Jungparteien ohne Jugend

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Jungparteien ohne Jugend

Von Nick Sempach, 24.03.2019

Die Jungparteien könnten ein Sprachrohr für die Anliegen der Jungen sein. Leider verbreiten sie lieber heisse Luft.

Journal21.ch will die Jungen vermehrt zu Wort kommen lassen. In der neuen Rubrik „Jugend schreibt“ nehmen Schülerinnen und Schüler des Zürcher Realgymnasiums Rämibühl regelmässig Stellung zu aktuellen Themen.

Nick Sempach wurde im Jahr 2000 geboren und lebt in Zürich. Er besucht die sechste IB-Klasse des Realgymnasiums Rämibühl und macht im Sommer die Matur. Er ist Vizepräsident des Vereins „Solidarität“ und erreichte das Schulfinale des Debattierwettbewerbs „Jugend debattiert“.

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Die Behauptung, dass die Jugend politikverdrossen sei und sich nicht mit politischen Themen beschäftige, ist in den letzten Wochen und Monaten mit den Klimastreiks in der ganzen Schweiz unmissverständlich widerlegt worden. Wenn es einer Jugendbewegung innert kürzester Zeit gelingt,  die zweitgrösste Demonstration in der Geschichte der Schweiz auf die Beine zu stellen, dann wird klar, dass es schlicht und ergreifend falsch wäre, die junge Generation und ihre politischen Interessen kleinzureden. Uns Jungen ist es gelungen, uns auf der Strasse Gehör zu verschaffen. Doch wo finden wir politischen Rückhalt für unsere Anliegen? Bei den Jungparteien, müsste man meinen.

Betrachtet man die Jungparteien genauer, fällt auf, dass es nur vier gibt, die auch wirklich unabhängig von ihrer Mutter- oder Vaterpartei sind: Sowohl die Junge CVP als auch die Junge SVP und die Junge BDP hängen so sehr mit der Partei der Erwachsenen zusammen, dass es fragwürdig scheint, ob man sie überhaupt zu den „Jungparteien“ zählen soll.

Die Junge SVP wird insofern von ihren „Eltern“ kontrolliert, als dass sie von den Grossen – ehemals Blocher – an einer sehr kurzen Leine gehalten wird. Die Linie der Jungen CV scheint identisch mit derjenigen der CVP, und die Junge BDP ist gar nicht unabhängig, da sie komplett von der BDP geleitet wird.

Es bleiben folglich die JUSO, JFS, JGLP und die Jungen Grünen, die alle mehr oder minder unabhängig von der jeweiligen Partei agieren.

Betrachtet man die letzten Initiativen, die von diesen vier Parteien lanciert wurden oder mehrheitlich von diesen Parteien ausgingen, fallen zwei Dinge auf: Alle sind gescheitert und alle sind zu extrem. Auch für die Jungen, welche die Jungparteien eigentlich repräsentieren sollten. Ob die „No-Billag-“, die „Vollgeld-“ oder die „Zersiedelungs-Initiative“: Alle drei schossen weit über das Ziel hinaus, und zwar ganz unabhängig davon, ob man die den Initiativen zugrunde liegenden Ideen befürwortet oder nicht. Bei allen musste man sich eingestehen, dass die Initiativen entweder nicht umsetzbar waren – beziehungsweise zu viele Risiken bergen – oder dass sie in solch eine extreme Richtung gingen, dass sie aussichtslos scheinen. Dies deshalb, weil die Initiativen und Ideen der jeweiligen Jungparteien leider noch mehr von Ideologien geleitet sind als diejenigen der Elternparteien: Eine 99%-Initiative der Marxisten der JUSO, die das Wirtschaftssystem immer noch nach einem gescheiterten, über fünfzig Jahre alten System errichten möchten, zeigt zwar durchaus, dass es ein Problem bei der Besteuerung von Kapital in der Schweiz geben könnte, doch verfehlt die JUSO wie so oft ihr Ziel, weil der Vorschlag nicht ernst zu nehmen ist.

Aber auch bei den JFS sieht es nicht wirklich anders aus: Die Forderung nach einer Senkung der Steuern um 10-20% für den Mittelstand im ganzen Kanton ist ganz offensichtlich das Produkt der neoliberalen Wirtschaftsideologie der JSF, was dazu führt, dass auch diese Initiative möglicherweise daran scheitern wird, dass sie einfach fünf grosse Schritte zu weit geht.

Oft wird gesagt, dass es jedoch genau diese Extreme brauche, um den politischen Diskurs anzutreiben. Dennoch stellt sich die Frage, inwiefern es für einen Jugendlichen von Vorteil sein sollte, wenn die junge Politiklandschaft, die seine Interessen vertreten sollte, nur aus Extremen besteht. Soll ich ernsthaft zwischen ewig gestrigen Kommunisten, neoliberalen zukünftigen CEOs, veganen Ökohippies und denjenigen, die sich nicht zwischen den beiden letztgenannten entscheiden können, auswählen? Muss ich mich als Jugendlicher tatsächlich ausschliesslich von Parteien repräsentieren lassen, die immer aufs Neue über das Ziel hinausschiessen und dadurch zurecht kaum ernst genommen werden? Was bringt es etwa für die Gleichberechtigung der Frau, wenn am Weltfrauentag Schokoladenpenisse verteilt werden? Das macht weder ernsthaft auf die Problematik aufmerksam, noch hilft es dabei, die eigene Position seriös zu hinterfragen.

Als Jugendlicher würde ich mir vielmehr wünschen, dass die von den Jungparteien gemachte Politik unabhängig von ihren Stossrichtungen durchdachter und realistischer wäre: Dass alle Parteien etwas von den Ideologien, die sie prägen, wegkommen. Dass sie die jugendlichen, neuen Ansichten und Anliegen auf eine Art kommunizieren, die dazu führt, dass sie ernstgenommen werden können und auch die Politik „der Alten“ einen positiven Effekt von ihnen spüren kann.

Wir haben mehr als genug lautes, populistisches Gebrüll ohne Substanz. Wäre es nicht ein willkommener, fast schon revolutionärer Gegenzug, wenn man etwas ruhiger, vernünftiger und besonnener argumentieren würde? Sodass die Jungen nicht erst dann ernst genommen werden, wenn sie trotz negativer Konsequenzen die Schule schwänzen, sondern auch dann, wenn sie ohne Getöse versuchen, Politik zu Themen zu machen, die nicht ganz so dringlich sind wie der Klimawandel. Ein Diskurs würde viel eher zu einer Lösung führen als ideologische Experimente. Sie führen nicht ans Ziel. Sie zerstören aber die Glaubwürdigkeit der Jungen und vereiteln dadurch die Durchsetzung ihrer Anliegen.

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Die Schülerinnen und Schüler wählen die Themen, die sie im Journal21.ch behandeln, selbst.

Verantwortlich für die Betreuung der jungen Journalistinnen und Journalisten von „Jugend-schreibt“ ist der Deutsch- und Englischlehrer Remo Federer ([email protected])

Das Realgymnasium Rämibühl (RG, bis 1976 Realgymnasium Zürichberg) ist ein Langzeitgymnasium. Es ist neben dem Literargymnasium die einzige öffentliche Schule des Kantons Zürich, die einen zweisprachigen Bildungsgang in Verbindung mit dem International Baccalaureate anbietet, wobei die Fächer Geographie, Biologie und Mathematik auf Englisch unterrichtet werden. Zu den berühmten Schülern gehören Max Frisch und Elias Canetti.

Weitere Informationen finden sich auf der Homepage www.rgzh.ch

Kommentare

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Der Artikel spricht mir, mit meinen beinah 8 Jahrzehnten, weitgegend aus der Seele. Selten ist die Analyse zu lesen, dass den Parteien ihre Ideologien im Wege stehen, um lösungsorientiert Probleme und Aufgaben anzugehen.
Ich wünsche mir sehr, dass junge Menschen wie Nick Sempach in Zukunft gehört werden, und sie sich vielleicht auch für politische Ämter zu Verfügung stellen werden.

Wer sich nicht ständig und vertieft mit der schweizerischen Politik beschäftigt, ist entweder von der Argumentationskanonade der Parteien und Medien verwirrt und bleibt deshalb der Urne fern, oder er gibt der gerade herrschenden Mainstream-Strömung nach, um bei den Wahlgewinnern zu sein. Ohne vertiefte politische Bildung wird die direkte Demokratie in der Schweiz zum PR-Spielball oder überhaupt verschwinden.

Dieser Artikel stimmt mich hoffnungsvoll: Es scheint eine verantwortungsvolle Generation heranzureifen, die nicht länger nur bespasst werden will, sondern bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Zeit für einen Paradigmenwechsel.

Es mutet fast schon paradox an, dass Jugendliche in ihrer Sturm-und-Drang-Phase in unserer Welt für mehr Vernunft plädieren müssen. Der grosse Fehler der Mutterparteien besteht darin, dass sie glauben, die Jungen mit "lustigen" Aktionen zu begeistern. Nur finden sie es eben - völlig zurecht! - alles andere als lustig.

Herr Sempach, ja, würde, täte, sollte, wäre. Und dann noch die ewigen, nicht totzukriegenden ….isten. Sie haben recht, "ideologische Experimente" könnten tödlich sein, siehe Uljanows exodus aus Zürich, 1917, und sein erfolgreich begonnenes Experiment. Bis dato 100 Millionen Gewaltopfer. Immer noch erfolgreich in China.

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