„Italien stirbt aus“

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„Italien stirbt aus“

Von Heiner Hug, Rom - 17.07.2020

Noch nie wurden so wenig Kinder gezeugt. Noch nie wanderten so viele Junge aus.

Der Rückgang der Geburtenrate begann in den Sechzigerjahren und hält seither unvermindert an. Noch nie seit dem Bestehen Italiens (1861) wurden so wenige Kinder gezeugt. In den letzten Jahren hat sich der Geburtenrückgang beschleunigt.

Wie das italienische statistische Amt Istat (Istituto Nazionale di Statistica) jetzt mitteilt, hat allein im vergangenen Jahr die Zahl der Geburten im Vergleich zum Vorjahr um 4,5 Prozent abgenommen.

Die Kinder der Babyboomer machen keine Babies

Im Jahr 1900 hatte eine Italienerin im Durchschnitt 4,5 Kinder. 2019 waren es 1,29 Kinder, Tendenz fallend. Damit gehört Italien weltweit zu den Ländern mit der tiefsten Geburtenrate. Um die Zahl der Bevölkerung stabil zu halten, müsste eine Frau im Durchschnitt 2,1 Kinder kriegen.

Gianpiero Dalla Zuanna, Statistik-Professor an der Universität von Padua, erklärt: „Die Kinder der Babyboomer machen keine Babies mehr.“ Und er prophezeit, dass wegen der Corona-Epidemie und den wirtschaftlichen Schwierigkeiten die Geburtenzahl weiter drastisch sinken wird.

Durchschnittlich sind die italienischen Frauen heute 32 Jahre alt, wenn sie ein Kind kriegen. Das ist weltweit einer der höchsten Werte.

Fehlende staatliche Unterstützung

In Italien wird viel über die Gründe des drastischen Geburtenrückgangs diskutiert: Genannt werden in erster Linie die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die fehlende finanzielle Unterstützung durch den Staat. Viele Italiener können sich keine Kinder leisten.

Auch fehlende Einrichtungen zur Betreuung von Kindern (Krippen) sowie die wachsende (und oft zwingende) Berufstätigkeit der Frauen spielt eine Rolle. Zur Kinderlosigkeit trägt auch das in den Städten vorherrschende Single-Dasein bei. In Mailand leben jeder und jede Zweite allein.

Italien füllt sich mit 80-Jährigen

Seit Jahren versuchen die verschiedenen Regierungen Gegensteuer zu geben, bisher mit wenig Erfolg. Bonus-Zahlungen für potentielle Eltern brachten wenig. Die Familienzulagen sind unbefriedigend. Zudem verlieren in der Praxis noch immer viele Frauen ihren Arbeitsplatz, wenn sie schwanger sind.

Im italienischen Senat wird zur Zeit diskutiert, wieweit der Staat Kinder bis zur Volljährigkeit finanziell unterstützen kann. Doch Wunder erwartet niemand.

Laut Istat gehört Italien zu den ältesten Ländern der EU. „Italien leert sich; die Kinder fehlen“, schreibt die Zeitung „La Nazione“. „Doch Italien füllt sich mit 80-Jährigen und Älteren.“

„Ich glaube, er wird nie mehr zurückkehren“

Doch nicht nur die Kinder fehlen. Die Zahl jener Jungen, die Italien verlassen, um im Ausland zu arbeiten, nimmt seit Jahren ständig zu. 126’000 Italiener und Italienerinnen haben dem Land 2019 den Rücken gekehrt, 8,1 Prozent mehr als im Vorjahr.

Gründe sind auch hier die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die Probleme, Arbeit zu finden, das tiefe Lohnniveau und die bescheidenen Sozialleistungen. Ein Beispiel: Luca, ein 23-Jähriger Römer hat eben an der Zürcher ETH mit einem Bachelor abgeschlossen. „Ich glaube, er wird nie mehr nach Italien zurückkehren“, erklärt uns sein Vater. Die ETH hat ihm einen lukrativen Job angeboten.

Laut einer Studie der Agnelli-Stiftung wird die Zahl der Jungen innerhalb der nächsten zehn Jahre um eine Million abnehmen. Das wird ernsthafte wirtschaftliche Folgen haben. Die fehlenden Arbeitskräfte werden Auswirkungen auf das Pensionsalter haben.

Eine halbe Million in fünf Jahren

Während immer mehr Italiener und Italienerinnen auswandern, kommen immer weniger Ausländer ins Land. Zwar liessen sich 2019 noch  immer zusätzlich 292’000 Ausländerinnen und Ausländer im Land nieder. Doch der Zuwachs ist um 8,8 Prozent kleiner als im Vorjahr. 

Zieht man die sinkende Geburtenzahl, die Abwanderung und die weniger starke Zuwanderung von Ausländern in Betracht, so nimmt insgesamt die Zahl der in Italien lebenden Menschen ab.

Am 31. Dezember 2019 lebten in Italien laut Istat 60’244’639 Menschen. Im Vergleich zum Vorjahr ist dies ein Minus von 189’000 Einwohnern (-0,3 Prozent). In den letzten fünf Jahren hat die Zahl der italienischen Einwohner um über eine halbe Million (551’000) abgenommen.

Ein Römer Radio-Reporter kommentierte zynisch und überspitzt: „Italien stirbt aus.“

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Übrigens: Das statistische Amt hat auch die häufigsten Vornamen der 2019 geborenen Mädchen und Knaben ermittelt. Im Gegensatz zu anderen Ländern, in denen manche Eltern mit möglichst originellen Namen aufwarten wollen, bleiben die Italiener und Italienerinnen bei der Namensgebung ihrer Nachkommen traditionell.

Die fünf häufigsten männlichen Vornamen sind: Leonardo, Francesco, Alessandro, Lorenzo, Mattia. Die fünf häufigsten weiblichen Vornamen: Sofia, Giulia, Aurora, Alice, Ginevra.

PS: Im Gegensatz zu Italien wächst in der Schweiz die Wohnbevölkerung. Sie betrug nach Angaben des Bundesamtes für Statistik (BfS) am Ende des ersten Quartals 2020 8’619’259. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Wachstum von 0,7 Prozent. Damit setzt sich der Trend des stetigen Wachstums fort. In der Schweiz kriegt eine Frau nach Angaben des BfS 1,52 Kinder (2018). Die Zahl der Geburten nahm 2019 im Vergleich zum Vorjahr um 1,9 Prozent ab. Die ausländische Wohnbevölkerung wuchs um 1,0 Prozent. Bei der Geburt des ersten Kindes sind die Frauen in der Schweiz im Durchschnitt 31,1 Jahre alt (in Vorjahr waren es 30,9 Jahre). Laut einer Prognose des BfS werden in der Schweiz in fünf Jahren 9,1 Millionen Menschen leben. Die 10-Millionen-Grenze dürfte 2040 überschritten werden.

 

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