Holt Trump auf?

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Holt Trump auf?

Von Heiner Hug, 15.09.2020

In einigen der entscheidenden „Battleground“-Staaten legte Donald Trump in den letzten Wochen zu – liegt aber immer noch hinter Biden zurück.

Real Clear Politics (RCP), das angesehene amerikanische Wahlforschungsinstitut, sammelt und gewichtet die meisten Meinungsumfragen. Der RCP-Umfrage-Aggregator errechnet Durchschnittswerte.

Laut RCP liegt Biden – auf das ganze Land berechnet – 7,5 Prozent vor Trump (Stand: 14. September). Das renommierte Institut «FiveThirtyEight» von Nate Silver gibt Biden landesweit einen Vorsprung von 7,2 Prozent.

CNN errechnet in seiner Poll of Polls für Biden 51 Prozent und für Trump 43 Prozent. Selbst Fox News, Trumps Haussender, sieht Biden mit 5 Prozent vorn. 

Erschwerend für Trump kommt hinzu, dass gemäss Real Clear Politics 54,1 Prozent der Befragten seine Arbeit als Präsident (Job Approval) negativ bewerten (44,9 Prozent positiv). Seinen Umgang mit der Corona-Epidemie taxieren sogar 55,9 Prozent negativ.

Entscheidende Battleground States

All das gibt zwar ein Bild von der Stimmung im Land, ist für die Wahl allerdings nicht entscheidend. Da nicht die Gesamtzahl der Stimmen zählt (Hillary Clinton erhielt vor vier Jahr mehr Stimmen als Trump), sondern die Zahl der in den einzelnen Staaten eroberten Elektoren-Stimmen (Wahlmänner/Frauen), richtet sich der Blick in erster Linie auf die Battleground-Staaten.

Real Clear Politics errechnet auch für diese Battleground-Staaten (Swing States) Durchschnittswerte. Das sind Staaten, deren Mehrheiten oft wechseln.

Real Clear Politics nennt 17 Battleground States, nämlich: Wisconsin, Florida, Pennsylvania, North Carolina, Michigan, Arizona, Minnesota, Ohio, Iowa, Nevada, New Hampshire, Maine, Virginia, Georgia, Texas, Colorado, New Mexico. In diesen 17 Bundesstaaten werden die Wahlen entschieden

100 Tage vor der Wahl, 50 Tage vor der Wahl

Am 22. Juli, gut 100 Tage vor der Wahl, veröffentlichte Journal21.ch die RCP-Durchschnittszahlen der entscheidenden 17 Bundesstaaten. Trump lag damals in 14 der 17 Swing States teils klar zurück.

Und heute, 50 Tage vor der Wahl? Was hat sich in den letzten 50 Tagen verändert? Hat der Präsident Boden gutgemacht, oder hat er an Zustimmung eingebüsst?

Sowohl als auch. 

Hart auf hart in Florida?

In den wichtigen Staaten Florida, Pennsylvania, Michigan und Minnesota legte Trump laut Real Clear Politics in den letzten 50 Tagen zu, liegt aber immer noch teilweise knapp hinter Joe Biden. Trump konnte vom republikanischen Parteikongress und seinem Tam-Tam mehr profitieren als Biden von der demokratischen Convention.

  • In Florida lag Biden im Juli laut RCP 6,4 Prozent vor Trump. Jetzt sind es nur noch 1,2 Prozent.
     
  • In Pennsylvania wurde für Biden Ende Juli ein Vorsprung von 7,0 Prozent errechnet, jetzt sind es noch 4,3 Prozent.
     
  • In Michigan verlor Biden 2,9 Prozent und liegt noch 4,2 Prozent vor Trump.

Ohio für Biden?

Andererseits legt Biden in New Hampshire (+5,4 Prozent), New Mexiko ( +3,5 Prozent) und Arizona (+2,9 Prozent) zu.

Im wichtigen Swing State Ohio prophezeite Real Clear Politics im Juli ein Unentschieden. Jetzt, 50 Tage später, führt Biden mit 2,4 Prozent.

Warnung vor Prognosen

Diese Zahlen müssen mit grösster Vorsicht aufgenommen werden. Experten warnen eindringlich davor, aufgrund dieser Werte den voreiligen Schluss zu ziehen, Biden sei auf dem besten Weg, die Wahlen zu gewinnen. Sie erinnern auch daran, dass fast alle Institute vor vier Jahren einen klaren Sieg von Hillary Clinton vorausgesagt hatten.

Und trotzdem: Tatsache ist, dass Biden 50 Tage vor der Wahl in 14 der 17 entscheidenden Battleground-Staaten vorne liegt.

Noch kann vieles geschehen. Wie wirken sich die gewaltsamen Ausschreitungen auf die Wahlen aus? Welchen Einfluss hat Bob Woodwards neueste Enthüllung auf den Wahlkampf? Bringen Trumps abschätzige Worte über das Militär («Losers») da und dort einen Stimmungsumschwung? Welchen Einfluss werden die geplanten drei Fernsehduelle zwischen Trump und Biden haben? Uneinig sind sich die Experten, wie gross der Anteil der «hidden Trump voters» ist, also jener, die sich schämen, offen zuzugeben, dass sie für Trump stimmen und die Meinungsforscher belügen. Die Aussenpolitik, da sind sich die meisten Auguren einig, hat kaum Einfluss auf die Wahlen. Ebenso wenig der von Trump immer wieder bestrittene Klimawandel.

Trumps grösstes Handicap ist sein Versagen in der Corona-Krise und die dramatische Lage auf dem Arbeitsmarkt und der beispiellose Konjunktursturz.

  • Trump hatte 2016 10 der 17 Battleground-Staaten gewonnen.
     
  • Einzig in 3 dieser 17 Staaten liegt er jetzt in Führung (Georgia, Texas und Iowa). Doch auch dort ist sein Beliebtheitswert im Vergleich zu vor vier Jahren zum Teil drastisch gesunken.

Die 17 Battleground States

Hier ein Überblick auf die 17 Battleground-Staaten. Angegeben wird

  • erstens das Ergebnis von 2016
  • zweitens der Umfragewert von Real Clear Politics (RCP) 100 Tage vor der Wahl (im Juli 2020)
  • und drittens der RCP-Umfragewert 50 Tage vor der Wahl (Stand: 14. September)

Rot eingezeichnet sind die Staaten, die 2016 von Trump gewonnen wurden, blau jene, die Hillary Clinton gewann.

(Alle Grafiken: journal21.ch/stepmap.de)

Florida: 29 Wahlleute, Electors, Elektorenstimmen
Florida: 29 Wahlleute, Electors, Elektorenstimmen

Pennsylvania: 20 Wahlleute
Pennsylvania: 20 Wahlleute

Michigan: 16 Wahlleute
Michigan: 16 Wahlleute

North Carolina: 15 Wahlleute
North Carolina: 15 Wahlleute

Ohio: 18 Wahlleute
Ohio: 18 Wahlleute

Wisconsin: 10 Wahlleute
Wisconsin: 10 Wahlleute

Arizona: 11 Wahlleute
Arizona: 11 Wahlleute

Minnesota: 10 Wahlleute
Minnesota: 10 Wahlleute

Nevada: 6 Wahlleute
Nevada: 6 Wahlleute

New Hampshire: 4 Wahlleute
New Hampshire: 4 Wahlleute

Maine: 4 Wahlleute
Maine: 4 Wahlleute

Virginia: 13 Wahlleute
Virginia: 13 Wahlleute

Colorado: 9 Wahlleute (In Colorado liegt einzig eine Umfrage des Instituts Emerson vor)
Colorado: 9 Wahlleute (In Colorado liegt einzig eine Umfrage des Instituts Emerson vor)

New Mexico: 5 Wahlleute
New Mexico: 5 Wahlleute

Texas: 38 Wahlleute
Texas: 38 Wahlleute

Georgia: 16 Wahlleute
Georgia: 16 Wahlleute

Iowa: 6 Wahlleute
Iowa: 6 Wahlleute

(J21)

Kommentare

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Wenn in einer Demokratie nicht die Gesamtzahlen der Stimmen massgebend sind, müsste man evt. das Wahlsystem überarbeiten.

Richtig, es liegt an uns Europäern, den US-Bürgern zu sagen, wie Demokratie funktioniert. Wir waren schon damals,. 1776, in Sachen Demokratie vorbildlich, siehe Frankreich und Schweizerische Eidgenossenschaft. Dumm nur, dass die beiden letzteren gleich danach untergingen. Warum nehmen die jetzigen US-Bürger uns Besserwisser nicht ernst?

Das Leben in den USA läuft traditionell selbstbestimmter ab als in europäischen Ländern. Das war unter demokratischer und republikanischer Führung nie fundamental anders. Möglicherweise hat D. Trump deshalb Erfolg, da seine Politik einfach nur relativ wenige Amerikaner betrifft. Die meisten leben wie vorher, viele wünschen sich wenig staatliche Bevormundung und spüren die Nachteile, die manche Randgruppen erfahren, nicht am eigenen Leib. Nicht-Amerikaner dürfen sowieso nicht wählen, also ist deren Kritik irrelevant. Vermutlich halten viele nach wie vor zu D. Trump, da die Alternative J. Biden heisst. Wer selbstbestimmt leben will, wird bei Ankündigung von höheren Steuern hellhörig und wählt daher lieber D. Trump.

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