Karl R. Popper- The Open Society and its Enemies (1945)

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Karl R. Popper- The Open Society and its Enemies (1945)

Von Urs Bitterli, 07.11.2011

In der Zeit des Kalten Krieges, als die Politiker noch anspruchsvolle Bücher lasen und der Freisinn noch eine starke politische Kraft war, galt das Buch Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (Bern 1957/58) von Karl Raimund Popper als Katechismus der freien westlichen Welt.

Es war ein umfangreiches Werk, und die wenigsten lasen den ersten Teil, eine kritische Auseinandersetzung mit dem Geschichtsbild Platons. Weit bekannter wurde die Fortsetzung.

Sie enthielt eine scharfe Kritik an der Geschichtsphilosophie von Hegel und Marx, denen der Autor vorwarf, den Grund für den politischen Totalitarismus von Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus gelegt zu haben. Das Buch wurde in der bürgerlichen Presse hoch gelobt und verkaufte sich hervorragend. Wer damals, im Kalten Krieg, nach Argumenten zur Verteidigung der westlichen Demokratie gegen den Sowjetkommunismus suchte, der fand sie in Poppers Werk.

Karl R. Popper, war 1902 in Wien geboren und entstammte einer jüdischen Familie des gebildeten, stark assimilierten Grossbürgertums. Er war vielseitig begabt, absolvierte neben dem Universitätsstudium eine Schreinerlehre und studierte Kirchenmusik. Politisch stand er in den spannungsvollen zwanziger Jahren der ersten österreichischen Republik dem Marxismus nahe.

Im Jahre 1937 nahm er die Einladung zu einer Dozentur für Philosophie an der Universität von Christchurch in Neuseeland an. Gut möglich, dass diese Einladung ihm das Leben rettete; denn im März 1938 marschierte die deutsche Wehrmacht in Österreich ein, und die Judenverfolgung liess nicht auf sich warten. Popper lebte mit seiner Frau bis zum Kriegsende in Neuseeland, schrieb hier an seinem Lebenswerk und lehrte nach 1946 an der London School of Economics. Er gehörte mit Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse und andern zur bemerkenswert grossen Zahl jüdischer Emigranten, die trotz Verfolgung und Emigration ihr Schaffen fortsetzten und dessen Erfolg nach Kriegsende noch erleben konnten.

Historizismus

Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde ist weniger ein philosophisches als ein politisches Buch. Ohne die Erfahrung von Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus hätte es so nicht geschrieben werden können.

Im ersten Teil seines Werks entwickelt Popper am Beispiel Platons den Gegensatz zwischen einer „geschlossenen“ und einer „offenen“ Gesellschaft. Die „geschlossene Gesellschaft“ versteht sich als eine Gesellschaftsordnung, die nach feststehenden Traditionen, Regeln und Gesetzen funktioniert, deren Richtigkeit nicht angezweifelt wird und die keiner Kritik ausgesetzt ist.

Die „offene Gesellschaft“ dagegen ist dadurch charakterisiert, dass Traditionen und Normen vom Individuum jederzeit überprüft, verändert und verbessert werden können. Das kritische Individuum befreit sich so von den Zwängen eines vorgegebenen Systems und übernimmt Verantwortung für sein Handeln.

Im zweiten Band sucht Popper nach den Denkvorstellungen, welche die „geschlossenen Gesellschaften“ der Diktaturen im 20. Jahrhunderts vorbereitet und ermöglicht haben. Er findet sie in der Geschichtsphilosophie von Hegel und Marx. Beiden Philosophen wirft Popper im wesentlichen vor, dass sie ein Geschichtsmodell entworfen haben, das eine innere Notwendigkeit der Abläufe, eine Gesetzmässigkeit und ein Ziel des historischen Geschehens voraussetzen. Eine solche Sicht der Geschichte nennt Popper Historizismus.

Dieser Historizismus ist politisch gefährlich, denn er hat zur Folge, dass die Wirklichkeit als unabänderlich hingenommen und die Wirkungsmöglichkeit des freien, verantwortungsvoll handelnden Individuums geleugnet wird. Im Falle Hegels, den Popper mit besonderem Ingrimm tadelt, leistet der Historizimus einer fatalen Wirklichkeits- und Staatsgläubigkeit Vorschub, welche das Bestehende als gut und vernünftig und die herrschende Macht, wer sie auch sei, als rechtmässig anerkennt.

Rechtfertigung des antidemokratischen Führerprinzips

Mit solchen Ideen, schreibt Popper, habe Hegel dem skrupellosen Machtstreben des modernen Nationalismus den Weg geebnet. Noch schlimmer: Er habe dem antidemokratischen Führerprinzip zu seiner Rechtfertigung verholfen. Denn der “grosse Mann“ unterscheidet sich, nach Hegel, darin vom gemeinen Volk, dass er den Geist der Zeit erfasst und in seinen Taten verwirklich. Und Popper zitiert Hegel: „Wer, was seine Zeit will und ausspricht, ihr sagt und vollbringt, ist der grosse Mann der Zeit. Er tut, was das Innere und Wesen der Zeit ist, verwirklicht sie, und wer die öffentliche Meinung, wie er sie hier und da hört, nicht zu verachten versteht, wird es nie zu Grossem bringen.“

Mit Karl Marx geht Popper freundlicher um. Er anerkennt seinen Wirklichkeitssinn, die Originalität seines Denkens, seine humanitäre Gesinnung und sein Verständnis für gesellschaftliche Prozesse. Marxens Vorstellung der Geschichte als eines Klassenkampfs, der zuletzt notwendig zur klassenlosen Gesellschaft hinführt, lehnt Popper jedoch mit Entschiedenheit ab. Wie im Falle Hegels, wo die Geschichte als die Erfolgsgeschichte einer höheren Vernunft verstanden wird, krankt der Historizismus Marxens an einem Determinismus, der die Handlungsfreiheit des Individuums untergräbt. Die marxistische Prophezeiung von der Selbstzerstörung des Kapitalismus und dem Endzustand einer klassenlosen Gesellschaft enthält, nach Popper, ein gefährliches utopisches Element, das weit von der Kontrolle der Macht, wie die Demokratie sie vorsieht, wegführt. „Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten“, schreibt Popper an oft zitierter Stelle, „produziert stets die Hölle.“

Beide Denker, Hegel wie Marx, haben nach Popper Vorstellungen vom Geschichtsverlauf entwickelt, die empirisch nicht haltbar sind und letztlich auf eine Entwertung des rationalen Denken und sachbezogenen Handelns zugunsten eines schwer fassbaren, politisch gefährlichen Irrationalismus und Mystizismus hinauslaufen. In der Auseinandersetzung zwischen Rationalismus und Irrationalismus sieht Popper, wie er gegen Schluss seines Buches ausführt, den Entscheidungskampf seines Jahrhunderts. Mit Nachdruck setzt er sich für einen „kritischen Rationalismus“ ein, der die Meinungsfreiheit des Mitbürgers respektiert und im Dialog nach einvernehmlichen und praktizierbaren Lösungen der komplexen Probleme einer hoch technisierten Welt sucht.

Zugleich wendet er sich vehement gegen eine „orakelnde Philosophie“, welche sich von den Problemen der Moderne abwendet und daran glaubt, ihr Heil in der Abstraktion und der Utopie zu finden. „Im Gegensatz zur intellektuellen Unverantwortlichkeit eines Mystizismus“, schreibt Popper, „der sich in Träume flüchtet, und im Gegensatz zu einer orakelnden Philosophie, die im Wortschwall ihr Heil sucht, zwingt die moderne Wissenschaft unserem Geiste die Disziplin praktischer Prüfung auf.“

Sinnlose Weltgeschichte

Am Schluss seines Buches stellt sich Popper nochmals die Frage: „Hat die Weltgeschichte einen Sinn?“ Seine Antwort ist ein unmissverständliches Nein. Es gibt keine historischen Gesetze und keine allgemeine Theorie, die den Verlauf des geschichtlichen Geschehens erklären könnte. Es gibt auch keine allgemeingültige Interpretation der Geschichte, sondern eine Vielzahl möglicher Interpretationen. Popper wendet sich auch gegen das, was er den „theistischen Historizismus“ nennt. Er leugnet nicht die moralische Bedeutung der christlichen Lehre, die dem geschichtlich Handelnden die Verantwortung für sein Tun zuweist und der weltlichen Macht die Macht des Glaubens entgegenstellt. Aber er wendet sich entschieden gegen die Vorstellung einer Heilsgeschichte, die einem gottgewollten Ziel zustrebt und in deren Geschehen sich Gott offenbart.

Poppers Buch endet mit einem beredten Bekenntnis zur „offenen Gesellschaft“, für deren Fortbestand einzustehen die wichtigste Aufgabe des demokratischen Bürgers ist. Er schreibt: „Die Geschichte hat keinen Sinn, das ist meine Behauptung. Aber aus dieser Behauptung folgt nicht, dass wir nichts tun können, dass wir der Geschichte der politischen Macht entsetzt zusehen müssen oder dass wir gezwungen sind, sie als einen grausamen Scherz zu betrachten... Wir können die Geschichte der Machtpolitik deuten vom Standpunkt unseres Kampfes für die offene Gesellschaft, für eine Herrschaft der Vernunft, für Gerechtigkeit, Freiheit Gleichheit und für die Kontrolle des internationalen Verbrechens. Obwohl die Geschichte keinen Zweck hat, können wir ihr dennoch unsere Zwecke auferlegen, und obwohl die Geschichte keinen Sinn hat, können wir ihr doch einen Sinn verleihen.“

Kriminelle Entfesselung des Kapitalismus

Kürzlich ist im Schweizer Monat, der sich früher Schweizer Monatshefte nannte, ein kluger Aufsatz von Elisabeth Kopp erschienen - dass die Alt-Bundesrätin klug ist, haben auch ihre Gegner nie bestritten.

Der Aufsatz trägt den Titel „Wider die Gleichgültigkeit“, stützt sich weitgehend auf Poppers berühmtes Buch und beginnt mit den Worten: „In einer offenen Gesellschaft zu leben, ist schön“. Elisabeth Kopp konstatiert die herrschende Politikverdrossenheit und setzt sich ein für ein stärkeres Engagement des Staatsbürgers in der Demokratie ein. „Wir müssen zur Einsicht gelangen“, sagt sie, „dass niemand als wir selbst unserem Leben einen Sinn geben können“ – ein Satz, der genau so von Popper stammen könnte.

Ältere Menschen mögen Elisabeth Kopps Aufsatz nicht ohne eine gewisse Nachdenklichkeit gelesen haben. Denn er macht deutlich, wie sehr Poppers Überlegungen, so wahr und beherzigenswert sie im Grunde bleiben, heute Geschichte geworden sind. Die Generation Poppers ist tot, die weltpolitische Konstellation ist eine völlig andere.

In den dreissiger Jahren verfolgten die Zeitgenossen angstvoll die Entfesselung eines ungeheuerlichen Weltkrieges; heute wohnen wir, nachdem die „geschlossene Gesellschaft“ des Kommunismus zusammengebrochen ist, nicht minder angstvoll einer verantwortungslosen, zuweilen schlicht kriminellen Entfesselung des Kapitalismus bei. Der gute alte Popper kann hier nicht mehr viel helfen; aber ein neuer Popper, der auf die Herausforderungen der Gegenwart ähnlich mutig reagiert, wäre sehr vonnöten.

Kommentare

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Na gut, es gibt ja mehrere Arten von konservativer Einstellung.Ein relativ angstfreier Konservatismus wäre sicher kein Wiederspruch zu innerer Freiheit. Als solchen würde ich das Bestreben verstehen, gewisse Werte der Vergangenheit zu bewahren,um sie auch in der Gegenwart wirksam bleiben zu lassen.Dies setzt aber eine richtige Erkenntnis der gegenwärtigen Lage und der möglichen Anwendbarkeit des Vergangenen auf unsere Lage voraus. Für eine von Angst und Abwehr beherrschten Gesellschaft werden jedoch Werte des Zeitgeistes in der Praxis nutzlos sein. Der ständige Versuch,Vergangenes in die Gegenwart hinüberzuretten, kann stets nur begrenzt gelingen. Um für eine veränderte Gegenwart gültig zu sein, müsste sich das Vergangene ja selbst verändern. Dann wäre es aber bereits etwas anderes.Ein gesunder Konservatismus müsste flexibel genug sein, die zu bewahrenden Werte der Vergangenheit im Sinne der Gegenwart neu zu definieren.Die heute leider gängige Art von Konservatismus sucht das Vergangene wie es einst war ins Heute zu übertragen, Das geschieht aber nicht für eine lebendige Gegenwart,sondern um der Vergangenheit willen, verklärender Traum einer Zeit wo vieles besser war! Hier herrscht dann Erstarrung, sich klammern an heute nicht mehr zutreffendes, sondern früheres! Ein Konservatismus, der die Veränderungen der Gegenwart ignoriert,und Vergangenes unverändert ins Heute zu übertragen versucht, ist tödlich. Es spiegelt das selbe wie das innere Totsein eines Neurotikers! d.h. Stillstand einer ganzen Gesellschaft!

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