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Glosse

Frau Bundespräsidentin

22. Februar 2026
Schloss Bellevue
Das Schloss Bellevue in Berlin: Wird hier bald eine Frau residieren? (Keystone/DPA/AliciaWindzio)

Also sprach Friedrich Merz: «Ich kann mir das sehr gut vorstellen, dass wir 2027 eine Frau zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zur Bundespräsidentin wählen. Das wäre gut.»

Im August 2025 sagte er das, anlässlich eines Tages der offenen Tür im Bundeskanzleramt. Damals fanden seine Worte kaum Resonanz. Eine Besucherin hatte gefragt, und Merz’ Antwort klingt noch jetzt beim Nachlesen so, als hätte er einen Kloss im Hals wie Christian Wulff, als er 2010 sagte: «Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.»

Urplötzlich aber hat sich das Thema Bundespräsidentin (und die Frage, wer es denn sein soll) zu einem brandheissen Spekulationsobjekt entwickelt. Es darf gewettet werden. Und sage niemand, die Deutschen gingen nicht mit der Zeit.

Auslöser der Debatte war Angela Merkel. Ihre Ankündigung, am CDU-Parteitag teilzunehmen, liess den Berliner Auguren keine Ruhe: Die will doch was, die Merkel – etwa Bundespräsidentin werden? Nein, will sie nicht. Merkel dementierte. 

«Bild» machte sich sogleich auf die Suche nach Alternativen, blieb aber fantasielos: Bayerns Landtagspräsidentin Ilse Aigner sei eine hervorragende Kandidatin, ebenso die in der Klatschpresse omnipräsente Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, und selbst die in den Hintergrund geratene (aber Comeback-willige) Annegret Kramp-Karrenbauer erfuhr die Ehre einer Nennung. 

«Der Spiegel» kaprizierte sich auf Kandidatinnen von ausserhalb des Politbetriebes und nannte erstens Jutta Allmendinger, eine international renommierte Soziologin, zweitens die Wirtschaftsberaterin Janina Kugel, die laut «Manager Magazin» zu den «100 einflussreichsten Frauen in Deutschland» gezählt wird, drittens Juli Zeh, Juristin und Bestsellerautorin mit einem Faible für Pferde.

Ein bisschen wirkte das alles, als sei das höchste Staatsamt eines, das in erster Linie besetzt werden muss, repräsentativ, aber bitte irritationsfrei. Und wenn schon Frau, dann möge auch sie die Tugend der entschlossenen Unentschlossenheit pflegen, die Amtsinhaber Frank-Walter Steinmeier in sieben Jahren zum Bartleby von Schloss Bellevue hat werden lassen. 

Aus den Worten von Merz spricht jemand, der mentalitätsmässig noch mit einem Bein in der Ära Kohl steht, sich aber ein Herz fasst, der Gegenwart ins Auge zu blicken. Seine Äusserung wirkt befangen und gönnerhaft zugleich, als wollte er sagen: Wir Männer geben 2027 den Weg ins hohe Amt frei …

Muss die künftige Bundespräsidentin danke sagen?

Und was soll das heissen: «Das wäre gut?» Dass nach zwölf männlichen Bundespräsidenten die Nummer 13 eine Frau sein darf? Einfach mal so, versuchshalber? Oder darf dieses «gut» als Qualitätskriterium verstanden werden? Das wäre tatsächlich neu, denn bei mehr als einer Wahl konnte man den Eindruck gewinnen, der nachmalige Bundespräsident sei in kleinstem Kreis ausgekungelt und von der Bundesversammlung nur noch bestätigt worden.

Leider befand sich Merz 2004 im Schmollwinkel; er war gerade von Angela Merkel ausgebootet worden. So hat er vielleicht nur mit halber Aufmerksamkeit mitbekommen, dass es mit Gesine Schwan bereits eine Kandidatin für das Präsidentenamt gab, wie man sie sich besser kaum ausmalen konnte. Eine Frau mit vorzüglichen Beziehungen nach Polen, Frankreich und Italien, eine Frau mit Lehramtserfahrung in den USA, die aktuell Präsidentin der aufstrebenden Hochschule «Viadrina» in Frankfurt-Oder war.

Der CDU (und mit ihr der FDP) war das zu viel der Exzellenz. Man entschied sich für Horst Köhler, einen versierten, aber doch recht farblosen Finanzexperten mit einem (was in der deutschen Politik selten vorkommt) grossen Herz für Afrika. Köhler wurde bis zu seinem Rücktritt 2010 kaum als Bundespräsident empfunden.

Merz’ Worte vom August 2025 haben sich im Nachhinein in der Sache als richtungweisend erwiesen, doch entbehren sie jenes Funken Originalität, wie sie der deutschen Politik dringend nottäte. Was hätte er also besser machen können?

Er hätte den Mut haben können zu sagen: «Ich kann mit sehr gut vorstellen, dass 2027 eine Frau wie Alice Schwarzer Bundespräsidentin wird.»

Wow, das hätte ein mittelprächtiges Beben ausgelöst. Gut so. Eine Feministin, deren zweiter Vorname «streitbar» lautet, was wäre das für ein Signal gewesen! Ein «Hallo wach!» für die beständig nörgelnde Altenrepublik und zugleich eine Aufforderung, sich mit einigen verdrängten Geschlechter-Realitäten unserer Zeit auseinanderzusetzen.

Er hätte auch sagen können: «Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass 2027 eine Frau wie Katrin Göring-Eckardt Bundespräsidentin wird.» Eine Grüne? Die Bataillone der Voreingenommenheit hätten ihrem Hass freien Lauf gelassen, aber das tun sie auch so. Mit ein wenig Abstand (und Anstand) wäre vielleicht aufgefallen, mit welcher Courage Göring-Eckardt selbst auf ihre ärgsten Gegner zugeht, und dass sie sich auf evangelischen Kirchentagen präsidial bewährt hat, was auch kein Honigschlecken ist. Andererseits war sie Angela Merkels Lieblingsgrüne bei den Koalitionsverhandlungen 2017 und käme für Merz schon deshalb nicht infrage. 

Merz hätte auch sagen können: «Ich kann mit sehr gut vorstellen, dass 2027 eine Frau wie Karin Prien Bundespräsidentin wird.» Das wäre jemand aus der eigenen Partei, zudem Kabinettsmitglied, Bundesministerin für «Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend» (auf die Reihenfolge mache sich jeder seinen Reim) und allen Zukunftsfragen leidenschaftlich aufgeschlossen. Karin Prien ist mindestens so streitbar wie Alice Schwarzer. Und sie ist Jüdin.

Genau das wäre in Zeiten des in Deutschland wuchernden Antisemitismus mehr als nur ein Zeichen gewesen, es wäre ein Vorschlag von staatsmännischem Format. 2025 hat ihn Merz nicht gewagt. Ob er ihn nachholt? Es darf gezweifelt werden.

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