Humor. Diesmal todernst.

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Humor. Diesmal todernst.

Von Annette Freitag, 29.08.2015

Christoph Poschenrieder, einer der interessantesten deutschen Schriftsteller, befasst sich mit einem ewigen und zugleich hochaktuellen Thema.

„Abends den Kopf aufs Kissen legen und am Morgen nicht mehr aufstehen. Und dabei nichts Böses gespürt zu haben. Das ist doch der ultimative Traum vom Sterben“, sagt Christoph Poschenrieder. „Ja“, denkt man beklommen und nickt. Aber das Leben ist nicht immer so. Und der Tod erst recht nicht.

Es geht also ums Sterben in Christoph Poschenrieders neuestem Buch, „Mauersegler“. Und nun sitzt er mir gegenüber: Ganz lebendig, mit wachem Blick hinter seiner diskreten Brille, in Zürich auf der Durchreise und zu Besuch bei Diogenes, seinem Verlag. Ganz lebendig sind auch die fünf Herren, um die es im Buch geht. Aber etwas älter als Poschenrieder sind sie doch schon. Und sie machen sich – wie Poschenrieder – Gedanken über das Sterben.  Da sie nicht ganz unvermögend sind, kaufen sie eine noble Villa an einem malerischen See und gründen eine Alters-WG mit dem erklärten Ziel, dass ein jeder dem anderen hilft, wenn’s dann mal so weit ist. Inzwischen lebt das Alt-Herren-Quintett fidel mit Lust und Laune.

Das liest sich süffig und amüsant. Der schwarze Humor, der von Anfang an zwischen den Zeilen steckt, wird im Laufe der Geschichte immer schwärzer und immer weniger lustig. Aber fesselnd. Bis zum Schluss.

Alters-WG

Sterben, so scheint es, ist „in“. „Das ist es doch schon seit Jahrtausenden!“, entgegnet Poschenrieder. Ja, schon, aber so als eine Art Lifestyle-Thema hat sich das Sterben doch erst neuerdings etabliert. Poschenrieder stimmt halbwegs zu. „Die Frage der Alters-WG ist bei uns im Freundeskreis, in dem es viele Alleinstehende und schwule Paare ohne Nachkommen gibt, natürlich nicht ganz abwegig. Da denkt man schon mal darüber nach, ohne genaue Pläne zu machen. Ich hatte dieses Thema schon seit Jahren im Hinterkopf, jetzt war die Zeit reif dafür. Auch aus persönlicher Sicht: 2014 bin ich fünfzig geworden, letztes Jahr ist mein Vater gestorben, mein Hund ist gestorben und meine Frau ist Anfang des Jahres schwer erkrankt, sie hat sich inzwischen aber wieder gut erholt. Damals hatte ich bereits das Konzept zu diesem Buch und habe mich gefragt: soll ich das jetzt wirklich machen? Die Konstruktion des Buches ist also zu diesem Zeitpunkt ins wahre Leben eingetreten und ich habe mir gesagt: jetzt erst recht! So ist es auch mein persönlichstes Buch geworden.“

Das Thema Sterbehilfe taucht in dem Buch nur ganz am Rande auf. Aber in Deutschland, sagt Poschenrieder, werde zurzeit sehr intensiv über Sterbehilfe diskutiert, mit all ihren juristischen und praktischen Implikationen. „Die Menschen werden immer älter und viele hauchen ihr Leben oft unter ziemlich unschönen Umständen aus. Im Krankenhaus zum Beispiel gibt es immer wieder Fälle, in denen man den Betroffenen die letzten drei Monate, bei genauem Betrachten, hätte ersparen können. Aber die medizinische Maschinerie funktioniert halt hervorragend“, so Poschenrieder.  Ausserdem existiert die Institution  der Grossfamilie  immer weniger. „Wobei man sagen muss, dass früher die Leute ihre Altvorderen auch oft unter lausigen Umständen in einer zugigen Hütte haben hausen lassen… aber klar: es gab zumindest eine Struktur. Nur ob das immer so harmonisch war, das sei dahingestellt.“

In Poschenrieders Story planen Wilhelm, der Jurist, Heinrich, der Lebensmitteltechnologe, Ernst, ein Programmierer, Siegfried, der Theaterregisseur und Carl, der Ich-Erzähler, Philosophie-Dozent und Journalist  ihr Lebensende auf andere Weise. Und dies durchaus mit Lebensfreude und Humor. Zumindest im Buch. „Mir ist natürlich klar, dass es Leute gibt, die sagen: ‚pfui‘ und ‚komplett pietätlos‘…“

Von Boston nach München

Ich-Erzähler Carl, sozusagen der Chronist der Geschichte, das ist auch ein bisschen der Autor selbst. Poschenrieder wurde in Boston geboren, hat in München Philosophie und an der Columbia University in New York Journalismus studiert. Amerikanische Literatur interessiert ihn auch heute noch. Und sie hat ihn wohl auch geprägt. „Ich habe viel Angelsächsisches gelesen und ich mag die angelsächsische Erzählweise mehr als die deutsche, zumindest die gegenwärtige. Und alles, was ich aus diesem Bereich lese, lese ich auf Englisch. Ich habe auch immer diesen englischen Sprach-Klang im Kopf und manchmal denke ich beim Schreiben, es wäre toll, wenn ich das jetzt auf Englisch sagen könnte, dann wäre es schnell auf den Punkt gebracht..“

„Mauersegler“ ist Poschenrieders viertes Buch. Seine bisherigen, „Die Welt ist im Kopf“, „Der Spiegelkasten“ und „Das Sandkorn“ haben alle einen  historischen Hintergrund. „Das neue Buch ist jetziger“, sagt er, „sogar leicht zukünftig. Es ist keineswegs so, dass ich immer nur Historisches schreiben will.“ Die im historischen Bereich angesiedelten Geschichten über eine Reise Schopenhauers nach Venedig, einen jüdischen Offizier der deutschen Armee im Ersten Weltkrieg und einen deutschen Kunsthistoriker und Forscher in Süditalien beruhen alle auf tatsächlichen Begebenheiten, die Poschenrieder dann fiktiv weitergesponnen hat. Dafür hat  er intensiv recherchieren müssen. „Betriebswirtschaftlich betrachtet, macht so ein historischer Roman natürlich viel zu viel Arbeit für das, was letztlich dabei herauskommt“, sagt Poschenrieder und relativiert auch gleich: „Also, es war die Arbeit immer wert! Trotzdem kann man auch mal etwas schreiben mit weniger Recherche.“

Immer wieder Schopenhauer

Einen roten Faden legt er sich schon zurecht, bevor er zu Schreiben beginnt. „Das heisst aber nicht, dass ein Buch, wenn es fertig ist, tatsächlich dieser Linie gefolgt ist. Vom Plan abweichen zu können, das gehört dazu“.

Eines aber ist in all‘ seinen bisherigen Büchern gleich: Irgendwo kommt Arthur Schopenhauer vor. Im ersten Buch, „Die Welt im Kopf“, spielt der Philosoph sogar die Hauptrolle. Schopenhauer ist aber für Poschenrieder nicht nur ein „running gag“ in jedem seiner Bücher. „Schopenhauer ist für mich von erheblicher Bedeutung! Ich habe meine Abschlussarbeit über ihn geschrieben und lese ihn regelmässig“.

Eine Sorge treibt Poschenrieder allerdings bei seinem neuen Buch ein bisschen um. „Es kann natürlich jeder machen was er will. Nur ist es nicht meine Absicht, ‚Debattenbeiträge‘ abzuliefern, wenn jemand über Sterbehilfe redet. Ich habe keinen pädagogischen Anspruch und keine Botschaft zu vermitteln…“

Vielleicht gibt aber gerade dieses Buch, so luftig-locker wie es daherkommt, eher einen Anstoss, sich mit dem Ende des eigenen Lebens zu befassen, als ein – im wahrsten Sinne des Wortes – todernstes Buch.

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