Iran – erste Antwort auf Trump

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Iran – erste Antwort auf Trump

Von Ali Sadrzadeh, 11.02.2017

Waren es Millionen TeilnehmerInnen, wie offizielle iranische Medien behaupten? Oder waren es nur Hunderttausende, wie Nachrichtenagenturen schreiben? Die diesjährige Revolutionsfeier im Iran hatte auf jeden Fall viele Ziele zugleich.

Der neue US-Präsident Donald Trump sollte beeindruckt werden und dem Iran nicht mehr drohen, die Reformer wollten mit ihrer Teilnahme ein Zeichen zur nationalen Versöhnung setzen, und Khamenei, Irans mächtigster Mann, wollte beweisen, dass er Trump nicht fürchtet, die Reformer nicht braucht und allein bestimmen kann, wohin die Reise geht.

Auch der „neue Herr in Amerika“ soll sie verstehen

„Tag der Antwort“: So sollte der diesjährige Jahrestag der Revolution in der Islamischen Republik Iran heissen. Diese Umbenennung des jährlich gefeierten Gedenktages hatte Ayatollah Ali Khamenei zwei Tage zuvor, in seiner ersten Rede nach Donald Trumps Einzug ins Weisse Haus, angeordnet. Die Revolution sei bereits 38 Jahre alt, doch sie solle sich an diesem Tag jung, kräftig und so lebendig präsentieren, dass sich niemand mehr traue, der Islamischen Republik zu drohen, so der Revolutionsführer.

Die Antwort solle so verständlich und klar sein, dass alle sie verstehen: „Auch der neue Herr in Amerika“, so der Ayatollah. Verständlich, kurz und bündig, wie Twitter-Texte eben sein können, waren zuvor auch Trumps Drohungen gewesen: Der Iran spiele mit dem Feuer, „ihr habt die Freundlichkeit Obamas nicht zu schätzen gewusst“, mit ihm werde das aber nicht gehen, hatte der neue US-Präsident zwei Tage vor Khameneis Auftritt getwittert. Und wie beantwortet man eine so unverblümte Drohung?

Der Meister der Rhetorik bleibt leise  

Rhetorisch wäre das für Khamenei leichtes Spiel gewesen, denn der eigentliche Beruf eines Klerikers ist das Reden beziehungsweise Predigen. Und Khamenei gehört zu den besten Rhetorikern unter den schiitischen Geistlichen. Was bedeutet: Er hätte auf Trumps Drohung deutlich antworten können. Doch der mächtige Mann in Teheran verzichtete auf jede verbale Eskalation.

Am Gedenktag war Khamenei für seine Verhältnisse sogar sehr milde gestimmt: Er nannte Trump nicht einmal beim Namen, bedankte sich sogar bei dem „neuen Herren in Washington“ dafür, dass der der Welt „das wahre Gesicht Amerikas gezeigt“ habe, und fügte hinzu: In zwei Tagen, dem Jahrestag der Revolution, komme der Tag der Antwort. Dann werde die iranische Nation die Drohungen entsprechend beantworten.

Zurückhaltung auch auf der Straße

Viele junge Iranerinnen sehen die Demonstration am Tag der Revolution als eine Art Karneval an
Viele junge Iranerinnen sehen die Demonstration am Tag der Revolution als eine Art Karneval an

Und dann kam er, der „Tag der Antwort“, und siehe da, die antiamerikanischen Transparente, Parolen und Reden waren plötzlich erstaunlich zurückhaltend, zahmer als in den Jahren zuvor. Worin bestand also die machtvolle Antwort der Nation? Was sollte Trump so beeindrucken, dass er mit seinen Drohungen, Reisebeschränkungen und Sanktionen aufhört?

Jeder ist verärgert über Trump

Es waren die Zahlen. Es sollten an diesem Tag so viele Menschen auf der Strasse sein, dass alle begreifen, Trump inklusive, dass sie es im Iran nicht nur mit einer Regierung, sondern mit einem ganzen Volk zu tun haben. Und Khamenei war sich sicher, dass der Aufmarsch gross genug sein würde. Denn kaum eine Regierung kann Massendemonstrationen so perfekt und generalstabsmässig inszenieren wie die der Islamischen Republik. Seit 38 Jahren gehört die Strasse zu ihrer Kampfszene, von hier aus sendet man mit Massenaufmärschen jene Signale, die die Gegner im In- und Ausland wahrnehmen sollen.

Und auch in diesem Jahr war vieles genau geplant und inszeniert. Vor allem hatte man darauf geachtet, dass kein allzu radikales Bild entsteht und nicht zu viele amerikanische Fahnen verbrannt werden. Denn man weiß, dass Trump auf solche Äusserlichkeiten sehr energisch reagiert. Trumps Drohungen, vor allem sein Reiseerlass, trieben auch jene Menschen auf die Strasse, die vieles im Gottesstaat eigentlich ablehnen. Denn plötzlich durfte man als Iraner nicht mehr in die USA reisen, weil man gefährlich, möglicherweise Terrorist sei. Und was ist mit den Saudis, den Tunesiern, fragten sich da viele im Iran.

Dem Reise-Dekret folgen echte Sanktionen  

Das Einreiseverbot hatte jedem klar gemacht, dass Trump den Iran ernsthaft im Visier hat. Einen Tag vor seinem Droh-Tweet hatte er zudem neue Sanktionen gegen den Iran verhängt und alle Firmen der Welt gewarnt, sie sollten bei ihren Geschäften mit dem Iran vorsichtig sein und bedenken, dass weitere Sanktionen geplant seien: entweder Geschäfte mit dem Iran oder mit den USA, so die Botschaft.

Französischer Ölkonzern beugt sich

Das verfehlte seine Wirkung nicht. Der französische Ölkonzern Total reagierte sofort und zog sich aus einem sehr lukrativen Geschäft mit der Islamischen Republik zurück. Geplant war, bis zum Sommer eine endgültige Investitionsentscheidung über ein iranisches Gasprojekt zu fällen. In einem der grössten Gasfelder der Welt im Südwesten des Iran sollten künftig mehr als 50 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag gefördert werden. Die Erschliessung war in zwei Phasen geplant, die erste sollte zwei Milliarden Dollar kosten. Total war der erste westliche Konzern, der nach dem Atomabkommen und der Aufhebung der Sanktionen einen solchen Deal mit der Islamischen Republik vereinbart hatte.

Doch kaum war Trumps Drohung in der Welt, sagt Total-Chef Patrick Pouyanne am vergangenen Dienstag, nichts sei beschlossen, die Entscheidung, wie man im Iran vorgehe, hänge allein davon ab, ob die USA weitere Sanktionen verkünden würden oder nicht. Und das will Trump bekanntlich tun.

Aufmarsch für innere Versöhnung

Doch es gab für viele IranerInnen noch einen anderen Grund, am „Tag der Antwort“ teilzunehmen. Zwei Tage zuvor hatte auch der iranische Ex-Präsident Mohammad Khatami ausdrücklich auch jene, die die Islamische Republik ablehnen, wegen der Drohungen aus Washington aufgefordert, am Jahrestag der Revolution auf die Strasse zu gehen: Denn das Land sei in Gefahr, so Khatami.

Merkwürdig, dass er selbst an der Demonstration nicht teilnehmen durfte: Dem Ex-Präsidenten ist es nämlich untersagt, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, selbst sein Name und sein Photo dürfen nicht in Zeitungen erscheinen. Darüber gibt es zwar keinen Gerichtsbeschluss, aber alle wissen: Khamenei will es so. Trotz oder gerade wegen dieser offiziellen Herabsetzung ist der ehemalige Reformpräsident immer noch der beliebteste Politiker des Landes.

Khatami und andere Reformer senden seit Wochen und verstärkt seit Trumps Drohung Signale aller Art und geben Khamenei zu verstehen, dass sie bereit seien, die Vergangenheit zu vergessen. „Wir dürfen nicht dauernd das Vergangene wiederholen“, hatte Khatami in seinem Aufruf zur Demo-Teilnahme geschrieben – und meinte damit die Unruhen im Jahre 2009, als die so genannte Grüne Bewegung gegen die damalige Präsidentschaftswahl demonstrierte.

Khamenei braucht die Reformer nicht

Doch Khamenei ignoriert solche Signale. Er fühlt sich stark genug, auf die Reformer verzichten zu können. Und was die Drohungen aus Washington betrifft, beruhigen ihn seine Berater: „Einen echten Geschäftsmann sollte man nie fürchten, und Trump ist bekanntlich ein guter Dealer.“

Wir publizieren diesen Text mit freundlicher Genehmigung des Iran- Journal 

Kommentare

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Die Raketentests werden in der Regel von den Revolutionsgarden durchgeführt, um zu provozieren.
D. Trump hatte eine verschärfte Gangart gegen den Iran schon im Wahlprogramm. Sein oft widersprechenden politischen Aussagen erlauben aber bis heute keine verlässliche Prognose darüber, welchen weitreichenden strategischen Linien seine Administration folgen will.
Nicht nur die internationale Öffentlichkeit bleibt also im Ungewissen, den Regierungen geht es nicht anders. Deshalb sollte man die Raketenstarts nicht unbedingt nur unter militärischen Aspekten betrachten, sondern eher als politischen Test, mit dem der Iran versucht die Bandbreite der US-Absichten zu erkunden.
Einen wichtigen Hinweis auf diesen Zusammenhang mag man auch im zeitlichen Ablauf erkennen. Die Raketen waren bereits vorhanden, wurden aber erst kurz nach D. Trumps Amtsantritt gestartet.

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