Historischer Blick auf das Rätsel Belgien

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Historischer Blick auf das Rätsel Belgien

Von Joerg Thalmann, Brüssel - 08.08.2013

Der Thronwechsel von Albert zu Philipp hat mich zu mehreren Artikeln animiert, in denen ich das rätselhafte Land Belgien etwas näher ergründen wollte. Der Leser Paul Lüthy hat mich daraufhin gefragt, ob sich denn Flamen und Wallonen in den beiden Weltkriegen nicht nähergekommen seien.

Lieber Herr Lüthy, Nein, sind sie nicht! Die Weltkriege haben die zwei Arten Belgier noch weiter auseinandergetrieben. Es lief aber jedesmal ganz anders.

Schützengräben entzünden den flämischen Nationalismus

Nach dem Überfall der Deutschen am 4.August 1914 gelang es König Albert und seiner Armee, ab Oktober bis Kriegsende noch einen kleinen Küstenstreifen an der Ijzer und um Ypern zu halten, im äussersten Nordwesten Flanderns. Vier Jahre lang stabilisierte sich die Front von dort bis an die Schweizer Grenze. Auf dieser 700 Kilometer langen Strecke konnten die Gegner mit sinnlosen Infanterievorstössen und Millionen von Hingemetzelten ein paar hundert Meter gewinnen oder verlieren. Auch in Flandern, wo auf den Feldern vor Ypern zum erstenmal in der Geschichte Giftgas gebraucht wurde. Das Senfgas, das der Westwind zu den Deutschen zurückwehte. Seither ist es in Europa nie mehr gebraucht und „Yperit“ genannt worden. Saddam Hussein brauchte es im Irak gegen ein rebellisches Dorf.

„In den Schützengräben des ersten Weltkriegs wurde die flämische Bewegung geboren“, das ist noch heute die gängige Redewendung der Historiker. Viele Soldaten waren Flamen. Vier Jahre In den Schützengräben ineinandergepfercht, schwitzend und frierend und unter permanentem Artilleriebeschuss entstand zwischen zehntausenden einfacher Männer eine Kameradschaft, die zu einem „Flanderngefühl“ wurde. Dem Gefühl, einem eigenen Volk anzugehören, das in Belgien noch schäbig behandelt wurde. Im ersten Weltkrieg drang dieses Gefühl über dessen intellektuelle Pioniere, die Schulmeister und Schriftsteller hinaus in die Breite, ins ganze Volk der Flamen.

Die Befehlssprache der Offiziere war französisch. Es entstand die Legende, flämische Soldaten seien in den Tod gerannt, weil sie die französischen Befehle nicht verstanden. Bewiesen wurde das nie, aber die Legende half nach dem Krieg mit, den flämischen Partriotismus zu entfachen. Ein Zitat aus jener Zeit definiert heute noch den Ausbruch des belgischen „Sprachenstreits“: „Sire, il n’y a pas des Belges!“. Das sagte ein Sozialist König Albert ins Gesicht. Albert begriff, er begleitete das Aufwachen der Flamen mit Verständnis und mässigender Sympathie.

Der Zeitgeist des Faschismus. Auch in der Schweiz!

Ganz am Anfang war das stärkste Motiv der Pazifismus: Nie wieder Krieg! Doch bald kam das Verhängnis. Flandern geriet in den Griff einer Kaste von Fanatikern, die dem Zeitgeist anhingen, es sei eine „starke Hand“ nötig. Adolf Hitler ist seine schlimmste Frucht, aber nicht die einzige. Die Ideologie der „starken Hand“ gewann in ganz Europa viele Anhänger.

Auch in der Schweiz! Wir hatten die „Fronten“, die „Fröntler“! 1933-36 schwankten ihre Stimmenzahlen in Stadtkantonen um 10 Prozent, in Schaffhausen gewannen sie 1933 26,7 Prozent in den Ständeratswahlen. Der Begriff „Front“, aggressiv auf ein Feindbild fixiert, seien es Flamen, Wallonen, Pazifisten, Liberale, Kommunisten, Gemässigte aller Art, stammt aus dem ersten Weltkrieg. Man findet ihn gelegentlich noch heute, zum Beispiel bei der Brüsseler Anti-Flamen-Partei „Front des Francophones“.

De toren van de Ijzer

Der faschistische Zeitgeist drückte sich aus in der Bildung straffer Organisationen unter einem charismatischen Führer, welche in uniformierten Taktschritt-Kolonnen zwischen tausenden von Anhängern durchmarschierten. Auf ihren überlebensgrossen Fahnen standen altgermanische Runen, von denen das Hakenkreuz nur die bekannteste ist. Die Flamen stellten auf ihren Flaggen die Buchstaben AVV-VVK zu einem Kreuz zusammen: „Alles Voor Vlaanderen, Vlaanderen Voor Krist“. Jährlich wurde für die im Weltkrieg gefallenen Flamen eine Gedenkfahrt abgehalten, welche sich gemäss Wikipedia „Das Inventar des Weltkulturerbes“ in den Dreissigerjahren zu antibelgisch-faschistischen Massenmanifestationen auswuchsen.

Das „Ijzerbittfahrt-Komitee“ baute 1929 einen 52 Meter hohen Gedenkturm für Kriegsgedenken, Flamentum und Katholizismus, „de toren van de Ijzer“ (der Ijzer entlang lief 1914-18 die belgische Front). Darunter eine Krypta mit den Gebeinen von einem flämischen Gefallenen aus jeder Provinz. Um diese Gedenkstätte herum versammelten sich jedes Jahr Tausende von flämischen Patrioten, sangen den „flämischen Löwen“ und hörten flammende Reden an. 1946 wurde der Turm von heute noch Unbekannten gesprengt, 1965 wiederaufgebaut, 82 Meter hoch.1998 ist er in die Uno-Liste der „internationalen Friedenszentren“ aufgenommen worden.

Die gespaltenen Flamen

Die „Ijzer-Bedefahrt“ wird noch heute jedes Jahr abgehalten, aber die Teilnehmer sind auf eine kleine Schar zusammengeschmolzen, und die Organisatoren haben sich in zwei rivalisierende Verbände gespalten: einen immer noch ideologisches Flamentum predigenden und einen reformistischen, der die Autonomie der Flamen im politischen Spiel Belgiens weiterverfolgt. Diese Spaltung ist ein Zeichen für die vierte Phase des flämischen Nationalismus: Die Pioniere von 1880 – die Schützengräben 1914-18 – die Faschistoiden 1920-1945 – die erfolgreiche, den belgischen Staat demokratisch regionalisierende Politik seit 1945.

Für die Hoffnung auf eine fünfte Phase, in der die Flamen erkennen würden, dass der Staat Belgien überlebensfähig gehalten werden müsste, gibt es gegensätzliche Anzeichen: Die nationalistischen Flamenparteien, wenn auch gespalten zwischen dem maximalistischen „Vlaams Belang“ („Das flämische Interesse“, umgetauft nach dem Verbot seines Namens „Vlaams Blok“) und der auf Zeit spielenden „Nieuwe Vlaamse Alliantie“ unter dem charismatischen Bart de Wever, nähern sich in Flandern der absoluten Mehrheit – aber in den Meinungsumfragen sind 70 bis 80 Prozent der Flamen gegen die Spaltung Belgiens. Einer der Widersprüche, mit denen die Belgier jahrzehntelang leben können.

Die Rexisten

Der Faschismus grassierte auch In Wallonien! In den Dreissigerjahren, in Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit, gab es einige Jahre die faschistoiden „Rexisten“, genannt nach ihrem Führer „Rex“. Sie errangen 1936 einen grossen Wahlsieg und wurden kurz vor dem Weltkrieg wieder zurückgebunden. Sie schickten - wie in der Schweiz - noch einige Hundertschaften Freiwillige an die Ostfront, um mit den Deutschen gegen die Russen zu kämpfen.

Der erste Weltkrieg hat Flamen und Wallonen weder zusammengeschweisst noch auseinandergetrieben. In seinen Schützengräben entstand aber der Nationalismus, der die Flamen erfasste, ab 1930 in Faschismus ausartete, ab 1945 viele Erfolge demokratisch erstritt und heute ohne klare Strategie die Einheit Belgiens annagt.

1940-45: Die Flamen kollaborieren

Der Zweite Weltkrieg trieb die Flamen und Wallonen noch weiter auseinander. Die Deutschen eroberten 1940 ganz Belgien und die nördliche Hälfte Frankreichs. Antisemitismus war in Flandern schwach, aber der germanisch-nationalistische Aspekt der Hitlerei zog sie an. Noch immer wurden sie von der frankophonen Führungselite regiert und rochen nun die Gelegenheit zur Revanche, tappten, nichts von Hitlers Debakel ahnend, in die historische Falle.

Ihre Mehrheit nahm die deutsche Besetzung hin – passiv, wohlwollend oder kollaborierend. Einzelne halfen der SS Juden aufspüren und nach Auschwitz zu deportieren. Die radikalsten propagierten in der Hoffnung, der frankophonen Domination definitiv zu entrinnen, die Eingliederung Flanderns in ein pangermanisches Deutschland. Vor dieser Spaltung wurde Belgien durch einige Intellektuelle bewahrt, denen die Deutschen eine Studie über die Bevölkerung Belgiens anvertrauten: Sie zeigten ihnen im Telefonbuch, dass es in Wallonien ebensoviele flämische Familiennamen gebe wie in Flandern französisch klingende. Vielleicht war es das, was Hitler abhielt, Flandern zu annektieren.

Die Ressentiments überschwappen

Die Ressentiments, welche die Deutschfreundlichkeit im anderen Landesteil weckte, mussten von den Wallonen vier Jahre lang hinuntergeschluckt werden. Nach der Befreiung liessen sie sie überschwappen, und sie und alle „Belgizisten“ – Verteidiger der Einheit Belgiens - bestraften die Flamen in jahrzehntelanger Sturheit. Ein von ihnen durchgepeitschtes Gesetz verbot allen Flamen, die ihre Germanophilie gezeigt hatten, das Ausüben von Führungsämtern auf Lebenszeit, jeder Name war bekannt

Gleich nach dem Krieg war das ja noch verständlich, aber die Belgizisten setzten noch jahrzehntelang jedem Versuch der Flamen, diese Entmündigung belgischer Bürger wegen ein paar prodeutscher Äusserungen zu annullieren, ein stures Nein entgegen. Die Absicht, ein Schuldgefühl der Flamen gegen den belgischen Staat zu unterhalten, war offensichtlich. Die Flamen kämpften dagegen mit dem penetranten Ruf „Amnestie!!!“ Dass ihm die Belgizisten die Ohren verschlossen, hat viel dazu beigetragen, die Flamen gegen den belgischen Staat aufzuhetzen.

Ewiger Streit... ohne einen Toten

Die beiden Weltkriege haben Flamen und Wallonen einander nicht nähergebracht. In den Schützengräben des ersten entdeckten die Flamen ihre Besonderheit und ihren Durst nach sprachlicher und politischer Gleichberechtigung, für die sie noch siebzig Jahre kämpfen mussten. Im zweiten Weltkrieg riss ihre Germanophilie tiefe Wunden auf, und im Frieden taten weder Wallonen noch Flamen etwas, um sich näherzukommen. Bis heute nicht. Ohne dass sie das hindert, in ihrem Provisorium weiterhin zusammenzuleben. Sie sind unfähig, über einen gemeinsamen Staat zu diskutieren, und unfähig, ihn zu spalten.

Aber ihr Streit hat seit 180 Jahren nie einen Toten gefordert. Andere föderalistische Musterstaaten wie die USA und die Schweiz können das nicht von sich sagen. ¨

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