Der Raum und die Menschen, die sich darin bewegen und damit den (Stadt-)Raum in stetem Fluss halten, und die ebenfalls fliessende und ihre Bedeutungen stets verändernde Sprache sind Thema der Installation «Oregano», mit der Daniela Keiser das Labor des Bündner Kunstmuseum in Chur verändert.
Über dem Foyer des Erweiterungsbaus des Bündner Kunstmuseums in Chur gibt es einen «Laborraum», den das Museum vor allem für raumgreifende, eigens für diese schlichte Örtlichkeit konzipierte Installationen nutzt. Von den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern erwarten Museumsleitung und wohl auch das Publikum ein Eingehen auf das spezifische Eigenleben dieses Raumes und auf die auch von den Materialien dieser Architektur bestimmte Atmosphäre. Daniela Keiser weiss mit dem Raum umzugehen, dem sie mit präzise konzipierten, aber sparsam eingesetzten Mitteln einen leicht-schwebenden Charakter gibt, und den sie ausweitet – weit über Wände, Boden und Decke hinaus, auch über die konkrete Örtlichkeit des Churer Kunstmuseums hinaus in jene Kultur- und Welträume, welche die Künstlerin auf ihren Reisen erlebte.
In Indien wurde sie Zeugin wohl unbewusst praktizierter künstlerischer Tätigkeiten von Frauen, die mit Reismehl vor den Haustüren Bodenzeichnungen anbrachten, die wegen des leicht einsetzbaren und ephemeren Materials den Kern ihrer Auflösung oder gar der Zerstörung – analog zu buddhistischen Mandalas – in sich trugen: Diese Bodenzeichnungen waren ständigen Veränderungen unterworfen und wurden von Passanten, die achtlos über sie liefen, vom Wind und auch vom Regen in Mitleidenschaft gezogen. Was bis am Abend übrig blieb, wischten die Frauen weg, bis nichts mehr von den Bildern zu sehen war. Mit westlichen Augen ist die Bedeutung dieser Spontanzeichnungen nicht aufzuschlüsseln, auch wenn die «Künstlerinnen» traditionellen, meist kompakten Musterungen bewusst folgen und ihrem Tun einen Sinn abgewinnen können.
Eine Welt Indiens in Chur
Daniela Keiser hat solche Zeichnungen fotografiert und mit elektronischer Bildherstellung Grossvergrösserungen hergestellt, die sie auf die Churer Museumswände applizierte. Die insgesamt fünf Fototapeten zeigen die indischen Stadträume aus verschiedenen Blickwinkeln, was uns den Churer Museumsraum so erleben lässt, als sei er in ausschwingender Bewegung. Auf diesen Fototapeten sind auch Füsse von Menschen zu sehen, die über die Böden gehen.
Es sind nur Fragmente von Körpern, nur Füsse und Teile indischer Saris oder Teile von Hosen westlicher Machart, Jeans zum Beispiel. Die Körperfragmente, die knapp unter der Decke auf den Tapeten erscheinen, lenken den Blick der Besuchenden nach oben, was den freien und offenen Charakter des Raums verstärkt. Daniela Keiser holt mit den fotografischen Arbeiten eine Welt Indiens in diesen Raum und verortet sie in der konkreten Museumssituation. Und sie sucht nach einer weiteren Verankerung: Der Boden des ganzen Raumes ist eine einzige Bodenmalerei in Weiss und in verschiedenen Grautönen. Ihr Sinn ist nicht auf Anhieb zu erkennen, doch entziffern die Besucher verschiedene scheinbar zusammenhangslos eingesetzte Wortbildungen wie zum Beispiel «Oregano», eine Gewürzpflanze (auch Wilder Majoran genannt), die der ganzen Rauminstallation den Namen gibt, oder «Shirt» .Die Besucher werden, lassen sie sich Zeit dazu, auch erkennen, dass die Bodenmalerei eine von oben gesehene Landschaft mit Bäumen, Teichen und Wasserrinnen wiedergibt.
Landschaft, Wörter, «Mandalas», Körperfragmente, Malereien auf dem Boden und Bilder von Malereien in indischen Städten an allen vier Wänden: Alle diese Motive haben unterschiedliche Bedeutungen, die sich überlagern, ergänzen, vielleicht auch widersprechen und den Besuchenden die Freiheit lassen, sich Interpretationen mit Bezug auf ihre eigene Situation auszudenken.
Als sei es nicht genug der Überlagerungen der Motive, fügt Daniela Kaiser als weiteres Element die Sprache hinzu, die ebenso ständigen Änderungen und Bewegungen ausgesetzt ist, die weit über die einfach fassbaren Wortbedeutungen hinausgehen und mit den steten Änderungen der Gesellschaft einhergehen. Das Motiv der Bewegung, ein wichtiges Thema ihrer Rauminstallation in Chur, findet einen Niederschlag in der Gebärdensprache, einem sich stets weiterentwickelnden Kommunikationssystem, in das der Schweizerische Gehörlosenbund monatlich neue Begriffe aufnimmt. Für die Künstlerin ist das ein deutliches Zeichen für die Wandelbarkeit der Sprache – und jeder Art von Kommunikation. Sie legt denn auch in ihrem Raum ein kleines Lexikon mit den neuen Begriffen der Gebärdensprache auf. Mit Hilfe eines QR-Codes kann man sich Zugang zu den Videos mit den Gesten verschaffen, die für die Begriffe stehen.
Daniela Keiser schlägt mit ihrer Installation im Labor-Raum des Museums eine Brücke in Stadträume Indiens. Auch die Architektur der Villa Planta, die seit 1919 als Kunstmuseum dient, schlägt eine Brücke nach aussen und betont damit die kolonialen Kontakte, die auch in Chur ihre Spuren hinterliessen: Erbaut wurde die Villa in den 1870er Jahren vom Architekten Johannes Ludwig für Jacques Ambrosius von Planta, der sie mit Elementen des Orientalismus (besonders signifikant sind die von einem Halbmond bekrönte Kuppel des Gebäudes und die Sphingen beim Eingang) schmückte – als Hinweis auf seine Handelstätigkeit mit ägyptischer Baumwolle in Alexandrien.
Abseits der grossen «Kunststrassen»
Grosse Kunst-Institutionen warten gern mit grossen Namen auf – die Fondation Beyeler mit Cézanne, das Kunsthaus Zürich mit Wilhelm Lehmbruck, das Kunstmuseum Bern mit Chaim Soutine (2024) und Franz Gertsch (zweite Hälfte 2026), das MCBA in Lausanne mit Vallotton. Auch das von Roche finanzierte Basler Tinguely-Museum wartet gern mit «Stars» auf, wenn auch mit Künstlern der jüngeren Generation, mit Julian Charrière zum Beispiel, mit dessen Schau es im vergangenen Jahr einen besonderen Besucherrekord verzeichnen konnte. Und wer etwas auf sich hält, veranstaltet Retrospektiven von Künstlerinnen, die während Jahrzehnten in Abgeschiedenheit an ihrem Werk arbeiteten und denen jetzt zu spätem Ruhm verholfen wird: Im Kunstmuseum St. Gallen ist es Jacqueline de Jong (1939–2025), die Gefährtin von Asger Jorn, im Kunstmuseum Luzern ist es ab nächster Woche die Polin Maria Pinińska-Bereś (1931–1999) und war es 2020 Marion Baruch (*1929). Im Kunstmuseum Bern war es 2025 Carol Rama (1919–2015). Das (private, von einer polnischen Milliardärin geführte) Muzeum in Susch hat sich fast durchweg dieser Strategie verschrieben und holte zum Beispiel Edita Schubert (2047–2001), Laura Grisi (1939–2017), Evelyne Axell (1935–1972) und manch andere Künstlerinnen aus der Vergessenheit. Und ab 11. Juni wird das Muzeum mit Mariuccia Secol (*1929) ähnlich verfahren. Das sind einige Beispiele. Die Listen liessen sich verlängern – um Namen der «Weltelite» der Moderne oder um jene von zu Unrecht vergessenen Künstlerinnen.
Beide Strategien sind sinnvoll: Viele und vor allem junge Museumsbesucher werden den Werken so wichtiger Künstler wie Cézanne, Vallotton und Lehmbruck erstmals begegnen und dankbar sein, dass ihnen Gelegenheit zu wertvollen Kunsterlebnissen geboten wird. Und manchen Künstlerinnen, deren Werke in Museumskellern schlummern und nie oder selten zu sehen sind, verdienen endlich Gerechtigkeit und Aufmerksamkeit. Verdienstvoll ist allerdings auch, dass das Kunstmuseum Chur immer wieder eigenständig einen anderen Weg einschlägt – aus der Not (die Kunst Cézannes ist zu teuer für das regionale Haus, auch die wissenschaftliche Aufarbeitung von Werken unbekannter Künstlerinnen kann Chur kaum oder nur selten leisten) eine Tugend macht und den Labor-Raum einer Künstlerin zum Erproben ihrer Vision eines leichten, schwebenden Raumes zur Verfügung stellt und den Bogen zu weltweiten kulturellen und sozialen Erfahrungen zu schlagen vermag.
Abseits der Häuser entlang der grossen «Kunststrassen» sind auch bereichernde Kunsterlebnisse möglich, auch wenn sie nicht als «Entdeckung» oder als «Sensation» gefeiert werden, und es nicht unbedingt ums grosse internationale Publikum geht. Das Bündner Kunstmuseum in Chur leistet das – jetzt mit der Rauminstallation von Daniela Keiser und ab 11. April mit neuen Werken von Heiner Kielholz, mit «Oregano», dem Raum Daniela Keisers, die mit ihren in ganz Europa gezeigten Installationen stets sorgfältig auf die jeweiligen Orte eingeht, und mit den konzentrierten Malereien des sich mit Absicht von den verschiedenen Mainstreams distanzierenden und im Abseits des oberen Veltlins lebenden Heiner Kielholz.
Daniela Keiser, geboren 1963, wuchs im Kanton Schaffhausen auf und lebt in Zürich. Sie studierte an der Hochschule für Gestaltung in Basel, hatte Atelier-Aufenthalte in Paris, Berlin, Kairo und London und unternahm ausgedehnte Reisen. Das dabei gesammelte Fotomaterial nutzt sie als Basis ihrer installativen und konzeptionellen Arbeiten. Sie erhielt für ihr Schaffen zahlreiche Preise, so zum Beispiel den «Schweizer Grand Prix Kunst / Prix Meret Oppenheim» des Bundesamtes für Kultur (2017). Daniela Keiser ist als Dozentin an verschiedenen Hochschulen tätig.
Bündner Kunstmuseum Chur. Bis 5. Juli