Im Schlamm des Irrsinns

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Im Schlamm des Irrsinns

Von Heiner Hug, 17.05.2020

Früher wüteten Verschwörungsfanatiker und andere Wirrköpfe vor allem im Internet. Dank Corona drängen sie jetzt auf Strassen und Plätze. Ein Kommentar.

Die Seuche bläst Wind in die Segel von rechten und linken Populisten, Antikapitalisten und Impfgegnern. Ebenso von  Wutbürgern, Antisemiten, Erleuchteten, bekloppten katholischen Würdenträgern, Esoterikern, Identitären und fanatischen Tierschützern.

In Deutschland kommen Rechtsextreme, Neonazis, AfD- und Pegida-Anhänger sowie Holocaust-Leugner dazu. Sie alle springen immer auf den Zug auf, wenn sie Krawall wittern und wenn die Regierung und „das System“ destabilisiert werden können.

Einige der Demonstranten, die im Schlamm des Irrsinns wühlen, sind offensichtlich ein Fall für die Psychiatrie. Erstaunlich ist, dass es ihnen immer mehr gelingt, unbescholtene Bürgerinnen und Bürger mit ihren konfusen, vertrackten und wirren Botschaften zu infizieren und anzutreiben. Und sie, die normalen Bürger, sind sich gar nicht bewusst, dass sie zu Steigbügelhaltern gefährlicher Kräfte werden.

Auch Dummheit ist ein Menschenrecht

Da soll eine Weltherrschaft der Eliten errichtet werden, heisst es. Bill Gates, dieser Satanist, soll allen Menschen einen Mikrochip einimpfen, damit sie dann auf Schritt und Tritt verfolgt werden können. Über die G5-Sendemasten würde das Virus ausgesprüht und in alle Welt verbreitet. Da seien natürlich auch die Juden, die Rothschilds und die Freimaurer am Werk, ebenso die „da oben“ und die systemkorrumpierten Journalisten. Die Demokratie solle abgeschafft werden, denn sie hindere die neuen Weltherren in ihrem Tun. Mit dem bewusst in die Welt gesetzten Virus soll bewusst Chaos geschürt werden, damit eine Diktatur errichtet werden kann. Und so weiter.

„Das Ende der Aufklärung?“, fragte das deutsche Wochenblatt „Die Zeit“. Natürlich kann man niemanden daran hindern, sich lächerlich zu machen und solch krude Botschaften zu glauben. Auch Dummheit ist ein Menschenrecht. Eher sonderbar ist es, wenn jene, die leugnen, dass sechs Millionen Juden vergast worden sind, jetzt plötzlich beklagen, dass die Menschenrechtskonvention und das Grundgesetz „mit Füssen getreten“ werde.

Auch einige wenige Grüne verbreiten kühne Ideen und bezeichnen die bundesrätlichen Schutzmassnahmen als „total überzogen“. Ihre Chefin, die grüne Parteipräsidentin Regula Rytz, stellte sie schnell in den Senkel. „Wenn es brennt“, sagt sie, „ist es besser, man schickt ein Feuerwehrauto zu viel als eines zu wenig.“

Eine Portion Schwachsinn

Und da gibt es die besorgten Bürgerinnen und Bürger, die beklagen, dass der Bundesrat die demokratischen Rechte abschaffen wolle. Ausgeklammert wird da, dass die Landesregierung vor allem ein Ziel hat, nämlich diese Schreihälse vor dem Virus zu schützen. Das hat sie getan.

In keinem Land ist die Demokratie und der Volkswille bis in die letzten Fasern der Gesellschaft so verwurzelt wie bei uns. Nirgendwo hat die Demokratie eine solch starke Tradition. Es braucht schon eine Portion Schwachsinn, um zu glauben, in der Schweiz würde die Demokratie abgeschafft. Auch jetzt hat die Demokratie funktioniert: Das vom Volk gewählte Parlament hat, wie es der demokratische Prozess vorsieht, die bundesrätliche Politik abgesegnet. Nix also von: „über die Köpfe hinweg entscheiden“. Die Massnahmen des Bundesrates richten sich nicht gegen die Demokratie, sondern gegen das Virus.

„Diktatur stoppen“, hiess es am Samstag auf einem Transparent in Zürich. „Gib Bill Gates keine Chance“ stand auf Plakaten in Bern, Basel und München. In Stuttgart war man deutlicher: „Kill Bill“. „Eine Regierung, die mir vorschreiben will, wem ich die Hand geben soll, ist für mich gestorben“, schrieb ein Basler Demonstrant auf einen Karton. „Corona Wahn Stopp“ stand auf einem Plakat in Zürich. Selbst ein (angebliches) Zitat von Brecht bemühte man: „Wo Unrecht zu Recht wird, ist Widerstand Pflicht“. Der Widerstand des Mannes, der dieses Plakat vor sich liegen hatte, bestand darin, dass er einsam auf dem Platz sass und etwas verwirrt den vorbeiflatternden Möven nachschaute.

Happening

In München hiess es: „Corona ist ein politischer Spuk“. Und: „Schluss mit der kriminellen Corona-Politik“. Einem Kind wurde in Zürich ein Transparent in die Hand gedrückt: „Wir wollen selbst entscheiden“. Ein Journalist fragte die Mutter des Kindes, ob sie ab und zu abstimmen gehe. „Nein“, sagte sie, „das bringt nichts.“

Wenn die Polizei die Manifestanten auseinandertreibt, weil sie die Abstandsregeln nicht befolgen, heisst es: „Demokratie und Meinungsfreiheit werden abgeschafft.“

Für viele sind die Demonstrationen fast schon ein Volksfest, ein Happening: Mit Kinderwagen, Ballonen und bunten Transparenten zieht man am freien Samstagnachmittag auf die Plätze und glaubt, man setze sich für eine gute Sache und für eine bessere Welt ein.

Eine verschwindend kleine Minderheit

Wichtig ist, dass die Politik sich nicht von diesen Schnapsidee-Adepten beeinflussen lässt. Aber das tut sie nicht. Der Bundesrat macht zwar Fehler, kommuniziert manchmal nicht ganz klar, aber das ist in Anbetracht dieser für alle komplexen und neuen Situation nachvollziehbar. Er lässt sich auch nicht beirren von der Flut jener Selbstdarsteller, die nachher wieder einmal wissen, was man vorher hätte tun sollen. Die Landesregierung argumentiert mit Fakten. Und der wichtigste Fakt ist: Die Seuche ist noch immer da, und die Gefahr besteht, dass irgendwann eine zweite Welle auf uns zukommt.

Die Demonstranten sind zwar laut und aggressiv, aber eine verschwindend kleine Minderheit. Wie viele Leute nehmen an den Manifestationen teil? Ein paar hundert, ein paar tausend? Wenn in der Challenge League der Letzte auf den Zweitletzten trifft, können mehr Leute in einem Stadion mobilisiert werden.

Berechtigte Sorgen

Aber: All das soll nicht heissen, dass man dem Bundesrat einen Blankocheck ausstellen soll. Dass man ihn nicht auch kritisieren darf.

Natürlich gibt es nicht nur Phantasten, Sonderlinge und Spinner. Auf den Plätzen fanden sich an diesem Samstag auch viele echt besorgte, ernsthafte, vernünftige  Menschen ein, die mit den exotischen Hitzköpfen nichts zu tun haben.

Viele haben heute berechtigte Sorgen und Nöte. Viele fürchten um ihre Arbeit oder haben sie schon verloren. Viele vereinsamen, stehen vor einem Burnout, sind überlastet, überfordert, haben Angst vor einer ungewissen Zukunft, Angst vor dem Konkurs, Angst, in der reichen Schweiz oder in Deutschland in die Armut abzurutschen. Ihre ganze Lebensplanung ist plötzlich in Frage gestellt. Die Corona-Epidemie ist für viele ein ernsthaftes, vielleicht gar ein existentielles Problem.

Von den Wirrköpfen in den Schatten gestellt

Dass die Wirtschaft, und die politischen Kreise, die hinter der Wirtschaft stehen, für eine schnelle Öffnung drängen, ist nachvollziehbar. Dass viele Menschen endlich wieder hinaus ins Freie möchten, ebenso.

Man kann durchaus sachlich darüber diskutieren – und sogar demonstrieren –, ob die Massnahmen des Bundesrat zu weit gegangen sind: ob man übertrieben hat und noch immer übertreibt.

Das Problem ist, dass die Menschen, die berechtigte und sachliche Anliegen vorbringen, von den Wirrköpfen in den Schatten gestellt und überschrien werden. Beide demonstrieren Seite an Seite und man kann nicht mehr unterscheiden, wer vernünftig und wer irre ist. Die Gefahr, dass die Vernünftigen von finsteren Kräften gekapert und radikalisiert werden, ist gross. Viele merken gar nicht, dass sie Wasser auf die Mühlen der Rechtsextremen und Verwirrten treiben.

Sich abgrenzen von Rechtsextremen und Spinnern

Deshalb ist es wichtig, dass sich jene, die diskutieren wollen und sachliche Argumente haben, sich klar von den Rechtsextremen und der lauten Meute der Wirren abgrenzen und sich von den Spinnern distanzieren. Das ist nicht einfach. Doch gelingt es ihnen nicht, schaden sie sich und ihrer Sache.

Dann nämlich werden sie in den gleichen Topf geworfen wie jene Illuminierten, die am Samstag mit verschränkten Beinen in Buddha-Stellung auf dem Platz sassen, die Augen schlossen, den Kopf gegen den Himmel wandten und wahrscheinlich den lieben Gott anflehten, er solle sie doch von den Virus-sprühenden Mobilfunkantennen erlösen.

Ein superber Kommentar, richtig auf den Punkt gebracht. Die Aluhüte lieben es nicht,wenn man sie Aluhüte nennt. An der Demonstration in Bern wimmelte es von ihnen, ja, von Fällen für die Psychiatrie. Man kann sich fragen, ob diese Leute einmal zur Schule gegangen sind.

Die Weltverschwörung ist real. Sie passiert allerdings weder im Versteckten noch braucht sie dazu 9/11, G5 oder die Corona-Pandemie. Früher hat man sie Klassenkampf genannt. Heute wird der Klassenkampf immer noch geführt und zwar von der Klasse der Reichen, wie Multimilliardär Warren Buffett vor ein paar Jahren richtig bemerkte. Seit rund 40 Jahren vertreten die Superreichen und ihre Ökonomen die Ideologie des Neoliberalismus. Unter dieser Denkart wurden weltweit gültige institutionelle fixe Rahmenbedingungen geschaffen, die es der Politik jedweder Färbung weltweit systematisch verbieten, Umverteilung zum Nachteil der Reichen und Superreichen zu betreiben. Im Gegenteil führt das gegenwärtige System zur Umverteilung von unten nach oben und schafft ein Heer der Abgehängten. Und das vor aller Augen. Die Demokratie ist damit zumindest schon heute um den für die meisten wichtigsten Aspekt eingeschränkt, wem wieviel zustehen darf. Noch weiter gehen wollen die Libertären, die eine Anarchie des Reichtums anstreben, zum Beispiel staatliche Medien schleifen wollen (No-Billag), um die Meinungsbildung selbst zu dominieren. Doch die Verschwörungsapostel kritisieren weder die neoliberalen noch die libertären Ideen, sondern machen undemokratische Vertreter dieser Denkrichtungen gar zu ihren Helden.

Offensichtlich sehen die "Verschwörungsgläubigen" den Wald vor lauter Bäumen nicht. Sie geben vor, die Demokratie retten zu wollen und verbünden sich dazu mit Kreisen, die das purlautere Gegenteil anstreben.

Danke Herr Berger für ihren Kommentar. Er beschreibt das eigentliche Übel in unserer globalen Welt. Den Reichen kann es nur recht sein, wenn Verschwörungsgläubige den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen.

Danke für die sachliche Richtigstellung. Der Mob der zum Teil durch die Strassen wütend ist beängstigend. Es scheint nur darum zu gehen sich auszutoben, denn konkrete Anliegen hat keiner. Es handelt sich nicht um eine Demonstration für berechtige konkrete Anliegen wie z.B. Gleichstellung der Frau, Lohnpolitik etc.

Ich meine auch, dass sich an Demonstrationen ein gefährliches Gemisch an aufgebrachten und unzufriedenen Menschen einfindet. Staatskritische und medienkritische Leute müssen sich unbedingt von Neo-Nazis, Rechtsradikalen, Verschwörungstheoretikern der übleren Sorte, Esoterikern etc. abgrenzen. Es darf nicht sein, dass kritisch und selbständig denkende Bürger von Rassisten zu deren Zwecke instrumentalisiert werden. Mit Faschisten mit marschieren geht gar nicht. In Corona-Zeiten wachsam zu bleiben und nicht einfach staatsgläubig in der Herde mitzulaufen, scheint mir dennoch angebracht. Etwa bezüglich Apps, wie das Contact Tracing. Die digitalen Möglichkeiten können durchaus hilfreich sein, aber auch die Abhängigkeit des Staates von den IT-Giganten wie Google und Apple weiter fördern. So dürfen nun Daten gesammelt werden unter der Schirmherrschaft der IT-Multis. Noch etwas zu Bill Gates: In den Jahren 2018/19 flossen Spenden der Gates-Stiftung in Höhe von 367,7 Millionen Dollar in WHO-Projekte. Sie war somit der zweitwichtigste Zahler (nebst der USA 553 Mio.) Die Gates-Stiftung hat auch in die Impfstoffentwicklung gegen ein Geflügelvirus aus der Gruppe der Coronaviren investiert. Ebenso hat die Gates-Stiftung 50 Mio. in die Mainzer Biotechfirma Biontech investiert. Die Firma forscht für Impfstoffe gegen HIV und Tuberkulose. Die Biontech ihrerseits pflegt Allianzen zu Pfizer, Roche, Sanofi und Eli Lilly, die vornehmlich in der Krebsforschung tätig sind. Im Weiteren finanziert die Gates-Stiftung die Tübinger Firma Curevac, die RNA-Wirkstoffe erforscht. Wenn man sich die Mühe macht, zu recherchieren, was eigentlich auch Journalisten tun müssten, kann man durchaus sehen, dass sich die Bill Gates-Stiftung an der Herstellung von Impfstoffen in grösserem Rahmen monetär beteiligt. Ob dies aus reinem Altruismus geschieht, sei mal dahingestellt. Um nicht als Verschwörungstheoretiker verschrien zu werden, verzichte ich meine Meinung dazu abzugeben.

Bin genau Ihrer Meinung Herr Hofstetter. Soweit ich mich unter den Demonstrierenden auskenne sind es viel mehr ernsthafte Bürger als „Wirrköpfe“ die auf die Strasse gehen. Und vielen Leuten passiert genau der Fehler der Herrn Hug auch passiert ist, nämlich dass ernsthafte Bürger mit „Wirrköpfen“ in einen Topf geschmissen werden und nicht umgekehrt. Ernsthafte Bürger sind im Stande sich zu informieren, zu recherchieren und auch zu unterscheiden was Fakten sind und was Vermutungen. So haben Sie es auch über Bill Gates gemacht. Leider wird jeder der so vorgeht gleich als Aluhut bezeichnet, statt dass man seine berechtigten Fragen anhört.

Danke Heiner Hug für den Artikel.
Ob Dummheit ein Menschenrecht ist? Ein Massenphänomen leider und gekoppelt mit geistiger Faulheit eben verheerend. Wie viel einfacher ist es, den mittlerweile bekannten und eigentlich entlarvten narzisstischen Profilierungsneurotikern zu folgen, als sich zu informieren was ein Virus ist – zum Beispiel dass es kein willenbegabtes Wesen ist, das beschliesst, anzugreifen – oder sich mit Statistik zu befassen. Letzteres ist gerade durch den Hinweis von gestern auf Journal21 auf den Artikel in der Medien-Woche, sollte man meinen, selbst für Dumme möglich. Man könnte sich auch über Bill Gates und die Stiftung Bill & Melinda Gates Foundation informieren, möglich dass man dann sachlich kritisieren könnte ohne den getrübten Verschwörungsblick.
Und: Es gibt niemals, auf keinen Fall, auch nicht auf den "Coronafall" einen Grund, mit Holocaustleugnern, Antisemiten, Identitären und anderen Faschisten zusammen zu marschieren!

Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Jeder könnte z.B. bei der WHO sich über gestiftete Gelder und deren Verwendung informieren. (Gates 9,76% davon über 60% für Polioaktion in Afrika, etc.)

Ich habe vorhin gerade einen schönen Satz gelesen:

«Ich fühle mich weniger bedroht von der Beschränkung meiner Rechte, als vor den Beschränkten und Rechten.»

Dem ist eigentlich nichts beizufügen.

Sehr kruder Missbrauch von "Gib AIDS keine Chance" aus der HI-Virus Zeit!
Die Gesinnung eines Teils dieser Leute ist nicht weit weg von derjeniger der Zeit um AIDS. > Gauweiler wollte damals HIV-Betroffene "impfen" und "einsperren"! Sehr schräg!

Geschlossene Räume mit vielen Menschen sind für das Coronavirus nach wie vor perfekte Verbreitungsräume. Daher sieht es für Diskotheken, Innengastronomien etc. für die nächsten Jahre sehr schwarz aus.

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