„Ich bitte die Juden um Vergebung”

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„Ich bitte die Juden um Vergebung”

Von Heiner Hug, Siena - 24.01.2021

Der letzte Spross des italienischen Königshauses schreibt einen emotionalen Brief. Nicht alle sind begeistert.

Das Königshaus gehörte zu den Hauptkomplizen des italienischen Faschismus. Im Jahr 1938 unterzeichnete König Vittorio Emanuele III. auf Geheiss Mussolinis ein Gesetz, das Tausende Juden in den Tod oder ins Elend trieb.

Die Juden wurden im 1861 vereinigten Italien zunächst keineswegs verfolgt – im Gegenteil: ab 1870 waren sie politisch und rechtlich den übrigen Italienern gleichgestellt. Zahlreiche Mischehen wurden geschlossen.

Auch Mussolini, der 1922 an die Macht kam, richtete seinen Kampf zunächst nicht gegen die Juden. Der italienische Antisemitismus entstand erst nach und nach. Ab 1936 schürten die Regierung und die ihr hörigen Medien plötzlich eine anti-jüdische Stimmung. Italienische Kreise, die heute noch das Gute in Mussolini sehen, betonen, dass Hitler die Italiener gegen die Juden aufgeputscht hätte. Das ist historisch falsch. Der italienische Antisemitismus entstand zunächst ohne Zutun der Nazis.

Der König unterschrieb sie alle

Insgesamt verabschiedete Italien ab 1938 zwölf Rassengesetze, das erste (Regio Decreto Legge 1340) am 5. September. Diese „Leggi per la difesa della razza” (Gesetze zur Verteidigung der Rasse) waren fast ausschliesslich gegen die Juden gerichtet. Und der König unterschrieb sie alle.

In Italien lebten damals knapp 50’000 Juden, etwa 0,1 Prozent der Bevölkerung. Sie wurden nun für die Missstände im Land verantwortlich gemacht. Sie verloren ihre Arbeit, wurden verfolgt und enteignet; Tausende endeten in Konzentrationslagern oder wurden von faschistischen Schergen ermordet.

Nach dem Sturz Mussolinis flüchtete König Vittorio Emanuele III. ins Exil nach Ägypten. Sein Sohn, König Umberto II., regierte nur 33 Tage lang – dann war der Krieg zu Ende. Umberto II. starb 1983 in Genf.

Erstmals Verantwortung übernommen

Nach dem Krieg wurde Italien eine Republik. Das Königshaus der Savoyer, das seit der Vereinigung des Landes im Jahr 1861 herrschte, wurde abgeschafft. Den Mitgliedern des Königshauses wurde verboten, italienisches Territorium zu betreten. Verantwortung für das, was sie den Juden angetan hatten, übernahmen sie keine.

Vittorio Emanuele, der Sohn des letzten amtierenden Königs Umberto II, wurde 1937 geboren. Auch er flüchtete nach Genf, wo er zurzeit vorwiegend lebt – ebenso wie sein Sohn Filiberto.

Dieser hat nun – 83 Jahre nach der Unterzeichnung der ersten Rassengesetze – erstmals klar die Verantwortung für die Taten seiner Vorfahren übernommen.

„Mit offenem Herzen“

In einem offenen Brief an die italienischen Juden nennt er das Rassengesetz „ein inakzeptables Dokument”, das „einen unauslöschlichen Schatten auf meine Familie” geworfen hat und das noch immer „eine offene Wunde für ganz Italien“ ist.

„Ich schreibe Ihnen mit offenem Herzen einen Brief, der gewiss nicht leicht ist, einen Brief, der Sie überraschen mag und den Sie vielleicht nicht erwartet haben. Aber Sie müssen wissen, dass er für mich sehr wichtig und notwendig ist, weil ich glaube, dass der Moment gekommen ist, sich ein für alle Mal mit der Geschichte und mit der Vergangenheit der Familie, die ich hier vertrete, auseinanderzusetzen.“

Und dann der Satz: Er bitte die Juden „feierlich und offiziell um Vergebung“.

„So schlimm sind diese Gesetze doch gar nicht“

Wieso dauerte es 83 Jahre, bis diese Entschuldigung folgte? Darauf geht Filiberto nicht ein. Und wieso hatte sich sein Vater nicht auch entschuldigt?

Dieser, Vittorio Emanuele, hatte vor noch nicht allzu langer Zeit jede Verantwortung des Hauses Savoyen für die Taten während des Faschismus brüsk zurückgewiesen. Er, der 1937 geboren wurde, erklärte, er sei während des Faschismus „vielleicht gar noch nicht auf der Welt gewesen“. Ein Journalist hakte nach. Darauf sagte Vittorio Emanuele: „Aber so schlimm sind diese Gesetze doch gar nicht.“ Das löste einen Shitstorm aus. Am Tag danach versuchte er zu beruhigen und sprach sich „gegen alle Formen von Rassismus und Antisemitismus“ aus. Der Schaden war angerichtet, kaum jemand glaubte ihm noch.

Doch Vittorio Emanuele machte immer wieder negative Schlagzeilen. Im Sommer 2006 wurde er festgenommen. Neben Ausbeutung von Prostituierten wurden ihm schmutzige Spielbankengeschäfte und Geldwäscherei vorgeworfen. In Varenna am Comersee wurde er „wie ein Bandit verhaftet“ (so sein Sohn). Mit einem Fiat Punto wurde der Blaublütige durch ganz Italien ins Gefängnis ins südliche Potenza gebracht. Ein Fiat Punto für den Sohn des letzten italienischen Königs. Bekannt ist auch, dass Vittorio Emanuele Mitglied der rechtsextremen P2-Loge von Licio Gelli war. Einmal schoss er auf einen deutschen Studenten.

„Meine Brüder“

Sein Sohn Filiberto, der sich jetzt entschuldigt und die Juden „meine Brüder“ nennt, ist ein italienisch-schweizerischer Doppelbürger. Auch er hat weder in Italien noch in Genf einen guten Ruf. Er trat in Werbespots und Tanz-Shows auf. Am Schlagerfestival von Sanremo, das von Millionen von Zuschauern verfolgt wird, sang er ein Lied, dessen Text er selbst geschrieben hat. „Ich glaube immer an die Zukunft, die Justiz, die Arbeit. Ich glaube an die Traditionen. Ich glaube an ein Volk, das nicht aufgibt und leidet, dass es solche gibt, die wenig oder nichts besitzen. (...) Heute Abend bin ich hier, um Gott und der Welt zu sagen: Italia amore mio.“

Filiberto am Schlagerfestival von Sanremo 2010 (Foto: Keystone/EP/Claudio Onorati)
Filiberto am Schlagerfestival von Sanremo 2010 (Foto: Keystone/EP/Claudio Onorati)

In Genf war Filiberto an einem internationalen Jetset-Restaurant beteiligt, in dem auch seltsame Menschen verkehrten: Name des Restaurants: „Il Quirinale“. Ausgerechnet: Der Quirinal ist der Sitz des italienischen Staatspräsidenten in Rom.

„Frechheit und Arroganz sondergleichen“

Immer wieder versuchte er auch, in die Politik zu gehen. Bei den Parlamentswahlen 2008 kandidierte er im Auslandwahlkreis für die von ihm geschaffene Partei „Valori e Futuro“. Dabei waren auch ein Verantwortlicher des Spielcasinos von Campione, der in einen Erpressungsskandal mit Showgirls verwickelt war. Zur Führungscrew der Partei gehörte ein Freund Filibertos, gegen den die Staatsanwaltschaft in Rom ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung eröffnet hatte. Der Vizepräsident der Partei war zuvor wegen Mitgliedschaft bei der Mafia verhaftet worden. Seine Partei erhielt 1’811 Stimmen. Auch bei den Europawahlen 2009 scheiterte Filiberto kläglich.

Die beiden, Sohn und Vater, hatten 2009 vom  italienischen Staat Schadenersatz in der Höhe von 260 Millionen Euro gefordert. Damit sollten die Vermögenswerte, die das Königshaus nach dem Krieg verloren hatte, abgegolten werden. Diese Forderung wurde in Italien „als Frechheit und Arroganz sondergleichen“ bezeichnet. Der Staat erklärte, es wäre an ihm, vom Haus Savoyen Entschädigung zu verlangen, für all das Unrecht, das die Monarchen während des Faschismus angerichtet haben.

„Zu spät und zu bequem“

Und jetzt plötzlich bittet Filiberto die Juden um Entschuldigung. 83 Jahre danach. Besser spät als nie, sagen einige. Doch der Brief des letzten Sprosses der italienischen Monarchie kam nicht nur gut an.

Viele bezeichnen die Entschuldigung als halbherzig. Und wieso erst jetzt? Vermutet wird, dass Filiberto in Italien wieder ein politisches Amt anstreben könnte. Leserbriefe in den grossen italienischen Zeitungen sind sarkastisch. „Zu spät und zu bequem“, schreibt ein Tonino Ercolani. „Vielleicht strebt er danach, auf die italienische Szene zurückzukehren.“ Ein anderer schreibt: „Ich frage mich, ob er sich nicht schämt. Wenn es nach mir ginge, würde er nie wieder einen Fuss nach Italien setzen.“ Noch ein anderer: „Das Haus Savoyen begünstigte in entscheidender Weise den Aufstieg der Faschisten, dieser Verbrecher, die die italienische Demokratie jener Zeit zerstörten.“

„Feierlich, halbherzig, unbeholfen”

Die Römer Zeitung „La Repubblica“ schreibt, der Brief sei „feierlich im Ton, aber unbeholfen in der Substanz, gespickt mit unausgesprochenen Sätzen, peinlichen Fauxpas und halbherzigen Entschuldigungen“.

Auch nicht alle jüdischen Kreise in Italien sind begeistert von der Entschuldigung. „Ich lasse mich von Filiberto nicht als seinen Bruder bezeichnen“, sagt uns ein Jude. „Er ist nicht mein Bruder, Gott beschütze uns von diesen arroganten, heuchlerischen Monarchen.“

Stichworte

17. März 1861: Das Königreich Italien wird ausgerufen.
Bis Ende des Zweiten Weltkrieges stellt das Haus Savoyen vier italienische Könige:

  • Vittorio Emanuele. Er stirbt 1878.
  • Umberto I. Er wird 1900 ermordet.
  • Vittorio Emanuele III. Er unterzeichnet die Rassengesetze und flüchtet kurz vor Kriegsende nach Ägypten.
  • Umberto II regiert nur 33 Tage bis Kriegsende.

1945: Italien wird eine parlamentarische Demokratie.
Der 1937 geborene Sohn von Umberto II heisst Vittorio Emanuele und lebt in Vésenaz bei Genf.
Sein Sohn Filiberto bittet nun die Juden um Verzeihung.

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Danke für den geschichtlichen Exkurs. Diese Zusammenhänge waren mir so nicht bekannt.
Ja, da hat wohl einer Kreide gefressen, wenn gerade nichts anderes zur Hand ist.

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