Kann ein Pilgerweg eine Bresche schlagen?

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Kann ein Pilgerweg eine Bresche schlagen?

Von Bernard Imhasly, Bombay - 09.12.2018

Zivilgesellschaftliche Versuche zur friedlichen Konfliktlösung zwischen Indien und Pakistan endeten bisher in Fehlstarts. Hat einer, der Religion einbezieht, die besseren Chancen?

Islam ist der Gründungsmythus des Staats Pakistan. In der Ära Narendra Modis wird Hinduismus zunehmend zum staatstragenden Pfeiler Indiens. Religionsdispute prägen seit siebzig Jahren das Verhältnis beider Staaten wie auch deren Innenpolitik. Ist es dennoch denkbar, dass die Religion der Sikhs – geboren als Brücke zwischen Hindus und Muslimen – die verfeindeten Bruderstaaten näherbringen könnte?

Der kleine Ort Dera Baba Nanak, im Nordzipfel des indischen Bundesstaats Panjab und direkt an der Grenze zu Pakistan gelegen, beherbergt einen merkwürdigen Sikh-Tempel. Nicht das Heilige Buch des Sikhismus, die Guru Granth Sahib,  ist das sakrale Zentrum des Hauses, sondern eine Aussichtsterrasse auf dem Tempeldach.

Dorthin strömen täglich tausende Pilger, dort stehen sie, nach Westen gewandt, und beten. Im Unterschied zu Muslimen mit ihrer Gebetsrichtung nach Mekka gehört hier ein Feldstecher zu den rituellen Utensilien. In einer Entfernung von etwa drei Kilometern kommen damit die goldenen Türme eines anderen Gurudwara in den Blick. Dieser ist es, der die Pilger nach Dera Baba Nanak bringt.

Umwegreicher Pilgerweg

Der Gurudwara im Dorf Kartarpur liegt im pakistanischen Teil des Punjab. Der britische Jurist (und Indien-Neuling) Cyril Radcliffe legte 1947 in grosser Hast die Grenzlinien zwischen den beiden neuzugründenden Staaten fest. Er schaute dabei auf die Bevölkerungsanteile von Hindus und Muslimen in den Distrikten der Provinzen Panjab und Bengalen, um sie dann entweder Pakistan oder Indien zuzuschlagen.

Die Sikhs, die prägende Religionsgemeinschaft des Panjab, wurden dabei nicht gefragt. So kam es, dass einer der wichtigsten Tempel in einer von Sikhs bevölkerten Gegend in Pakistan zu stehen kam. Es war der Kartarpur Sahib, in dem der Religionsgründer Guru Nanak ab 1522 die letzten achtzehn Jahre seines Lebens verbracht hatte. Dort verfasste er auch die Guru Granth Sahib.

Pilger aus dem indischen Panjab, wo drei Viertel aller Sikhs leben, müssen für ein Pakistan-Visum jedes Mal einen bürokratischen Hindernislauf überwinden. Darauf folgt ein umwegreicher Pilgerweg, um über Delhi und Lahore nach Kartarpur zu kommen. Wäre es nicht sinnvoll, wenn die Sikhs zu Fuss zum Grab ihres Religionsgründers pilgern könnten?

Das „Mekka“ der Sikhs

Nur: Ein Todesstreifen – mit Minen, Stacheldraht, Elektrofallen, Flutlicht – hat seinen Namen nicht von ungefähr. Dennoch kam vor einigen Monaten Hoffnung  auf, aus ungewohnter Ecke – vom Cricketsport. Imran Khan, einst ein gefeierter Cricket-Star, wurde im August als Premierminister Pakistans vereidigt und lud auch drei ehemalige Sportfreunde und -gegner nach Islamabad ein.

Einer von ihnen war der Inder Navjot Singh Sandhu. Sandhu war nicht nur ein begnadeter Bowler gewesen, er war auch ein Grossmaul. Beides sind Eigenschaften, die ihn im bäuerlichen Panjab populär machten, diesseits und jenseits der Grenze. Sie nützten ihm auch für seine Nach-Cricketkarriere, zuerst als Sport-Kommentator, dann als Politiker. Für die BJP gewann er einen Parlamentssitz; dann wechselte er zur Kongresspartei, die ihn dafür mit einem Ministerposten in der Panjab-Provinzregierung belohnte.

Bei seiner Vereidigung im August erklärte Imran Khan, für jeden Schritt, den Indien in Richtung Frieden mache, sei Pakistan zu zwei Schritten bereit. Sandhu nahm den Ball auf. Wie vielversprechend wäre es doch, rief er aus, wenn Pakistan es den Sikhs erleichtern würde, direkt zu ihrem „Mekka“ nach Kartarpur zu pilgern.

Ein drei Kilometer langer Korridor

Panjabi-Männer lieben Körperkontakt. In der allgemeinen Feststimmung nach der Vereidigung umarmte Sandhu, wie er später sagte, „Hunderte von Pakistanern“, und wurde von ihnen geherzt. Zu ihnen gehörte auch ein Mann in Uniform – und nicht irgendeiner: General Qamar Bajwa, seines Zeichens Oberbefehlshaber der Armee und damit der Mann, dem Imran Khan zu einem guten Teil seinen Job verdankt.

Die indischen Medien reagierten rasch und reflexhaft: Sandhu solle sich schämen, den „Schlächter“ Bajwa in die Arme genommen zu haben. Selbst Kongresspolitiker verlangten, er müsse sich bei den Hinterbliebenen der vielen Opfer pakistanischen Terrors entschuldigen.

Sandhu blieb eine Antwort nicht schuldig. Jeder habe an dem Tag jeden umarmt, sagte er. Zudem habe General Bajwa ihm nicht nur ein typisches Panjab-Jhappi gegeben. Er habe ihm laut und deutlich versprochen, zwischen Dera Baba Nanak und Kartarpur einen drei Kilometer langen Korridor einzurichten, den Sikhs benutzen dürften – ohne Visum.

Neues Kapitel

Bajwa blieb ein Mann seines Worts, zumindest für dieses eine Mal. Drei Monate nach seiner Vereidigung legte Imran Khan am 28. November den Grundstein zum Kartarpur-Pilgerweg. Als Ehrengast begrüsste er Minister Navjot Singh Sandhu. Selbst die BJP-Regierung in Delhi, die Sandhu zuvor scharf gerügt hatte, delegierte ihren einzigen Sikh-Minister nach Kartarpur.

Denn inzwischen hat sich auch unter den Politikern und bei den Medien die Stimmung gewandelt. Aus dem Buhmann Sandhu ist wieder ein Medienliebling geworden. Er verdankt dies auch seinem Panjabi-Landsmann Bajwa. Was hatte es zu bedeuten, so rätselten nun die Talkshows, dass ausgerechnet ein Armee-General, in dessen DNA ein anti-indisches Gen quasi eingepflanzt ist, buchstäblich eine Bresche schlägt in die waffenstarrende indisch-pakistanische Grenze?

Ist dies ein Signal, dass Pakistan in seiner Nachbarschaftspolitik ein neues Kapitel beginnen will? Sind strategische Zwänge der Grund? Ist es die Einsicht, dass auch Terror als Mittel von Islamabads Aussenpolitik dem „Law of diminishing returns“ gehorcht? Ist es die desolate Lage der pakistanischen Wirtschaft? Stecken ausländische Akteure – China etwa – dahinter?

Verrannt

Tatsache ist, dass sich Pakistan in seinem Umgang mit den Nachbarn Indien und Afghanistan heillos verrannt hat. Der faustische Pakt mit dem radikal-islamischen Untergrund hat seinen diplomatischen Spielraum nicht erweitert. Afghanistan bleibt ein Pulverfass, und die Unterstützung der kaschmirischen Intifada hat die indische Position noch verhärtet und die pakistan-freundliche Stimmung der Kaschmirer versäuert.

Die innenpolitische Rechnung der Terror-Strategie ist hoch. Das Aufkommen der pakistanischen Taliban zeigt, dass die Islamisten nun auch die Armee zur Zielscheibe erklären. Die Reaktionen auf den kürzlichen Freispruch der Christin Asia Bibi vom Blasphemie-Vorwurf zeigen dies deutlich. Die Ausschreitungen zwangen die Regierung, ein juristisches Wiedererwägungsgesuch zuzulassen. Und bei den Protesten wurden Rufe zum Sturm auf die Gerichte laut – und auf die „islamfeindliche“ Armeeführung.

Lässt sich zudem verleugnen, dass zwischen den jungen Jihadis und der miserablen Wirtschaftslage eine Verbindung besteht? Der Mangel an Ausbildung und Jobs vermindert die Lebenschancen der Jungen und macht Radikalismus zur Ausweichkarriere.

Gordischer Knoten

Angesichts eines drohenden Staatsbankrotts klingen die Job-Versprechen des neuen Premierministers zunehmend unglaubwürdig. Die Generäle ihrerseits müssen zur Kenntnis nehmen, dass mit den ökonomischen Zwängen auch der strategische Spielraum enger wird. Dies gilt sogar für „Erzfreund“ China. Beijing hat bei seinem anti-muslimischen Durchgreifen gegen die Uighuren kein Interesse an einem blühenden radikalislamischen Laboratorium nebenan. Pakistan ist zu sehr von chinesischen Darlehen und Technologielieferungen eingeschnürt, um dieser Umarmung zu entschlüpfen.    

Warum nicht den gordischen Knoten durchschneiden und mit einem militärischen Stillhalteabkommen mit Indien die Türen wirtschaftlichen Austauschs öffnen? Pakistan ist auf Devisen aus dem Export angewiesen; der schnellwachsende Nachbar wäre ein lukrativer Markt. Und was „offene Türen“ angeht: Hat nicht Delhi Islamabad das Meistbegünstigungsklausel bereits eingeräumt? 

Allein die Sikh-Pilger nach Kartarpur und anderen Pilgerorten könnten Dutzende von Millionen in die Kassen spülen. Und für beide Länder mit ihren reichen Religionstraditionen wäre es ein schöner Beweis, dass die Lehre von Guru Nanak immer noch nachhallt: die Vielheit der Gottesbilder, die Einheit des Gottesprinzips. Vor bald 500 Jahren wurde er im Kartarpur-Gurudwara gemäss dem islamischen Brauch der

Erdbestattung beigesetzt. Das Grab liegt in einem hinduistischen Samadhi-Schrein.

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