Keine kopernikanische Wende

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Keine kopernikanische Wende

Von Erwin Koller, 01.03.2019

Der Gipfel der Schmach in Rom hat wie erwartet eine Maus geboren. Zwar gab es eindrückliche Zeugnisse, Einsichten, Schuldbekenntnisse, aber auch fade Absichtserklärungen.

Die Schweizer Bischofskonferenz hat inzwischen nachgedoppelt und spricht einigermassen Klartext. Sie lässt der zynischen Umkehrung von Opfer- und Täterrolle keinen Raum. Täter gehören vor ein staatliches Gericht. Zur Prävention wird vor jeder Anstellung das Strafregister konsultiert. Die Bischöfe können also in die Pflicht genommen werden.

Dezentes Grün statt Violett

Zurück bleibt trotzdem der Eindruck einer grossen Hilflosigkeit angesichts des moralischen Abgrunds, vor dem die Kirche steht. Die kopernikanische Wende, die der australische Erzbischof Mark Coleridge in seiner Abschlusspredigt forderte, ist nirgends in Sicht. Zu offensichtlich ist die Verführbarkeit der geweihten Männer. Zu vordergründig sind all die Massnahmen, die beschlossenen und die gewünschten, auch das Vademecum und die Task Force. Zu gewiss muss jedem vor Augen stehen, dass mit moralischen Appellen und Polizeivorschriften neuem Unheil, das ins Haus steht, nicht beizukommen ist.

Die Hilflosigkeit spiegelte sich auch in der Regie der Konferenz. Das dezente Grün der Bischöfe behauptete den Courant normal: Die liturgische Busszeit war noch nicht angebrochen. Dabei – wenn sie schon nicht wie im Mittelalter ihre Soutanen auf dem Petersplatz verbrennen mochten – wäre Violett als Ausdruck der Umkehr den Bischöfen gut angestanden, erst recht wenn auch Opfer im Rot der Märtyrer Platz gefunden hätten.

Doch diese blieben aussen vor. Ihre Stimmen waren nur gefiltert präsent. Man wollte die Schmach nicht dramatisieren. Hat man sie überhaupt erfasst nach dem allzu langen Verschweigen? Oder hat der Druck der Täter noch immer gewirkt: Wer möchte nach dem neuesten Urteil über Kardinal Pell in Australien die Hand ins Feuer legen, dass unter den 190 Bischöfen und Ordensoberen keine Täter waren?!

Absolutistische Sackgasse

Die Kirche hat die Sexualität über Jahrhunderte erfolglos verdrängt, ja verteufelt, statt sie zu humanisieren und zu kultivieren. Darin gründet die heutige moralische Krise, die den Ablassstreit, der vor 500 Jahren zur Reformation und zur Kirchenspaltung führte, wie ein intellektuelles Geplänkel erscheinen lässt. Eines freilich haben Missbrauch und Ablass gemein: Es geht um Macht. Heilung ist nicht möglich, ohne dass die klerikale Macht empfindlich angetastet wird. Doch davon sind wir meilenweit entfernt.

Jede Institution ist auf legitime Macht angewiesen. Doch die Macht- und Entscheidungsstrukturen in der Kirche haben sich in eine absolutistische Sackgasse verrannt. Macht kann nicht an eine heilige Weihe gebunden werden, Pastoralmacht ist jesuanisch nicht zu begründen, auch nicht, wenn sie sich den Deckmantel des Dienens überzieht. Kirchliche Macht muss wie jede andere Macht geteilt sein, sie muss sich gegenseitig und unabhängig voneinander kontrollieren, und sie muss aufgeteilt sein zwischen Männern und Frauen.

Die Trockenlegung des Sumpfs kann von den Fröschen nicht erwartet werden (Matthias Katsch).

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Ja, genau: 'Die Trockenlegung des Sumpfs kann von den Fröschen nicht erwartet werden (Matthias Katsch).' Die römisch-katholische Kirche hat bisher immer bewiesen, dass sie Reform-unfähig ist und nur mit Spaltungen leben kann. Dieser grosse Weltkonzern ist unführbar geworden und dabei, zu zersplitterten und/oder in die Bedeutungslosigkeit zu versinken.
Wie heisst es doch: Das Korn muss sterben, um Frucht zu bringen.
Und: Siehe, ich mache alles neu!

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