Ist der Westen schuld am Islamisten-Terror?

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Ist der Westen schuld am Islamisten-Terror?

Von Reinhard Meier, 16.11.2015

Es gibt keine monokausalen Erklärungen für den islamistischen Terror. Die Massaker unter den Muslimen passen nicht ins Cliché von der westlichen Pauschalschuld.

Jedes Mal wenn irgendwo  barbarische Terrorakte wie in der Freitagnacht in Paris die Weltöffentlichkeit aufwühlen, wird – vor allem im Internet – die Meinung verbreitet, solche Tragödien seien nichts anderes als die logische Antwort auf die verbrecherischen Einmischungen „des Westens“  in fremde Regionen wie den Nahen Osten.  Zu solchen Stimmen gehört  der ehemalige CDU-Abgeordnete Jürgen Todenhöfer, der einst in seiner Partei zu den politischen Falken zählte und inzwischen als Asad-Versteher, Buchautor und Fernseh-Talker eine lukrative Marktlücke bewirtschaftet. Der Publizist und Frankreichkenner Peter Rothenbühler hat nach den Pariser Anschlägen die pauschalen Erklärungen terroristischer Mordtaten mit Verfehlungen westlicher Politik als simplistische „Schuld-Ideolgie“ angeprangert.

Natürlich ist Kritik an manchen Aspekten westlichen Handelns oder einzelner westlicher Mächte in bestimmten Krisenregionen legitim – das gehört mit zu den Grundfreiheiten demokratischer Gesellschaften. Im Nachhinein beurteilt war der US-Einmarsch in Irak und der daraus resultierende Sturz des blutigen Saddam-Hussein-Regimes – so wie sie damals mit falschen Behauptungen begründet und in den folgenden Jahren der Besetzung gehandhabt wurden  – ein folgenschwerer Fehler. Das räumt ja inzwischen selbst der Bruder von George Bush junior ein. Aber erklärt und rechtfertigt das allein schon die sadistischen Terrortaten des IS? 

Und was haben die Sünden des Westens mit der Gewalt und den Blutbädern zwischen den Sunniten und Schiiten im Irak, die Gasangriffe Saddam Husseins gegen die Kurden und die gleichen Verbrechen Asads gegen die eigene syrische Bevölkerung zu tun?  Wie hängen die Schandtaten der muslimischen Terrororsekte  Boko Haram in Nigeria mit  „dem Westen“ zusammen? Ist dieser Westen als Kollektiv auch verantwortlich für das Grossattentat pakistanischer Jihadisten im Jahr 2008 gegen ein Luxushotel in Mumbai, bei dem 170 Menschen niedergemetzelt wurden? Soll  der Völkermord von Hutis an den Tutsis von 1994 in Ruanda primär auf westliche Schuldkontos zu verbuchen sein? Und wo bleibt bei solchen simplen Reduzierungen die Auseinandersetzung mit so komplexen Phänomenen wie der „Krankheit des Islam“, wie sie der tunesische Gelehrte Abdelwahab Meddeb in seinem gleichnamigen Buch diagnostiziert hat?

Es geht nicht darum, westliche Fehler und Verstrickungen im Zusammenhang mit terroristischen Verbrechen grundsätzlich zu verneinen. Aber es ist billig und unehrlich, für diese Gewalttaten reflexartig und pauschal „dem Westen“ die Schuld zuzuschieben. Wer das tut, ist auch nicht bereit, den perversen Killern irgendeine persönliche Verantwortung zuzubilligen.

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Kommentare

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Es spielt doch eigentlich gar keine Rolle, wer daran schuld ist, aber Schuldige zu suchen, lenkt wenigstens etwas davon ab, sich mit den Realitäten und Konsequenzen auseinandersetzen zu müssen.

Die mediale Welt befindet sich sowieso in einem Dilemma, bis vor ganz Kurz noch versuchte man ja mit allen Mitteln noch, All die zu verunglimpfen, mit allen Mitteln, die mit offenen Grenzen nicht sehr viel anzufangen wussten, und jetzt plötzlich scheint man zu erkennen, dass äussere Umstände wohl doch wieder dazu führen werden, die Grenzen wieder zu sichern und zu schliessen.

Auch wenn ein Herr Blocher dazu keinen einzigen Ton vor sich geben musste, es ist ja auch nur die Realität, die all die Spinner, und Träumer wieder einmal eingeholt hat, und von ihren Wolken runterriss, aufgrund der Faktenlage, nicht etwa wegen einem gewachsenem Verstand.

Es wird wohl nie mehr ganz so werden, wie es bis vor Kurzem noch war, oder zumindest noch schien, Paris 1 hatte man ja sowieso längst schon vergessen.

Aber zumindest gibt es wieder etwas Wind, in vielen verstaubten, und übersättigten Gemüter, und Seelen, und das ist auf jeden Fall gut so, denn wer Angst hat, beginnt auch meistens wieder vermehrt selber zu denken.

Längerfristig kann es daher sogar nützlich sein, durch Schüsse und Explosionen aufzuwachen, es nimmt Einem etwas die Sicht, von der Virtualität, hin, zur gelebten Realität, die uns wohl endlich wieder langsam einholt.

Meine ich wenigstens.

Herr Meier - ich finde es sehr gut, dass Sie sich dieser enorm wichtigen Frage annehmen. Aus meiner Sicht steht der Artikel sich aber gewissermassen selbst im Weg. Das Wort "Rechtfertigung" ist beispielsweise völlig fehl am Platz für eine klare Analyse. Handeln entgegen jeder universellen Vernunft kann doch niemals eine "Berechtigung" erlangen. Die Frage lautet doch: wo sind die "Ursachen" für den ganzen Auswuchs den wir erleben.
Auch im Rest Ihrer Sätze hat es für mich zu viel pauschale Vereinfachung. Ich finde dies schade und leider zu sehr verbreitet. Entgegen aller Propaganda und Schlagwörter ist bei klarer Betrachtung zu eindeutig: Islam ist nicht gleich Terror, Beten ist nicht gleich Religion angehören, Flüchtling ist nicht gleich Terrorist etc. - wünschte mir mehr frische Analysen von J21.

Der IS ist im Kern aus der Sunnitischen Offizierskaste Saddam Husseins entstanden, die unter der US-Besatzung entlassen und auch unter dem Schiitischen Marionetten-Regime nicht wieder beschäftigt worden ist. Also ein Nebenprodukt des Überfalls von Bush Junior + Toni Blair auf den Irak. Die Spur zum Imperium ist da schwierig zu verdecken.

Werner T. Meyer

Zu den Gasangriffen Saddam Husseins: amerikanische und deutsche Frimen haben Saddam die Rohstoffe verkauft, um sein Gas herzustellen. Nachdem massive Gasangriffe stattgefunden hatten, schickte die US Regierung Donald Rumsfeld, damals noch ein kleinerer Mann in der Regierungsbureaukratie, nach Bagdad, um Saddam zu versichern, dass Washington zwar empört tun müsse über das Gas, dass dies aber nicht verhindere, dass Saddam weiterhin Freund der Amerikaner bleibe und weiterhin ihre Unterstützung im Krieg mit Iran erhalte. Was natürlich zum Gebrauch von noch mehr Gas durch Saddam führte.

Allgemein von Schuld dieser od. jener Macht zu sprechen, ist sicher zu einfach. Doch was die Gesamtlage im Nahen Osten angeht, muss man wohl einräumen, dass die Einwirkungen der westlichen Mächte seit 1850 - aufgepfropft und eingepflanzt in die nahöstliche - meintwegen "islamische" - einheimische Kultur zu der Entwicklung geführt haben, die wir heute sehen. Natürlich hätte alles auch anders verlaufen können als es verlief. Doch es verlief so wie es verlief, mit und durch einen entscheidenden Beitrag aus dem seit 1850 und bis heute übermächtigen - daher auch mindestens mitverantwortlichen - Westen.

P.S.: WER hat Saddam Hussein das Giftgas, das er in Halabja über den Kurden abwarf, geliefert? Und was für ein Verwendungszweck war denn vorgesehen bei der Lieferung?

Reinhard Meier schreibt, es sei billig und unehrlich (gelogen), dem Westen pauschal die (Mit-) Schuld für das Massaker zuzuschieben.
Ebenso billig und verlogen scheint es mir, eine Mitschuld reflexartig von sich zu weisen. Wie fast immer haben beide Sichtweisen ihren Wahrheits-Anteil. Wirkliche Lösungen gibt es, wenn beide Seiten Ihre Mitschuld bekennen, einander vergeben und Wiedergutmachungen leisten. Wer sich an christlichen Werten orientiert ist zudem aufgefordert, den ersten Schritt zu tun. Das bedeutet jedoch nicht, dem mörderischen Terrorregime nicht mit aller militärischen Entschlossenheit entgegenzutreten und fdie Bevölkerung zu schützen. Aber es bedeutet, das Unrecht des Westens in der Kolonialisierung (auf welcher primär unser heutiger Wohlstand beruht) und das Unrecht einseitiger Handelsbeziehungen mit der zweiten und dritten Welt und das Unrecht grosser Konzerne und gewisser Regierungen durch das stützen und hoffieren von Despoten und Diktatoren, welche ihr eigenes Volk und Land gegen Bestechung verkaufen, anzuerkennen und zu ändern.

«Es gibt keine monokausalen Erklärungen für den islamistischen Terror.» Das finde ich genauso! Aber wegen der Flugzeuge, die 2001 das Welthandelszentrum in New York zum Einsturz brachten, Afghanistan zu bombardieren, obwohl gar keine Afghani unter den Piloten waren - was auch keine Rechtfertigung gewesen wäre, ein Land militärisch zu überfallen -, wegen der in das Welthandelszentrum gesteuerten Flugzeuge erstmals in der Geschichte der NATO den Bündnisfall auszurufen, das war doch ein arges, wenn nicht kriegsverbrecherisches Stück! Als Saddam Hussein, den die USA für den achtjährigen Krieg gegen Iran (1980-88) aufgerüstet hatten, mit voyeuristisch vermarkteten Bildern vom Thron gestürzt wurde, da waren Frankreich und Deutschland wenigstens nicht mit dabei. Frankreich war jedoch treibende Kraft hinter der regelrechten Treibjagd auf Ghaddafi und dessen Sturz, nachdem man vorher gut mit diesem Diktator geschäftet hatte! Ab 2011 mischte Frankreich klar und deutlich mit bei der Arbeit auf einen Regime Change hin in Syrien. Sarkozy und Clinton haben anfangs 2011 begonnen, Unruhen zu schüren, und die "Menschenrechte" dabei instrumentalisiert.
Es gibt Verantwortungen. Denen sollte man sich stellen! Aber es gibt keine monokausalen für islamistischen und anderen Terror.

Der ungerechtfertigte Einmarsch im Irak und die darauf folgende Strategie, sich den uralten religiösen Hass zwischen einem Teil der Sunniten und Schiiten zu Nutze zu machen, um sie gegeneinander auszuspielen, sagt mir das den Westen zumindest eine große Mitschuld an dem ausgeuferten Terror hat. Die Bewaffnung der religiös motivierten Chaoten ist auch nicht vom Himmel gefallen, sondern das Werk westlicher Nachrichtendienste.

Welten im Zusammenstoss!

Egoistische selbstherrliche Entscheidungen führten zu diesen unkalkulierbaren Resultaten. Das Wort KREUZZUG rief zudem im Nahen-Osten extreme Erinnerungen wach und passte gut zum Kreationismus-Gedankengut. N W O wurde allenthalben zusätzlich zu einem Alarmsignal. Ob Vorsatz oder Dummheit, das lässt sich nicht mehr ausmachen. Hüben wie drüben, missbrauchte Religionen! Die Folgen sind erschreckend… cathari

Einige wenige Ihrer Fragen, Herr Meier, sind so willkürlich und abwegig, dass selbst ihre Beantwortung zu nichts führen würde. Da könnten Sie auch fragen, ob "der Westen" auch für den Urknall "verantwortlich" sein soll. Haben Sie das beabsichtigt? Sieht für mich sehr nach einer typischen "Vernebelungstaktik" aus. – Auf die meisten anderen finden Sie jedoch sehr kenntnisreiche Antworten in dem Vortrag des Islam- und Nahost-Spezialisten Dr. Michael Lüders "Wer den Wind sät" auf youtube (https://www.youtube.com/watch?v=eFlHurri5A0), ausgestrahlt vom SWR in seiner "tele akademie", oder in Lüders' gleichnamigem Buch. Danach dürften Sie zugeben müssen, dass man sehr wohl "den Westen" (nunja, eher einige interessierte Kreise hier) für den ganzen Schlamassel "verantwortlich" machen kann.

Achja, und Herrn Todenhöfer, der sein Leben riskiert hat, um uns Informationen aus dem "Kalifat" des IS zu besorgen, die "unsere" Geheimdienste (und schon gar nicht "unsere" Journalisten) nicht wissen oder nicht wissen wollen, durch Verwendung des Wortes "lukrativ" unlautere Absichten unterstellen zu wollen, ist eine ad-hominem-Attacke unterster Schublade und nicht geeignet, das Ansehen des Attackierenden in einem positiven Licht erscheinen zu lassen. Aber ich höre lieber auf, bevor ich ebenso unhöflich werde …

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