Indische Hochzeiten sind kein Maskenball

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Indische Hochzeiten sind kein Maskenball

Von Bernard Imhasly, Mumbai - 20.03.2021

Wer dieser Tage in Indien einreist, muss vier Covid-Kontrollen passieren. Die Bevölkerung gibt sich sorglos. Der Erreger ist zu einem Teil der Folklore geworden.

Vor zwei Tagen waren wir zu einer Dorfhochzeit geladen. Das ist kein besonderes Privileg. In den Dörfern rund um Alibagh ist immer die ganze Bevölkerung zu Gast. Dennoch war diese Hochzeit etwas Besonderes. Srinivas Bhagat, der Vater des Bräutigams, verkörpert den Aufstieg von einem ungeschulten Bauarbeiter zu einem erfolgreichen Unternehmer.

Zudem baut Nivas, wie er genannt wird, nicht nur Häuser für reiche Leute aus Mumbai. Er hat auch zahllose Hütten und Häuschen repariert, umgebaut oder ersetzt, und seine Preise passen sich dem Einkommensstand seiner Klienten an. Seine Beliebtheit zwang ihn, das grösste öffentliche Grundstück – den Schulhausplatz – zu mieten, um für alle Gäste Platz zu finden: Kastengenossen, Bauern, Gärtner, Köchinnen, Fischhändlerinnen, Tagelöhner. Geschätzte dreieinhalbtausend Leute drängten sich in das ganz mit weissen Stoffbahnen umrahmte Geviert und bestaunten die Bollywood-Kulisse von Göttern, Elefanten, Tänzerinnen und Pfauen, alle aus Papier mâché.

Masken als Statussymbole

Es war eine gute Gelegenheit, herauszufinden, wie ernsthaft die Dorfgesellschaft mit der Pandemie umgeht. Ich erwartete nicht, dass alle eine Maske tragen würden.  Dass es aber so wenige taten, schockierte mich. Nur ein paar Mumbai-Flüchtlinge wie wir hatten das Gesicht verhüllt, und natürlich die lokalen Honoratioren, allen voran Politiker und Beamte.

Bei diesen wirkte die Maske – über Nase und Mund gespannt, nur über das Kinn gezurrt, oder an einem Ohr  hängend – schon fast wie ein Statussymbol. Für die als Kollektiv geladene Gästeschar dagegen schien das Gegenteil ein Statussymbol zu sein: Sie stellten ihr nacktes Gesicht fast  stolz zur Schau. Hätte mein Gärtner eine Maske getragen, er wäre bestimmt von Seinesgleichen als Wichtigtuer scheel angesehen worden.

Die paar Gäste, die ich kannte und fragte, warum sie sich in diesem Gedränge nicht besser schützten, winkten ab: „Schützen wovor? Hier gibt’s kein Covid!“ Dies war nicht nur Besserwisserei. Als die Infektionen vor einem Jahr im ganzen Land hochschnellten, konnte sich die Region Alibagh relativ einfach schützen: Die beiden Zugangsstrassen aus Mumbai waren nur für den Berufsverkehr offen, passierbar nur mit Testausweis. Touristen durften auf der neueröffneten Autofähre einreisen, aber auch sie nur mit einem Gesundheitszertifikat. 

Verschontes Alibagh boomt

Dank diesen beiden Schleusen konnte sich das Virus hier nicht ausbreiten. Die wenigen Erkrankungen nahmen offenbar nicht epidemische Ausmasse an. Im Gegenteil, das Auseinanderklaffen der Krankheitskurven von Mumbai und Alibagh führte zu einem sprunghaften Anstieg der Besucher, die der Metropole entflohen. Dies geschah ausgerechnet in der Regenzeit, während der sonst jeder Schiffsverkehr zwischen Mumbai und Alibagh eingestellt ist und die Strassen im Morast versinken. Die Autofähre entpuppte sich als Goldenes Tor.

Statt dem üblichen Monsunschlaf herrschte hier plötzlich Hochbetrieb. Zahlreiche Häuser wurden vermietet, der Verkauf von Bauparzellen erreichte neue Rekorde, es wurde wie wild gebaut. Die Kurierdienste, seien es Amazon oder Nahrungsmittel-Lieferanten, stellten Hunderte Leute an. Und da die Eingangskontrollen relativ einfach griffen, blieb das Virus draussen. 

Der Covid-Bonus war sicher einer der Gründe, der die Hochzeit von Srinivas’ Sohn zu einem besonderen Fest machte. Es war die beste Bühne, um den Sieg über das Virus zu erklären – durch demonstratives Nichttragen einer Maske.

Der Staat für einmal nicht als Schönfärber

Einmal mehr muss der Indien-Beobachter am Widerspruch zwischen erlebter und verkündeter Realität kauen, hin und her zwischen Idyll und Katastrophe. Nur sind die Rollen diesmal anders verteilt, und der Staat übt sich für einmal nicht in Schönfärberei. Die offizielle Lesart der maskierten Staatsdiener und Medien lautet: Es herrscht weiterhin eine existenzielle Seuchengefahr. 

Das gemeine Volk dagegen scheint zu sagen: Alles halb so schlimm. Ein Hochzeitsgast erzählte mir, dass beim letzten Cricketmatch im neugetauften Narendra Modi-Stadion von Ahmedabad 50’000 Zuschauer gezählt worden waren. „Was kann diese kleine Hochzeitsgesellschaft schon anrichten?“ 

Aber was ist, wenn die Politiker für einmal Recht haben? Am Morgen nach der Hochzeit brauchte ich nur die Zeitung aufzuschlagen, um die düstere Diagnose bestätigt zu sehen. Innerhalb eines Monats haben sich die täglichen Ansteckungszahlen allein in meinem Wohnsitzstaat Maharashtra von 6’000 bis 7’000 auf 21’000 verdreifacht. In einigen Provinzstädten verordnete die Regierung bereits Lockdowns oder nächtliche Ausgehverbote. 

Gesundheitsexperten sagen, dass das rasche Wachstum auf neue Mutanten zurückzuführen sei. Dies führt notgedrungen zur bangen Frage, ob diese nun auch Re-Infektionen auslösen werden. Warnend verweisen sie auf die brasilianische Stadt Manaus, wo eine hohe erste (und nicht-letale) Welle keine Immunität brachte und in der zweiten zu vielen Neuerkrankungen führte. Gehören die 11,2 Millionen indischen Erkrankten – abzüglich der 158’000 Verstorbenen – damit wieder zur Risikogruppe? Und wie steht es mit den vielen Millionen, die nie Symptome gezeigt und Antikörper entwickelt haben?

Zögerlich anlaufende Impfkampagne

Es ist eine Frage, die den Covid Fatigue vieler Leute nicht wachzurütteln vermag. Viele haben die schlechten Nachrichten ohnehin satt und picken sich die guten heraus: Die weiterhin tiefe Sterberate von 0,5 Prozent, die immer noch geringe Hospitalisierungszahl, und – bis vor einigen Wochen – die tiefe Positivitätsrate von 7 Prozent. Gerade die letztgenannte Zahl zeigt jedoch, wie schnell sich das Blatt wenden kann: Der Anteil positiver Tests in Maharashtra stieg in den letzten zwei Wochen auf 19 Prozent.  

Viele vertrauen zudem den kommenden ersten Impfungen, beflügelt durch Nachrichten wie jener des Serum Institute of India. Dessen brandneue Fabrik ausserhalb von Pune produziert gegenwärtig 2,5 bis 3 Millionen Dosen des Astra-Zeneca-Impfstoffs – pro Tag. Doch ein Grossteil davon wandert vorerst in die Kühllager, weil die Zahl der Impfungen nur langsam wächst. Die angestrebte Zahl von 30 Millionen Injektionen innerhalb zwei Wochen ist nach sieben Wochen immer noch nicht erreicht. 

Nun hat sich Premierminister Modi wieder zu Wort gemeldet. Am Mittwoch erklärte er offiziell den Beginn einer zweiten Welle und rief das Land eindringlich auf, wachsam zu bleiben. Der Impfbeginn könne sie nicht verhindern, denn dieser habe zu zögerlich begonnen. In mehreren Bundesstaaten, sagte Modi, hätten mehr als zehn Prozent der Impfdosen weggeworfen werden müssen, weil sie nicht rechtzeitig verabreicht werden konnten. Dies geschehe vor allem in Regionen – und hier sollten meine Alibagh-Mitbewohner aufhorchen –, die in der ersten Welle verschont geblieben seien und nun meinten, auf die Impfung verzichten zu können.

Indien hat eine eigene Infrastruktur von über 100’000 Impfzentren aufgebaut, die den Ansturm auffangen sollte. Doch bisher waren vor allem die Stationen in Megacities wie Mumbai ausgelastet, die im letzten Jahr schwer heimgesucht worden waren. In der Stadt Alibagh dagegen, sagte mir eine deutsche Einwohnerin schnippisch, warten nicht die Patienten auf die Injektion, sondern das Impfpersonal auf Kunden.

Die Regierung sorgt sich auch um die Ausbreitung der Infektionen auf dem Land. Mit der Öffnung der Verkehrsverbindungen zwischen Stadt und Land, so warnte Modi, könnten diesmal im Gegensatz zur ersten Welle auch die Dörfer schwer in Mitleidenschaft gezogen werden. In der ersten Welle hatte der Lockdown und besonders die dann folgende Lähmung jeder wirtschaftlichen Tätigkeit offenbar eine landesweite Durchseuchung verhindert. 

700’000 Impfstationen – und Bitten an die Göttin Sitala

Indien verfügt wegen chronischer Epidemien wie Tuberkulose und Polio über eine permanente Impf-Infrastruktur. Ein kürzlicher Bericht in der New York Times wies auf die jährliche Polio-Impfung hin, die mitten in der ersten Covid-Impfphase durchgeführt wurde. Innert drei Tagen (vom 30. Januar zum 2. Februar 2021) wurden in 700’000 Impfstationen 110 Millionen Kinder geimpft. Die meisten Spritzen wurden von den 1,2 Millionen weiblichen ASHA-Arbeitern gesetzt, die im ganzen Land für wenig Geld für das Wohl der Kleinkinder und stillenden Mütter verantwortlich sind. 

Trotz dieser Anstrengungen sterben jedes Jahr über 400’000 Inder allein an Tuberkulose. Die Omnipräsenz tödlicher Ansteckungskrankheiten lässt sich auch an den Tempeln und Geschichten von Göttinnen ablesen, die immer noch tief im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft eingeprägt sind. 

Sie strafen die Menschen mit dem tödlichen Hauch – oder retten sie, wenn es ihnen danach gelüstet. Das Auftauchen eines neuen Virus setzt dieses tiefsitzende Gefühl der Unausweichlichkeit wieder frei. Gesichtsmasken und Distanzregeln sind wie Bittgebete an die Pockengöttin Sitala, von der man ohnehin weiss, wie wankelmütig sie ist. Sie kann helfen; aber vielleicht tut sie’s nicht. Man lernt damit leben – und sterben.

"Man lernt damit leben - und sterben" - ein souveräner, zutiefst menschlicher Satz, hierzulande in sein Gegenteil verkehrt: Im Namen eines unbedingten Gesundheitsschutzes und dem Hinweis auf eine drohende Überforderung des Gesundheitssystems verlernen wir zu leben - und zu sterben.

@ Hanspeter Reichmuth: Wie wahr, denn das Sterben ist sicher, der Zeitpunkt jedoch nicht.

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