Inszenierte Feindschaft?

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Inszenierte Feindschaft?

Von Heiner Hug, Rom - 22.04.2019

Die beiden italienischen Regierungsparteien überschütten sich mit Gift und Galle.

„Die Lega und die ‚Fünf Sterne’ ertragen sich nicht mehr“, titelte am Samstag die italienische Zeitung „La Nazione“. Und „La Republicca“ stellte fest: „Trema il governo“, die Regierung wankt.

Die Chefs der beiden Parteien bilden seit einem Jahr zusammen die Regierung. Sie sollten eigentlich am gleichen Strick ziehen. Doch jetzt poltern sie gegeneinander mit wüsten Worten. Sogar vom Faschismus-Vorwurf schreckt Luigi Di Maio, Chef der Fünf Sterne nicht zurück. Und Matteo Salvini, der starke Mann der Lega und der Regierung, leistet sich einen viel kommentierten Lapsus: Die Regierung werde „weitere vier Monate halten, äh, ich will sagen: vier Jahre“.

Doch haben sich die beiden Regierungsparteien wirklich den Krieg erklärt? Vieles deutet darauf hin, dass alles im Hinblick auf die Europa-Wahlen am 26. Mai eine Show und inszeniert ist. Den Fünf Sternen wird seit langem vorgeworfen, sie tanzten nach der Pfeife der rechtspopulistischen Lega und unterwerfen sich dem Diktat von Lega-Chef Salvini. Die Quittung folgte prompt. Die Fünf Sterne verloren innerhalb eines Jahres fast die Hälfte ihrer Wählerschaft. Jetzt bäumen sie sich gegen die Lega auf. Damit wollen sie öffentlich demonstrieren, dass sie sich von den Lega-Fesseln gelöst haben und sich nicht von Salvini kommandieren lassen. Die Taktik hat Erfolg: Schon legen die Fünf Sterne in der Wählergunst wieder leicht zu.

Umgekehrt zieht auch die Lega aus dem angeblichen Streit Profit. Salvini will damit sein eigenes, rechtspopulistisches, Marine-Le-Pen-freundliches Profil wieder schärfen – ein Profil, das die Fünf Sterne versuchten, aufzuweichen. So wollen die Fünf Sterne einige Mittelmeerflüchtlinge aufnehmen, die Lega nicht. Der Streit nützt der Lega. In den Umfragen legt sie weiter zu. „Ich und Salvini sind der neue Powerblock, der Europa ändern wird“, sagt Marine Le Pen am Samstag in einem Repubblica-Interview.

Dass die beiden Regierungsparteien ideologisch nicht zusammenpassen, wusste man von Anfang an. Ihre gespielte Freundschaft ist Heuchelei. Ebenso ist klar, dass ihre Zweckehe nicht lange halten wird. Vorerst jedoch haben beide das Ziel, bei den Europawahlen je ein möglichst gutes Ergebnis zu erzielen. Der inszenierte Streit dient dazu beiden.

Ob die Ehe auch nach den Wahlen hält, ist eine andere Frage. Wenn die Lega obenauf schwingt, wird sie wohl Neuwahlen fordern und die Fünf Sterne aus dem Boot kippen.

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