Karl Lüönd: Journalismus 20 Jahre im Wandel

Gastkommentar's picture

Karl Lüönd: Journalismus 20 Jahre im Wandel

Von Gastkommentar, 15.11.2010

Von Karl Lüönd Karl Lüönd gehört zu den kritischsten Medienbeobachtern der Schweiz. 2007 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet. Lüönd, Jahrgang 1945, ist Autor von mehr als dreissig Sachbüchern und Biografien. Er war Mitglied der Chefredaktion des "Blick" und Chefredaktor der "Züri Leu" und gründete 1982 die "Züri Woche". Am 13.November 2010 sprach er beim 20. Berner Medientag über den Wandel des Journalismus in den vegangenen 20 Jahren. Hier sein ungekürztes Refereat:

Karl Lüönd

Wie kommt ihr gerade auf zwanzig Jahre? Der grösste, grundlegende Wandel hat schon früher eingesetzt, vor 30 – 35 Jahren etwa, als aus den Redaktionen Vorstufenbetriebe geworden sind – hier früher, dort später, je nach Investitionszyklus und Investitionsfähigkeit der Betriebe.

Ich möchte in diesem Input-Referat in aller Kürze fünf Punkte antippen (nicht behandeln, dafür reicht eine Viertelstunde nicht.)

• Redaktionen wurden zu Vorstufenbetrieben. • Neuer Arbeitsstil: Gesteigerte Disziplinierung, Personalprobleme • Verlage und Verleger in Verlegenheit, ihre Rolle betreffend • Das Selbstverständnis der meisten Journalisten schwankte zwischen selbstgewähltem Anspruch und Marktbedürfnissen. • Panik in der Krise, anhaltende Wirklichkeitsverweigerung

Bei BLICK haben wir 1979 vom Bleisatz auf die erste Generation von Lichtsatzautomaten umgestellt. Ich war damals mit Pierre Freimüller und Fritz Schwarz für die Umschulung der Kolleginnen und Kollegen verantwortlich. Da gab es einen Kollegen mit internationaler Erfahrung, er kannte Willy Brandt und Moshe Dayan persönlich, hatte die ganze Welt bereist, aber er hatte am Ende seiner beruflichen Laufbahn ein technisches Problem, wenn er das Farbband seiner Hermes 3000 wechseln sollte.

Von der Berührungsangst zum Spieltrieb

Ich habe fasziniert beobachtet, wie dieser Kollege und die meisten anderen schon bei der ersten Instruktion mit einem Bildschirmgerät an einem einzigen Nachmittag von der Berührungsangst zum Spieltrieb übergegangen sind. Dieser helle Punkt, der auf dem Bildschirm herumhüpfte, der Cursor, war für die meisten eine Offenbarung. Um 14 Uhr verkündete der besagte Kollege vom Auslandressort noch im Brustton seiner gewerkschaftlichen Überzeugung, er werde nie einem Typografen die Arbeit wegnehmen. Um 16 Uhr spielte er bereits fasziniert mit den Möglichkeiten des Systems. Endlich nicht mehr von Hand korrigieren...

Punkt 1: Redaktionen wurden von Denkstuben zu Vorstufen-Ateliers. Das heisst: Fast alle erhielten neue Job-Beschreibungen, die zwar zunächst nirgends formuliert waren, die man aber in der Praxis spüren konnte und ohne Hilfe von aussen und von oben für sich alleine ausmessen musste. Was bedeutete dies im Kern? Auf einmal warst du nicht mehr nur für den Inhalt verantwortlich, sondern auch für die Form. Ein hoher Anspruch in einer Zeit, da das allgegenwärtige Fernsehen die Wahrnehmungsgewohnheiten des Publikums ins Optische drehte und da jede Zeitung und Zeitschrift, auch die seriöseste, mehr und raffiniertere optische Reize setzen musste, um im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit zu bestehen. Die Folge waren neue Arbeitsteilungen, neue Qualifikationsmerkmale, neue Berufsbilder.

Edelfedern und politische Cracks

Punkt 2: Der neue Arbeitsstil: vom Autismus zum Teamwork. Zugleich wurde der Druck auf die Arbeitsdisziplin erhöht. Auf einmal merkte die Redaktion: Sie stand am Anfang einer raffinierten und auf die Minute getakteten Verwertungskette. Bloss: Hinter ihr gab es keine Typografen, Metteure, Faktoren mehr – diese wunderbaren Edelproletarier, die im Bleizeitalter brummend unsere Fehler ausgebügelt haben. Jetzt gab es nur noch einen Belichtungsautomaten und die Druckmaschine. Führung und Kontrolle mussten verstärkt werden. Zwangsläufig versagten viele redaktionelle Führungspersönlichkeiten, die noch nach den alten Kriterien ausgewählt worden waren: Edelfedern und politische Cracks sollten nun plötzlich Organisatoren und Manager werden. Schauen wir doch, wer damals Erfolg hatte: Peter Übersax (amerikanisch geprägt, erfahren im Agenturgeschäft, wo jede Minute Deadline ist).

Oder Hans Peter Lebrument, der Nachrichtenredaktor beim St. Galler Tagblatt war und mir, seinem Innerschweizer Korrespondenten, nie als besonders ideenreicher Gesprächspartner aufgefallen ist. Aber er konnte führen und organisieren. Die Journalistenorganisationen, strukturkonservativ wie die Mehrheit ihrer Mitglieder, haben schon damals die Zeichen der Zeit nicht gesehen. Die Journalistenausbildung steckte in den Kinderschuhen. Vergessen wir nicht: Nicht die Journalistenverbände, nicht die Verleger, auch nicht die SRG haben die erste Journalistenschule gegründet, sondern Heinrich Oswald, der gerade neu an die Spitze von Ringier gelangt war, und auch der handelte nicht aus Edelmut, sondern weil er gerade dringend eine Prestigestelle brauchte für einen alten Illustrierten-Chefredaktor, den er abhalftern wollte.

Innovationsfeindliche Medienpolitik

Punkt 3: Die Verlegenheit der Verleger, ihre Rolle betreffend. Sie waren damals vorwiegend Druckereibesitzer oder Druckmanager mit eigener Zeitung. Die vertikale Betriebsstruktur – alles unter dem eigenen Dach – war der Normalfall, der Besitz von Produktionsmitteln Ehrensache, selbst wenn die Rotationsmaschine noch wackliger war als die Bilanz, in der sie mangels verdienter Abschreibungen noch mit einem unangenehm hohen Betrag zu Buche stand. Diese Verleger waren mit der Verteidigung – und viele von ihnen mangels Konkurrenz auch bloss mit der Verwaltung – ihrer meist geografisch definierten Hoheitsgebiete beschäftigt, also nicht gerade gestählt im Wettbewerb.

Dies und die innovationsfeindliche Medienpolitik – Stichwort SRG und die Blockade der neuen Medien, die von ihr verursacht wurde – ermutigte nicht gerade zu zukunftsweisenden Taten. In den 80er Jahren wurden Margrit Trappe, Pierre Meyrat, Markus Kutter und andere öffentlich niedergemacht, als sie laut über ein privates internationales Satellitenfernsehen nachdachten. So haben dann halt andere RTL gegründet. In Skandinavien haben die Privaten mit Spartensendern und TV-Homeshopping so viel Geld verdient, dass sie später in Telekommunikationsnetze investieren konnten. Die fehlen den Schweizer Verlegern heute schmerzlich.

Solange die Geschäfte gut gingen, liessen sie die Redaktionen in Ruhe, sie hatten ja irgendwie Angst vor dieser unberechenbaren Intellektuellenbande. Weil die Redaktionen an den meisten Orten ohne die Erkenntnisse der Betriebswirtschaft geführt wurden, riss Misswirtschaft ein, die später schmerzlich korrigiert werden musste, was dann als Sozialabbau missverstanden wurde. In der vermeintlich guten alten Zeit funktionierte die Mehrzahl der Redaktionen ohne Stellenpläne . Es gab kaum Personalentwicklung, wenig Kostenmanagement, wenig Controlling, null Transparenz nach innen, selbst was die Redaktionsbudgets betraf.

Wohnungen, Liegenschaften, Auto-Occasionen

Punkt 4: Die Mühe der Journalisten mit dem Markt. Ich habe die journalistische Tagesarbeit – ich war ab 1980 beim «Züri Leu», später wurde ich Partner und Chefredaktor des Kampfprojekts «Züri Woche» – insgesamt als strukturkonservative Betätigung erlebt. Zwar gab es seit 1959 den «Blick», das erste streng kommerzielle Zeitungsprojekt im Lande. Aber viele Kolleginnen und Kollegen hatten noch immer Mühe mit dem Populären, mit den einfachen Ansprüchen. Es war wie beim Wirteverband: Das gehobene Speiserestaurant war die Norm. Dass die Amerikaner kamen und mit dem Schnellimbiss einen neuen Markt erschlossen, haben sie erst gemerkt, als es zu spät war und schon 100 McDonalds-Restaurants in der Schweiz herumstanden.

Punkt 5: Diverse Krisen und strategische Ratlosigkeit. Nach dem Glanzjahr 2000 begann die Medienindustrie zu erleben, was Textil- und Uhrenindustrie gerade hinter sich hatten. Die Konjunkturkrise war eigentlich nichts Ungewohntes für diese frühzyklische Branche. Aber gleichzeitig wurde sie überlagert von einer viel heimtückischeren, tiefer gehenden Strukturkrise. Das Internet zügelte die Klein- und Fliesssatzanzeigen für Wohnungen, Liegenschaften, Auto-Occasionen, Stellen usw. ab. Bevor unsere ohne Netze dastehenden und daher der Telekom-Industrie ausgelieferten Verleger «Homegate» oder «Scout» auch nur buchstabieren konnten, war schon ein Drittel des Anzeigenumsatzes – an manchen Orten auch mehr – auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

«up or out»

Seit 2000 haben die meisten mittleren und grossen Tageszeitungen 50 und mehr Prozent des Anzeigenumsatzes verloren. Auch die Auflagen sind zurückgegangen, wenn auch nicht so dramatisch. Wer – wie die meisten Schweizer Zeitungen – immer 70 und mehr Prozent der Einnahmen im Anzeigengeschäft geholt hatte, musste da ja in die roten Zahlen geraten. Zusätzlicher Druck kam von den Gratistiteln, die ausserdem die Rolle des Sündenbocks übernahmen. Voreilige Kommentatoren schoben das ganze Elend der Branche auf sie.

Auf alle diese Umwälzungen antwortet die Medienindustrie bis heute mit rührender strategischer Ratlosigkeit. Nur einzelne Firmen haben mehr oder weniger kreative Gegenstrategien realisiert. Ringier und Lamunière sind ins Ausland gegangen. Tamedia, die diesen Schritt nach 1989 nicht vollzogen hat, konzentriert sich faute de mieux auf den Inlandmarkt und kauft nach dem Motto «up or out» alles, was sich bewegt. Ihr strategisches Ziel ist glasklar die Kontrolle über die Zeitungs-Anzeigentarife der gesamten Schweiz. Am besten lebt sich’s in den Nischen. Ich würde mich nicht wundern, wenn neben «20 Minuten» die «Tierwelt» eine der besten Renditen im Schweizer Pressewesen hätte.

Zwischen Weinerlichkeit und Ratlosigkeit

Was geht das die Journalisten an? Wer diese Frage allen Ernstes stellt, zeigt an, dass er immer noch zuwenig von unserer Branche versteht. Sie leistet einen öffentlichen Dienst, aber unter privatwirtschaftlichen Bedingungen. Wenn wir all das bewahren wollen, was wir überzeugt als «service public» für Demokratie und Vaterland leisten, wenn wir aber auch das bewahren wollen, was uns an diesem einmaligen Beruf so fasziniert – das Fragen, das Forschen, das Aussprechen, das Bewirken – dann müssen wir endlich begreifen lernen, wie der kommerzielle Apparat funktioniert. Wir bräuchten denn auch – Verzeihung, liebe Kollegen vom Programmkomitee – keine Diskussionsrunden mit Titeln, die zwischen Weinerlichkeit und Ratlosigkeit oszillieren. Wir würden unsere Zeit heute Nachmittag gescheiter in einen Crash-Kurs in fünfstufiger Deckungsbeitragsrechnung investieren. Oder in ein Strategieseminar für die nächste Budgetverhandlung.

Wenn wir uns aber weiterhin zu fein sind, uns mit den kommerziellen Einzelheiten unserer Branche auseinanderzusetzen und wenn wir weiterhin so harmoniebedürftig und nostalgisch bleiben, wie die Titel der Diskussionsrunden in diesem Programm andeuten, dann werden wir auch in Zukunft über den Tisch gezogen. Und es wird so schnell gehen, dass wir die dabei entstehende Reibungsenergie mit Nestwärme verwechseln.

Ähnliche Artikel

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Endlich einmal eine nicht-weinerliche, sondern trocken-herbe, nicht unamüsante Sicht auf die Medien in der Schweiz.

Das Referat zeigt, dass es keine Zeitungen mehr geben wird - nur noch Wirtschaftsblätter. Zeitungen sind aber nicht bloss als Geldmaschinen geschaffen worden. Die Demokratie hat mit Ihnen erst enstehen können. Die Wirtschaft hat mit der Demokratie erst Ihren weltweiten Aufschwung erlebt.

Die Demokratie hat mit den Zeitungten ihr wichtigstes Sprachrohr verloren.

Gut möglich dass die Wirtschaft nach dem Niedergang der Zeitungen zuerst den Abschwung der Demokratie und dann Ende des eigenen Aufschwunges miterleben wird.

Schöner Abschlussatz! ;-) Man hätte Ihr Referat auch kürzen können auf: Der Markt befiehlt, knie nieder oder stirb! Sie haben natürlich Recht. Wir sind keine Menschen mehr, sondern Konsumenten. Bleibt zu hoffen, dass künftige Generationen wieder zu Menschen werden und Referate, wie das Ihre, dann von Referenten benutzt werden, die über Zeit berichten, wie sie dann hoffentlich vorbei sein wird!

Freundliche Grüsse

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren