentare

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Ein guter Kommentar. Mir gehen die deutschen Medien auf die Nerven mit ihrem überheblichen Macron-Bashing. Da kriechen die obergescheiten Presseleute aus den Löchern und plappern einander alles nach. Macron passt den Deutschen nicht, weil er sicher gegenüber Merkel eine eigenständigere Politik verfolgt als der Schmusekater Hollande. Deutschland muss sich da auf etwas gefasst haben. Gebt diesem Macron doch eine Chance, wie es im Kommentar heisst. D.K. Barandun, Wiesbaden

Richtig, lasst mal diesem demokratisch Gewählten eine Chance. So wie die Medienschaffenden dem demokratisch gewählten US-Präsidenten eine Chance geben. Allein, die Franzosen haben vorerst mal den Front National gebodigt, nun wird wohl Macron gebodigt, siehe die Antipathien der Gewerkschaften und des überdimensionierten Staatsapparates, der Pfründengeniesser. Nil Novum Sub sole.

Was heisst hier: Macron sollte eine Chance haben. Frankreich und Europa sind dazu verdammt, dass Macron nicht nur eine Chance hat, sondern erfolgreiche Politik machen kann. Ansonsten ist die Möglichkeit gross, dass in fünf Jahren Marie Le Pen Präsidentin wird. Und das wäre dann keine Chance sondern so etwas wie das Ende von Europa. Macron ist Präsident. Wer hätte es denn sonst sein sollen: Fillon, Melanchon? Ich denke, dass mit Macron als Präsident der beste aller Kandidaten gewählt wurde. Nun so zu tun, er sei ein Notnagel, wird der Realität nicht gerecht. Sofern es Macron gelingt eine Regierungsmannschaft zusammenzustellen, die seine Politik unterstützt, ist er bei Weitem nicht chancenlos. Zu wünschen wäre es ihm.

Sie werfen etwas gar wenige Argumente ein, die Macron als starken Präsidenten erwarten lassen. Aber Frankreich ist ja diesbezüglich nicht verwöhnt. Wenn Marine Le Pen sich nicht dermassen mit EU-feindlichen Parolen exponiert hätte, wäre sie wohl gewählt worden.

Napoleon oder Don Quijote?
Europa ist und bleibt das Ziel der Jugend!
Damals, ja damals, der Frieden von Amiens hielt nicht lange! Nun wäre man aufgerufen, man hat schliesslich ausgetretene Pfade verlassen und neue Wege gesucht, mit ihm auch neue Wege zu beschreiten. Wir alle leben in Zeiten des Umbruchs. Dieses Wahlgeschehen war schlussendlich eine Art Revolution, eine unblutige Bewegung, genährt von Protesten. Neue Wege, neue Risiken, es bräuchte jetzt Mut. Auch uneingeschränktes Vertrauen, er hat ja schliesslich die Fähigkeiten. Aus dem Barock im ursprünglichen Sinne, hinein in die Jetztzeit, in eine neue Zukunft. Macht kein Don Quijote aus ihm, eher ein auf Frieden bemühter neuer Napoleon wäre zu wünschen. Gemeinsames Federnlassen für eine gewisse Zeit um jene Führungsrolle, geteilt mit Deutschland, wiederzuerlangen. Ich wünsche ihm viel Erfolg, Durchhaltewille und ein Vive la France!.. cathari

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