Jetzt pflügen sie wieder

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Jetzt pflügen sie wieder

Von Claude Lüscher, 14.04.2020

Bald sieht man die Bauersleute wieder mit ihren Traktoren pflügen – wenn sie noch pflügen! Denn neuere Methoden kommen auch ohne Pflugarbeit aus.

Die Ackerböden sind derzeit genug abgetrocknet, so dass man sie mit schwerem Gerät befahren kann, ohne allzu grosse Schäden im Unterboden zu verursachen. Die Kantone betreiben ein Messnetz, um den Bauern Angaben über den aktuellen Feuchtezustand der Böden zu geben. Regelmässig werden Daten über den Feuchtezustand erhoben, ausgewertet und auf Webseiten mit einfacher Symbolsprache dargestellt.

Abbildung: Bodenfeuchte am Beispiel des Messnetzes OSTBoden, am 7. April 2020 (www.bodenfeuchte-ostschweiz.ch/)

Früher, als sie noch mehrheitlich zu Fuss oder mit dem Ackergaul unterwegs waren, spürten die Bauern direkt, ob der Boden tragfähig war und ob man pflügen konnte oder nicht. Mit den heutigen Maschinen geht das kaum mehr. Man sitzt hoch oben über dem Boden auf einem gut gefederten Sitz in einer lärmgeschützten Kabine, wenn möglich mit Kopfhörern und Musik, während unter einem oder hinten ein angehängtes Gerät die lärmige Arbeit verrichtet. Die Versuchung ist gross – zum Beispiel aus arbeitswirtschaftlichen Überlegungen –, auch zu einem ungünstigen Zeitpunkt den Acker zu befahren.

Der Eingriff par excellence

Pflügen ist ein symbolträchtiger Begriff im Ackerbau. Es handelt sich um einen Eingriff in den Boden par excellence, um die schwerste, energieaufwendigste Arbeit auf einem Ackerbaubetrieb. Denn mit dem Pflug wird der Oberboden ausgehoben und um 270 Grad gewendet. Die Ackerscholle wird herausgeschnitten, mit einem kunstvoll geschwungenen Blech gedreht und kopfüber hingelegt, angelehnt an die vorhergehende Scholle. Das führt zu diesen parallelen Streifen eines fertig gepflügten Ackers. Je nach Grösse und Kraft des Traktors ist der Pflug ein- oder mehrscharig. Mit dem Pflügen wird oft Mist oder Gülle in den Boden eingearbeitet. Diese wurden vorher auf dem Ackerboden verteilt. Damit erhält die nachfolgende Kulturpflanze eine Düngergabe, welche die Nährstoffe liefert.

Pflügen ist aber mehr als das: Es ist der wirksamste Eingriff in die Ackerkultur, um mit den Unkräutern fertig zu werden; diese werden nämlich regelrecht vergraben. Zudem werden durch das Wenden des Bodens Unkrautsamen aus vorherigen Jahren ans Licht gebracht und zum Keimen angeregt. Es gilt dann, mit Striegel und andern Geräten diese frisch gekeimten Unkräuter gleich auszureissen und so Platz zu machen für die Hauptkultur.

Gestörtes Bodenleben

Beim Pflügen wird leider der Boden von den schweren Maschinen zusammengepresst. Besonders der Unterboden wird in Mitleidenschaft gezogen. Dies unter anderem, weil ein Hinterrad des Traktors während des Pflugvorgangs auf dem Unterboden aufliegt und dort Halt sucht (deutlich zu sehen auf der Abbildung ganz oben). 

Ist es zu feucht oder gar nass, reagiert der Unterboden plastisch und verformt sich stark. Es bildet sich eine glatte, zusammenpresste oft tonreiche und damit schwere Platte. Wiederholt sich der Eingriff, entsteht dort mit der Zeit eine fast undurchdringliche Pflugsohle, welche den Austausch von Luft behindert, den Regenwürmern das tiefe Graben verunmöglicht und den frisch untergebrachten Mist an der Zersetzung hindert. Die Wurzeln der Nutzpflanzen können diese Pflugsohle meist nicht durchwachsen. Zuckerrüben zum Beispiel weichen ihr seitlich aus und bilden eine rechtwinklige Rübe, die beim Ernten oft wegbricht.

Der Boden wird so in Mitleidenschaft gezogen, das Bodenleben ist gestört und die Erträge gehen zurück, auch breiten sich Pflanzenkrankheiten aus. Dies versuchen die Landwirte zu verhindern, indem sie den Reifendruck anpassen oder seitlich Gitter oder Doppelräder anbringen. Auch kommen leichtere Maschinen zum Einsatz. Es gibt auch Pflüge, die so angehängt sind, dass kein Rad in der Pflugfurche fährt. Mit einer angepassten Fruchtfolge und ein paar Jahren Kunstwiese kann dem Problem der Verdichtung begegnet werden; das bedingt allerdings eine mehrjährigen Planung und eine angepasste Betriebsform. 

Pfluglose Methoden im Kommen

Seit einigen Jahren versucht nun die Landwirtschaft, neue ganzheitliche Methoden auszuprobieren. Die Rede ist von Direktsaatverfahren, dem sogenannt pfluglosen Anbau, auch als konservierende Landwirtschaft bezeichnet. Eine internationale Gemeinschaft von Forschern und Praktikern verfolgt diese neuen Ansätze (englisch «no till»). Mehr und mehr Landwirte lassen sich überzeugen von dieser Art der Bodenbearbeitung. (1)

In der Schweiz sind eine Handvoll Agrarfachleute aus verschiedenen Kantonen federführend in dieser Methode. (2) Langjährige Versuche werden durchgeführt und Messungen vorgenommen über den Zustand der Böden. Das Verhalten des Bodens, respektive die Pflugsohle, der Gehalt an organischer Substanz und andere Parameter werden beobachtet. Es zeigt sich, dass die Erträge in der gleichen Grössenordnung sind, wenn nicht gar leicht grösser als beim Anbau mit dem Pflug. Zudem sind pfluglos angebaute Böden besser geschützt vor Verdichtung und Bodenerosion.

Natürlich ist auch der pfluglose Anbau nicht ganz problemlos. Insbesondere machen die Unkräuter zu schaffen. Der Boden wird ja nicht mehr gewendet. Wohl wird er oberflächlich aufgerissen, um ein Saatbeet hinzukriegen. Das hindert aber die Unkräuter kaum. Also muss man sie mit Herbiziden (z. B. Glyphosat) entfernen. Doch kommt ein solches Vorgehen zusehends in Verruf. Versuche mit frühzeitiger Untersaat von Zwischenfrüchten sind ebenfalls erfolgversprechend, weil sie die Unkräuter behindern. Nur darf die Hauptkultur nicht darunter leiden.

Für den Biolandbau, der noch so gerne auf die Pflugarbeit verzichten würde, ist dieser Weg vorläufig versperrt, weil man in diesem Produktionssystem keine chemischen Unkrautvertilgungsmittel einsetzen darf. Deshalb werden seit einiger Zeit vielversprechende neue Ackergeräte entwickelt, mit denen es gelingen könnte, zwischen den Reihen der keimenden Hauptkultur den Boden zu bearbeiten, um so den Beikräutern zu begegnen. Auch Untersaaten und Mischkulturen werden erfolgreich eingesetzt. Mulchsaat ist so ein Verfahren: Komposte, Ernterückstände und organische Dünger werden als Mulchschicht verteilt, was die Beikräuter ebenfalls hemmt.

Sollten die neuen pfluglosen Methoden von der breiten Landwirtschaft übernommen werden, müsste man von einer Agrarrevolution sprechen. Was vor etwa 4’000 bis 6’000 Jahren zum Ackerbau mit dem Pflug führte, wird nun abgelöst von einer neuen Technik. Erstaunlich ist eigentlich nur, dass diese nicht früher einsetzte. 

(1) So ganz neu ist dieser Ansatz nicht: im ersten Weltkrieg wurde ein südfranzösischer Bauer namens Jean bekannt, der seinen Betrieb pfluglos bewirtschaftete. Sogar deutsche Agrarfachleute reisten hin, um sich die „Methode Jean“ vor Ort anzusehen.
(2) SWISS NO-TILL; Schweizerische Gesellschaft für bodenschonende Landwirtschaft (www.no-till.ch); für Deutschland siehe unter www.oekolandbau.de

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@Markus Bieri
Danke für die weitern Infos, habe auch ein wenig auf der HP von no-till gelesen (bin aber kein Landwirtschafts Sachverständiger). Die Methode scheint ja wirklich Vorteile und Schutzfunktionen zu haben. Wird sie jetzt auch breiter angewendet, bzw. gibt es Bestrebungen sie zu fördern, ev. auch durch Steuerung von staatlicher Seite?

Welchen Flächenanteil heute die Direktsaat einnimmt, kann ich nicht sagen. Doch aufgrund meiner Beobachtungen stösst dieses Anbauverfahren zunehmend auf Interesse. Wie Al Schmid (unten) anmerkt, ist diese Anbauweise bereits weit verbreitet, was für unsere Landwirte spricht. Um dazu genaue Zahlen zu erhalten, muss man sich an Swiss-no-Till wenden.

Vielen Dank! Werde jedenfalls hier in der Gegend jedenfalls mal drauf achten- ist spannend zu hören, dass es anders geht.

Zu diesem aufschlussreichen Artikel möchte ich noch einige kleine Ergänzungen anfügen. Obwohl Jean in Frankreich bereits vor 100-Jahren offenbar erfolgreich seine Felder pfluglos bewirtschaftete, hat sich dieses Verfahren in den USA und Lateinamerika viel breiter durchgesetzt als in Europa. Das lag in Europa u.a. auch daran, dass dazu die geeigneten Maschinen fehlten und lange die Meinung vorherrschte, dass nur ein absolut unkrautfrei "gebohnerter" Acker eine Ertrag abwirft. Inzwischen konnte mit vielen Studien belegt werden, dass ein gewisser Wildpflanzenbesatz und eine stete Bodenbedeckung in einem Acker durchaus positive Effekte hat. Es ist bloss eine Frage des Gleichgewichts zwischen den natürlich vorhandenen Wildpflanzenbestand und dem der Kultur, was mit dem heutigen Knowhow und der Technik heute regelbar ist.

Ein ganz wichtiges Argument für den No-Till Anbau ist die Tatsache, dass dieses Verfahren auch am klimafreundlichsten ist. Einmal wird mehr organische Substanz in den Boden eingelagert und damit namhafte Mengen an CO2 gebunden und dank dem Verzicht auf den Massen-Regenwurmkiller (Pflug) können jährlich etliche Tonnen an Diesel eingespart werden.

Unsere Landwirtschaft hat damit einen wirksamen Hebel in der Hand, beizutragen die Klimaziele zu erreichen und gleichzeitig die Betriebskosten senkt. Besonders hervorheben möchte ich an dieser Stelle die No-Till Pioniere der Schweiz, die international zu den Topleuten zählen und sich auf langjährige fundierte Erfahrungen abstützen können. Erkundigt Euch bei: www.no-till.ch

Ah, das ist interessant, wusste ich gar nicht, dass es da Bestrebungen gibt um ohne Pflügen zu Ackern. Muss ich mal darauf achten, ob diese Methode hier im Emmental auch schon Anwendung findet...

Ob gepflügt oder tief gegrubbert wird, macht im Bezug auf den negativen Eingriff in den Boden kaum einen Unterschied.

Den Unterschied macht die reduzierte, minimale Bodenbearbeitung. Dabei wird der Boden nur an der Oberfläche leicht angekratzt.

Bei der Direktsaat wird auf eine Bodenbearbeitung verzichtet.

Direktsaat und reduzierte Bodenbearbeitung sind schon weit verbreitet.

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