Im Pegasus-Dilemma

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Im Pegasus-Dilemma

Von Urs Meier, 26.07.2021

Ein hochpotentes Werkzeug zur Überwachung wird missbraucht. Überrascht dies jemanden?

Die israelische NSO Group, Marktführerin in Überwachungs-Software, hat derzeit ein Reputationsproblem. Ihr Spitzenprodukt namens Pegasus wird, wie ein globales Recherche-Netzwerk unter Führung der französischen NGO Forbidden Stories aufgedeckt hat, von diversen menschenrechtlich zweifelhaften Staaten gegen Journalisten, Politikerinnen und Aktivisten eingesetzt. 

Pegasus ist ein Alleskönner. Die Software lässt sich völlig unbemerkt auf jegliche Geräte einschleusen und macht diese heimlich zu universellen Spionageinstrumenten: Sie liest Daten aus (etwa Terminkalender und Adressbücher), aktiviert unbemerkt Kamera und Mikrophon und belauscht jede Kommunikation. Verschlüsselungen werden unterlaufen, Virenschutz-Programme ausgetrickst. Eine Wunderwaffe für autoritäre Regime und Diktaturen!

Natürlich streitet NSO die Zusammenarbeit mit Schurkenstaaten und Verächtern von Menschenrechten ab. Die Firma beteuert, es gehe ihr einzig darum, Leben zu retten, Terroranschläge zu verhindern, Pädophilenringe und Drogenkartelle zu zerschlagen, vermisste Kinder zu finden und Überlebende bei Katastrophen aufzuspüren.

Man muss gar nicht darüber streiten, ob das tatsächlich der primäre Unternehmenszweck sei oder vielleicht doch eher PR-Fassade. Fakt ist, dass Terror und organisiertes Verbrechen die Staaten praktisch dazu zwingen, nach Möglichkeiten der Überwachung zu suchen. Es besteht ein begründeter Bedarf nach Instrumenten wie Pegasus. 

Doch Tatsache ist ebenso, dass geheime Überwachung immer auch missbraucht wird. Selbst in Rechtsstaaten schiesst sie notorisch über ihre deklarierten Ziele hinaus. Und im Herrschaftsbereich von Regimen, die sich nicht um Rechtsstaatlichkeit scheren, ist es von vornherein nicht möglich, den Einsatz solcher Mittel auf ein legitimes Mass einzugrenzen. Ausserdem muss damit gerechnet werden, dass Instrumente wie Pegasus früher oder später auch Kriminellen und politischen Abenteurern in die Hände fallen.

Das Recherche-Netzwerk zu Pegasus hat seine Enthüllung mit einem Aufruf an die Staatenwelt begleitet, Verbreitung und Verwendung solcher Mittel zu regeln und zu überwachen. Fürwahr ein frommer Wunsch! Der Missbrauch ist nicht nur bei Pegasus, sondern allgemein in den globalen Informations- und Kommunikationsnetzen gleichsam schon eingebaut. 

Pegasus ist das Symbol eines Dilemmas, in das sich die technische Zivilisation begeben hat und aus dem sie nicht mehr herausfindet. Der Nutzen und Komfort moderner Kommunikationstools ist so gross und ihre Durchdringung aller Wirtschafts-, Gesellschafts- und Lebensbereiche so tief, dass wir die Machenschaften von Hackern, Cyberkriminellen und elektronischen Spionen lieber verdrängen – und wenn sie sich nicht mehr verdrängen lassen, dann eben hinnehmen.

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