Historischer Hilferuf in Corona-Zeiten

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Historischer Hilferuf in Corona-Zeiten

Von Ali Sadrzadeh, 07.04.2020

Beim Hilferuf aus der iranischen Pilgerstadt Qom sind weder Medikamente noch Mediziner gefragt, auch nicht Geld oder Krankenhausausrüstung. Nein, es geht um die Rettung Allahs.

Das Virus vernichtet nicht nur Körper. Es gefährdet in diesen Tagen auch Geist und Glauben. Deshalb sollen alle anpacken, jenseits aller Unterschiede. Die Bedrängnis scheint so gross, dass jede Hilfe willkommen ist. Auch wenn sie von Gegnern oder gar Feinden kommt.

Die Grösse der Bedrückung, die Stärke der Bedrängnis kann man ahnen, wenn man sich ansieht, wer wen zu Hilfe ruft. Denn Rufender und Gerufener sind nicht irgendwer: Der Rufende ist Ayatollah Alireza Aarafi aus der iranischen Stadt Qom, dem Zentrum der schiitischen Gelehrsamkeit, und der Gerufene ist Scheich Ahmad Al Tayeb, Rektor der Al-Azhar-Universität in der ägyptischen Hauptstadt Kairo, der wichtigsten religiösen Autorität des sunnitischen Islam.

Der allmächtige Obermissionar

Der Schiit Aarafi ist Chefmissionar der Islamischen Republik. Er ist offiziell der oberste Manager aller schiitischen Lehrseminare des Landes. Als Leiter von حوزه های علمیه ( den schiitischen Lehrseminaren) ist er zuständig für die Ausbildung von Hunderttausenden schiitischen Geistlichen, die den politischen Islam gemäss der Verfassung in allen Bereichen der iranischen Gesellschaft in die Praxis umsetzen müssen. Der Justizapparat, das Geheimdienstministerium und alle wichtigen Kulturinstitutionen des Landes werden von Geistlichen geleitet, weil die Verfassung dies vorschreibt. Und alle diese Institutionen benötigen geistliche Bürokraten.

Ayatollah Alireza Aarafi (r) und Scheich Ahmad Al Tayeb (Foto: Iranjournal)
Ayatollah Alireza Aarafi (r) und Scheich Ahmad Al Tayeb (Foto: Iranjournal)

Darüber hinaus werden alle Schlüsselpositionen in den iranischen Ministerien sowie den diversen Geheimdiensten und Sicherheitsorganen des Landes von Absolventen dieser Lehrseminare besetzt. Aarafi überwacht aber nicht nur die Ausbildung der Missionare und künftigen Bürokraten. Er gehört auch dem sogenannten Wächterrat an, jenem zwölfköpfigen Gremium, das alles, was das iranische Parlament beschliesst oder die Regierung tut, auf seine Islamtauglichkeit hin überprüft. Ausserdem ist der 60-Jährige Mitglied des Expertenrates, der den künftigen Revolutionsführer bestimmt. Zudem gilt Ayatollah Aarafi als Kopf und Organisator jener Universität in der Stadt Qom, in der auch ausländische Missionare ausgebildet werden. Derzeit studieren 30’000 Seminaristen aus 120 Ländern im Iran, 7’000 von ihnen stammen aus China.

Es würde zu weit führen, wollte man noch alle anderen Gremien und Zirkel aufzählen, in denen Aarafi ebenfalls eine führende Rolle spielt.

Der sunnitische Adressat

Sein Adressat, der ägyptische Mufti in Kairo, mag in seinem Land nicht so mächtig sein wie der Ayatollah im Iran. Doch ist er genau der richtige Mann für den Hilferuf aus Qom. Grossmufti Al Tayeb hat kraft seines Amtes den protokollarischen Rang eines Ministerpräsidenten. Er ist auf Lebenszeit Rektor der Al-Azhar-Universität, nur der Republikspräsident kann ihn abberufen.

Viel wichtiger aber ist, dass der Grossscheich in Kairo in der altehrwürdigen Al-Azhar-Universität ebenfalls Missionare ausbildet, nur eben sunnitische. Er ist also der richtige Empfänger jenes Brandbriefes, der am 1. April in Qom veröffentlicht wurde.

Corona als Hiobsbotschaft

Das Schreiben liest sich zunächst wie eine Melange aus Selbstverständlichem und Selbstlob, doch unüberhörbar ist das Alarmierende, das den Verfasser zu diesem ungewöhnlichen Schritt bewog. Nach der höflichen Anrede kommt der Ayatollah aus Qom gleich zur Sache: „Die Verbreitung des Coronavirus hat in vielen Ländern der Welt viel Leid und Trauer verursacht und die religiösen Führer der islamischen Welt in Schmerz und Unglück versetzt“, schreibt Aarafi und beschreibt in der nächsten Passage, wie besorgt die schiitische Geistlichkeit, an der Spitze natürlich Revolutionsführer Ayatollah Khamenei, sei und wie intensiv man sich im Iran mit Gebet Gott zuwende.

Sehr schnell kommt der schiitische Chefmissionar zu der religiösen Gemeinsamkeit, jener alten Hiobsbotschaft, die für Muslime ebenso gilt wie für andere Monotheisten dieser Welt: Bei Corona hätten wir es mit einer göttlichen Prüfung zu tun, der Mensch sei Sünder und werde auf diese Weise von Gott bestraft, damit er wieder auf den rechten Weg zurück finde.

Wörtlich schreibt der Ayatollah: „Im geliebten Islam sind die natürlichen Heimsuchungen und Katastrophen Phänomene voller Bedeutung für die Prüfung des Menschen.“ Das verursachte Elend werde die Menschen mit Sicherheit schliesslich wachrütteln, damit sie sich mit Hingebung der Quelle des Göttlichen zuwenden. Dann erinnert er seinen sunnitischen Kollegen in Kairo daran, dass die Aufgabe der religiösen Führer des Islam darin bestehe, gerade in diesen Tagen verstärkt und gemeinsam für die Festigung des islamischen Glaubens zu kämpfen.

Das westliche Ungeheuer und der Islam 

Der Ayatollah zählt dann auf, was die Geistlichkeit im Iran derzeit alles tue, und kommt dann zum Eigentlichen, zu seiner wahren Sorge, zu dem Grund, warum er den sunnitischen Mufti in Kairo um Hilfe bittet: „Es ist klar, dass wir die Machenschaften und Feindseligkeiten der satanischen Grossmächte nicht vergessen dürfen, die für so viel Elend und Verderben auf der Erde verantwortlich sind. Mit aller Klugheit sollten wir gemeinsam nicht zulassen, wie dieses Ungeheuer von Reichtum, Macht und Medien den Glauben, die Moral und den Geist verdirbt und zerstört.“

Ein Geistlicher bei der „Hilfeleistung“ gegen das Coronavirus mit einem „heiligen Öl“:

Das ist DIE Hauptbotschaft aus Qom. Corona verursache weltweites Elend und das mächtige Ungeheuer aus dem Westen nutze diese Epidemie aus, um mit seiner Macht und seinen Medien die Grundfesten des Islam zu erschüttern.

Dass Corona zweifellos Zweifel gesät hat, damit hat der Ayatollah vollkommen recht. Auch seine Sorge, die Fundamente des Glaubens begännen hier und da zu wanken, ist begründet und nachvollziehbar.

Der Ayatollah lügt

Doch über das Warum, das Wer und Wie in diesem Erschütterungsprozess, sagt der Ayatollah offenkundig nicht die Wahrheit. Warum und wie sich der Zweifel an der Allmächtigkeit Gottes in diesen Corona-Tagen verbreitete, und vor allem, wer am wirkungsvollsten daran beteiligt war: Darüber gibt es eine andere, eine wahre Erzählung.

Zu Beginn der Corona-Krise in der Islamischen Republik gab es offiziell Lüge und Leugnen, dann folgte das staatlich organisierte Kleinreden, und schliesslich, als das Vertuschen nicht mehr möglich war, offenbarte sich die Unfähigkeit der Mächtigen, die Krise zu managen. So weit, so kurz die Geschichte über das Warum und Wie des Vertrauensverlustes.

Der einflussreiche Dissident 

Und nun zu der sehr interessanten Geschichte, wer an der Entstehung dieses Zweifels massgeblich beteiligt war. Es war keineswegs das „Ungeheuer“ aus dem Westen, das die Corona-Krise ausnutzte, um den Glauben an die Allmächtigkeit Gottes zu erschüttern, wie der Ayatollah es behauptet. Ganz im Gegenteil.

Den ersten und aufsehenerregendsten Anstoss zu diesem Zweifel gab der weltbekannte schiitische Denker und Philosoph Abdolkarim Soroush. Der 75-Jährige ist im gegenwärtigen Schiismus ein Gelehrter, an dem niemand vorbeikommt, der sich mit dieser Religion befasst. Manche nennen Soroush den Martin Luther des Islam, für das Time Magazin gehört er zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Bis zum Beginn seines erzwungenen Exils vor mehr als zwanzig Jahren war er DER Philosoph der Islamischen Republik.

Republikgründer Ayatollah Ruhollah Khomeini lobte Soroushs Bücher und berief ihn zum Mitglied des „Stabs für die Kulturrevolution“. Solange er im Iran war, hielt Soroush seine Vorlesungen nicht nur an den normalen Universitäten, sondern auch in den Lehrseminaren für die Geistlichkeit. Studenten der Orientalistik und Islamwissenschaft schreiben über ihn und seine Ansichten Abschlussarbeiten. Und im Zeitalter des Internets wird alles, was er im Exil sagt, von den herrschenden Geistlichen im Iran genau registriert und kommentiert.

Nachdenken über das Böse

Wenige Stunden bevor Ayatollah Aarafi seinen Hilferuf an den sunnitischen Mufti in Kairo schickte, hatte Soroush der persischen Webseite Zeitoon ein spektakuläres Interview gegeben, das seitdem in vielen religiösen und nichtreligiösen Zirkeln für Furore sorgt. Allein der Titel des Interviews ist sensationell: „Nicht für alles ist Gott brauchbar“. 

Ein provokanter Satz in einer Zeit, in der die Geistlichkeit permanent zum Gebet gegen Corona aufruft und sich vehement gegen Schliessungen der heiligen Stätten stellt.

Soroush stellt in dem aufsehenerregenden Interview nicht nur die Allmächtigkeit Gottes in Frage, er geht noch weiter. Sehr weit. Nicht nur die Schiiten, alle Muslime und vor allem ihre Theologen müssten ihre Vorstellung vom Bösen revidieren, sagt Soroush. Im Gegensatz zu Christentum und Judentum beschäftigen sich islamische Theologen kaum mit dem Komplex Gott/das Böse. Für Muslime ist das Böse dem Teufel vorbehalten, Gott dagegen war, ist und bleibt immer barmherzig.

Im Christentum ist Jesus Gott und Mensch zugleich und wird schliesslich von Menschen grausam getötet. Er leidet für seine Mitmenschen, die ihm Böses angetan haben. Das Böse und das Göttliche scheinen im Christentum konstitutiv zu sein.

Christliche Theologen können deshalb den Disput über das Böse nicht ignorieren. Die Gottesvorstellung des Judentums steht zwar der des Islam sehr nahe, doch hat das Menschheitsverbrechen, der Holocaust, dazu geführt, dass sich auch die jüdischen Theologen der Frage des Bösen annehmen mussten.

Doch der traditionelle Islam beharrt in der Dualität, der scharfen Trennung von Gott und dem Bösen. Diese Sicht birgt Zweifel in sich, vor allem, wenn in Krisen- und Katastrophenzeiten die Verwalter der Religion auch die weltliche Macht innehaben.

Abdolkarim Soroush: Alle Muslime müssen ihre Vorstellung vom Bösen revidieren. (Foto: Iranjournal)
Abdolkarim Soroush: Alle Muslime müssen ihre Vorstellung vom Bösen revidieren. (Foto: Iranjournal)

Ketzerische Fragen

Warum lässt Gott dann so viel Unheil wie Corona und andere erbarmungslosen Katastrophen zu? Wie brutal muss ein solcher Gott sein, der die Welt mit so viel Leid und Schmerz überzieht, nur um die sündigen Menschen zu prüfen? Das Soroush-Interview ist bahnbrechend, es hat eine grundsätzliche Diskussion unter schiitischen Gelehrten ausgelöst.

Und je mehr sich die Geistlichkeit um eine theologische Erklärung der Corona-Krise bemüht, um so mehr häufen sich dieser Tage ketzerische Fragen auf persischen Webseiten.

Viele Gedanken und Geistesblitze sind ernsthaft, andere ironisch und satirisch. Zwei Beispiele: „Ich frage den Arzt, warum Corona vor allem über 60-Jährige anfällt. Das sei der Lohn für ihre islamische Revolution, antwortete der Doktor.“  Oder: „Ich werde bei der nächsten Wahl Corona wählen, denn das Virus hat für weniger Autoverkehr und saubere Luft gesorgt, die Kinder geschont, Gefangene befreit, die Unfähigkeit mancher Herren offenbart, das Erdöl verbilligt, Hotel- und Flugpreise gesenkt, den Eltern gezeigt, wie wertvoll Lehrer sind, und bewiesen, dass die heilige Stadt Qom gar nicht heilig ist.“

Mit freundlicher Genehmigung von Iranjournal

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