Journalistische Selbstverliebtheit

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Journalistische Selbstverliebtheit

Von Stephan Wehowsky, 20.03.2020

Heute beschäftigen wir uns ...

Seit einigen Monaten gibt der „Spiegel“ am Morgen und am Abend einen Newsletter heraus. Zumeist am Abend beginnt dieser Newsletter mit den Worten: „Heute beschäftigen wir uns ...“.

Man kann diese Phrase leicht überlesen, doch dem einen oder anderen Leser wird der gouvernantenhafte Ton auffallen, der an unselige Schulzeiten erinnert: „Liebe Kinder, heute beschäftigen wir uns ...“

Aber da ist noch mehr. Seit einiger Zeit ist es üblich, ständig auf sich selbst zu verweisen. Kaum jemand fotografiert noch einen Ausblick oder ein historisches Gebäude, ohne sich selbst dank Selfie-Funktion in den Vordergrund zu stellen. Ebenso im Journalismus. Früher kam das Pronomen „ich“ in journalistischen Beiträgen eher selten vor. Das ist heute anders. Der Verweis auf das „Ich“, das gerade von hierhin nach dorthin reist und die Leser mit Berichten beglückt, ist inzwischen elementar wichtig. Jedenfalls meinen das die journalistischen Egos.

Bei allem, was man tut, verweist man mit mindestens zwei Fingern auf sich: „Ich (!), heute, beschäftige mich (!).“ Oder, wie es der Spiegel vormacht: „Wir (!), heute, beschäftigen uns (!).“ Bei den Lesern soll sich offenbar die Assoziation einstellen, dass sich die eifrige Redaktion über die Themen des Tages beugt, um sich zu entscheiden, mit welchem Thema im Besonderen sie „sich heute beschäftigen“ will. Dann, endlich, wendet sie sich den Lesern zu.

Diese Selbstverliebtheit verstellt den Blick darauf, dass die Einleitung, „heute beschäftigen wir uns“, ziemlich sinnfrei ist. Schliesslich werden im Newsletter vom Spiegel nur die Themen herausgehoben, mit denen der Spiegel ohnehin schon den lieben langen Tag unterwegs war.

Konsequent gedacht könnte ja auch schon auf der ständig aktualisierten Website des Spiegels direkt unter dem Logo stehen: „Heute beschäftigen wir uns.“ Das Gleiche gilt für Tageszeitungen: Süddeutsche Zeitung: „Heute beschäftigen wir uns.“

Aber eigentlich erwarten wir Leser sowieso, dass sich die Redaktionen mit den Themen, die sie uns präsentieren, beschäftigen. Aber für manche Redaktionen ist das heutzutage ganz offensichtlich etwas Besonderes. Vielleicht knallen sie die Meldungen tagsüber nur noch so hinaus und kommen erst gegen Abend auf die Idee, sich „damit zu beschäftigen“.

In früheren Zeiten haben sich Zeitungsredaktionen gefragt, was sie ihren Lesern mitteilen wollen. Dazu gehörten auch unangenehme Wahrheiten. Im Zuge der Zeitungskrise wurde diese Frage aufgegeben. Nun möchten die Redaktionen nur noch das liefern, was die Leser vermeintlich lesen wollen. Die Social Media im Internet haben dieses Prinzip auf Kosten der Zeitungen perfektioniert: Blasen statt Zeitungen.

Das „Heute beschäftigen wir uns“ wirkt wie ein schwacher Nachhall auf die Zeit, als Zeitungsredaktionen noch selbstbewusst ihren Lesern gegenübertraten, ohne das allerdings jedes Mal penetrant zu betonen. Man nannte diese Haltung damals sachbezogen.

Sehr schönes Apercu. Die gleichen Medienschaffenden wissen auch täglich wer was muss. Sie wissen was die EU-Kommission muss, was die Bundesregierunbg muss, wass Trump muss, was Boris Johnson muss. Sie sagen aber nicht was Kim (Nordkorea), Schi (undeutsch Xi, in China) muss, was Putin muss. Sie wissen auch was, politisch korrekt und tschendergerecht ist. Sie beharren seit 1968 auf ihrer Deutungshoheit. Somit verstösst die AfD dauernd gegen die Meinungsäusserungsfreiheit. Denn die korrekte Meinung ist seit 1968. Der Spiegel setzt immer noch die korrekten Meinungsstandards. Was ihm auch gelingt, siehe Leserzahlen.

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