Kampf um Aufmerksamkeit

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Kampf um Aufmerksamkeit

Von Stephan Wehowsky, 12.06.2018

Wodurch gewinnen Fotografen ein unverwechselbares Profil? Diese Frage steht unausgesprochen hinter zwei Ausstellungen in Winterthur.

Wer als künstlerischer Fotograf irgendwie auffallen möchte, muss sich Themen und Perspektiven suchen, die ihn mit Ausrufezeichen versehen. Versuche dieser Art lassen sich derzeit in der Fotostiftung und dem Fotomuseum in Winterthur besichtigen.

Der Nachbau von Fotoikonen

So werden In der Fotostiftung die Arbeiten zweier junger Künstler gezeigt, Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger. Die beiden sind auf die Idee gekommen, berühmte Fotos – sie nennen sie Ikonen – im wortwörtlichen Sinne nachzubauen. Dazu haben sie in ihrem Atelier das jeweils abgebildete Geschehen in den Bildern mit sorgsam angefertigten Modellen nachgestellt.

Making of „The Last Photo of the Titanic Afloat“ 
(von Francis Browne, 1912), 2014 © Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger
Making of „The Last Photo of the Titanic Afloat“
(von Francis Browne, 1912), 2014 © Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger

Es handelt sich um eine Art Puzzlearbeit, die erst dann beendet ist, wenn das Foto von der Rekonstruktion im Atelier mit der ursprünglichen Fotografie übereinstimmt. Diese Übereinstimmung wird jeweils mittels digitaler Programme überprüft.

Konstruktion, Dekonstruktion, Rekonstruktion

Im Begleittext der Fotostiftung heisst es: „Konstruktion, Dekonstruktion, Rekonstruktion: So verführerisch es ist, sich die Vergangenheit in Form von Bildern zu vergegenwärtigen und mittels Ikonen die Welt zu erklären, so problematisch ist die ‚Wahrheit‘ dieser Bilder. Die Arbeit von Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger ruft spielerisch und humorvoll in Erinnerung, dass Fotografien fragil, willkürlich und hochgradig manipulierbar sind – in einigen Fällen sind sie nicht mehr als das Zeugnis einer Perspektive.“

So recht wird nicht klar, was die beiden Künstler wollen. Sehen sie sich als Detektive, die in akribischer Arbeit etwas rekonstruieren, um an den Kern des jeweils fotografisch abgebildeten Geschehens zu kommen? Kann man ihre Arbeit zum Beispiel mit der Rekonstruktion von einem Flugzeugwrack vergleichen, die zur Ermittlung einer Absturzursache dient? Dieser Vergleich würde zwar mächtig hinken, aber da alles – Abbildungen, eventuell Wrackteile und ganz sicher Perspektiven – „fragil, willkürlich und hochgradig manipulierbar“ sind, passt dieser Vergleich schon irgendwie, denn beide Künstler möchten ja mit ihren Rekonstruktionen etwas ermitteln, was ihnen in den Originalfotos zu fehlen scheint oder verdächtig ist.

Making of „AS11-40-5878“ (von Edwin Aldrin, 1969), 2014. 
© Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger
Making of „AS11-40-5878“ (von Edwin Aldrin, 1969), 2014.
© Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger

Daher die Dekonstruktion durch Konstruktion. Allgemein gesprochen zielt dieses Konzept darauf, dass alles irgendwie Konstruktion ist, die sich wiederum dekonstruieren lässt. Jeder Inhalt eines Fotos ist bereits durch die Perspektive, die Aufnamesituation und andere Akzidentien geformt, wenn nicht gar manipuliert. Das gilt immer und überall. Die handwerklich anspruchsvollen und zeitraubenden Nachbildungen sind ein recht hoher Aufwand für diese Erkenntnis, die man selbst einem Laien innerhalb von fünf Minuten erschöpfend erklären kann.

Eine weitere Dimension dieses ambitionierten Unternehmens besteht darin, dass die beiden jeweils ein Bild im Bild präsentieren, indem sie nicht nur ein Foto von der Nachbildung machen, sondern den Bildausschnitt so wählen, dass einige der Utensilien, mit denen diese Nachbildungen angefertigt wurden, zu sehen sind. Es geht also um das Bild im Bild. Muss man das aber wieder und wieder vorgeführt bekommen? Eigentlich hat man das schon nach dem ersten Bild begriffen und braucht dafür nicht die 42 Bilder, die in Winterthur hängen.

Bei Lars Müller Publishers ist ein Band mit diesen Arbeiten erschienen. Er heisst „Double Take“. Der Untertitel lautet: „Eine wahre Geschichte der Fotografie“. Das zielt eindeutig zu hoch. Andere Geschichten der Fotografie sind schliesslich nicht unwahr.

Verwirrung durch Jürgen Teller im Fotomuseum

Die Ausstellung von Jürgen Teller im Fotomuseum stürzt die Betrachter ebenfalls in Verwirrung. In den begleitenden Texten wird Jürgen Teller als Shooting Star der Gegenwartsfotografie dargestellt, um den sich die Modemagazine und selbstverständlich internationale Galerien nur so reissen. Zudem ist er seit fünf Jahren Professor an der Akademie der bildenden Künste in Nürnberg.

Self-reflections, Melancholy and Blood Oranges No.67, London 2018 © 2018 Juergen Teller, All rights Reserved
Self-reflections, Melancholy and Blood Oranges No.67, London 2018 © 2018 Juergen Teller, All rights Reserved

Der erste Eindruck beim Gang durch diese Ausstellung besteht darin, dass Banalität hier offenbar so banal werden soll, dass sie nicht mehr banal ist. Zudem sind die Fotos trashig. Sie fallen die Betrachter an wie nasse Lappen, die nach ihm geworfen werden. Das macht aber nichts, denn dem Betrachter wird erklärt, dass er die Wahl hat: Entweder ist er ein tumber Thor, der die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt hat, oder er ist ein Fan von Jürgen Teller. Im Begleittext heisst es:

„In den Leserbriefen lässt sich mitverfolgen, wie einerseits Fans entstehen und andererseits das Unverständnis angesichts der eklektischen Dichte von Tellers fotografischer Sprache zu einer Tour de Force wird.“ – Das Unverständnis wird zu einer „Tour de Force“? Mann oh Mann. Und wo finden wir „eklektische Dichte“? Zum Beispiel auf Flohmärkten. Vielleicht sollte man diese Ausstellung einmal an einem solchen Ort zeigen. Das wäre wirklich progressiv.

Raquel Zimmermann, Celine Campaign Autumn Winter 2017, Mexico City 2017 © 2017 Juergen Teller, All rights Reserved
Raquel Zimmermann, Celine Campaign Autumn Winter 2017, Mexico City 2017 © 2017 Juergen Teller, All rights Reserved

In der Ausstellung sieht man mit einer Ausnahme keine Modefotos, obwohl Teller ja ein grosser Modefotograf sein soll. Es gibt auch keinen Katalog. Im Vorraum ist ein Band mit Fotos ausgelegt, die er für Louis Vuitton angefertigt hat. Die Bildsprache von Louis Vuitton ist ebenfalls polarisierend, aber wenigstens unterbieten hier Tellers Bilder nicht alle fotografischen Massstäbe. Diese Information wäre in der gezeigten Ausstellung ganz nützlich.

Um seinen Provokationen zusätzliche Würze zu verleihen, zeigt sich Teller – wie denn auch sonst? – nackt. In einem abgetrennten Raum gibt es eine Videoinstallation. In einer Endlosschleife sieht man, wie Charlotte Rampling an einem Flügel sitzt und spielt, während Teller nackt mit dem Rücken zur Kamera auf dem Flügel einen Kopfstand macht – sein Geschlechtsteil halb sichtbar wie der ebenfalls abgeknickte Kopf. Frappante Symmetrie! Die „Verständigeren“ unter den Betrachtern erblicken darin ganz gewiss grosse Kunst, für andere ist das nichts weiter als eine widerwärtige Pennälerfantasie.

Self-Portrait with Balloons, Paris 2017 © 2017 Juergen Teller, All rights Reserved
Self-Portrait with Balloons, Paris 2017 © 2017 Juergen Teller, All rights Reserved

Seit diesem Jahr leitet Nadine Wietlisbach als neue Direktorin das Fotomuseum. Beim Presserundgang führte sie engagiert durch die Ausstellung Jürgen Tellers. Seit dem Ausscheiden von Urs Stahel hat das Fotomuseum an Attraktivität verloren. In der direkten Nachfolge von Duncan Forbes und Thomas Seelig will sie dem Fotomuseum neuen Schwung verleihen. Ein erster Test hat gerade begonnen.

„Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger – Double Take“. Fotostiftung Schweiz, Winterthur, 2. Juni bis 9. September 2018. Begleitband: Jojakim Cortis, Adrian Sonderegger: „Double Take. Eine wahre Geschichte der Fotografie“.Lars Müller Publishers. 128 Seiten.

„Jürgen Teller – Enjoy yor Life!“. Fotomuseum Winterthur, 2. Juni bis 7. Oktober 2018.

Kommentare

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