Im Schlepptau Russlands

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Im Schlepptau Russlands

Von Ali Sadrzadeh, 04.06.2016

Die Machtverhältnisse im Iran bleiben zementiert. Weder das Atomabkommen noch der Sieg der Moderaten bei der jüngsten Parlamentswahl verändern die Innen- und Aussenpolitik der Islamischen Republik grundsätzlich.

An der strategischen Verbundenheit mit Russland wird nicht gerüttelt. Und auch für die Zeit nach dem Ableben Khameneis ist gesorgt.

Einstimmig beschlossen und feierlich verkündet: „Unterricht und Erforschung der russischen Sprache müssen in allen Bildungseinrichtungen intensiviert werden.“ Das war zwar nur eine Entscheidung von vielen, die das „Komitee für Kulturrevolution“ nach seiner Sitzung am vergangenen Sonntag mitzuteilen hatte – aber eine äusserst wichtige.

Alles, was dieses Komitee beschliesst, hat in der Islamischen Republik Gesetzeskraft. Und das seit über 37 Jahren, seitdem die Republik existiert. Dabei sollte das ursprünglich nicht so sein. Republikgründer Ajatollah Ruhollah Khomeini hatte das Gremium in den ersten Tagen der Revolution für eine einzige Aufgabe ins Leben gerufen: Es sollte die iranischen Universitäten von „unislamischen Elementen“ säubern. Damit wäre dann auch die Arbeit erledigt, dachten viele damals. Das Komitee schien eine vorübergehende Einrichtung zu sein, nur für die Tage der Revolutionswirren. Doch es kam anderes.

Die Kulturrevolution im schiitischen Staat erwies sich als eine permanente – ein niemals endender Kampf. Je mehr Zeit verging, je massiver und bedrohlicher der äussere Kultureinfluss erschien, umso unentbehrlicher wurde daher das Komitee für Kulturrevolution. Es entwickelte sich nach und nach zu einem der mächtigsten Staatsorgane. Das Gremium, dessen Mitglieder der Revolutionsführer selbst ernennt, hat inzwischen weitgehende Befugnisse. Es entwirft mittel- und langfristige Kulturpolitik, urteilt über Eignung von Professoren und bestimmt die Lehrpläne der Bildungseinrichtungen. Niemand, nicht einmal der Staatspräsident, kann sich über Beschlüsse des Komitees hinwegsetzen.

Russisch über alles

Der Beschluss zur Förderung der russischen Sprache ist auf den ersten Blick dabei durchaus eine bildungspolitische Entscheidung mit vielen Vorteilen. Denn kein vernünftiger Mensch, kein Student, kein Professor oder Politiker kann etwas dagegen haben, wenn iranische Schüler und Studenten in die Lage versetzt werden, Tolstoi und Dostojewski in der Originalsprache zu lesen. Trotzdem sorgt die Entscheidung des Komitees in sozialen Netzwerken für viel Häme. Denn der Beschluss kam am Ende einer vierwöchigen heftigen Debatte über den Stellenwert der englischen Sprache in der iranischen Gesellschaft. Am Anfang dieser ernsthaften und immer noch andauernden Kontroverse stand eine Rede des Revolutionsführers Ali Khamenei.

Englisch: Quelle der Verderbnis

 

Englisch verbreitet sich im Iran immer mehr. Am 4. Mai hatte der mächtigste Mann des Landes eine Gruppe ausgesuchter Lehrer und Professoren empfangen und in seiner Ansprache zu ihnen gesagt, er wolle an diesem Tag etwas Grundsätzliches zur Debatte stellen und wünsche sich, dass alle Institutionen die Diskussion weiterführten. Zunächst beklagte der Ajatollah dann die Verwerfungen im Lebensstil der Jugend, philosophierte über masslose Konsumgewohnheiten und warnte vor dem gefährlichen Kultureinfluss des Westens. Dann stellte er die rhetorische Frage, wie all diese „Verderbnis“ ins Land komme und durch welche Sprache? An dieser Stelle schwieg er eine gefühlte Ewigkeit. Khamenei kennt sein Handwerk gut. Er gehört zu den besten Predigern des Landes.
 

„All das kommt über Satelliten und durch die englische Sprache, ungesund und unbedacht. Und diese Sprache verbreitet sich, es ist soweit gekommen, dass wir fragen, müssen unsere Kinder schon im Kindergarten Englisch lernen?“ Und mit der rhetorischen Frage, ob jemand bedacht habe, „wo wir damit hinkommen“, beendete Khamenei seine Rede.

Und kaum war die Audienz zu Ende, nahmen sich alle Medien des Landes des Themas an. Nicht nur Hochschullehrer und Bildungspolitiker, auch Freitagsprediger und Offiziere der Revolutionsgarden äusserten sich über den negativen Einfluss des Englischen. Die Rückständigkeit des Landes komme daher, weil man sich auf die Sprache der Kolonialisten konzentriere, behauptete sogar Ajatollah Alamolhoda, der einflussreiche Freitagsprediger der heiligen Stadt Maschhad.

Die Debatte nahm nach und nach eine lächerliche Wendung, sie wurde mit allerlei Verschwörungstheorien vermengt und sorgte in den sozialen Medien für viel Häme und Spott. Schliesslich meldete sich Staatspräsident Hassan Rouhani selbst zu Wort. Er rief zu Vernunft und Sachlichkeit auf. Dass Indien heute zu einem der mächtigsten IT-Staaten dieser Welt zähle, habe auch damit zu tun, das inzwischen jeder Inder Englisch beherrsche, meinte Rouhani. Das Beispiel Indiens war entwaffnend: eine ehemalige Kolonie Britanniens, ein heutiger Gigant aus der ehemaligen dritten Welt, ein mächtiges Land, dessen Ministerpräsident zudem zufällig gerade auf dem Weg in den Iran war, mit Milliardenverträgen im Reisegepäck.

Es geht um mehr als nur die Sprache

Rouhani besitzt zwar einen Doktortitel einer englischen Hochschule, er ist aber des Englischen nicht mächtig. Wie er trotzdem zu seiner Doktorwürde kam, weiss man niemand genau. Doch der Präsident weiss sehr gut, dass es bei dieser merkwürdigen Debatte nur vordergründig um die Sprache geht. Es steht viel mehr auf dem Spiel: Es geht um den künftigen Kurs des Landes, nicht mehr und nicht weniger.

Nach dem historischen Atomdeal streiten die Mächtigen im Iran über dessen Kurs: weiterhin fest an der Seite Russlands oder eine vorsichtige Öffnung gen Westen? Und dass sich gerade viele Kommandeure der Revolutionsgarden über die Gefahren des Englischen äussern, lässt ahnen, worum es geht.

Strategischer Scheideweg

Iran befindet sich dieser Tag am Scheideweg. Je nachdem wie man dabei die Frage nach dem Wohin beantwortet, entscheidet man auch über gigantische Wirtschaftsverträge, militärische Zusammenarbeit und sogar über die weitere Entwicklung der Kriege im Irak, in Syrien und dem Jemen. Es geht also nicht darum, ob Iraner und Iranerinnen künftig Dostojewski und Tolstoi in der Originalsprache lesen können sollen, sondern um die strategische Verbundenheit mit Russland. Sollen jetzt, da die Sanktionen aufgehoben sind, auch westliche Konzerne in die milliardenschweren iranischen Grossprojekte einsteigen dürfen oder soll alles beim Alten bleiben?

Der 89-jährige Ajatollah Ahmad Jannati wurde zum Vorsitzenden des Expertenrates gewählt, obwohl er in seinem Wahlkreis Teheran am wenigsten Stimmen bekommen hatte
Der 89-jährige Ajatollah Ahmad Jannati wurde zum Vorsitzenden des Expertenrates gewählt, obwohl er in seinem Wahlkreis Teheran am wenigsten Stimmen bekommen hatte

Der Revolutionsführer hat seine Entscheidung längst getroffen. Schon vom ersten Tag seiner Herrschaft an hat Ajatollah Khamenei jedem, der es wissen wollte, klargemacht, dass er die westliche Kultur zutiefst verabscheut und sich aussenpolitisch mit Russland und Putin verbunden fühlt. Und diese Verbundenheit mit dem mächtigen Nachbar im Norden ist offenbar ein Vermächtnis des Ajatollah, das es auch nach seinem Tod zu wahren gilt. Dafür hat er bereits alle Vorkehrungen getroffen und damit sichergestellt, dass das Land nach seinem Ableben weiterhin auf Kurs bleibt. Nichts macht dies deutlicher als seine Ansprache vor dem gerade neu gewählten Expertenrat. Dieses Gremium, dessen Legislaturperiode acht Jahre währt, wählt im Falle des Falles seinen Nachfolger. Und der Fall könnte in den nächsten acht Jahren eintreten, darauf hat er selbst das Gremium aufmerksam gemacht.

Auch nach Khameneis Tod soll alles bleiben wie es ist „Am schicksalhaften Tag müsst Ihr revolutionär entscheiden und handeln. Scheut vor nichts. Maxime Eurer Entscheidung muss sein, der arroganten Macht den Weg in den Iran zu verbauen“, so Khamenei vor den Experten, die höchstwahrscheinlich wissen, was demnächst auf sie zukommt. Denn der 76-jährige Revolutionsführer ist nach glaubwürdigen Informationen krank.

Keine Veränderung an der Spitze von Parlament und Expertenrat

Auf seiner ersten Sitzung wählte der Rat den ultrakonservativen 89-jährigen Ayatollah Ahmad Jannati zu seinem neuen Vorsitzenden. Bei der Wahl waren wichtige Kommandeure der Revolutionsgarden anwesend, ein Gegenkandidat der Reformer trat gar nicht erst an. Jannati revanchierte sich in seiner Antrittsrede mit klaren Worten: Alle wahren Anhänger des Revolutionsführers sollten beruhigt sein, der Kurs des geliebten Führers werde unbeirrt fortgesetzt, so Jannati, der unter den sechzehn gewählten Mitgliedern des Rates in Teheran den letzten Platz belegt hatte. Auch im neu gewählten Parlament bleibt der alte Chef, Ali Larijani, auf seinem Posten. Und auch Larijani, der zu den engsten Vertrauten Khameneis gehört und dessen Bruder an der Spitze der iranischen Justiz steht, versicherte, in der Innen- und Aussenpolitik bleibe der Iran auf dem bewährten, vom Revolutionsführer vorgezeichneten Kurs, das dürfe weder jetzt noch in der Zukunft jemand in Zweifel ziehen. Atomabkommen hin, Sieg der Moderaten bei den Parlamentswahlen her: Die iranischen Machtverhältnisse bleiben vorerst zementiert, die Wege bleiben vorgezeichnet.

Mit freunlicher Genehmigung Iran Journal

Quellen:

kayhan.ir/fa/news/76196/

http://sccr.ir/Pages/?current=news&gid=1&Sel=108559

radiofarda.com/content/b22-iran-irgc-commander-advisor-worried-about-people-studied-in-britain/27771988.html

radiofarda.com/content/khamenei-on-new-rich/27711329.html

khabaronline.ir/detail/541124/weblog/vaziri

khabaronline.ir/detail/541380/weblog/tajik

radiofarda.com/content/b11-viewpoints-5th-experts-assembly-and-10th-majlis-heads/27764116.html

radiofarda.com/content/f8-janati/27754808.html

bbc.com/persian/iran/2016/05/160531_l51_larijani_majlis_speaker_elected

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«Es geht um mehr als nur die Sprache.»
Wäre doch interessant, wenn die Weltsprache nicht englisch, sondern russisch oder französisch, spanisch, arabisch oder persisch, türkisch, deutsch wäre! Dann müssten die Angelsachsen Übersetzungsarbeit leisten und könnten Übersetzungsfeinheiten nicht nachkontrollieren.

Das russisch-schiitische Bündnisgegengewicht gegen das amerikanisch-sunnitische.

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