Holy Cow!

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Holy Cow!

Von Bernard Imhasly, Bombay - 08.05.2017

Indiens Kühe sind die rechtlich bestgeschützten nicht-menschlichen Lebewesen auf der Welt. Die meisten sehen dennoch wie Skelette aus, das schizophrene Resultat ihrer gleichzeitigen Vergötterung und Vernachlässigung.

Der Ausruf „Holy Cow!“ bedeutet, in einer Mischung von Staunen und Horror, so etwas wie „Auch das gibt’s!“, „Ist das die Möglichkeit!?“. In diesen Tagen entschlüpft einem ständig ein „Holy Cow!“, denn es ist die bedächtige Namensgeberin selber, die buchstäblich im Mittelpunkt steht.

Und sie tut es oft. Sie gehört zwar seit je schon zum Alltagsbild jeder indischen Stadt, und natürlich jedes Dorfs. Aber jetzt ist ihre Allgegenwart zum Fürchten. Kürzlich sass ein Exemplar breitleibig vor der Eingangstür des Bilderrahmen-Ladens meines Schwagers. Es liess sich nicht bewegen, sass mitten in seinem Dreck und fächelte sich mit dem Schwanz Kühlung zu.

Früher hätte man sie mit Stöcken vertrieben oder mit der Stossstange eines Autos sanft weggeschubst. Heute nicht mehr. Keiner rührte sie an und die Kunden mussten über einen Hintereingang ins Geschäft gelotst werden. Verkehrspolizisten und Gemeindebeamte liessen sich, trotz telefonischer Zusicherung, nicht blicken. Denn auch sie fürchteten sich vor dem Auftauchen einer Rotte von Gaurakshaks, wie sich die selbsternannten „Hüter von Mutter Kuh“ nennen.

Die Opfer statt die Täter verhaften

Zu deren Pflichtenheft gehört, dafür zu sorgen, dass keiner Kuh ein Schwanzhaar gekrümmt wird. Sonst wird dreingeschlagen, und zwar brachial. Kuh-Transporte sind praktisch zum Erliegen gekommen, auch wenn die Fahrer beweisen können, dass sie zu einem Händler unterwegs sind und nicht zum Schlachthof.

Meist werden sie gar nicht gefragt, besonders wenn sie Muslime sind. In Rajasthan wurden vier Bauern bei einem Transport spitalreif gehämmert, einer von ihnen verschied. Im Hindu- dominierten Süd-Kaschmir ging es einem Bhakarwal, Mitglied einer uralten muslimischen Hirtenkaste, nicht besser. Er wurde im Anblick seiner Familie erschlagen, als sie mit dem Vieh zur Sömmerung unterwegs waren.

Der Staat schaut tatenlos zu, wenn er nicht selber mitmacht, indem er etwa die Opfer verhaftet statt der Hooligans. Es war ja auch der Premierminister höchstpersönlich gewesen, der die Gau Mata-Kampagne in seinem Wahlkampf von 2014 vom Zaun gerissen hatte. Die Kongresspartei führe eine Pink Revolution durch, donnerte er, und rechnete vor, dass Indien bei Kuhfleisch-Exporten Weltspitze sei, weil Manmohan Singh Kühe ermorde.

Kuh-Sozialpolitik

Wie es sich für einen guten Demagogen gehört, vergass er zu erwähnen, dass praktisch 100 Prozent dieses Fleischs von Büffeln stammt. Es ist die Kategorie Rindvieh, die auch für Hindus durchaus schlachtenswert ist. Wasserbüffel sind dunkelhäutig, geradezu Dalits im Vergleich zu den schneeweissen Brahmini-Viechern, wie eine weitverbreitete Rasse sinnigerweise genannt wird.

Seitdem schwellen die Rufe nach einem all-indischen Schlachtverbot für Kühe dank Sozial-Medien-Verstärker zu regelrechten Twitterstürmen an – und lassen Taten folgen. Ich habe über Indiens Viehfreude schon mehrmals im Indian Ocean berichten müssen und zu Papier gebracht, was eigentlich auf keine Kuhhaut passt. Doch mein Wohnland hat die staunenswerte Fähigkeit, sich selber immer wieder zu übertreffen.

Trotz dem Wahlversprechen eines nationalen Schlachtverbots sind der Modi-Regierung zwar weiterhin die Hände gebunden. Ein solches Gesetz müsste nämlich alle Milchtiere umfassen, denn  mit einem Verbot allein für die Kuh würde sie sich offen als Hindu-lastig outen und Verfassungsbruch begehen. In 21 (der 29) Bundesstaaten ist ein solches Verbot ohnehin bereits in Kraft. Und in den BJP-regierten Bundesstaaten wird mit viehischem Eifer eine noch weitergehende Kuh-Sozialpolitik betrieben.

Biometrische Erfassung jeder Kuh

Zu ihr gehören etwa die Einrichtung eines eigenen Ministeriums, die Erhebung einer Sondersteuer für Gaushalas, den ‚Altersheimen’ für altgediente Milchlieferanten, ein spezieller Kaderverband einschliesslich bewaffneter Polizei. Die Strafen sind erheblich verschärft worden. In Rajasthan steht auf Kuhschlachtung lebenslange Haft, in anderen Staaten wird sie wie Totschlag (gegen Menschen) geahndet. Nun soll noch jedes der 200 Millionen Tiere eine ID bekommen, sodass klammheimliche Meuchelmörder dingfest gemacht werden können. Über die biometrische Erfassung (Hufe? Kuhauge?) wird noch nachgedacht.

Eine Karikatur in der Times of India brachte es vor einigen Tagen auf den Punkt: Während im Hintergrund Kühe verehrt und gefüttert werden, setzt sich ein armer Bauer im Vordergrund eine Kuhmaske an. Er sagt seiner (ebenfalls tierisch verkleideten) Frau: „Vielleicht haben wir Glück und bekommen damit etwas zu essen.“

Die extreme Gewaltbereitschaft der Tierschützer, die auch vor Polizeibeamten und Richtern nicht zurückschreckt, wird von den zahlreichen Hindutva-Organisationen unter der ideologischen Ägide des RSS-Kaderverbands orchestriert. Diesen geht es nicht in erster Linie um tierschützerische oder gar religiöse Anliegen. Schutz und Verehrung der Kuh bringen vielmehr zwei Brennpunkte der Hindutva-Ideologie zu einer politisch virulenten Fusion.

Aufrechterhaltung des Kastensystems

Der eine ist die zentrale Rolle der Kuh in brahmanischen Kulten. Viele Rituale arbeiten mit Produkten der Kuh, namentlich wenn es um die Reinigung von besudelndem Kontakt zwischen Kasten geht. Panchgavya zum Beispiel ist ein Mix von Dung, Milch, Joghurt, Ghee und Urin. Die Paste wird manchenorts immer noch über die Türschwelle gestrichen, falls ein Dalit das Haus betreten hatte.

Handkehrum ist ein wesentliches Merkmal der „Unberührbaren“ ihr Umgang mit Tierkadavern, sowie den „unreinen“ Berufen, die sich aus dem Gebrauch der leiblichen Überreste entwickelt haben: Bestatter, Lederbearbeiter, Trommler, Schuster etc. Die Kuhverehrung ist also zentral für die Aufrechterhaltung des Kastensystems. Die gegenwärtige Kampagne straft damit auch Modis Bekenntnis zu einer kastenlosen Gesellschaft Lügen.

Als zweites erhält der Ruf nach einem Schlachtverbot für Kühe eine immer stärkere anti-muslimische Färbung. Muslime sind traditionell keine Vegetarier, und sie besetzen neben den Dalits das Gros der Handwerksberufe rund um die Verarbeitung von Kuh-Produkten, einschliesslich dem Schlachten. Mit einem Schlachtverbot verengt sich damit der ökonomische Lebensraum der Gemeinschaft noch mehr. Sie ist damit immer mehr auf die Duldung durch die Hindu-Mehrheit angewiesen – ein erklärtes Ziel der RSS-Ideologen.

Ausgesetzte Kühe

Zu den Opfern der Hetze auf Kuh-Feinde gehören aber auch Kasten-Hindus – nämlich die Bauern, die für das Gedeihen von Gaumata nachgerade unersetzlich sind. Statt ein altes Tier für seinen „Materialwert“ verkaufen zu können, bedeutet das Schlachtverbot, dass sie ein Tier nach rund fünf Milchjahren noch sechs bis acht Jahre lang durchfüttern müssen.

Immer mehr Bauern satteln deshalb von Kühen auf Büffel um. Die gegenwärtige Lynchjustiz hat nun aber bewirkt, dass die meisten Tier-Transporte, auch wenn sie nur an Umschlagsmärkte gehen, auch wenn sie Büffel geladen haben, in ganz Nordindien zum Stillstand gekommen sind.

Das Resultat ist abzusehen: Die Bauern, von der Heiligkeit der Kuh ohnehin weniger überzeugt, werden die alten Kühe auf die Strasse stellen und herrenlos ihrem Schicksal überlassen. Dies wird bereits oft praktiziert, gerade in Dürreperioden in Rajasthan, wenn ganze Herden von Kühen in die Strassen und Parks der Hauptstadt trotten. Viele Bauern drohen bereits, die Viehzucht ganz aufzugeben, was die Selbstversorgung des Landes mit Milch gefährden würde.

Kuh-Pärke

Dies ist der Grund, warum auch die BJP-Regierung zögert, ein nationales Schlachtverbot auszurufen, trotz dem Druck der Hindu-Verbände. Es würde nämlich bedeuten, dass der Staat jedes Jahr rund zehn Millionen Stück Altvieh übernehmen müsste (Indiens Kuh-Bevölkerung zählt knapp 200 Millionen Tiere).

Um die Scharfmacher in ihren Reihen nicht zu verärgern, reden Minister davon, in jedem Staat eigene Reservate aufzubauen, ähnlich wie Wildtier-Parks. Doch die Kosten wären enorm hoch (rund 3.5 Mia.$ p.a.), abgesehen vom ökonomischen Verlust der verwertbaren Kadaverteile. Aber vielleicht könnte man mit zahlenden Park-Besuchern – Kuhschützern zum Beispiel – Geld machen. Und auch wenn die Tiere keine Milch mehr geben, urinieren tun sie immer noch – vielleicht eine Marktchance für Reinigungsmittel in Tempeln und Brahmanen-Haushalten.

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