Joseph Pulitzers Kampf für freie Presse

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Joseph Pulitzers Kampf für freie Presse

Von Armin Wertz, 09.07.2014

Der Ostküsten-Pressezar widersetzte sich der Einschüchterung durch Präsident Roosevelt. Danach stiftete er eine der höchsten Auszeichnungen für Journalisten und Schriftsteller.

Einen Tag vor den Präsidentschaftswahlen, am 2. November 1908, erschien in der Indianapolis News ein Leitartikel, in dem der Autor die Frage aufwarf, wo die verschwundenen 40 Millionen Dollar geblieben waren, welche die amerikanische Regierung der französischen Panama-Kanalbaugesellschaft für die in Panama übernommenen Anlagen bezahlt hatte: „Der Wahlfeldzug ist vorbei, und das Volk wird morgen ohne offizielle Kenntnis dessen, was den Panama-Kanal-Handel betrifft, abzustimmen haben.“

Undurchsichtiger Panama-Deal der US-Regierung

Es stehe ausser Frage, dass die Regierung 40 Millionen für die Anlagen bezahlt habe, hält der Autor fest. „Wer aber bekam das Geld? Wir sollen es nicht erfahren. Der Schwager des Präsidenten (Theodore Roosevelt) ist in den Handel verwickelt, aber er hat nichts zu sagen.“ Der Bruder des Kandidaten (William Howard Taft) gehöre dem Syndikat an, was der allerdings bestritt.

„Die Unterlagen befinden sich in Washington, und bei ihnen handelt es sich um öffentliche Urkunden. Aber das Volk soll sie nicht sehen – bis nach der Wahl, falls überhaupt.“ Zwar gewann Taft die Wahlen, seine Republikanische Partei erlitt aber derartige Einbussen, dass Taft die Stimmen aus Indiana verloren gingen. Was niemand ahnte: Der Eigentümer der Zeitung war Charles W. Fairbanks, der bisherige Vizepräsident, den Teddy Roosevelt bei der Nominierung seines Nachfolgers und dessen Vizepräsidenten aber ausgeschaltet hatte.

Attacke der New York World

Am 1. Dezember, nachdem der Wahlsieg Tafts feststand, gab Roosevelt eine Erklärung an die Presse, wonach sich die Zeitung in Indianapolis auf Behauptungen gestützt habe, die zuvor schon die New York World aufgestellt habe. In sechs Artikeln hatte das New Yorker Blatt berichtet, ein amerikanisches Syndikat habe einen beträchtlichen Teil der fraglichen Summe erhalten. Gestützt auf Angaben eines ehemaligen Presseagenten der amerikanischen Panama-Gesellschaft hatte die Zeitung dann die Namen des Schwagers des Präsidenten und des Bruders des zukünftigen Präsidenten ins Gespräch gebracht.

Erzürnt veröffentlichte Teddy Roosevelt ein kategorisches Dementi: „Nicht ein Cent wurde von irgendjemandem hierzulande zurückbehalten oder hierher zurückgesandt.“ Diesen Angriff konterte die „World“ am 8. Dezember unter der Titelzeile „Der Panama-Skandal. Lasst den Kongress untersuchen“ mit scharfen Attacken auf den Präsidenten, dem das Blatt eine falsche Darstellung der Sachlage und verleumderische Unwahrheiten vorwarf. Daraufhin reichte Roosevelt Klage gegen den Herausgeber der New York World als Hauptverantwortlichem ein: Joseph Pulitzer. In einer Botschaft an den Kongress bezeichnete er es als seine „hohe nationale Pflicht, diesen Verleumder des amerikanischen Volkes zur Aburteilung zu bringen.“

Offensive auf wackliger Basis

Zu diesem Zeitpunkt befand sich der völlig erblindete Zeitungszar der Ostküste auf einer Kreuzfahrt vor der Küste Floridas. Er bestellte sofort den Chefredakteur der World auf seine Yacht, um ihn zu befragen. „Welche Beweise haben Sie, dass Douglas Robinson (Roosevelts Schwager) und Charles Taft (William H. Tafts Bruder) in die Sache verwickelt sind?“ Der Chefredakteur hatte keine Beweise, nur die Aussage des dubiosen ehemaligen Presseagenten der Panama-Gesellschaft.

Pulitzer wagte nicht mehr an Land zu gehen, ging aber erneut in die Offensive: „Der Präsident irrt sich. Er kann der World keinen Maulkorb umbinden.“ Der Kongress solle umgehend eine Untersuchung der Angelegenheit einleiten. Die World lasse sich nicht durch Drohungen und Anzeigen einschüchtern. „Mag ihr Eigentümer ins Gefängnis gehen, aber selbst im Gefängnis wird die World nicht aufhören, ein furchtloser Vorkämpfer der freien Rede, einer freien Presse und eines freien Volkes zu sein.“

Richter teilt den Verdacht gegen die Regierung

Roosevelts erster Versuch scheiterte, weil sich der zuständige New Yorker Staatsanwalt weigerte, Anklage gegen Pulitzer zu erheben. Der zweite Versuch scheiterte, weil sich Pulitzer mit seiner Yacht ausserhalb der drei-Meilen-Zone befand und damit die Anklageerhebung wegen Unerreichbarkeit des Beschuldigten unmöglich war.

Im März 1909 ließ eine Grand Jury dennoch die Anklageerhebung zu. Doch sieben Monate später stellte der in Indianapolis zuständige Richter das Verfahren gegen die News mit der Begründung ein, viele Leute meinten, bei der Transaktion der 40 Millionen an die französische Panama-Gesellschaft sei irgendetwas nicht in Ordnung. Auch er selbst würde gerne wissen, was eigentlich geschehen sei. In einem solchen Fall liessen die verfassungsrechtlichen Freiheitsgarantien die Einleitung eines Verfahrens nicht zu.

Es kam noch schlimmer für Roosevelt. Am 25. Januar 1910 hob ein New Yorker Richter die Anklage auf, der jene Grand Jury im März des voraufgegangenen Jahres zugestimmt hatte. Ein Jahr später wurde diese Entscheidung vom Obersten Gerichtshof in Washington auf Grund einstimmigen Votums bestätigt. Damit war das Beleidigungsverfahren endgültig zum Abschluss gekommen. Nach diesem Sieg zugunsten der Gedanken- und Pressefreiheit stiftete Joseph Pulitzer eine der höchsten Auszeichnungen, die einem Journalisten, Schriftsteller oder Musiker, der in den USA publiziert hat, zuteilwerden kann: den Pulitzer-Preis.

Literatur: David McCullough, „The Path Between the Seas. The Creation of the Panama Canal, 1870 – 1914, Simon & Schuster, New York, 1977

Maximilian Jacta, “Berühmte Strafprozesse. Amerika II”, Wilhelm Goldmann Verlag, München, 1969

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