Hoch und höher

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Hoch und höher

Von Annette Freitag, 21.05.2016

Wenn Bejun Mehta singt, fährt seine Stimme Achterbahn: mit Schwung geht’s hoch, höher und noch höher, denn Bejun Mehta ist Countertenor. Einer der Besten.

Bejun Mehta 
© Marco Borggreve
Bejun Mehta © Marco Borggreve

Der Bühneneingang des Zürcher Opernhauses ist ein interessanter Ort. Reichlich versteckt hinter sperrigen Kulissenwagen, der Weg von Fahrrädern verstellt. Dazwischen gehen berühmte Künstler ein und aus. Eine raffinierte Art von Schleichweg, auf dem Prominente nicht prominent wirken und diskret kommen und gehen können. Und genau hier ist der Treffpunkt mit Bejun Mehta, der jetzt zum ersten Mal in einer Opernproduktion hier auftritt und zwar in der Titelrolle in Georg Friedrich Händels «Orlando». Pünktlich und dynamisch kommt er angesaust: Dächlikappe, Sportjacke, Turnschuhe… Schnell noch in die Schneiderei, dann lassen wir uns in seiner Garderobe nieder. Wenn man’s nicht wüsste, würde man ihn nicht für das halten, was er ist: Ein Weltstar, unterwegs von einer grossen Opernbühne zum nächsten Konzertsaal. Er wohnt in New York und in Berlin, ist Amerikaner, aber eigentlich Weltbürger. Er ist Countertenor, aber auch auf dem Wege, Dirigent zu werden. Dirigent? Da kommt einem doch gleich ein anderer Mehta in den Sinn: Zubin Mehta. «Ja, der gehört auch zur Familie…er ist mein Onkel» bestätigt Bejun Mehta in tadellosem Deutsch.

Musiker von Kind auf

Gesungen hat Bejun Mehta seit eh’ und je. «Mit fünf Jahren habe ich schon auf der Bühne gestanden, zehn Jahre lang, bis zum Stimmbruch». Dass es mit Musik weitergehen würde war klar, bei dieser Familie. Denn da war nicht nur Zubin Mehta, der grosse Dirigent, sondern auch Bejuns Eltern: der Vater Pianist, die Mutter Sängerin. Die Fortsetzung nach dem Stimmbruch war das Cello einerseits, und andererseits deutsche Literatur, die er an der Yale University studierte. Schwerpunkt: Heinrich Heine. Erstaunlich….  «Es waren musikalische Gründe, die mich dazu bewogen haben», sagt er. «Als Sänger arbeitet man immer mit Texten, mit Sprache. Ich liebe Sprachen, ich liebe Poesie und Gedichte, ich liebe Musik. Und ich wollte eine Kombination aus all’ dem schaffen. Im Gegensatz zum Instrumental-Musiker beschäftigen wir Sänger uns immer mit Text». Die perfekte Kombination all’ dessen sind die Lieder, also die Vertonungen von Heine-Gedichten durch Schumann, Liszt, Hugo Wolf… »Ja, und ich singe auch Brahms, Mozart, Haydn…» Als Countertenor? «Natürlich! Das ist meine Stimme! Ich habe nirgends eine Baritonstimme versteckt. Das ist wie bei einem Sopran, der kann auch nicht Bariton singen. Auch Soprane singen hoch und sprechen tief. Genau wie Countertenöre». Und ob nun ein Mezzo-Sopran singt, ein Sopran, ein Bariton, ein Tenor oder ein Countertenor, das spiele keine Rolle, es bleiben ja die gleichen Lieder.

In Zürich ist es nun Händels «Orlando», in dem er auftritt. Eine Rolle, die er schon oft gesungen hat. Ist also «Orlando» so eine Art «alter ego»? «Ach, vielleicht ist er es geworden, im Laufe der Zeit…», er denkt nach. «Aber auch der Orfeo und Tamerlano gehören dazu, das sind vermutlich die drei Rollen, die ich am meisten gesungen habe». Dieser Zürcher «Orlando» ist vor zehn Jahren bereits inszeniert worden. Damals war die Titelrolle des «Orlando» mit einer Frau besetzt, mit Marijana Mijanovic, einer androgynen Schönheit mit einer fast männergleichen, tiefen Altstimme. Jetzt ist es ein Mann, mit hoher Stimme. Im Barock sind solche Wechsel nicht nur möglich, sondern ein reizvoller Kontrast zum sogenannt Normalen. Aber alle anderen Rollen sind jetzt bei der Wiederaufnahme ebenfalls neu besetzt. «Damit ist es sozusagen auch eine neue Inszenierung geworden. Ich hatte genügend Spielraum, meinen eigenen Weg durch dieses Stück zu finden. Und weil ich die Rolle so gut kenne, musste ich mich nicht mehr nur auf Noten oder den Text konzentrieren, sondern konnte mich voll entfalten. Und dieser Orlando ist nicht nur böse, sondern ich spiele ihn ein bisschen wie slapstick, hoffe aber, dass man - mitten in diesem slapstick -  auch den Schmerz Orlandos spürt, die Verzweiflung und, ja, auch die Leere der Figur. Mein Ziel war es, eine gute Balance zu finden».

Phänomen Countertenor

Countertenöre, so scheint es, sind in den letzten Jahren richtig in Mode gekommen. Bejun Mehta muss laut lachen. «Naja, das ist jetzt auch schon etwa 15 Jahre her, eine Modeerscheinung sind wir eigentlich nicht mehr…» Trotzdem: während man früher diese Stimmlage noch als etwas seltsam empfunden hat, gibt es heute eine ganze Reihe grosser Stars unter den Countertenören und niemand im Publikum wundert sich über die hohe Stimme. «Also ich singe seit rund zwanzig Jahren als Countertenor, für mich ist da nichts mehr neu. Aber es stimmt schon: in den ersten drei, vier Jahren, nachdem ich angefangen hatte, reagierte das Publikum noch etwas irritiert und wunderte sich…»

Der Grund dafür, dass es immer mehr Countertenöre gibt, ist das grosse Revival der Barockmusik. Dass die Barockmusik sich aber in unserer Zeit wieder so erfolgreich auf den internationalen Bühnen behauptet, geht darauf zurück, dass junge Sänger vor einiger Zeit begannen, richtig gute Countertenöre zu werden. «Für diese Countertenöre wurden dann immer mehr Barockopern inszeniert, was wieder zu einer grösseren Nachfrage nach Countertenören geführt hat…» erklärt Bejun Mehta.

Und was damals die umjubelten Kastraten sagen, gehört heute ins Repertoire der Countertenöre. Gibt es da auch so eine Art Konkurrenzkampf untereinander wie bei den Tenören? Auch diese Frage löst Heiterkeit aus bei Bejun Mehta. «Oh Gott… nichts ist wie bei den Tenören! Das ist eine andere Welt. Tenöre sind eine andere Spezies! Es kann schon sein, dass es viel Konkurrenz gibt, aber ich merke das eigentlich nicht, ich bin voll beschäftigt. In unserer ‘Top Liga’ gibt es genug Arbeit für meine Kollegen und mich. Schwieriger ist es eher bei den Jungen, die nachrücken. Natürlich werden viele Barockstücke auf die Bühne gebracht, aber nicht so viele, dass es auch für alle jungen Countertenöre reicht.  Soprane dagegen werden immer gebraucht, Tenöre auch. Ich hatte es viel leichter damals als ich anfing. Die Generation von Countertenören vor mir hat sozusagen die Wand durchbrochen und den Weg geebnet und als meine Generation nachrückte, kamen immer mehr Barockstücke auf die Bühne und damit hatte man überall Gelegenheit, zu singen. In diesem Sinne war mein Timing sehr gut».

Barock und anderes

Barockmusik ist zwar ein wesentlicher Teil seines Repertoires, aber nicht der einzige. Lieder gehören dazu, das hat er schon betont, aber auch zeitgenössische Musik. Die extreme Stimmlage passt oft hervorragend zu modernen Kompositionen, die ebenfalls oft ungewöhnlich instrumentiert sind. Bejun Mehta strahlt. «Ich bin der absolut happiest most lucky Countertenor der ganzen Welt!» Bei so viel Jubel über sein Glück, fällt er zwischendurch mal ins Englisch zurück. Sein Glück hat auch einen Namen: George Benjamin, ein englischer Komponist, der Stücke für Bejun Mehta komponiert hat. «Also keine zeitgenössische Musik, die schon existiert hat, sondern Stücke, nur für mich». Und das Publikum? Macht das so ohne weiteres mit bei fremden Klängen? «Absolut problemlos», sagt er. «Wir machen neue Musik, und es geht nur um Musik. Mit Countertenor, ohne Countertenor… who cares? Das ist der springende Punkt. Es ist einfach eine Stimme und man sollte die Stimme für jede Art von Musik verwenden»

Allerdings, eine Art von Musik dürfte da bei einem Countertenor trotzdem auf der Strecke bleiben: Richard Wagner, das ist auch Bejun Mehta klar. Dabei liebt er Wagner. Aber alles kann man auch in der Musik nicht haben. Immerhin beginnt er sich jetzt langsam, langsam auf einen neuen Bereich vorzubereiten. Aufs Dirigieren. Einmal pro Jahr will er vorläufig dirigieren. Später, so in 15 Jahren vielleicht, wenn die Stimme nicht mehr so mitmacht, wie Mehta es gern hätte, dann sieht er sich am Dirigentenpult. «Ich habe ja Erfahrung mit Texten, mit Literatur und Gesang und eine fundierte musikalische Ausbildung direkt aus der Familie. Ich glaube schon, dass ich auch am Dirigentenpult etwas zu sagen habe…» Denn eines ist für ihn klar: «Ich gehe nie in Pension. Es ist mir unvorstellbar, nach meiner Gesangskarriere irgendwo in einem Landhaus zu sitzen, zu lesen, etwas zu trinken und es gemütlich zu haben…. unvorstellbar!»

Bis es aber soweit ist, geniesst er erst einmal die Zeit in Zürich, wo man sich darauf verlassen könne, dass alles wunderbar funktioniert. «Das heisst: Man kann sich voll auf den Gesang konzentrieren, ohne sich um etwas anderes zu kümmern. Sprachlich versucht er sich auch den ungewohnten Klängen anzupassen. «‘Grüezi’ kann ich schon und ‘Grüezi wohl’. Ich trau’ mich aber noch nicht ‘Gueten Abig’ zu sagen, das klingt so fremd. Aber ich arbeite dran…!» Na dann… Adieu merci!

Georg Friedrich Händel
«Orlando»
Opernhaus Zürich

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